Die stets aktuelle Option des Glaubens

Liebe Schwestern und Brüder!

Der eben verlesene Text ist das Glaubensbekenntnis des Judentums. Dieses Glaubensbekenntnis ist nahezu 2700 Jahre alt und wird bis auf den heutigen Tag von allen frommen Juden zweimal pro Tag gebetet, am Morgen und am Abend. Unser Herr Jesus hat es zu seiner Zeit als frommer Jude ebenso gesprochen. Die Juden nennen es "Sch’ma Jisrael", was zu Deutsch "Höre, Israel" bedeutet. Dieses gesprochene Glaubensbekenntnis ist die Summe des jüdischen Glaubens.
Und das "Höre, Israel, dein Gott ist einer" begleitet die gläubigen Juden von der Kindheit an bis zum Tod. Es ist die feste Glaubensstütze aller Kinder Israels.
Auch die Juden, die in die Gaskammern von Auschwitz getrieben und dort ermordet wurden, haben dieses Glaubensbekenntnis an den einen und einzigartigen Gott, zu Adonai gesprochen.

Und wer sich die Mühe macht, ein wenig vom Judentum verstehen zu wollen, der muss zuerst die Bedeutung dieser Worte für das Leben und die Frömmigkeit des jüdischen Volkes zu begreifen versuchen.
Glauben und Frömmigkeit wachsen ja nicht aus dem Nichts.
Der Glaube kommt vom Hören, vom Zuhören auf das Wort Gottes wie der Apostel Paulus an einer anderen Stelle in der Bibel schreibt.
Aber mit dem Hören ist das ja so eine Sache.
Vom Glauben ganz zuschweigen.
Wer hört schon gerne auf andere und dann soll man auch noch auf Gottes Wort hören!?
Hören und Gehorchen sind von der Bedeutung her miteinander verwandt.
"Gehorchen" wollen wir meistens überhaupt nicht. Gehorchen, das klingt so autoritär, so militärisch, so unbedingt, ohne wenn und aber.
Das widerstrebt unserem aufgeklärten und liberalen Geist.
"Gehorchen" und Hören in einem Befehlston, mit Kommandos, das ist nicht unsere Sache.
Viel lieber hören wir auf unsere innere Stimme, vertrauen auf das, was uns unser Freiheitsgefühl oder unser vermeintlich liberaler und aufgeklärter Geist sagt.
Wir wollen uns selbstverwirklichen, wir wollen für uns selbst entscheiden und vor allem eigenverantwortlich denken und handeln .
Individuelle "Selbstoptimierung" gepaart mit viel Eigennutz und Egoismus und einer Portion Freiheit und Lust, das sind momentan höchste Handlungsprinzipien unserer Gesellschaft.
Die soziologischen Schlagwörter lauten "Individualisierung", "Selbstverwirklichung", "Selbstoptimierung" und Pluralismus der Lebensentwürfe und Ideen.
Solidarität, Zusammenhalt und Verantwortung für das Gemeinwesen -christlich gesprochen- Nächstenliebe scheinen als Handlungsoptionen abzunehmen.
Christliche Werte wie Glaube, Hoffnung, Liebe werden an den Rand gedrängt. Und viele gläubige Menschen trauen sich noch nicht einmal ihren Glauben in der Öffentlichkeit zu bekennen, weil sie Angst haben, belächelt, bemitleidet oder verspottet zu werden.
Christliche Wertvorstellungen und religiöse Traditionen nehmen auch in der Familie ab und eine große Anzahl von Kindern kommt – obwohl sie getauft wurden- als religiöse "Analphabeten" zum Kindergarten, zur Schule oder in den Kindergottesdienst. Sie wissen meistens wenig bis nichts über den christlichen Glauben oder christliche Traditionen, weil ihnen ihre Eltern und Paten darüber nichts erzählen wollen oder können.
Und das liegt auch daran, dass der Glaube an Jesus Christus und seine frohe Botschaft nur noch als eine Option unter mehreren für ein persönliches Sinnangebot im Leben betrachtet werden. Neben anderen Möglichkeiten zur Lebensbewältigung wie materialistischem Konsum, sanftem Buddhismus, esoterischem Glauben an „irgendetwas“ Höheres oder eben dem agnostischem Leben ohne Glauben und Gott, ist der christliche Glauben nur noch eine Möglichkeit unter mehreren.
Aber auch die nüchterne Erkenntnis für religiöse Menschen, dass man ein Leben ohne Gott führen kann und dadurch keinen seelischen oder psychischen Schaden nimmt zu.
Christlicher Glaube, das Christentum und die Kirchen scheinen als Bezugsgrößen in öffentlichen Leben zu verschwinden und zu „marginalisieren“. Die Verweltlichung und Säkularisierung der postmodernen westlichen und digitalen Gesellschaft zu Beginn des 21.Jahrhunderts nehmen zu. Gott als Fundament des Lebens verschwindet.
Vielleicht müssen die beiden großen christlichen Kirchen in ein paar Jahren hier in Mitteleuropa eine neue Missionierungs-Kampagne beginnen.

