Das murrende Volk und das Brot des Lebens

In der Predigt hören wir heute von einen großen Gruppe von Menschen, die in ihrem Leben eine große Veränderung erlebt.
Ein ganzes Volk ist auf der Flucht, aus der Gefangenschaft in Ägypten.
Sie waren da billige Arbeitskräfte, rechtlos, ausgebeutet.
Schikaniert, unterdrückt.
Benachteiligt.
Ihre Lebensbedingungen waren so entwürdigend, so unerträglich, dass sie begonnen haben, um Freiheit zu kämpfen.
Erst als es so schlimm war, dass alle sagten:
So geht das nicht mehr weiter.
Keinen einzigen Tag halte ich das mehr aus.
Keinen einzigen Tag mehr bin ich bereit, so weiterzuleben.
Erst als das praktisch alle sagten, waren sie bereit dafür, unter der Führung von Mose und Aaron für Freiheit zu kämpfen.
Erst in diesem Moment waren sie bereit, etwas zu verändern.

Wir Menschen ändern erst dann etwas in unserem Leben, wenn es weniger weh tut, etwas zu ändern, als so zu bleiben, wie wir sind.
Das ist einer der wichtigsten Grundsätze der anonymen Alkoholiker.
Sie haben Recht.

Und jetzt sind die Israeliten auf den Weg in die Freiheit, sie sind durch das Schilfmeer gezogen, haben erlebt, wie sie vor der Ägyptischen Armee gerettet worden sind, die sie verfolgt hat, und jetzt sind sie weiter auf dem Weg.
Und sie stellen fest:
Der Weg in das gelobte Land ist weit.
Und der Weg in das gelobte Land geht durch die Wüste.
Und das zieht sich.
Und es ist heiß und staubig und es macht keinen Spaß.
Das hält man ja eine zeitlang gut aus, so schwierige Lebensumstände.
Zuerst ist es ja auch neu und interessant.
Und danach ist es eine zeitlang noch heldenhaft.
Aber auf Dauer ist es einfach nur unbequem und lästig.
Die Dauer ist die Last.
Bei allem im Leben.

Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt:
Die großen Schlachten sind leichter zu schlagen als der Kleinkrieg des Alltags.

Weil der Alltag so unendlich lang dauert.
Und sich immer wiederholt und nie aufhört.
Und jetzt sind sie in der Wüste, und sie sind schon einen Monat und 15 Tage unterwegs.
Und sie stellen fest:
Das gefällt uns immer weniger.
Das mit der Freiheit und so, das haben wir uns anders vorgestellt.
Ganz anders.

Und im 2. Buch Mose lesen wir, wie es weiterging:

2 Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte in der Wüste gegen Mose und Aaron.
3 Die Israeliten sagten zu ihnen: Wären wir doch in Ägypten durch die Hand des Herrn gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.
11 Der Herr sprach zu Mose:
12 Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sag ihnen: Am Abend werdet ihr Fleisch zu essen haben, am Morgen werdet ihr satt sein von Brot und ihr werdet erkennen, dass ich der Herr, euer Gott, bin.
13 Am Abend kamen die Wachteln und bedeckten das Lager. Am Morgen lag eine Schicht von Tau rings um das Lager.
14 Als sich die Tauschicht gehoben hatte, lag auf dem Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde.
15 Als das die Israeliten sahen, sagten sie zueinander: Was ist das? Denn sie wussten nicht, was es war. Da sagte Mose zu ihnen: Das ist das Brot, das der Herr euch zu essen gibt.
16 Das ordnet der Herr an: Sammelt davon so viel, wie jeder zum Essen braucht, einen Krug je Kopf. Jeder darf so viele Krüge holen, wie Personen im Zelt sind.
17 Die Israeliten taten es und sammelten ein, der eine viel, der andere wenig.
18 Als sie die Krüge zählten, hatte keiner, der viel gesammelt hatte, zu viel und keiner, der wenig gesammelt hatte, zu wenig. Jeder hatte so viel gesammelt, wie er zum Essen brauchte.

