Muttermilch und Steine

Bevor unser Sohn geboren war, haben wir einen Säuglingspflegekurs besucht. Eine Kinderkrankenschwester hat uns alles mögliche wichtige und auch weniger wichtige erzählt. Das war gut und wir haben viel gelernt. Was ihr immer sehr am Herzen lag, war das Stillen. Sie hat immer gesagt: „Was auch immer ist, versuchen sie ihr Kind solange wie möglich zu stillen. Es gibt für ein Neugeborenes Kind nichts wichtigeres als Muttermilch.“
Und sie hat ja recht. Muttermilch ist ein ganz tolles Zeug: Da ist alles drin, was ein Säugling zum Leben braucht – alle Nährstoffe und Kalorien und Flüssigkeit und all so etwas. Und: Gerade in den ersten Lebenswochen kann ein neugeborenes Kind über die Muttermilch sozusagen den Immunstatus der Mutter übernehmen, d.h. es ist gegen Krankheiten geschützt, obwohl es selbst noch keine eigenen Abwehrkräfte ausgebildet hat.

Genauso, wie ein neugeborenes Kind auf Muttermilch begierig ist, sollt ihr auf Gottes Wort begierig sein, auf diese unverfälschte Milch, durch die ihr heranwachst (1. Petr 2,2) – so heißt es im Predigttext.
Das ist mal ein interessanter Vergleich: Das Wort Gottes ist wie Muttermilch! Da steckt alles drin, was ein Mensch zum Leben braucht.
Natürlich sind keine Nährstoffe drin. Man kann Gottes Wort nicht Essen. Damit unser Körper funktionieren kann, brauchen wir natürlich andere Sachen.
Aber schon die alten Römer hatten den schönen Spruch: Mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Aber eigentlich ist der Satz sogar noch ein bisschen länger und heißt: Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano – man soll darum beten, dass in einem gesunden Körper auch eine gesunde Seele stecken möge.

„Hauptsache gesund“, ist so ein Satz, so eine Formulierung, die ich heutzutage oft von Menschen höre. Viele Menschen sagen das so und so wie sie es sagen, meinen sie vor allem die körperliche Gesundheit. Die ist zwar sehr wichtig und wer sich mit sehr schweren und/oder langwierigen Krankheiten herumschlagen muss, der leidet daran unendlich, kann daran regelrecht kaputt gehen. Aber wenn unsere Seele krank ist, nützt ein gesunder Körper nicht viel. Und ich spreche nicht von richtigen psychischen Krankheiten – die gehören in fachkundige Hände. Aber wie viele Menschen leiden an ihrer Seele und merken es zum Teil nicht einmal. Viele Menschen sind auf der Suche nach einem erfüllten Leben, suchen Sinn, suchen Glück und manch einer sucht, ohne zu wissen, was er eigentlich sucht. Menschen glauben an die Kraft von Steinen oder Sternen oder pilgern zum Dalai Lama und suchen das Glück in der Ferne. Manchen mag es helfen, aber vielen eben auch nicht.

Es gibt viele gute Nahrung für die Seele – ohne Zweifel. Aber das Wort Gottes und unser guter Glaube sind eben wie Muttermilch – da ist alles drin, auch manche Abwehrkräfte gegen Krankheiten. Dinge die uns stark machen – auch so manches körperliche Leiden zu ertragen.

Zugegebenermaßen: Anders als bei der Muttermilch, die die Säuglinge einfach nur trinken müssen, müssen wir großen Menschen doch auf Gottes Wort, sagen wir mal: herumkauen (um im Bild zu bleiben), um es für uns nutzbar zu machen.
Nichtsdestotrotz: Es ist alles drin, was man braucht.

Nun aber zu etwas ganz anderem:

Steine! Steine gelten als kalt und hart. Sicherlich kann man Steinen auch viel Schönes abgewinnen. Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, sich verschiedene Steine genauer anzukucken – z.B. am Strand –, der entdeckt ganz schnell wie unterschiedlich Steine sein können. Aber irgendwie sind sie eben doch kalt und hart. Ein klarer Kontrast zu so etwas warmen, Geborgenheit vermittelnden wie Muttermilch.

