Wer fragt, gewinnt!

Liebe Gemeinde,
Murren, was für ein schönes lautmalerisches Wort mit rollendem r. Ein leises knurren, brummen, grummeln, murmeln, vorgetragen mit mürrischem Gesicht.
In Deutschland – so wird es uns nachgesagt – gehört Murren zum gesellschaftlichen Grundton. Obwohl wir gerade relativ zufrieden sind.
Aber wir finden immer etwas: Der Sommer ist zu feucht. Die Preise an der Tankstelle zu Ferienbeginn wieder zu hoch. Die Wirtschaft könnte nach Ifo-Einschätzung noch besser laufen.
Mürrisch rechne ich immer wieder mal die Butterpreise in DM um und finde doppelt Grund zum Murren.
Oft verbindet sich mit dem brummenden Jammerton auch eine Sehnsucht rückwärts.
Mmm früher war alles besser. Vor dem Mauerfall ging es uns gut. In Ost und in West. Mit dem Strauß wäre uns das nicht passiert und Ludwig Erhard konnte noch wirtschaften.
Die Wüstenzeit im Portmonee und im Leben führt zu einer Rückwärtsverherr-lichung vergangener Lebensstrategien.
Im Predigttext steigert sich diese Rückwärtsverherrlichung zu einer wahren Todessehnsucht.
»Hätte der HERR uns doch getötet, als wir noch in Ägypten waren! Dort saßen wir vor vollen Fleischtöpfen und konnten uns an Brot satt essen. Aber ihr habt uns herausgeführt und in diese Wüste gebracht, damit die ganze Gemeinde verhungert!«
Das Volk Israel sehnt sich in der Wüste des Sinai nach den Peitschenschlägen der Ägypter. Wie die Fliegen starben sie als Sklaven, doch jetzt in der Wüste hungernd und dürstend sehnen sie sich zurück nach der guten alten Zeit. Vergessen die Verheißung des gelobten Landes, wo Milch und Honig fließen. Vergessen der Geist des Aufbruchs und der Befreiung am Schilfmeer, wo Gott endgültig das Volk von der ägyptischen Unterdrückung befreite.
Murrend übertreibt das Volk die eigene Situation, denn Gott hat sein Volk nicht befreit, um es in der Wüste verhungern zu lassen. Er sorgt für sein Volk und er hat beim Auszug aus Ägypten auch schon mehrfach unter Beweis gestellt.
Trotzdem empfindet sein Volk die eigene Situation in der Wüste schlimmer als den Frondienst und wünscht sich den Tod.
Der Philosoph Peter Sloterdijk (Sloterdeik) beschreibt dieses Phänomen der Rückwärtsorientierung als „Todesappetit“. „Die menschliche Seele hat die Tendenz sich den Mühen eines langen Marsches in die Zukunft nicht unterziehen zu wollen und träumt stattdessen von den Todesbequemlichkeiten Ägyptens.“
Ein urmenschliches Phänomen, das uns lieber in Unfreiheit verharren lässt als den Aufbruch zu wagen und Widerstände in Kauf zu nehmen.
Unser Predigttext befasst sich in faszinierender Weise mit diesem Phänomen und gibt wichtige Impulse für ein Überleben in inneren und äußeren Wüstenzeiten, für ein Leben im Übergang aus der Knechtschaft in die Freiheit, für Zeiten in den wir die Verhältnismäßigkeit unserer Perspektiven verlieren und die Rückkehr in eine Todesbequemlichkeit als letzten Ausweg sehen.
Ich lade sie ein in vier Gedanken dem Lebensangebot dieser biblischen Wüstenerzählung nachzugehen:

1. Keine Befreiung ohne Wüstenzeit
Das Volk Israel steht zwischen den Fleischtöpfen Ägyptens und dem gelobten Land, wo Milch und Honig fließen. Sie stehen auf halbem Weg zwischen der Gewohnheit eines geknechteten Lebens und der Verheißung einer befreiten Existenz. Der Weg durch die Wüste wird zum täglichen Überlebenskampf.
Wir kennen diesen Kampf nur zu gut. Alte Gewohnheiten aufzugeben führen zwangsläufig auch auf eine Durststrecke. Befreiungen aus Versklavungen aller Art sind auch anstrengend und ermüdend. Alles was neu ist, macht uns erst einmal Angst. Und die Verführung der guten alten Zeit und deren Bequemlichkeiten sind groß.
