Überwinde das Böse mit Gutem

Liebe Schwestern und Brüder!

Ja, da sind sie wieder die ethischen und moralischen Anweisungen des Christentums, die uns Christen so stark unter moralischen Druck setzten, dass wir nicht in der Lage sind sie auch nur ansatzweise zu erfüllen. Das war einer meiner ersten Gedanken zum Text.
Realitätsfern, utopisch, übertrieben und ohne jeglichen Anhaltspunkt in unserer Wirklichkeit.

Was hat sich der Apostel eigentlich dabei gedacht, als er diese Anweisungen und Ermahnungen an die römische Gemeinde in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts geschrieben hat?

-Schon wieder solche sinnlosen und realitätsfernen Ermahnungen eines Superchristen an diejenigen, die solche ethischen Ratschläge nicht erfüllen können?

-Was dachte sich der Apostel eigentlich dabei, als er die römischen Christen aufforderte nicht Böses mit Bösem zu vergelten?

-Als ob die ersten Christen nicht schon genug Leid und Unterdrückung im christenfeindlichen römischen Staat erlebt hätten?

-Ja, und wie soll das Miteinander-Frieden-Halten denn funktionieren, wenn der Dichter schon sagt, dass "der Frömmste nicht in Frieden leben" kann, "wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt"?

Also schon wieder die direkte Aufforderung dem unrealistischen Programm der Bergpredigt zu folgen und auch noch dem eigenem Feind freundlich und friedlich entgegenzutreten, die andere Wange hinzuhalten, um ihn durch die eigene Friedfertigkeit zu beschämen, denn das meint doch das Bild auf des anderen Haupt glühende Kohlen zu sammeln!?

Vielleicht mag es stimmen, dass Gott jeden einzelnen und jede einzelne von uns im Gericht richten und beurteilen wird, aber was nützt mir das, wenn mein Feind mir tagtäglich das Leben zur Hölle macht?
Soll ich etwa warten bis sich Gottes Gericht in der Zukunft an ihm vollzieht?
Da nehme ich doch als konfliktfähiger und streitsüchtiger Zeitgenosse mein Schicksal lieber selbst in die Hand und zeig meinem bösen Nachbarn wie das ist, wenn er mich anfeindet oder mich dumm anmacht, wie die Jugendlichen sagen.
Wofür habe ich denn eine Rechtschutzversicherung abgeschlossen, wenn nicht für den Rechtsstreit? Der soll schon sehen, was er davon hat, dass er mich angezeigt hat, weil ich einmal im Jahr in meinem Garten eine laute Geburtstagsfeier gefeiert habe. Dafür zeige ich ihm schon noch, wo der Hammer hängt, denn seine samstägliche Hobby-Baustelle, mit der er mich immer am Morgen weckt, die wird das Bauamt schon auch interessieren.
Und überhaupt neulich habe ich doch dessen unverschämten und frechen Jungen dabei erwischt, wie er sich an meinen Kirschen zu schaffen gemacht hat, die von meinem Grundstück in das Nachbargrundstück hängen. Dafür werde ich meinen Kindern ab sofort erlauben mittags die Musikanlage auf Blocklautstärke zu erhöhen, damit der "Depp" von Nachbar einmal spürt, wie das ist, wenn ich morgens von seinem Baulärm geweckt werde. Und auch das "verfressene Balg" ‚kriegt sein Fett noch ab‘, wenn ich meinen Schäferhund erst einmal darauf abgerichtet habe, dass mein Zaun die Grenze zum Nachbargründstück bildet. Mein Hasso wird’s schon richten.
Warum sollte ich diesen Nachbarkrieg friedlich beilegen, denn ich hab‘ doch nicht damit angefangen. Notfalls gehe ich durch alle Instanzen, bis zum Bundesgerichtshof. Wollen mir doch einmal sehen, ob ich nicht doch Recht kriege!

