Mehr als nur eine Frage des Images

Die Manager der bekannten Fastfoodkette ahnten sehr schnell, dass diese negative Presse, die sie gerade erlebten, zur Unzeit kommt. Denn verbindet man in der öffentlichen Wahrnehmung mit ihrem Firmenlogo künftig nur noch schlechte, ausbeutende Arbeitsbedingungen und qualitativ minderwertige Ware, dann werden die Kunden künftig und endgültig zur Konkurrenz abwandern, auch wenn es dort auch nicht besser und gerechter zugeht. Gerade unter der starken Zielgruppe der jungen Konsumenten und Familien, die einen Großteil des Umsatzes ausmachen, hängt für den Umsatz und damit für das Geschäft entscheidend viel vom Image ab, also von subjektiven Eindrücken und Wahrnehmungen und der öffentlichen Meinung. Es bleibt den Verantwortlichen nichts anderes übrig, als zu versuchen mit einer guten Werbekampagne das Image schnell und nachhaltig zu verbessern. Hier gilt einmal nicht, dass eine schlechte Presse besser sei, als gar keine. Eine muss eine gute her, schnell!
Ich bin zwar nicht zuerst Manager, sondern Geistlicher, aber auch Privatmensch, Vertreter einer Institution und potentieller Kunde, kenne diesen Mechanismus von beiden Seiten her also gut. Da gibt es mit dem christlichen Glauben große Traditionen, hohe Erwartungen, Kundenwünsche und ein wunderbares Angebot für ein gelingendes Leben oder zumindest für einen tragenden Halt im Auf und Ab des Alltags, in guten und in schlechten Zeiten, in glücklichen und in leidvollen Tagen. Das spüre ich bei jedem Tauf- und jedem Traugespräch oder in der Begegnung mit Konfirmandeneltern.
Es gibt gesellschaftlich eine große überparteiliche Erwartung nach Orientierung und Rat in den schwierigen politischen, medizinischen, ethischen und sozialen Fragen. Und der Einzelne ersehnt für sich und seine Familie Geborgenheit und Hoffnung über den Augenblick hinaus, hat Hunger nach Segen von oben gegen die Siegermentalität der Macher, die meinen immer alles allein im Griff zu haben.
Diese Sehnsucht ist ungebrochen, besonders deutlich in diesen Wochen, in denen das Chaos und die Verzweiflung von Krieg und Gewalt unsere eigene Hilflosigkeit und unsere Ohnmacht so offensichtlich macht, wie seit Jahren nicht mehr, so dass die Hoffnung, dass alles immer besser wird, sich alles zum Guten und zum Frieden hin entwickelt und wir einer wunderbaren Zukunft entgegeneilen als Aberglaube und wahnwitzige Illusion entlarvt wird. Natürlich gibt es die Erfolgsgeschichten, die dieser Hoffnung immer neue Nahrung geben: es gibt sozialen, technischen und medizinischen Fortschritt in der Bekämpfung von Hunger und Armut, in der Entwicklung neuer umweltschonender Energieformen und -technologien und in der Bekämpfung lebensbedrohender Krankheiten wie Krebs oder HIV oder in der Transplantationsmedizin. Immer mehr Menschen finden Zugang zu diesem Fortschritt; aber es gibt eben auch die seit Jahrzehnten ungelösten und eskalierenden Konflikte in der Welt, nur kurz unterbrochen vor einem viertel Jahrhundert mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der zugehörigen totalitären Regime.
Und es gibt die Enttäuschungen der Kirchen nach innen und in die Gesellschaft hinein. Was fällt den Menschen zum Stichwort Kirche denn als erstes ein, was also ist unser Image? Wir müssen nur die Gespräche und Themen der Menschen mit offenen Ohren anhören, die meist nicht zwischen den Konfessionen unterscheiden: sie reden über Kirche und Geld, Bischof Tebarz von Elst und seine Residenz, die riesigen Staatsleistungen und über Missbrauchsfälle… und haben damit ausreichend Gesprächsstoff. Da ist es schwer auf die Verdienste der Diakonie im Gesundheitswesen, in der Pflege und in der Behindertenhilfe hinzuweisen, die Bedeutung konfessioneller Schulen und ihrer hohen Akzeptanz im Bildungswesen zu unterstreichen, auf die begleitenden und unterstützenden Angebote in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hinzuweisen oder gar von der Suchtkrankenhilfe zu erzählen. Das sind alles keine Aufreger, keine Stimmungsmacher, das wird von der Kirche schlichtweg erwartet, aber darüber lohnt es sich anscheinend nicht zu reden, es gibt Schlagzeile in den bekannten Boulevardblättern.
So begegnen mir also konkrete Hoffnungen und Erwartungen und spürbare Enttäuschungen gleichzeitig. Und die hat sich niemand böswillig ausgedacht oder als Fallstrick ausgelegt, die liegen in der Natur der Sache und in der Natur der Menschen.
Von nichts anderem, von hohen Erwartungen und einem sehr nüchternen und realistischen Menschenbild handelt der Predigttext.
