Ab in den Urlaub …

Endlich sind die Koffer alle im Auto verstaut, die Kinder sitzen angeschnallt auf ihren Sitzen. Langsam entspannen sich auch die Eltern. Endlich kanns losgehen Richtung Urlaub.

Aber die Fahrt ist lang und schon nach wenigen Kilometern geht es los:

„Wann sind wir endlich da?“ „Mama, ich hab Hunger.“ „Ich mag aber kein Wurstbrot – ich will zu McDonalds.“ „Käse mag ich auch nicht, das stinkt immer so.“ „Wie lang dauerts noch?“ „Ich kann nicht mehr sitzen…“ „Mir ist langweilig.“ „Ich hab Durst, bäh, Wasser – warum haben wir kein Cola. Bei Max gibt’s immer Cola, wenn die in Urlaub fahren.“ „Überhaupt, warum müssen wir immer so weit in Urlaub fahren?“

Liebe Gemeinde, wenn Sie schon mal mit Kindern in den Urlaub gefahren sind, dann können Sie diese Liste mit Quengeleien wahrscheinlich beliebig erweitern.

Wie quengelige Kinder auf dem Weg in den Urlaub hat sich auch das Volk Israel benommen. „Wir haben Hunger.“ „Wir wollen nicht immer nur trockenes Brot essen, wir wollen Fleisch.“ „Unser Fleisch ist schon so lange eingepöckelt, das schmeckt nur noch nach Salz.“ „Das Wasser ist schon ganz abgestanden.“ „Überhaupt, wir wollten gar nicht hierher.“ „Wären wir doch in Ägypten geblieben.“

Aber wer etwas anderes sehen möchte, wer sich verändern möchte, wer Tapetenwechsel braucht, der muss sich auf den Weg machen und das heißt meistens auch – Strapazen auf sich nehmen.

Mein Vetter hat neulich erzählt, sie würden im September eine Woche nach Hindelang gehen. Sie, das sind er und seine Frau und die beiden Kinder mit 7 und 4 Jahren. Aber, naja, eigentlich will gar niemand von ihnen dorthin. Eigentlich wollten sie lieber ans Meer. Aber so weit fahren wollen sie auch wieder nicht. Also: Hindelang. Für Eltern, die nicht gern wandern und Kinder überhaupt vielleicht etwas langweilig. Aber ohne großen Stress zu erreichen. Da muss man sich entscheiden.

Das Volk Israel hat sich entschieden. Die Situation damals in Ägypten war aber auch nicht mehr auszuhalten: die harte Arbeit und die feindlichen Lebensbedingungen. Da schienen die Strapazen einer weiten Wanderung das kleinere Übel – und das waren sie wahrscheinlich auch. Aber mittlerweile waren die Erinnerungen an die Zeit der Sklaverei schon längst in den Hintergrund gerückt. Jetzt war hier die Wüste, hinter ihnen eine lange Wegstrecke und vor ihnen eine noch längere.

Aber es gibt jetzt auch kein Zurück mehr. Und umso erschöpfter die Menschen waren, umso lauter wurde das Geschimpfe und Gejammer. Mose und Aaron sind schuld, dass wir jetzt hier sind und womöglich bald verhungern und verdursten müssen. Und überhaupt: wo ist eigentlich Gott?

Die Schwiegereltern meines Vetters haben erzählt, wie sie früher immer nach Jugoslawien gefahren sind. In einem ganz normalen Auto ohne Klimaanlage, gerade mal ein Radio hatten sie. Die Kinder hinten waren eingepfercht zwischen Gepäck und Kühltasche und mit jedem Kilometer wurde es heißer. Im Nachhinein haben sie darüber auch ein bisschen geschmunzelt und gemeint: das ging auch irgendwie. Aber es war ihnen auch abzuspüren, dass das alles andere als angenehm war.

Gott wollte und konnte dem Volk Israel die Strapazen der Wüstenwanderung nicht ersparen. Er wollte seinem Volk Freiheit ermöglichen, wollte ihnen das Land Kanaan als gelobtes Land geben. Krieg?? Und das war nicht möglich ohne diesen weiten Fußmarsch. Langezeit war auch alles ruhig verlaufen. Die Vorstellung, der große Traum vom Ziel hatte die Israeliten immer wieder motiviert. Aber in der Zwischenzeit waren viele am Ende ihrer Kräfte – da war von der ursprünglichen Motivation nicht mehr viel übrig.

Meine Eltern hatten meiner Schwester und mir einmal jedem eine große Babypuppe versprochen, wenn wir es schaffen würden, die ganze Fahrt bis nach Cuxhaven und zurück nicht zu streiten. Ich kann ihnen sagen, das war ganz schön schwer, aber wir haben beide tapfer durchgehalten.

