Es geht auch anders

Liebe Gemeinde,
der Prophet Ezechiel hört eine Gottesrede und gibt sie weiter an das Volk Israel:
[1] Und des HERRN Wort geschah zu mir: [2] Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden«?

Eyal, Gilad und Naftali sind nicht daran schuld, dass sie vor gut drei Wochen umgebracht wurden. Ihr einziger Fehler: Sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort. Drei israelische Jugendliche, 16 und 19 Jahre alt, die einfach nur nach Hause wollten. Sie stiegen in ein falsches Auto, wurden von Terroristen der Hamas entführt und – wie wir am vergangenen Dienstag erfahren haben – umgebracht.
Wer ist schuld?
Die Mörder, sicher. Aber die können auf erfahrenes Unrecht verweisen: Ermordete Kinder, gestohlenes Land.
Sind vielleicht die Väter dieser Generation schuld, weil sie es versäumt haben, sich auf ein dauerhaftes Friedensabkommen zu einigen? Oder deren Väter, die der Vernichtung im Holocaust entgangen waren und in Palästina endlich einen eigenen sicheren jüdischen Staat aufbauen wollten? Oder die andere Seite, die sofort erklärte, sie wolle die Juden zurück ins Meer treiben? Die Deutschen, die diese Voraussetzung überhaupt erst geschaffen haben…
Immer weiter kann man zurückfragen.
Nicht nur bei dem Israel-Palästina Konflikt, bei jedem Krieg liegen die Wurzeln in der Vergangenheit: Verträge, die nicht gemacht oder nicht eingehalten wurden, Hände, die nicht gereicht wurden. Gespräche, die nicht geführt wurden…
In diesen Tagen wird ja auch an den Beginn des ersten Weltkriegs erinnert, die Ursachen und Folgen beleuchtet. Man kann das heute gar nicht mehr fassen, mit welcher Begeisterung die jungen Männer damals in den Krieg gezogen sind – als ob es ein Riesenspaß wäre.
Und als das große Morden vorbei war – wer hätte denn damals im Jahr 1918 gedacht, dass 20 Jahre später ein mörderisches Regime die Welt in den nächsten großen Krieg und Weltenbrand treibt. Am Ende leiden am meisten diejenigen, die man am wenigsten verantwortlich machen kann: Die Kinder. Ob das jetzt in Syrien, in Nigeria oder sonstwo ist.

Und darum leuchtet mir das Sprichwort aus dem alten Israel ein. Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.
Das heißt: Die Versäumnisse der Vergangenheit rächen sich. Das, was die Väter angerichtet haben, müssen die Kinder ausbaden. Nicht den Vätern warden die Zähne stumpf von zuviel Trauben, sondern den Kindern.

Aber Gott widerspricht dieser Sicht der Dinge. Ich gehe weiter in unserem Predigttext:

So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. [4] Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben. [ … ] [21] Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben.
… Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der HERR. Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt. [31] Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? [32] Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der HERR. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.

Was meinen Sie: Ist das ein harter Gott oder ein mitfühlender Gott, von dem wir hier hören?
Zunächst einmal sagt dieser Gott auf jeden Fall:
Ihr könnt Euch nicht mit den Fehlern der Vergangenheit herausreden. Jetzt ist die Zeit, etwas zu ändern. Unrecht muss nicht zu Unrecht führen.
Die israelische Regierung muss auf den Tod der drei Jugendlichen nicht mit noch mehr Zerstörung und Töten reagieren. Boko Haram muss nicht noch mehr Mädchen in Nigeria entführen, auch wenn die Muslime im Norden guten Grund haben, sich von der korrupten Regierung betrogen und im Stich gelassen zu fühlen. Der Konflikt in der Ukraine muss nicht zu noch mehr Blutvergießen führen, auch wenn schon soviel Unrecht geschehen ist.
So verstehe ich diese Gottesrede bei Ezechiel. Dass Gott sagt: Nein, den Kindern müssen eben nicht die Zähne stumpf warden, weil die Väter zuviel Trauben gegessen haben
Was uns heute irritiert, ist allerdings die Begründung. Gott sagt: Ich töte den Gottlosen, denn jeder Mensch gehört mir.
Für die Menschen damals war das wahrscheinlich nicht so anstößig wie für uns heute. Dass Gott straft, auch mit dem Tod, war ihnen selbstverständlich und keine große Neuigkeit.
Wir sehen das heute anders. Die meisten von uns wollen nicht an einen Gott glauben, der Todesurteile verhängt über die Menschen, Fehlverhalten mit Hinrichtung bestraft. Das haben wir ja auch im heutigen Evangelium ganz anders gehört: Gott ist wie ein Hirte, der einem einzigen verlorenen Schaft nachgeht, bis er es gefunden hat. Gott sucht beharrlich nach dem Sünder, so beharrlich wie die Frau, die das ganze Haus umkrempelt, bis sie den verlorenen Silbergroschen gefunden hat.
Diesem Gott kann ich es abnehmen, wenn er sagt:
Kehret um, und ihr werdet leben!
Nicht aus Angst vor einem grausamen strafenden Gott, sondern weil es stimmt: Da wo Menschen nicht auf Gottes Willen hören, da regiert die Macht- und Geldgier. Da ist ein Liter Öl wichtiger als ein Menschenleben. Wo Menschen Gottes Wege verlassen, da machen sie sich selbst zum Gott. Ob sie sich jetzt Kommandeur, Gouverneuer, Warlord oder sonstwie nennen… Wo Menschen den Schöpfer nicht achten, da wird rücksichtslos der Regenwald abgeholzt. Zuerst sterben die indigenen Völker und irgendwann fehlt uns allen die Luft zum Atmen.

Kehret um und ihr werdet leben!
Ezechiel ruft es uns zu, im Namen Gottes.
Niemand von uns hat die Macht dem mörderischen Treiben in Syrien oder im Irak, in Nigeria oder in der Ukraine wirklich Einhalt zu gebieten. Niemand von uns kann Eyal, Gilad und Naftali lebend ihren Familien zurückgeben. Aber für können immerhin für den Frieden und für die Opfer der Gewalt beten.
Wir können immer wieder daran erinnern, dass Krieg und Gewalt nicht sein sollen. Und – wie Bundespräsident Gauck ja auch eindringlich gemahnt hat – wenigstens den Überlebenden eine sichere Bleibe bieten.
Und wir können bei uns anfangen: Kehret um und ihr werdet leben. In einem Konflikt nicht Fehler aufrechnen, sondern vergeben. Das macht Beziehungen trag- und zukunftsfähig. Lebensfähig. Wir sind nicht dazu verdammt, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen – weder in den großen politischen Zusammenhängen noch in unserem ganz persönlichen Leben. Nur weil die Väter saure Trauben gegessen haben, müssen die Kinder nicht stumpfe Zähne bekommen.
„Kehret um und ihr werdet leben.“
Ja, das ist ein Bußruf, um es mit einem altmodischen Wort zu sagen. Besonders aber ist es Gottes Einladung an uns zum Leben, jeden Tag neu.
Und der Friede Gottes … Amen.

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