Unverfügbarkeit- Glaubensgewissheit- Gelassenheit

Liebe Schwestern und Brüder!
„Warum wird der eine Mensch, der das Evangelium hört, davon innerlich erreicht und der andere nicht?…
Dieses unverfügbare Geschehen, durch das das Evangelium einen Menschen so erreicht, das seine Wahrheit für ihn zur Gewissheit wird, bezeichnet die christliche Glaubenslehre als Wirken des Heiligen Geistes."

Und dann heißt es mit drei einfachen Sätzen:
– Wir wissen nicht, wie es geschieht.
– Wir sind nicht in der Lage, das gezielt zu bewirken oder herzustellen.
– Wir können das nur auf ein unverfügbares Wirken Gottes zurückführen.

So prägnant schreibt dies der emeritierte Marburger und Heidelberger Theologieprofessor Wilfried Härle in seinem Aufsatz „Der Heilige Geist“ in einem Büchlein mit Pfingstgottesdiensten (in: Hans-Helmar Auel (Hg.), Gottesdienste zum Pfingstfest, Göttingen 2013,S. 9).

Der Geist Gottes, der Heilige Geist ist unverfügbar und weht, wann und wo er will.
Und wen er erreicht, dem schenkt er Glaubensgewissheit und die nötige Gelassenheit, sein Leben unter und mit Gott zu gestalten.

Paulus schreibt im heutigen Predigttext, dass dieser göttliche Geist lebendig macht und frei macht von allen Bindungen, auch von der letzten Bindung der Sterblichkeit und des Todes, wenn dieser Geist in uns wohnt.

Was bedeuten diese Sätze für uns heute und hier?

Zuerst kann ich in diesem Kontext darauf vertrauen, dass dieser Geist Gottes weht und mein Leben erneuert, dass er Kraft gibt auch mein Seufzen als sein Kind Gottes zu hören und meiner Schwachheit und Ohnmacht aufzuhelfen.
Doch dieses Wehen des göttlichen Geistes, das die Bibel als ein Brausen beschreibt, ist unverfügbar und nicht von mir zu manipulieren oder herbei zu reden, sondern kann nur in der persönlichen Lebens-Rückschau als Wehen und Wirken dieses Heiligen göttlichen Geistes in meinem Leben interpretiert werden.
Dann ist es der Geist der Wahrheit und der Glaubensgewissheit.
Kommen wir jetzt zur erwähnten Glaubensgewissheit durch den Geist Gottes evoziert: Es ist dies die feste Überzeugung nicht zufällig, einsam, biologisch programmiert oder nur durch rationale und vernunftmäßige Überlegung zu existieren. Sondern als Kind Gottes, das geliebt, behütet, bewahrt, gesegnet zu leben. Als ein Wesen zu leben, das sein Selbstvertrauen aus dem Gottvertrauen seines Glaubens zieht.
Wer nämlich sein Selbstvertrauen daraus zieht und sein ganzes Lebens aus der Gewissheit Gottes in seinem Alltag lebt, weil er eben darauf vertraut, dass Gottes unser Vater ist und uns unendlich liebt, behütet, segnet und bewahrt, der bekommt diese Glaubensgewissheit. Diese hoffentlich unerschütterliche und lebenslange Sicherheit im Glauben, dass alles Leben aus Gottes Hand kommt und zurückkehrt.
Dazu gebe uns Gott seinen Geist, den Geist der Wahrheit, der die Geister scheidet und der frei und lebendig macht.

Und nun zum dritten und letzten Punkt, damit das Leben ein fröhliches geistgewirktes Pfingstfest bleibe:
Gelassenheit, die durch den Glauben kommt.
Sozusagen das Anti-Stress Gen der von Gott evozierten Glaubensgewissheit.

Gelassenheit, innere Ruhe, Stille und Fokussierung auf das Wesentliche, das der Hektik und dem Selbstoptimierungswahn unserer Zeit Einhalt gebietet. Nach dem scheinbar ewigen Motto: Ich bin mein eignes Projekt! Und mache andauernd irgendwelche Projekte: Mein Abnehm-Projekt, mein Familie als Projekt, meine Kinder als Projekte meiner Leistungsvorstellungen, mein neues Partnerschafts-Projekt, mein Urlaub als Projekt statt Reiseprospekt, und meine so und so Projekte und Aktivitäten, in denen ich mich versuche permanent selbst zu optimieren und zu verbessern. Hier und da und dort, immer was am Laufen und machen.
Keine wirliche Ruhe, sondern selbstoptimierte Hyperaktivität und selbstgewirkte Dauer ADHS.
Alles Feinde jeglicher Gelassenheit, auch der Gelassenheit des Glaubens.
Einfach mal ruhig bleiben und still werden, den Ball flach lassen und der Dinge da harren, die kommen, fallen schwer.
Immer nur Pumpen, „Herum-Hektiken“, Schaffen, Selbst-Optimieren und Verbesseren zerfressen jede Seele und fordern alles von Organismus und Psyche. Und um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, braucht man kein Arzt oder Psychologe zu sein.
Besser, auch besser für Leib und Seele sind Gottvertrauen und die Gelassenheit, die aus dem Gottvertrauen und der Glaubensgewissheit wachsen.

Härle schreibt zwar in seinem Aufsatz, dass wir dies, nämlich die Wirkungen des Heilige Geistes, nicht beeinflussen können. Weil er nicht verfügbar ist und wir letztendlich nicht wissen, wie Gott es macht.

Aber wir wissen, dass er es macht und im Glauben und mit Gottvertrauen verfügen wir über die Ressource, die uns frei und lebendig macht.
Und wie das aussehen kann, beschreibt Superintendent Simon beispielhaft in seiner Pfingstpredigt zum heutigen Sonntag (Kanzelgruss.de) sehr schön. Er predigt in Anlehnung an das Paulus Wort: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“
"Und hier darf ich das hören, erfahren, zulassen und mir neu zusprechen lassen: Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur,/ ganz egal, ob du dein Lebenslied in Moll singst oder Dur./ Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu / Du bist Du!
Ich möchte das immer wieder so gerne glauben.
Ich möchte andere zu diesem Lebensgefühl gerne einladen.
Ich möchte weitersagen, wie mir mein Gottvertrauen Selbstvertrauen geschenkt hat.
Ich möchte dieses tragende Lebensgefühl immer wieder neu in mir spüren.
Ich möchte, dass es wie ein sanfter Sommerhauch alle berührt und bewegt – aufeinander zu und am Ende himmelwärts.
Ich möchte, dass dieser Geist zwischen uns und in unseren Häusern spürbar ist und unser Leben beseelt.
Ich möchte, dass Menschen offene Ohren und offene Herzen geschenkt bekommen für das Werben und Flüstern, für die Einladung, für den Trost und für die richtungsweisenden Worte Gottes.
Ich möchte, dass unser Reden, unser Singen und unser Beten nicht leeres Gerede werden, sondern den Geist und die Kraft und die Lebendigkeit Gottes atmen."

Diese vom Geist Gottes gewirkte und bewirkte Kraft und Lebendigkeit Gottes am Pfingstfest möge täglich und lebenslang in unser Leben brausen und Glaubensgewissheit und Gelassenheit schenken.

Amen.

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