Beten können wir immer

Liebe Gemeinde,

was waren die Themen der vergangenen Woche? Worüber haben wir – und wenn nicht alle, so doch sehr viele – geredet? Das waren die Themen Fußball, Fußball und Fußball. Alles andere musste die Titelzeile räumen, rutschte in die 2. Reihe.

Deutschland wird Weltmeister, Deutschland ist Weltmeister – die Einschaltquote beim Finale lag bei über 40%. Und viele schmückten nicht nur das Auto, den Traktor, den Roller, das Fahrrad, sondern auch sich selbst. Fähnchen, wo immer man sie festmachen konnte, Girlanden um den Innenrückspiegel, Abdeckung für die Kühlerhaube. Hut und T-Shirt für den Herren, Ohrringe, Minirock und Bikini für die Dame, Sonnenbrille und Kuscheltier für die Kleinen – und damit ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Sortiment genannt.

Was ist es, liebe Gemeinde, was so viele an diesem Ereignis begeistert? Was bewegt sie, relativ viel Geld für schwarz-rot-goldene Kleidung und Accessoires auszugeben? Ich denke, ein Grund ist, zu zeigen: Ich gehöre dazu. Ich bin Teil dieser großen, sich alle paar Jahre neubildenden Gemeinschaft.

Aber – was macht so ein Fußballspiel eigentlich aus? International in den Stadien der Welt genauso wie auf dem Bolzplatz um die Ecke, wo einfach nur gekickt wird.

Es lebt vom Spielen, es lebt davon, dass Spielerinnen und Spieler laufen, sich bewegen. Wir könnten also sagen: „Spielt, damit der Ball läuft.“

Nun hat, liebe Gemeinde, unser heutiger Predigttext auf den ersten Blick so gar nichts mit dem Weltmeisterpokal zu tun. Im 2. Brief an die Thessalonicher steht:

[TEXT]

Soweit der Briefabschnitt. Was hat den Verfasser bewogen, der Gemeinde in Thessalonich, das ist das heutige Saloniki, so dringend ans Herz zu legen: „Betet!“

Es war die aktuelle Situation in den Jahren um 50 n. Chr. In Thessalonich war eine Pöbelbewegung gegen die junge Christengemeinde entstanden. In einem Bibelkommentar habe ich gefunden: „Allem Anschein nach hatten sie keinerlei spezielles Interesse an der Thematik; sie waren, wie jeder andere Pöbel, einfach leicht erregbar und bei jeder Art von Gewalt sofort zur Stelle.“ Das hieß, dass sie vor die Häuser der Christinnen und Christen zogen und Türen einschlugen, dass sie Männern, Frauen und Kindern auflauerten und sie verprügelten, dass sie die christlichen Versammlungen störten durch Sprechchöre und Gejohle. Dass sich unter so einer aggressiven Stimmung etwas Gutes kaum entwickeln konnte, verkümmerte, ja, zum Stillstand kam, können wir verstehen. Und in diese Situation fielen die Worte „Betet für uns, dass das Wort Gottes laufe“.

Beten war und ist das „Mittel“ gegen einen Stillstand, der aus Müdigkeit, Resignation und aus dem Gedanken „es nützt ja alles doch nichts“ resultiert. Beten ist das Mittel, trotz des Rückens zur Wand von Gott und Jesus Christus zu sprechen und der Freude am Evangelium Raum zu geben. Beten ist das Mittel, nicht bitter zu werden, sondern durchzuhalten, an Gott festzuhalten!

Liebe Gemeinde, wenn wir jetzt noch einmal auf den Fußball schauen, was imponiert uns? Wenn die Spieler in einem Spiel, in dem sie unterlegen scheinen, nicht aufgeben. Wenn sie kämpfen mit all ihrer Kraft – der körperlichen und der mentalen. Wenn sie geduldig, beharrlich und zielstrebig bleiben, auch wenn das Torverhältnis gegen sie spricht.

Ist das mit das Geheimnis der Begeisterung? Meiner auf alle Fälle. Ja, so möchte ich auch sein: nicht zu kapitulieren, weil ich glaube, etwas nicht zu schaffen, sondern an der Überzeugung festzuhalten, dass es gelingen wird. Die Hoffnung zu nähren mit guten Bildern, mit guten Visionen. Mich nicht von anderen entmutigen und mich nicht von meinen eigenen Ängsten einschüchtern zu lassen.

Und noch etwas begeistert mich am Fußballspiel: und das ist der Teamgeist. Ob das Team die Zielstrebigkeit oder die Zielstrebigkeit das Team bestärkt, sei an dieser Stelle dahingestellt. Aber das Einander-sehen, das Sich-füreinander-verantwortlich-wissen, das ist überzeugend!

Und das bringt mich zu der Frage, liebe Gemeinde, wo unser Teamgeist ist. Unser Teamgeist untereinander, unserer Kirche, unserem Land, der Welt gegenüber. Wir sind doch meistens recht schnell mit der Kritik bei der Hand. In der Familie: na ja, der war ja schon immer so. In der Kirche: kein Wunder, das in diesen verstaubten Laden niemand mehr gehen will. Im Land: Die da oben machen so wie so, was sie wollen. In der Welt: Ich war immer gegen die Globalisierung.

Beten wir, geduldig und beharrlich, für das, was uns wichtig ist? Für das, was von der Titelzeile herunter musste und ins Vergessen zu geraten droht? Beten wir engagiert für die, die keine Stimme haben oder deren Stimmen nicht gehört werden?

„Teamgeist und Laufbereitschaft“ heißt es im Fußball. „Gemeinschaft und Beten“ heißt es schon sehr viel länger in christlichen Gemeinden. Deshalb bringen wir – weltweit – in jedem Gottesdienst unsere Bitten für uns, für die Kirche, für unser Land und unsere Welt vor Gott. Denn Beten hilft. Damit wir für andere beten können, müssen wir sie zu allererst sehen; wir müssen sehen, wo sie stehen und was ihnen fehlt. Wir stellen uns auf die Seite derer, für die wir beten, und wir fühlen, wenn auch nur für diesen Moment, mit ihnen. Unser Gebet ist eine Antwort auf das, was geschieht – in unserer Nähe oder auch ganz weit entfernt. Das sind Lob und Freude, das sind Widerspruch und Trauer. Im Beten können wir neue Hoffnung schöpfen. Das verändert uns. Und daraus folgend verändert es die Menschen, mit denen wir zu tun haben.

Liebe Gemeinde, jetzt haben wir einen weiten Bogen gespannt von der Fußballweltmeisterschaft über die Situation der Gemeinde in Thessalonich um das Jahr 50 bis hin zu der Aufforderung an uns, zu beten.

Die Fähnchen werden demnächst wieder weggeräumt. In zwei Jahren, bei der Europameisterschaft in Frankreich, kommen sie dann wieder zum Einsatz. Beten können wir immer. Beten für eine gute Welt. Beten, dass das Wort Gottes laufe. Dass sich die Botschaft Gottes schnell ausbreite und in ihrer Herrlichkeit offenbar werde.

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