Die Israeliten verhalten sich eigentlich ganz normal.
So wie wir auch, wenn uns etwas nicht passt.
Erstens: Sie Murren.
Das heißt wörtlich übersetzt:
Sich auflehnen gegen, rebellieren, widerspenstig sein.
Die wenigsten Menschen stellen sich hin und sagen: Hört mal her, Leute, das und jenes passt mir nicht, das muss ich jetzt einfach mal ansprechen.
Die meisten tun sich lieber mit Gleichgesinnten zusammen und murren und maulen und bestärken sich gegenseitig in ihrem Gemaule und Gemurre.
Und reagieren mit passiven Widerstand, mit Dienst nach Vorschrift, alles ganz langsam und ohne jedes Engagement.
Und erst wenn wir genügend Verbündete haben, dann sind wir Manns genug, offen auszusprechen, was wir denken.
Vielleicht.

Und als zweites verklären sie die Vergangenheit:
Früher war alles besser, früher war alles gut.
Dabei stimmt das gar nicht.
Es gab in Ägypten keine Fleischtöpfe für die Israeliten, und Brot in Fülle auch nicht.
Aber wir sind da schnell dabei, uns eine bessere Vergangenheit einzureden, und die Schattenseiten, die es auch gegeben hat, die vergessen wir schnell.

Und als drittes – ganz wichtig – suchen sie einen Schuldigen.
Es ist für uns immer wichtig, einen zu haben, der Schuld hat.
Vor allem nicht mich selber, sondern jemand anderen.
Der Mose und der Aaron – die sind schuld.
Weil die haben uns hierher geführt.
Wir sind zwar mitgegangen, und dazu hat uns niemand gezwungen, aber dafür können wir ja nichts.
Die sind schuld.
Und den Sündenböcken werden ganz schnell üble Absichten unterstellt:
Ihr wollt uns alle ruinieren, in den Untergang führen.
Ihr habt vor, uns alle in der Wüste verhungern zu lassen!
Das wird dem Mose und dem Aaron unterstellt.
Ihr habt einen bösen Willen.

Und weil hinter dem Ganzen ja Gott steckt, hat er auch einen bösen Willen.
Was der nur mit uns vorhat – ganz bestimmt nichts Gutes!
Sonst würden wir nicht hier mitten in der Wüste, in der Not sitzen, und Hunger und Durst haben.

Hier geht es um die Wurst.
Hier steht der ganze Glaube auf dem Prüfstand.
Wie passt das zusammen:
Das auserwählte Volk Gottes – und es hat Hunger und Durst und leidet in der Wüste.
Wie geht das zusammen:
Kind Gottes zu sein – und Not zu leiden. Krisen zu erleben. Krankheit, Tod.

Das Volk murrt.

Und Gott hört das Murren.
Und das erstaunliche: Er tut das ohne das geringste Wort des Tadels.
Kein: „Meine Güte, was seid ihr für ein undankbarer Haufen“.
Nein.
Überhaupt nichts.

Sondern nur: Ich habe dein Murren gehört.
Und ich will und ich werde dir helfen.

Und es geschieht.
Am Abend kommen riesige Wachtelschwärme, und vom langen Flug und dem Kampf gegen den Wüstenwind sind die Vögel so erschöpft, dass man sie einfach mit der Hand pflücken kann.
Das ist auf dem Sinai nichts Außergewöhnliches. Kein Wunder sozusagen. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts gab es das, dass dort riesige Wachtelschwärme ganz einfach zu fangen waren. Und weil Wachteln eine Delikatesse sind, hat man so viele gefangen, dass die Wachteln selten geworden sind und man das heute so nicht mehr beobachten kann.
Und genauso könnten wir uns auch das „Brot vom Himmel“, das „Manna“ natürlich erklären.

Aber das ist nicht wichtig für uns und bringt uns überhaupt nicht weiter.