So, oder so ähnlich -und das ist nicht übertrieben und realitätsfern- beginnen und schreiten Nachbarstreitigkeiten fort.
Danach nehmen diese Streitigkeiten Dimensionen an, die von Neid, Missgunst, Hass- und Rachegefühlen geprägt sind, die nur noch zivilrechtlich vor Gericht beigelegt werden können.
Solche oder ähnliche Streitigkeiten verstopfen und belasten die Rechtsfindung an unseren Gerichten. Konflikte werden allzu gerne vor Gericht und mit Hilfe des Rechtsapparates ausgetragen.
"Auge um Auge, Zahn um Zahn" ist in vielen kleinen und in vielen großen Dingen die Handlungsmaxime in unserem Leben.
Auch der Konflikt und die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und der palistinänsischen Hamas, hervorgerufen durch das sinnlose Ermorden von drei israelischen Jungs und der Ermordung eines arabischen Jungen als Rache, ist ein tragisch-trauriges Beispiel für eine solche Spirale von Gewalt und Gegengewalt.
Wir Menschen neigen dazu.
Unseren Kindern erzählen wir seit frühster Jugend, dass sie sich durchsetzen sollen und gefälligst stark sein müssen, um sich im Leben durchzuschlagen. Denn nur der Starke und Rücksichtslose kommt im Leben weiter. Der Volksmund sagt nicht umsonst:
"Frechheit siegt!"
Allzugerne wird in der heutigen Zeit ein Verlust von Werten prognostiziert. Jeder denke nur noch an sich selbst oder an seine eigene Familie. Solidarität, Gemeinschaftsgefühl -christlich Nächstenliebe- seien Tugenden und menschliche Eigenschaften, die zurück gingen.
Dieser Trend scheint wie ein Parasit in unserer Gesellschaft zu grassieren.
Allüberall ein Lamento und Jammern, sei es in der Politik, in der Schule oder in der Familie.
Aber gleichzeitig beherrschen uns alle die anerzogene Rücksichtslosigkeit, das antrainierte Selbstbewusstsein mit seinen negativen Begleiterscheinungen und das -Auge-um -Auge, Zahn-um-Zahn-Prinzip wie eine schlimme Krankheit, die nicht zu heilen scheint.
Wer sich erst einmal in den Teufelskreislauf der Gewalt, des Hasses, der Missgunst und der Rache hinein begeben hat, der kommt nicht mehr so schnell heraus. Es sei denn, ich unterbreche diesen Teufelskreislauf an einer Stelle oder ich lasse mich erst gar nicht auf ihn ein.
Das meint Paulus, wenn er davon spricht, dass wir nicht Böses mit Bösem vergelten sollen. Deswegen appelliert er auch an uns, wenn es möglich ist, mit jedem Frieden zu bewahren und auf Rache zu verzichten, auch wenn das manchmal schwierig erscheint.
Denn keiner von uns soll sich über den anderen als Richter aufspielen. Diese Aufgabe ist für uns Christen durch Gott bestimmt. Dadurch, dass jeder und jede von uns vor Gott als Sünder Gnade und Gerechtigkeit durch Gottes Liebe und Barmherzigkeit erlangt, haben wir es nicht nötig uns auf die bösen Spiele der Welt einzulassen.

Ich sage aber nicht, dass sich ab sofort jeder zu einem Opferlamm verändern muss und sich alles gefallen lassen muss.
Ich denke, Konflikte und zwischenmenschliche Probleme müssen angesprochen, ggf. in der Sache knallhart ausdiskutiert werden und es muss eine friedliche und einvernehmliche Lösung gefunden werden. Vielleicht auch ein Kompromiss, der beiden Seiten nicht hundertprozentig schmeckt. Aber solche Lösungen sind immer noch leichter zu ertragen als kleine und große Kriege, die nur sinnlose Opfer bringen.
Denn letztlich hat Paulus doch die realistischere Sicht der Dinge, wenn er Hass, Streitigkeiten, Gewalt und die kleinen und großen Kriege von ihren Folgen her bewertet.

Was bringt es mir, wenn ich irgendwann einmal Recht bekomme, aber mein Leben finanziell oder seelisch ruiniert ist?
Und wie soll ein Mensch an die Macht der Versöhnung, Liebe und Barmherzigkeit glauben, wenn er sie niemals in seinem Leben verspürt hat?
Wie sollen Kinder und Jugendliche Solidarität und Nächstenliebe oder sogar Toleranz gegenüber fremden Menschen üben, wenn sie es nicht von uns Christen hin und wieder vorgelebt bekommen?
Und wie heilsam Versöhnung, die Fähigkeit zu verzeihen und Liebe unter uns Menschen wirken, das kann jeder ermessen, der einen langen Streit beigelegt hat, der nicht bis zum bitteren Ende geführt wurde. Zentnerschwere Lasten fallen einem von der Seele, die zerstörerische Energie des Hasses löst sich, der Blick für das Leben weitet sich und das Leben öffnet sich wieder. Und was der Glaube, der sich auf die Liebe Gottes zu uns Menschen gründet, für Früchte bringt, davon kann jeder und jede von uns berichten, der oder die die Macht der Versöhnung im eigen Leben und am eigenen Leib gespürt und verspürt hat.
So wie wir Menschen zu Hass und Gewalt fähig sind, so sind wir auch zu Liebe und Aussöhnung fähig.
Liebe ist bekanntlich stärker als alle zerstörerischen Mächte in unserem Leben. Liebe ist selbst stärker als der Tod, nach unserer christlichen Sicht der Dinge.

Liebe Schwestern und Brüder, es lohnt sich dieser Liebe nachzufolgen, es lohnt sich von dieser Liebe unseren Kindern zu erzählen und es lohnt sich immer die erlösende und aussöhnende Macht der Liebe in Jesus Christus am eigenen Leben zu verspüren.

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