Während meine Eltern schon vorher ganz geschickt versucht haben, überhaupt erst gar kein Gemurre unter uns aufkommen zu lassen, reagiert Gott erst, als die Israeliten sich schon bitter beschweren. Aber Gott reagiert. Und zwar ohne Bedingung. Er hätte ja auch sagen können: wenn ihr die restliche Wanderung nicht mehr meckert, dann bekommt ihr. Aber nein. Er hört die Beschwerde, sieht die Mühe und reagiert sofort: die Menschen sollen Fleisch und Brot essen. Sie sollen sehen, dass Gott bei ihnen ist. Sollen sehen, dass er ihre Not wahrnimmt. Und sie sollen sehen, was er – Gott – vermag. Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Brot wie Tautropfen rings um das Lager. Und die Israeliten sammelten und aßen. Und es reichte für jede und jeden. Alle konnten essen, so viel sie brauchten. Und das 40 Jahre lang.

Der Weg der Israeliten ist weit, beschwerlich und voller Entbehrungen. Und Gott kann ihnen diesen Weg nicht ersparen. Hier geht es nicht nur um eine Urlaubsreise, nicht nur um eine Woche im Jahr, die man in Hindelang oder in Spanien am Meer verbringen kann. Hier geht es um das Leben des Volkes, das Gott sich erwählt hat und das in Freiheit leben soll.

An dieser Stelle, liebe Gemeinde, möchte und kann ich nicht schweigen über die Tatsache, dass gerade diese Geschichte – der Auszug aus Ägypten und das Versprechen Gottes, das Volk Israel in eine gelobtes Land zu führen, Grund für den Krieg in Israel ist. Bis heute bekämpfen sich Israelis und Palästinenser, weil jeder für sich das gleiche Land beansprucht: die einen, weil sie schon immer dort gelebt haben und die anderen, weil ihnen dieses Land von Gott versprochen wurde. In den letzten Wochen haben sich die Konflikte wieder zugespitzt und es scheint immer aussichtsloser überhaupt noch irgendeine Lösung herbeiführen zu können. Und so kann ich über diesen Bibeltext nur predigen mit großer Sorge und Betrübnis und der tiefen Bitte, Gott möge die Menschen in Gaza schützen und helfen, Frieden zu finden.

Bibeltexte haben aber nicht nur einen aktuellen Bezug im Hinblick auf die Geschichte des Volkes Israel, sondern auch im Blick auf unser Leben. Auf welchen Wegen sind wir unterwegs durch unser Leben? Auch da geht’s oft um mehr, als um die Entscheidung, wo wir die zwei schönsten Wochen des Jahres verbringen wollen. Und wir erleben Durststrecken, kennen das Gefühl, keine Kraft mehr zu haben, nicht mehr zu wissen, was eigentlich das Ziel unseres Weges ist und fühlen uns von Gott vielleicht auch mitunter ganz verlassen. Aber: es ist Gott nicht egal, wie es uns geht. Wir dürfen laut oder auch leise murren – dürfen Gott unser Leid klagen und unsere Unzufriedenheit vor ihn bringen. Gott hört auch uns und wird helfen. Manchmal aber vielleicht anders als wir uns das vorstellen.

Für die Israeliten lässt Gott Manna und Wachteln vom Himmel kommen – für die Israeliten war das ein Wunder. Heute wissen wir, dass das so wundersam gar nicht war: In jedem Frühjahr ziehen die Wachteln über die Sinaihalbinsel nach Norden. Von dem weiten Flug sind die Vögel mitunter so erschöpft, dass man sie mit der bloßen Hand fangen kann. Und das Manna fällt in der Morgenkühle von den Manna-Tamariskten als Kügelchen auf den Boden. Das was die Israeliten als Wunder erleben war womöglich auch die ganzen Tage vorher schon da. Aber in ihrem Frust hatten sie dafür gar keinen Blick. Gott will uns also auch den Blick öffnen, das alltägliche immer wieder neu wahrzunehmen.

Ich habe übrigens mal gehört, dass Bahnreisende besonders häufig hart gekochte Eier essen. Vielleicht ist das mit den hartgekochten Eiern auch so: daheim isst man das eigentlich nie, ist ja auch nichts Besonderes. Aber auf Reisen gehören sie dazu, weil sie ja doch so lecker sind.

Was ist das alltägliche unseres Lebens? Muss es immer das Neue und Besondere sein, das uns stärkt? Wo lohnt sich ein neuer Blick auf das altbekannte?

Endlich waren sie da. 11 lange Stunden im Auto lagen hinter ihnen. In der Zwischenzeit wussten weder die drei Kinder hinten, noch die Eltern vorne mehr so richtig, wohin mit den Beinen und Armen. Alle Spiele von „Ich sehe was, was du nicht siehst“, bis zum Autokennzeichen raten waren gespielt. Alle belegten Brote waren gevespert und der Sprudel mittlerweile lack geworden. Niemand redete mehr, alle wollten nur noch ankommen. Endlich raus aus diesem Auto. Schon lange war die Landschaft ganz flach geworden und jetzt war vorne schon der Deich zu sehen und nach rechts war der Wegzeiger zum Campingplatz. Während der Vater an der Rezeption nach dem Wohnwagenschlüssel fragte, rannten die Kinder los – dem Holzweg entlang in Richtung Strand. Und dann standen sie da: vor ihnen lag das Meer, leise rauschte es, der Wind blies ihnen um die Ohren und am Horizont ging langsam die Sonne unter.

Wie verabredet atmeten alle drei tief ein – die Luft schmeckte salzig, nach Meer und nach Freiheit. Amen.

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