Nicht jedermanns Ding ?

Ein kleiner Satz, so nebenher gesagt, hängt in der Luft und lässt nicht locker. Er will nicht einfach nur so dahingesagt sein. Er möchte ernst genommen und nicht nur als hilflose Klage verstanden werden.
Vielleicht ist er anfangs mal so nebenbei, unbedarft, aus der Feder geflossen, als der Brief nach Thessaloniki geschrieben wurde. Aber nicht nur meine Augen, meine Ohren und mein Herz bleiben heute gerade an ihm hängen: der Glaube ist nicht jedermanns Ding.
Recht hat er – denkt sich Owen Meany, dem ich in den zurückliegenden Wochen in meinem Urlaub begegnet bin und ihn vielleicht ein Stück weit kennengelernt habe. Owen Meany ist der Phantasie des amerikanischen Autors John Irving entsprungen und hat einen starken Glauben, ein starkes Gottvertrauen. Sonst hätte er sein Leben nie so leben können, wie er es letztlich bis zum immer geahnten, vorausgesehenen Augenblick seines Todes getan hat.
Er war eine starke Persönlichkeit, er hatte die Gabe, Menschen für sich zu gewinnen, obwohl er äußerlich eher zum Gegenstand des Spottes getaugt hätte – Kleinwüchsig, mit einer schrillen, kreischenden Stimme ausgestattet, rechthaberisch klug und wortgewaltig, ließ er sich nie von den anfänglichen Versuchen seiner Umgebung auch ihren Spott mit ihm zu treiben, verunsichern, so dass diese bald aufgaben.
Owen Meany wusste immer: Gott hat mit mir etwas vor und alles, auch mein Äußeres und meine Stimme haben einen tieferen Sinn in diesem Plan Gottes und so viel sei verraten: sein Glaube, beneidenswert diese Gewissheit, hat ihn nicht getäuscht.
Aber der Glaube ist nicht jedermanns Ding.
Der Zweifel kam aus berufenem Munde: Mitschüler, Lehrer, ja Geistliche waren skeptisch, getrieben vom Zweifel, zermürbt und oft niedergeschlagen und ließen sich auch von Owens Vertrauen zumindest Zeit seines Lebens nicht wirklich anstecken.
Dabei sahen sie seine Zuversicht, seinen Glauben, sein Selbstbewusstsein; erlebten, wie er für seinen göttlichen Auftrag lebte und arbeitete und brauchten erst sein Ende, um mit dem Glauben anfangen zu können.
Der Glaube ist nicht jedermanns Ding, dachte ich auch, als ich dann im Sonntagsgottesdienst saß, ein Gottesdienst für Familien in der nur zum Teil besetzten Kirche, obwohl dort, wo ich die Wochen über war, der Glaube durchaus noch etwas alltägliches und nicht exotisches im Leben der Menschen darstellt. Aber die Welt traf sich am Sonntag morgen eben nicht in der Kirche, sondern an vielen anderen Orten. Hier ist nicht das wirkliche Leben, dachte ich bei mir, das ist schon eine Welt neben der alltäglichen und normalen. Wie viel mehr gilt das hier bei uns im brandenburgischen, wo erwiesermaßen die größte Konfession schon seit längerer Zeit die Gruppe der Konfessionslosen ist. Sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben, hat Altbischof Huber einmal diese Situation beschrieben. Ja, die Mehrheit lebt ohne Gott und ihnen fehlt anscheinend nichts, um zufrieden und glücklich zu sein.
Ich möchte sie gerne verstehen und weiß noch nicht einmal, ob sie ebenso gerne mich verstehen wollen.
„Ich möchte zu verstehen lernen, wieso etwas, das mir elementar wichtig ist, so viele Menschen völlig kalt lässt. Ich möchte ihnen nahe sein, wünschte mir, dass sie wenigstens gedanklich nachvollziehen können, was mich bewegt und warum ich Christ sein und bleiben will.“
(Hans-Martin Barth, Konfessionlos glücklich S. 15f.).
Wenn sie wenigstens mit ihren Zweifeln, ihren Fragen, ihren Kämpfen kämen, dann könnten wir miteinander ringen, grübeln, fragen, klagen und auch ein wenig hoffen. Grund genug nicht einfach so weiterzuleben wie bisher, weiterzumachen, als ob mich alles nichts anginge und schon irgendwie – zumindest für mich – weiterginge, gibt es ja genug!
Heute am 20.Juli 2014 jährt sich zum 70.Mal der Jahrestag des Attentatversuches auf Adolf Hitler und mit der Erinnerung kommt bohrend die Frage wieder, wie es möglich sein konnte und immer noxh kann, dass eine Ideologie Macht über Menschenherzen und Menschenhänden gewinnt, die so lebensfeindlich und so von Unmenschlichkeit geprägt ist, wie es die Weltsicht der Nationalsozialisten war und die Welt dann in einen unglaublichen Abgrund zieht. Warum gab und gibt es so viele Mitläufer und Mittäter, warum brauchten so viele so lange, um aufzuwachen und aufzustehen?