Wichtig ist – meine ich – zweierlei:
Erstens: War das Zufall – oder gütiges Eingreifen Gottes?
Und die viel wichtigere Frage:
Galt das nur damals – oder ist auch heute noch Gott dazu da, meinen Hunger, meinen Lebenshunger zu stillen?
Wenn wir nur glauben, dass das damals für die Israeliten galt und nicht hier und heute für mich, dann nützt uns das alles einen Dreck.

Das ist doch hier gesagt:
Das Volk Gottes hat Hunger – und Gott stillt diesen Hunger, indem er jedem einzelnen genau das und genau so viel gibt, wie er braucht.
Und im Evangelium haben wir gehört, wie Jesus sagt:
Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern, und wer mir vertraut, der wird niemals mehr Durst haben.

Hier ist nicht von dem Hunger die Rede, der mit einer guten Portion Kässpatzen gestillt werden kann.
Hier ist von unserem Hunger nach mehr die Rede.
Nach Erfüllung, nach Sinn, nach Angenommen sein, nach Geliebt werden, nach Heimat, nach Geborgenheit.

Niemand wird zu einem echten Gespräch mit Gott kommen, der nicht aus einem tiefen Lebenshunger heraus fragt.
Ich sage es noch einmal:
Niemand wird zu einem echten Gespräch mit Gott kommen, der nicht aus einem tiefen Lebenshunger heraus fragt.

Aber wer gar nicht mehr spürt, dass er einen Mangel hat, den lässt die Rede vom „Brot des Lebens“ kalt. Völlig unberührt.
Und wir spüren diesen Mangel oft überhaupt nicht mehr, weil wir so unendlich voll sind.
Nicht satt, nicht befriedigt, sondern voll.
Wir stopfen uns mit allem möglichen voll.
Manche mit Essen, manche mit Lärm, manche mit Arbeit, manche mit Sport.
Im Zeitalter des allgegenwärtigen Internets können wir uns ganz rima vollstopfen.
Das muss jeder selber bei sich herausfinden, womit er sich voll stopft.
Aber das macht uns nur voll – nicht satt.
Dass uns nicht befriedigt, wenn wir uns voll stopfen, merken wir daran, dass die Wirkung nie lange anhält. Und wir uns von neuem voll stopfen müssen.

Wenn wir aufhören, uns voll zustopfen, dann können wir den Mangel in uns spüren.
Und lernen, die eigene Bedürftigkeit anzunehmen.
Manchmal halten wir es ja für ganz heldenhaft, diese Bedürftigkeit zu verweigern.
Nein, mir fehlt nichts, mir geht es gut.
Das sagen wir dann – obwohl es ehrlich gesagt doch gar nicht stimmt.

Wir dürfen mit unseren Bedürfnissen zu Jesus kommen.
Und wir dürfen ihn bitten, unseren Hunger zu stillen.
Wir dürfen ihn um das Brot des Lebens bitten.
Und er will es uns geben.

Wie das geschieht und wann das geschieht und wie dieses „Brot des Lebens“ dann ganz konkret für mich aussieht, das ist eine spannende Geschichte.
Das kann ganz unterschiedlich sein.
Das kann durch Gedanken und Gefühle sein, die auf einmal in mir da sind.
Oder durch unerwartete Begegnungen mit Menschen oder Dingen.
Gott ist da sehr phantasievoll.
Aber eines ist sicher:
Wir dürfen das Brot des Lebens von ihm erbitten und erwarten, dass er es uns gibt.

Eine Weise, das Brot des Lebens aufzunehmen, ist die Versöhnung.
Die Versöhnung von mir mit Gott
Die Versöhnung von mir mit mir selber, mit meiner Vergangenheit, mit meinem schwierigen Charakter.
Und die Versöhnung mit meinem Nächsten.
Ich darf die Brüche in meinem Leben versöhnen und heilen lassen.

Jesus ist das Brot des Lebens.
Notwendiges Lebensmittel, das wir alle brauchen.
Jesus ist nicht der Zuckerguss des Lebens, kein überflüssiger Luxus, keine entbehrliche Verzierung.
Sondern das Brot des Lebens.
Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern, und wer mir vertraut, der wird niemals mehr Durst haben.

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