Wer sich aufmacht zu einer neuen und befreienden Lebenserfahrung muss immer auch durch eine Wüstenzeit der Neuorientierung.
Peter Sloterdijk regt an gegen diese Todesbequemlichkeiten anzukämpfen und diese Wüstenzeit im Niemandsland zwischen Aufbruch und Ankunft in einem neuen Lebensgefühl als ichbildend zu begreifen. Der Mensch wächst besonders in Wüstenzeiten.
Ich denke jeder für uns kennt dafür Beispiele aus dem Alltag:
Es gibt keine Befreiung für eine verletzte Seele ohne die schmerzhafte Begegnung mit den beherrschenden und versklavenden Bildern der Vergangenheit. Therapien haben immer auch den Moment des Wüste.
Verdrängung ist manchmal notwendig, aber auf Dauer kettet sie uns an den Fleischtopf eines faulen Seelenfriedens.
Jeder Übergang in eine andere Lebensphase führt durch größere und kleinere Krisen. Von der Zweierbeziehung in die Familiephase. Von der Familienphase in ein neu definiertes Miteinander in der Paarbeziehung.
Von der Schule in das Berufsleben. Vom Berufsleben in den Ruhestand.
Vom Gewohnten ins Unbewohnte, Ungewohnte. Wüstenzeit ist das Stadium im Übergang und manchmal geht der Blick für alles Lebenswerte darin völlig verloren.
Mehr als mürrisch macht gerade die Situation des Friedens in dieser Welt.
Wir sehnen uns schier zurück in die politiklose Zeit der Fußballweltmeister-schaft.
Kein gelobtes Land in Sicht in Israel und Palästina, in der Ukraine, in Syrien, in vielen Staaten Zentralafrikas.
Ach wie gut war doch die Zeit des kalten Krieges mit seinen klaren Feindbildern. Fleischtöpfe voller eindeutiger Lebenssichten: Hier die Guten, da die Bösen. Und heute stehen wir ratlos in der Friedens-Wüste. Auf der Suche nach klaren Feindbildern rutscht die öffentliche Diskussion in alte Ideologien: „Antisemitismus“ und der „böse Russe“.
Dietrich Bonhoeffer hat für mich in seiner Rede auf der Fanö-Konferenz im August vor 70 Jahren die Friedenssuche als Wüstenzeit fern der Fleischtöpfe Ägyptens trefflich beschrieben. Er sagt dort:
„Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dieses alles aus dem einen Grunde nicht, weil hier über Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und lässt sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Misstrauen haben, und dieses Misstrauen gebiert wiederum Krieg. Sicherheiten suchen heißt sich selber schützen wollen. Friede heißt sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes, keine Sicherung wollen, sondern in Glaube und Gehorsam dem allmächtigen Gott die Geschichte der Völker in die Hand legen und nicht selbstsüchtig über sie verfügen wollen. Kämpfe werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott. Sie werden auch dort noch gewonnen, wo der Weg ans Kreuz führt.“
Den Frieden wagen. Alles Streben nach Sicherung und alten Fleischtopfzuständen über Bord werfen. Bereit sein für den Frieden die Wüste zu durchwandern mit Verzicht auf militärische Sicherung und Überlegenheit. Deutlich machen um was es eigentlich geht. Dass Mütter ihre Kinder verlieren, dass Kinder ohne ihre Väter aufwachsen. Dass der Tod und das Leid der Menschen in den Kriegsgebieten unser Menschheits-Tod und Leid ist. Eindrucksvoll geschehen in den letzten Wochen in den Niederlanden.
Trauer und die Wiederherstellung der Menschenwürde der Toten stand im Mittelpunkt nicht Rache.
Keine Befreiung ohne das Wagnis der Wüstenzeit. Kein Friede ohne die Erfahrung fern aller Sicherheiten im Niemandsland der Ideologien zu stehen.
Nur Mensch zu sein mit seinen Grundbedürfnissen und allein auf Gott vertrauen zu müssen. Murren ist dabei erlaubt.

2. Die Wüste lebt
Die Wüstenzeit als ichbildende Institution auf dem Weg zur Freiheit ist nicht nur steinig und schwer.
Das Volk Israel entdeckt inmitten der Wüste neue Lebenswerte.
Wie ein Wunder erscheinen ihnen diese neuen Erkenntnisse. Die Wüste lebt. Wüstenzeit ist keine Todeszeit.