Trotzdem: Steine sind vielfältig. Sind unterschiedlich. Sind ohne Ende vorhanden auf unserer Welt. Steine werden uns wohl nie ausgehen.
So unterschiedlich Steine auch sein mögen, man kann sie zusammenfügen um z.B. ein Haus daraus zu bauen. Viele Steine sind ein Haus.
Natürlich bauen wir heute unsere Häuser am besten aus lauter Steinen, die alle gleich groß sind und gleich geformt: Ziegel, Kalksandstein, was auch immer. Damit kann man am besten bauen.

Wenn man aber ein Natursteinhaus baut, dann muss man ab und an einen großen, schweren Stein verbauen, der der Mauer Stabilität und Festigkeit gibt. Diese großen Steine setzt man dann am besten als Ecksteine an die Ecken des Hausen, da die eine besondere Stabilität brauchen.

Es ist ein schönes Bild, wenn wir uns unsere christliche Glaubensgemeinschaft als ein Haus vorstellen in dem jeder ein Stein in der Mauer ist. Jeder und jede trägt mit am großen Ganzen. Und das Jesus dabei ein wichtiger, Stabilität gebender Eckstein ist, macht Sinn.
Aber in dem Bild vom Eckstein steckt noch ein Haken:
Der Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eck­stein geworden (Ps 118,22), heißt es.

Jesus ist der Eckstein, der eigentlich schon längst verworfen war. Der für ungeeignet gehalten wurde. Der eigentlich schon auf dem Müll gelandet war.
In der Regel wird dieser Satz immer mit Jesu Tod am Kreuz und der Auferstehung in Verbindung gebracht. Aber ursprünglich stammt der Satz aus dem 118. Psalm und hatte gar nichts mit Jesus als Person zu tun.

Ich sage es noch mal anders: „Das Wort Gottes ist zum Eckstein geworden. Zu einem Eckstein, den aber manch anderer schon längst verworfen hat.“

Dann steckt auch wieder das Wort Gottes dahinter, das dem Leben Stabilität gibt.
Und verworfen wird es immer wieder von Menschen. Wie viele Menschen begegnen unserem Glauben doch zumindest mit leichtem Spott? Wie viel Häme wird immer wieder über uns ausgeschüttet für das, was wir glauben?
Sicherlich manche Anfragen, manche Kritik an Kirche und auch an unserem gelebten Glauben sind berechtigt. Aber trotzdem: Lassen wir uns nicht den Schatz an sich schlechtmachen.

Dass wir unsere christliche Gemeinschaft als ein Haus begreifen, dass durch einen wirklich stabilen Eckstein starke Mauern hat und in dem jeder Stein seinen Platz findet und seine Bedeutung hat und das offen ist für alle – das ist umso wichtiger in einer Zeit in der anderswo Häuser zerstört werden. In der in Gaza und der Ukraine Häuser und vor allem Menschenleben zerstört und vernichtet werden.

Der Abschuss des malaysischen Flugzeugs hatte vor allem deshalb so eine schockierende Wirkung auf uns alle, weil er gezeigt hat, dass das alles nicht wirklich weit weg ist. Niemand darf da wegsehen.
Uns kann das nicht passieren? Das haben die Menschen in der Ostukraine vor fünf Jahren auch gedacht. Natürlich leben wir in einem anderen Land unter anderen Voraussetzungen, aber trotzdem:

Wir sind eine christliche Gemeinschaft und wenn wir das ernst nehmen, dann sind wir diejenigen, die die Welt verändern können – und zwar zum Guten. Die große weite Welt genauso wie unser Land. Und bei uns hier im Ort geht’s los.

Was haben wir vorhin gehört?
Ihr jedoch seid das von Gott erwählte Volk; ihr seid eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk, das ihm allein gehört und den Auftrag hat, seine großen Taten zu verkünden. (1. Petr 2,9)
Begreifen wir doch unseren Glauben und vor allem Gottes Wort nicht nur als Muttermilch, die uns alles wichtige im Leben gibt und die unseren Glauben und diese Kirche als Gemeinschaft zusammenhält, sondern auch als Treibstoff, der uns antreibt Frieden zu verbreiten. Und das tun wir am besten, in dem wir unseren Glauben ausbreiten.

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