Hingegen sagen uns die Worte aus der Bibel eindeutig, was wir tun sollen:

Wir sollen Gott lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele und ganzer Seele und wir sollen diese Worte unseren Kindern einschärfen, dass sie die Chance bekommen, an Gott zu glauben.
Glauben kommt aus dem Hören, sagt der Apostel Paulus.
Glauben wirkt überzeugend durch Wort und Beispiel.
Und es ist ganz einfach und banal, wenn ich Geschichten vom Glauben erzählt bekomme, wenn ich diese Geschichten hören kann, dann kann ich diesen Geschichten, dann kann ich der Geschichte Gottes mit uns Menschen vertrauen, dann kann ich der Geschichte Jesu Christi mit uns Menschen auch folgen.
D.h. diese Geschichten können als Glaubensgeschichten in meinem Leben zur individuellen Wahrheit, zu meiner Wahrheit für mein Herz und meine Seele werden.
Gott und seine in Jesus Chritus geschenkte Liebe und Gnade können mich ergreifen.
Aber wie soll jemand etwas von der Liebe Gottes für uns Menschen wissen, wenn er sie nicht erzählt bekommt?
Selbst wenn der einzelne Mensch an der Existenz Gottes zweifeln sollte, was ja bisweilen im Leben vorkommt, weil mancher so traurige oder existentiell niederschmetternde Erlebnisse hatte und das Gefühl bleibt, dass Gott uns in dieser oder jener einschneidenden Situation des Lebens alleine ließ. Selbst dann, habe ich doch noch nicht das Recht anderen die Geschichte Gottes mit uns Menschen vorzuenthalten.
Kinder und Jugendliche sind offen für die Glaubensgeschichten und wir Erwachsenen sind es ihnen schuldig diese Glaubens-Geschichten zu erzählen.
Das kann nicht nur der "professionelle" Christ, der Pfarrer/ die Pfarrerin oder der/die Religionslehrer/in, eben weil diese nicht alle Menschen erreichen können. Da müssen alle mitarbeiten und wenn die Eltern vor lauter Arbeitsüberlastung oder liberalen Geist überfordert oder unwillig sind, die frohe Botschaft von der Liebe und Gnade Gottes zu uns Menschen weiterzuerzählen, dann müssen es eben die Großeltern tun.
Beten zu Hause ist ein Ritual, das den Glauben stärkt und seelisch hilft, von klein auf.
Auch die Geschichten von Jesus sind für die religiöse Prägung wichtig und sie müssen immer wieder in der Familie erzählt werden.

Ich bin einmal gefragt worden, warum die Juden so einen starken Zusammenhalt untereinander haben?
Ein Grund ist bestimmt ihre leidvolle Geschichte, aber der andere viel gewichtigere Grund ist ihr überzeugter starker Glaube an Gott.
Im Judentum gehört der Glaube zum Leben wie Moren und Abend. Ein Leben ohne Glauben an den einen, einzigartigen Gott, der das Volk aus der Wüste führte und dessen Liebe für sein auserwähltes Volk ewig und grenzenlos ist, ist für einen gläubigen Juden unvorstellbar.
Das Judentum hat ein sehr feines Gespür für Gottes Heils- und Unheilsgeschichte mit seinem eigenen Volk.
Deswegen lernen die Juden auch von frühster Kindheit an dieses uralte Bekenntnis zu dem einen und einzigartigen Gott.