Die Naturphänomene der Wüste auf der Halbinsel Sinai können den Hunger und Durst des großen Volkes auf seinem Weg in die Freiheit stillen.
Sowohl das Manna als auch die Wachteln in der Wüste sind ganz natürliche Erscheinungen auf der Halbinsel Sinai.
Das honigsüße Sekret der Tamariske, das durch Schildläuse hervorgerufen wird, fällt in der Nachtkühle der Wüste zu Boden und muss noch vor Beginn der Tageshitze aufgesammelt werden, damit es nicht schmilzt.
Wachteln treten auf ihren Zügen im Frühjahr und Herbst an der Mittelmeerküste noch heute in Scharen auf und sind am Abend auch leicht zu fangen. Das Wunder sind nicht Mann und Wachteln, sondern die Wahrnehmung der Wüste als ein Ort des Lebens und der Bewahrung fern aller Gewohnheiten.
Wüstenerfahrungen können eine Schule für veränderte Perspektiven sein. Nicht nur Murren und Schimpfen und sich nach alten Zeiten zurücksehnen, sondern innehalten und wahrnehmen, was der Wüstenmoment den auch an Lebenswertem bietet.
Das Volk Israel nimmt in doppelter Weise wahr. Sie werden gewahr, dass Gott ihr Murren durchaus hört und sie auch im schmerzlichen Übergang von Aufbruch und Neuanfang nicht allein lässt.
„Ich habe das Murren der Israeliten gehört und lasse ihnen sagen: ‚Gegen Abend werdet ihr Fleisch zu essen bekommen und am Morgen so viel Brot, dass ihr satt werdet. Daran sollt ihr erkennen, dass ich der HERR, euer Gott, bin.“
Gott ist auch in der Wüste. Das ist eine wichtige Erkenntnis in diesen Zeiten. Gott ist auch und besonders da in unseren Leidenszeiten. In Zeiten der Krise und des Umbruchs. Besonders in diesen Zeiten will er unseren Blick schärfen und unsere Perspektive verändern.
Und die Israeliten nehmen das Lebensbrot in der Wüste wahr: „Dies ist das Brot, mit dem der HERR euch am Leben erhalten wird,“ sagt Mose zu ihnen.
„Vergesst die Fleischtöpfe Ägyptens, Milch und Honig fließen noch nicht, noch ist das Ziel nicht erreicht, doch Gott sorgt für euch. Schaut her, hier sind Brot und Fleisch. Nehmt euch soviel ihr braucht.“
Es gibt heute das Credo von der Krise als Chance. Ich selbst benutze es nur ungern.
Es hat bisweilen etwas zynisches Menschen ihr Leid als Chance zu deuten. Diese Deutung erlaubt sich nur im Rückblick und sollte jedem selbst als Urteil über eine Krise überlassen bleiben. Doch im Kern meint dieser Satz, dass die Wüstenzeit unsere Sehgewohnheiten verändert. Wir nehmen anders wahr, Dinge, die uns früher nebensächlich vorkamen werden nun wichtig.
Freiwillige Erfahrungen in selbst gewählten Wüstenmomenten wie etwas geistlichen Exerzitien lassen uns sensibel werden für die Kraft der Stille, öffnen uns die Augen dafür, wie wenig wir im Leben eigentlich brauchen, um ein erfülltes Leben zu haben.
Die Wüste lebt und ist voller Angebote einer veränderten Sicht. In wunderbarer Weise können wir erkennen, was uns im Leben trägt. Ein Gott, der das Murren hört und uns das Brot des Lebens schenkt. Befreiung satt. Sogar mit Wachtelfleisch am Abend.
Chance als Krise ist mir sympathischer und näher an der Befreiungsgeschichte unseres Predigttextes.

3. Wer fragt gewinnt.
Es ist ein schönes Wortspiel. Die Frage der Israeliten an Gott, was das denn sei, was das wie Reif in feinen Körnern auf dem Boden liegt, heißt im Hebräischen „man hu“. Das Wort Manna nimmt diese Frage auf. Manna ist die zu Brot gewordene Frage des murrenden Volkes. Manna ist die Antwort auf „Was ist das?“
Es geht nicht darum, dass wir Krisen verstehen, dass wir die Lösungen für Wüstenzeiten erkennen, sondern dass wir uns fragend darauf einlassen.
