Leben, was wir sind

Gebrochene Biografien gibt es Viele. Nicht jeder hat das, Glück behütet aufzuwachsen, mit Eltern die Vertrauen haben, die Wege bereiten, aber nicht die Hindernisse wegräumen. Viele Menschen haben etwas Anderes in ihrem Leben erlebt, Elternhäuser, die Entwicklung eher behindert haben als befördert. Freundeskreise, die runterzogen und nicht ermutigten. Solche Menschen fanden sich schon immer auch in christlichen Gemeinden und gerade an die richtet sich der 1. Petrusbrief auch:

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Eine bedrohte Gemeinde wird hier angeredet. Da sind viele Menschen dabei, die schon manches ertragen haben: Verachtung und Spott, Mobbing und Verfolgung.

Das ist bekannt in der Gemeinde rund um das Jahr 100, dass es eng wird für die christliche Gemeinde, dass der Glaube Opfer verlangen wird, dass manche das, was kommt, nicht überleben werden. Da geht es den ChristInnen damals wie heute noch in Nigeria im Irak oder Syrien. Glauben kann lebensgefährlich sein. Das ist schwer vorstellbar für unsere Gemeinde, die eher darunter leidet, dass alles so selbstverständlich ist, dass es kaum noch jemanden wirklich interessiert, die es ertragen muss, immer mehr beiseitegeschoben zu werden.

Die Gemeinde jener Tage wird nicht beruhigt, sondern aufgefordert, ermutigt, zu sein, wozu sie berufen sind. Sie dürfen Stein des Anstoßes bleiben in einer Welt, in der jeder sein Eigenes sucht. Sie dürfen zum Fundament für das Reich Gottes werden.

Ihr seid! Auserwähltes Geschlecht, königliche Priesterschaft. Diese Begriffe, die in der Antike eigentlich nur Königen zustanden gelten plötzlich für jeden einzelnen Menschen, der zur Gemeinde gehört. Das Christentum ist darin revolutionär, dass es jedem Menschen diese Würde beilegt und nicht nur irgendwelchen Fürsten oder Kirchenführern.

Trotzdem finden wir die Versuchung etwas Besseres zu sein auch in der Wirklichkeit unserer Kirche und ihrer Amtsträger. Gemeinde von Schwestern und Brüdern muss immer wieder korrigieren und reformieren. Muss immer wieder auf dem Weg bleiben zu werden, was sie nach der Verheißung eigentlich schon ist.

Ein Haus aus lebendige Steinen sollen wir Christinnen und Christen sein – zu Zeiten von Kirchenschließungen hört sich das eigenartig an. Aber es sagt eigentlich nur. Die Kirche lebt nicht in Stein und Geld, sondern in Menschen, die sich anstecken lassen, die sich begeistern – von geist erfüllen lassen. Gebäude und Geld sind Hilfsmittel, das gemeinsame Leben zu gestalten. Mehr nicht.

Das eigentliche Kapital der Kirche sind die Getauften. Menschen, die in den Leib Jesu hineingetauft wurden und die darum auch leben dürfen im Glauben.

Ich bin getauft – nicht auf den Namen irgendeines Erfolgsgurus, sondern auf den gekreuzigten, auf den looser, den Gott zum Eckstein gemacht hat. Dass Gott mich berufen hat, ist auch so ein Wunder. Es geht nicht um die immer erfolgreiche Kirche. Es geht um die Gemeinschaft der Heiligen, die oft so seltsam unheilig sind.

Jesus Christus war nicht der strahlende Held, den Gott auf einen Podest gesetzt hat: Geboren im Stall bei Bethlehem, aufgewachsen als uneheliches Kind eines Handwerkers und seiner Frau in dem Kaff Nazareth, von dem das Sprichwort sagt: ‚Was kann aus Nazareth Gutes kommen?‘ Hingerichtet wie ein Schwerverbrecher am Kreuz. Und die, die ihm folgten waren Fischer, einfach und ungebildet und selber voller Fehler, wie Petrus und Judas. Dieser Jesus wurde zum Eckstein, zum wichtigsten überhaupt, die anderen zu Grundsteinen. Und uns wird das Gleiche zugetraut. Die Kirche Jesus Christi ist keine glänzende Geschichte. Keine Geschichte von erfolgen und auch keine Geschichte in der die Handelnden frei von Schuld blieben. Eine Geschichte von Menschen, die mit Zittern und Zagen versucht haben, ihren Glauben zu leben. Wie Martin Luther, der mit Angst nach Worms ging. Aber er ging. Und stand dort ganz kleinlaut: ‚Hier stehe ich, ich kann nicht anders – Gott helfe mir. Amen.

Christinnen und Christen müssen keine Helden sein und sind sich oft nicht einmal sicher, ob das alles richtig ist, was sie glauben. Aber sie sind von Gott Berufene, in die Gemeinde hinein Getaufte. Nur deswegen sind sie auch lebendige Bausteine der Kirche, sind sie auserwählte Priester, Heilige Gottes.

Das dürfen wir hören als Zusage an uns im Sinnes des alttestamentlichen Wochenspruchs: Jesaja 43,1: So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Wir müssen uns nicht fürchten, brauchen keine Angst zu haben; denn wir gehören zu diesem Herrn, der uns liebt und gerade in unserer Schwäche bei uns ist. Der uns nicht zu starken Superhelden macht, aber zu Menschen, durch die das Wunder der Liebe und der Gerechtigkeit in dieser Welt wahr werden kann, wenn wir nur leben, was wir sind.

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