Das Christentum als die jüngere Schwesterreligion hat sehr viel von der jüdischen Religion übernommen. Viel mehr als wir erahnen.
Auch dieses verlesene Bekenntnis gehört dazu.
Und die Antwort unseres Herrn Jesus auf die Frage, was denn das höchste Gebot sei, war:
"du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzen Herzen und ganzer Seele, von ganzem Geist und von allen deinen Kräften." Und ergänzte: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." (Markus 12,30f)
Zwei Dinge sind wichtig für den Christ und die Christin:
Gott lieben und seinen Nächsten.
Dies sind die beiden christlichen Hauptgebote. In diesen Geboten werden alle Gebote zusammengefasst.

Und ich bin der festen Überzeugung, wenn wir wieder mehr lernen Gott zu lieben und seiner Gnade und Gerechtigkeit zu vertrauen und wenn wir aufhören Nächstenliebe als Eigenliebe mißzuverstehen, dann hat der christliche Glaube eine große Chance und Zukunft in unserer Gesellschaft.
Denn es gibt ja auch verheißungsvolle Tendenzen in unserer Gesellschaft. So werden die Amtshandlungen (Taufe und Trauung) der Kirche unvermindert in Anspruch genommen, weil die jüngere Generation das Gefühl hat, dass zu einem einschneidenden Erlebnis zweier Menschen auch die Verheißung, Liebe und der Segen Gottes gehört.
Laut der neuesten Kirchenumfrage lassen nahezu alle getauften christlichen Eltern ihre Kinder auch taufen, weil sie der christlichen Tradition und den christlichen Werten in einer unübersichtlich werdenden Gesellschaft mehr vertrauen als den neuesten Trends und Tendenzen in dieser optionalen Gesellschaft.
Und auch viele junge Paare lassen sich freiwillig und ohne familiären Druck häufiger kirchlich trauen, weil sie wohl auch verspüren, dass Gottes Liebe und Segen zum Beginn einer Ehe dazu gehört.
Ebenso interessant ist die gleichbleibend hohe Tendenz von Konfirmationen in unserer Kirche.
Alles in allem gibt es den positiven Trend die kirchlichen Amtshandlungen in Anspruch zu nehmen, weil die Kirche als Garant für die Stabilität von christlichen Werten angesehen wird. Gerade in einer Zeit, wo über den Verlust von Werten wie Gemeinschaftsgefühl, Solidarität und Nächstenliebe die Rede ist, ist es wichtig, dass das Christentum und die Kirche als Garant für die Vermittlung von positiven Traditionen und christlichen Werten betrachtet wird. Auch im öffentlichen Raum
Aber die Kirche Jesu Christi ist immer nur so gut wie ihre Glieder, die den Leib Christi bilden.
Deswegen haben wir alle die Aufgabe die Geschichte von Gott mit uns Menschen, die Geschichte seiner Liebe, seiner Gnade und seines Segens weiterzuerzählen. Und wenn wir im kleinen von Gottes Liebe und Taten für uns und unsere Kinder erzählen und diesen Glauben an Gottes Liebe mit etwas mehr Engagement weitergeben, dann müssen wir nicht in einer glaubensarmen und wertelosen Gesellschaft leben.
Gottes Liebe und Gnade ist uns gewiss, aber sie ereignet sich nicht zum Nulltarif.
Wer die Liebe Gottes am eigenen Leib verspürt, der erzählt davon. Und aus diesem Glauben wachsen wiederum Liebe und Solidarität.
Worte, Taten, beispielhaftes motiviertes Leben und Werke, die unsere Gesellschaft dringend nötig hat.
Aber nochmals die Verantwortung fängt bei jedem einzelnen von uns an, denn der Glaube fällt in den seltensten Fällen vom Himmel, sondern ist für uns alle ein manchmal mühevoller und lebenslanger Entwicklungsprozess.
Aber seine Früchte und Verheißungen sind sichtbar und von diesen Früchten zu essen, das lohnt sich, gibt Kraft und stärkt Leib und Seele.
Amen.

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