Der Weg zum Innewerden einer Wüste die lebt, führt über eine suchende und fragende Haltung:
„Was ist das, Gott, was mir da gerade begegnet. Es ist ungewohnt. Es macht mir Angst. Es sind nicht die Fleischtöpfe Ägyptens. Es ist auch nicht meine Vorstellung von dem gelobten Land, wo Milch und Honig fließt.
Was ist das, Gott, was du mir gerade mitten in der Wüste zu bieten hast.“
„Man hu.“ Es ist wichtig in Wüstenzeiten zu murren, aber auch zu fragen.
Und der Suchende und Fragende in der neuen Situation der Wüste, braucht Menschen wie Mose, die ihn dort nicht murrend alleine lassen und die neuen Erfahrungen als Gotteserfahrung deuten können.
Ja, das ist nicht das gelobte Land. Wir sind dahin nur unterwegs. Doch siehe »Dies ist das Brot, mit dem der HERR euch am Leben erhalten wird.“
Gott ist mit euch in der Wüste. Gott schenkt Manna denen, die „man hu“ fragen.
Im Umgang mit dem „man hu“ der Wüstenneulinge sind gerade Menschen gefragt, die die Wüstenzeiten kennen. Menschen, die ihre eigenen Erfahrungen mit dem Leiden, aber auch mit dem Brot des Lebens gemacht haben.
Kirche, unsere Gemeinde ist ein Ort, wo sich Wüstenerfahrene und Wüstenneulinge begegnen und das Man hu und das Manna füreinander deuten.
Was ist das? So lautet übrigens auch die Einleitung Lehrstücke zu den Hauptfragen unseres Glaubens in Luthers kleinem Katechismus. Sie finden diese im Gesangbuch. Was ist das? Das ist Manna. Das Brot, mit der Herr euch am Leben erhalten will. Worte, kleine Gesten, große Taten im Geiste der Liebe Gottes, das ist Manna für diese Welt.

4. Die Wüste lehrt Maßhalten
Und Gott befiehlt euch: „Sammelt von dem Manna, soviel ihr braucht, pro Person einen Krug voll. Jeder soll soviel sammeln, dass es für seine Familie ausreicht.“
Die Leute gingen und sammelten, die einen mehr, die andern weniger.
Als sie es aber abmaßen, hatten die, die viel gesammelt hatten, nicht zuviel, und die, die wenig gesammelt hatten, nicht zuwenig. Jeder hatte gerade so viel gesammelt, wie er brauchte.
Das Brot des Lebens kann man nicht sammeln oder aufheben. Es zerfließt in der Hitze des Tages. Fängt an zu stinken.
Das Innewerden des Lebensbrotes, dem Geschenk Gottes, ist eine Erfahrung des Augenblicks. Tag für Tag eine neue Ration. Unser tägliches Brot gib uns heute, beten wir im Vaterunser. Gib uns das, was wir heute brauchen.
Auch das ist eine Befreiungserfahrung zwischen der Knechtschaft Ägyptens und dem verheißenen Ziel. Gott gibt uns auf dem Weg, was wir brauchen. Tag für Tag. Schritt für Schritt.
Fleischtöpfe, große angesammelte Besitztümer machen uns schwerfällig, stärken die Todesbequemlichkeit, können uns knechten.
Die Befreiung durch Gott heißt loslassen und Vertrauen lernen. Aus dem Augenblick leben, täglich der neuen Wunder Gottes innewerden. Das Gottesvolk ist auf dem Weg und noch nicht am Ziel. Schritt für Schritt, Krug für Krug, Maß für Maß kommen wir dem Ziel näher.
Der Weg der Freiheit heißt täglich neu zu vertrauen, dass Gott uns das gibt, was wir für den Moment brauchen.
Liebe Gemeinde,
wir sind alle auf dem Weg zwischen dem Aufbruch aus der Knechtschaft und dem verheißenen Ziel, ein Leben in Gottes Freiheit.
Auf diesem Weg liegen auch immer wieder Wüstenetappen. Unser heutiger Predigttext lehrt, dass diese nicht nur Durststrecken sind, sondern dass eine Schule unserer Wahrnehmung sind: Befreiung ist kein Spaziergang, die Wüste lebt, fragen und deuten ist ein wesentlicher Teil unserer Gotteserfahrung und Maßhalten hilft zu Vertrauen.
Murren ist erlaubt, denn auch in Wüstenzeiten hält Gott für uns das Brot des Lebens bereit, speist uns am Morgen und Abend. Befreiung satt, nicht light.
Amen.

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