Die Erwartungen würde man bei einer öffentlichen Umfrage genau so benannt bekommen: bitte keine Bosheit, keinen Betrug und Neid, keine üble Nachrede. Aber auch, was sich eigentlich von selbst versteht, geschieht dennoch auch unter Christen: es wird getrickst, geneidet, gemobbt, gestritten, auch hinter dem Rücken nicht nur Gutes geredet – wie überall Hand aufs Herz: Ein bisschen stößt auch uns das auf!
Bei anderem wird uns dann schon spürbar unwohl, wenn erinnert wird: wir sind ein auserwähltes Geschlecht, ich könnte auch sagen: Vorbilder im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit, königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk, Menschen also, die ihren Glauben so ganz eindeutig in allen Lebenslagen und für alle erkennbar leben! Spätestens DAS ist eigentlich eine Nummer zu groß für einen jeden von uns. Und wissen zugleich, je weiter Menschen innerlich von einer der Kirchen entfernt leben, desto deutlicher haben sie diese Erwartung, gerade, weil sie selber ihr auch nicht genügen können oder wollen und die Hoffnung darauf dennoch noch nicht ganz aufgegeben haben.
Und so haben wir ein Imageproblem, weil Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinanderklaffen, auseinander klaffen müssen., und wir haben einen Widerspruch, der sich nicht wird auflösen lassen: weil wir Menschen bleiben, mit engen Grenzen, Schwächen und Fehlern, mit großen Träumen und ebenso großen Selbstüberschätzungen, mit unglaublich viel ungenutztem Potential und dem Dauerrecht auf Irrtum. Und es bilde sich bitte keiner ein, dass er davon ausgenommen sei, vielleicht nur, weil er erfolgreicher als andere durch das Leben kommt, oder an einem privilegiertem Teil der Welt geboren und aufgewachsen ist.
Eine Imagekampagne allein kann also das Problem nicht lösen, eher wohl die Fähigkeit und Bereitschaft, offensiv auch mit unseren Schwächen und Grenzen umzugehen, sich häufiger auch als Suchende zu zeigen und nicht nur als die, die immer alles wissen, und als wäre alles ganz einfach. Authentisch werden, wäre ein Ziel. Ganz schlicht ist das Bild, das der Predigttext dieses Sonntages wählt, um daran zu erinnern, dass wir zeitlebens, egal wie weit wir auf dem Weg des Lebens schon vorangekommen sind, als Getaufte oder als Menschen auf der Suche immer wie Kinder, wie Neugeborene bleiben.
Wir entdecken und ertasten uns unsere Welt, wir lernen aus Erfahrung und aus Fehlern, wir brauchen Begleitung, Hilfestellung, Hinweise und Fürsorge. Wir brauchen Grenzen und eine Rahmen, in dem wir uns orientieren können. Wir brauchen geistig Nahrung, die uns fordert und satt macht. Je nach Alter auch feste Nahrung, an der man zu beißen, zu knabbern und zu verdauen hat. Auch ein Gottesbild, eine Gotteserkenntnis, an der wir uns reiben müssen, weil Gott nicht einfach und pflegeleicht und weichgespült ist. Aber wir dürfen auch Kinder sein, müssen nicht immer nur stark und erwachsen, vernünftig und allem gewachsen sein. Wir dürfen Lernende bleiben, Fragende und Suchende sein. Wir müssen mit unserer Neugierde,unsrem Wissensdrang, manchmal auch mit unserem kindlichen Optimismus, was alles dennoch möglich sei, nicht allein bleiben. Wir dürfen uns an den Händen fassen und gegenseitig Mut machen und davon träumen, diese Welt dennoch zu verändern, besser und gerechter zu machen, zum Frieden und zur Gerechtigkeit mahnen, auch wenn wir damit als naiv belächelt werden. Wir müssen uns unserer Freudentränen und unserer Trauer nicht schämen und dürfen Kraft und Selbstvertrauen aus der Erfahrung schöpfen, dass da im Hintergrund liebevoll und unbedingt unser Vater im Himmel steht, der nicht alles gut findet, was wir tun, der aber nicht aufhört, uns als seine Kinder zu lieben. Wir dürfen zu ihm fliehen, in seinen Armen Geborgenheit finden. Dafür ist doch keiner zu groß oder zu alt. Und ich habe Gottes Wort darauf, er zeigt es mir in meiner eigenen Taufe. Ich darf wirklich mit Luther gesprochen jeden Tag neu da hinein kriechen, mich erinnern und vergewissern. Sein Segen hüllt mich wie ein solches Versprechen ein, nicht dass immer alles gut sei, aber dass am Ende alles gut ausgeht, weil er mit mir ein und ausgeht. Dieses Bild, dieses Image, steht uns allen denke ich gut zu Gesicht als Lernende und Wachsende, als Fehlende, aber auch als Ringende, als Träumende und Hoffende. Dann können die Menschen, dann kann die Welt auch Gott in unserem Leben lesen

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