Ein glühender Backofen voller Liebe

Dass das Verhältnis einmal so schwierig wird, hätte sie nie gedacht. Sie wollte es mit ihrer Tochter ganz anders machen, als sie das Verhältnis zu ihrer Mutter in Erinnerung hatte. Sicher waren sie sich in den letzten Jahren, seit sie selbst Mutter war und ihre Mutter die Rolle der Oma sichtlich genoss, wieder viel näher gekommen. Aber es war immer nur eine angespannte Ruhe und es hätte jederzeit wie früher werden können. Manchmal erschrak, weil sie an sich Eigenheiten ihrer Mutter entdeckte, und dann überlegte sie, ob nicht das die Ursache der vielen Konflikte war, dass sie einander so ähnlich waren, gerade in den Dingen, sie sie gegenseitig nicht mochten …
Und manchmal war sie auch ein bisschen eifersüchtig über das beinahe verliebte Verhältnis ihrer Tochter zum Vater, dem der Stolz förmlich ins Gesicht geschrieben war.
Der Sohn dagegen überlegte , wann sich seine Beziehung zum Vater so merkwürdig verändert hat.Früher hatten Vater und Sohn unglaublich viel zusammen unternommen. Der Vater war der Held seiner Kindheit, sie sind über den Bolzplatz gerannt, haben kein Heimspiel ihrer Mannschaft in der Bundesliga verpasst, haben miteinander gerangelt und überall wurde erzählt, wie intensiv diese Vater-Sohn-Beziehung war. Manchmal fehlte ihm diese Nähe, aber er war ja auch nicht mehr zehn. Er lebte sein eigenes Leben, hatte einen eigenen Freundeskreis und mit dem verbrachte er seine Zeit und dort konnte er alles loswerden, konnte die anderen Seiten in sich zeigen, da war alles so unkompliziert.
Hatte es in der Pubertät angefangen?
Wahrscheinlich!
Er wollte gerne seinem Vater wieder näher sein, aber nicht mehr als der kleine Junge, er wollte auch nicht einfach ein Kumpel sein, er wollte der erwachsene, mit beiden Beinen im Leben stehende, auch erfahrene Sohn sein, auf Augenhöhe, ohne nicht dennoch manchmal noch gerne aufschauen zu können, was seinem Vater alles im Leben gelungen war.
„Mutter-Tochter
Vater-Sohn
Tochter-Vater
oder gar Mutter-Sohn-Geschichten“ – die haben es in sich!
Beziehungen, so intensiv, so nah, so leidenschaftlich, aber auch so verletzlich, voller Missverständnisse und intensiver Lernprozesse der Ablösung und Annäherung, so voller empfindsamer und verwundbarer Liebe.
Wir wären nicht, was wir sind,ohne unsere Eltern – im Guten und im Schlechten. Nichts und niemand prägt so sehr, wie Mutter und Vater in den aufregenden und anstrengenden Jahren der Kindheit.
Aber (fast) nichts macht auch das Leben so reich, wie das Glück Kinder ins Leben begleiten zu dürfen oder in einer Atmosphäre der Liebe und der Geborgenheit aufwachsen zu dürfen.
Nichts und niemanden ist und bleibt man so nah wie den Eltern und von niemandem muss man sich im Leben so sehr lösen.
Wir sind uns ein Spiegel. Wir sehen unsere Eltern und entdecken uns, wir nehmen einander wahr und entdecken und erkennen Vater und Mutter wieder, sind beglückt, sind erschrocken, sind irritiert, sind und bleiben Kinder, Familie, eins, vereint bei aller Unterschiedlichkeit.
Es ist leicht darüber zu klagen, man kommt nicht voneinander los, aber es ist Zeit, auch einmal dankbar das Geschenk der Liebe und der Geborgenheit, der Fürsorge und auch der gegenseitigen Reibungsflächen auf dem Weg ins Erwachsenenleben wahrzunehmen.
Gott sei Dank!
Das sag ich auch mit einem freundlichen Blick zu unserer Tauffamilie und ihrer Tochter. Da warten noch ganz viele Abenteuer auf die kleine Familie eingebettet in eine wahrlich große Familie, die zeigt, dass sie zusammengehört und zusammensteht.
Gott sei Dank!
Wir Menschen können ohne Beziehungen nicht leben, sind angewiesen auf soziale Kontakte, Netzwerke, auf Freunde und Familien und können kaum etwas so schwer aushalten und ertragen, wie Einsamkeit.
Dafür sind wir eben nicht gemacht. Allein sein tut nur manchmal gut, gemeinsam ist es besser.
Gott hat uns da etwas von sich tief ins Herz gelegt, denn wenn ich diesen Trinitatissonntag im Kirchenjahr richtig verstehe, dann will er uns nicht mehr und nicht weniger sagen, als das Gott Beziehung ist und auch ER ohne Gemeinschaft nicht sein kann und nicht sein will. Er ist, so hat es der Reformator Martin Luther einmal wunderbar eindrücklich und bildhaft gesagt, ein „glühender Backofen voller Liebe“-
Und Liebe und Leidenschaft, Feuer und Flamme füreinander oder gar Begeisterung miteinander und aneinander sind nichts anderes als Ausdruck von Beziehung und noch einmal Beziehung.