Kann ich mein Gewissen, eine Ahnung davon, dass es Verantwortung gibt, wenn schon nicht vor einem höchsten Richter, dann doch vor mir und meinen Mitmenschen, wirklich so abstellen, dass es mich nicht plagt?
Der Glaube ist nicht jedermanns Ding.
Und an wen soll ich glauben, wenn die, die schon seit Jahrzehnten nicht aus der Gewaltspirale im Nahen Osten herauskommen, sondern durch Gewalt und Gegengewalt immer neue Generationen hervorbringen, die mehr der Kraft des Hasses als der Versöhnung trauen, sich dabei immer auch noch auf Gott berufen und meinen, ihn an ihrer Seite zu haben.
Wie soll ich an das Gute in der Welt und an eine gute Zukunft glauben, wenn ich fassungslos die Bilder eines abgeschossenen Passagierflugzeuges sehe, von 80 ums Leben gekommenen Kindern unter den 300 Menschen im Flugzeug höre und im Trümmerfeld Vermummte und bewaffnete kein Gefühl , keine Regung mehr zeigen?
Wenn wir wenigstens darüber streiten, diskutieren, miteinander ringen oder auch weinen könnten, dann wären wir nicht weit weg vom Glauben, auch wenn Gott uns dann immer noch weit weg zu sein schiene…
Aber es stimmt auf tragische und von Paulus so wahrscheinlich nicht geahnte Weise: der Glaube ist nicht jedermanns Ding – und langsam fange auch ich an zu zweifeln, ob es wirklich eine Art natürlicher Religiösität gibt, die jedem Menschen innewohnt, und die sich irgendwo und es sei beim Fußball zum Beispiel bei der Erlösung in der 113.Minute und nicht am Kreuz, äußert.
Und doch ist das nur die halbe Wahrheit: ja, es können oder wollen nicht alle Menschen glauben. Manchen fehlt Gott als fester Boden unter ihren Füßen, als Halt- und Angelpunkt ihres Lebens, als Ewigkeitsperspektive in diesem so schnell dahinfliegendem Leben. Andere haben alles Grübeln, Nachdenken, Zweifeln abgestellt und abbestellt und leben heute so fröhlich und ausgelassen, weil morgen ja schon alles vorbei sein könnte.
Und doch sind gerade jetzt und über den ganzen Tag verteilt an vielen Orten Menschen beisammen, um zu singen und zu beten. Sie halten fest an der Überzeugung, dass Gott nicht stumm ist, sondern den Menschen Mut zuspricht oder ins Gewissen redet, dass er Hoffnung macht für Zeit und Ewigkeit, dass er an der Seite der kleinen Leute, der leidenden, trauernden, zweifelnden steht und gerade dort mit dem Kreuz seines Sohnes einen Ort zeigt, an dem man weinen darf und Halt finden kann. Es wird gebetet rund um die Welt, vielleicht nicht von allen Menschen, die allerdings im Falle eines Falles sich an den letzten Ausweg eines Stoßgebetes im tiefsten Inneren ihrer Seele erinnern. Und es ist eine vornehme Aufgabe wenn nicht von allen Menschen, dann zumindest für alle Menschen in der Welt zu beten und die Erinnerung wachzurufen, wachzumachen und zu stärken, dass Gott treu ist und vor dem Bösen bewahren will und wird.
Gibt es denn eine andere Möglichkeit, um nicht angesichts der Nachrichtenlage im Nahe Osten, in Syrien, Lybien, im Irak, in Israel und Palästina und im Osten Europas in der Ukraine, in Afrika und an vielen ungenannten Krisenplätzen dieser Welt zu verzweifeln?
Das Gebet ist die vornehmste Aufgabe und die größte Kraft, die die Gemeinde Jesu Christi hat.
Nicht nur, dass der Glaube doch wieder vieler Leute Ding werde, viel mehr, dass der Friede die Herzen erobere und das Denken der Menschen verwandele, dass er aussöhne, wo Gegner unversöhnlich gegenüber stehen, dass er Hände ermutige zu helfen, wo die Not unbeherrschbar scheint und dass er tröste, wo der Schmerz und die Trauer die mächtigsten Gefühle des Lebens zu sein scheinen.

Dazu müssen es nicht viele sein. Aber es braucht einige, die sich beunruhigen und in die Plicht nehmen lassen. So wie vor 70 Jahren und so wie heute.
Ein letzter Urlaubseindruck, um das zu unterstreichen. Bei seinem Besuch in Altötting hat der damalige Papst Benedikt eine Anbetungskapelle neben den vielen anderen bereits vorhandenen Kirchen geweiht, deren vornehme Aufgabe es sein sollte, nicht nur im Angesicht der geweihten Hostie und damit in der Gegenwart Christi Gott die Ehre zu geben, als vielmehr um ein Ort des ständigen, ununterbrochenen Gebetes zu sein: was für ein schönes Bild, ähnlich dem aus dem Abendliedes, das mit dem Wandern des Tageslichtes um die Welt auch immer irgendwo Hände sich falten und Herzen innehalten zum Gebet: das die Welt befreit und erlöst werde von der Macht des Bösen.
So möge es sein, auch wenn der Glaube nicht jedermanns Ding sei!

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