Diese Verbundenheit, dieses Angewiesensein, diese Leidenschaft und Liebe kann sich ganz unterschiedlich äußern. Auch das kennen wir ja aus unseren Verhältnissen und Beziehungen, dass Liebe etwas sehr vielschichtiges und vielgestaltiges ist und sich wandelt, wächst, oder verändert.
Wir taufen im Namen und auf den Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, wir feiern Gottesdienst in seinem dreigestaltigen Namen und singen über , beten zu und reden von Vater , Sohn und Heiligem Geist und fühlen uns dabei dem einen Gott verbunden, der der Gott Israels, Abrahams, Isaaks und Jakobs war, der Vater Jesu Christi.
Und je nachdem, welche Seite der „Leidenschaft Gottes für uns“ wir wahrnehmen, reden wir vom Vater, vom Sohn und vom Heiligen Geistes.
Wir spekulieren nicht über Dinge, die sich unserem Verstehen entziehen müssen, weil Gott immer mehr ist, als wir denken und sagen können, wir staunen aber, wie und wo uns Gott begegnet, wo wir Glut im Backofen der Liebe finden, an der neues Feuer entfacht werden kann.
Manchen ist Jesus von Nazareth in seinem Menschsein ganz nah und vor Augen. Sie können sich an ihn halten, an ihm orientieren, haben das Gefühl ihr Leben in sein Leben eingewoben wiederzufinden und fühlen sich getröstet, angenommen und verstanden. Sie leiden manchmal wie Jesus an der Gleichgültigkeit der Mitmenschen, aber auch an der Rätselhaftigkeit Gottes, nach dem sie doch mit aller Kraft suchen und sich sehnen.
Ich empfinde das als großen Trost in den Krisen des Lebens, zu wissen, dass Gott nicht nur Leidenschaft in sich trägt, sondern auch das Leiden seinem Herzen so nahe ist, denn der Sohn leidet an dem Weg, den er gehen muss und der Vater leidet mit am Schicksal seines Sohnes.
Anderen ist im Sommer Gott in der Schöpfung und in der Natur ganz nah und ihnen geht die Kehle vor Gesang nur so über: Geh aus , mein Herz und suche Freud, in dieser lieben Sommerzeit, an deines Gottes Gaben ( und sie werden unruhig und ungeduldig, wenn sie sehen, wie lieblos manche mit diesem Wunderwerk umgehen!)
Wenn ihnen noch irgendetwas einleuchtet von Gott, dann ist es die Einsicht und das Staunen über die Schöpfung, das Werk seiner Hände, die Kreativität und Macht seines Wortes, dass alles ins Sein rief.
Andere sind froh und dankbar, dass sie gegen die Einsamkeit und gegen die Vereinzelung und auch gegen Egoismus sich als Teil einer großen Gemeinschaft verbunden durch Glaube fühlen dürfen und möchten gerne andere einladen und mit ihrer Begeisterung anstecken.
Sie erleben Gott in dem Weg des Sohnes, sie erleben den Schöpfergott in der Schönheit der Welt, die uns ein zu Hause ist, und fühlen sich als Kinder des Vaters und sie spüren ein Brennen, eine Glut, eine Kraft des Glaubens in ihrem Herzen, eine Begeisterung, die nur von Gott kommen kann.
Sie erleben mit Paulus gesprochen Gnade, Nähe und Zugewandheit und Vertrautheit in Jesus, der Liebe Gottes gelebt, buchstabiert und unter Menschen bekannt hat. Sie erleben Gemeinschaft, die Brücken schlägt zwischen Alt und Jung, Männern und Frauen, Völkern und Kulturen, sie erleben Gemeinschaft, in der mit vielen Stimmen und in vielen Sprachen voller Begeisterung Gott angerufen wird mit der einen Sehnsucht des Herzens. Sie entdecken, wie ihr Herz berührt, die Seele getröstet und die Augen geöffnet werden. All das kommt von Gott, der nicht unberührt über allem thront, der mit mir bangt, sich nach Gemeinschaft sehnt, an Lieblosigkeit leidet und sich das alles buchstäblich zu Herzen nimmt. So einen Gott haben wir an unserer Seite, auf unserem Weg.
Einen Gott, der seine eigene Vater-Sohn, Mutter-Tochter, Mutter-Sohn oder gar Vater-Tochter Geschichte erzählen kann, weil er Beziehung ist: drei in einem, einer in drei.
Ein Gott, ein Glaube , eine Taufe, aber in sich ein Backofen voller Liebe zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist, voller Gnade, voller Zuneigung, voller Gemeinschaft, er in sich, wir mit ihm, er mit uns, wir untereinander.

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