Frischer Wind in alten Gemäuern

Ich hatte schon vergessen, dass ich die Terrassentür weit aufgemacht hatte und sie seitdem immer noch offenstand. Es war einer der ersten warmen Frühsommertage und während draußen sommerliche Wärme die Luft erfüllte und ein eigentümlicher Duft sich ausbreitete, wollte ich drinnen gerne etwas die Kühle, die tief saß, nach dem langen Winter endlich vertreiben. Als ich auch oben das Fenster öffnete, gab es einen lauten Knall und die Terrassentür war zugefallen, glücklicherweise ohne großen Schaden, nur mit dem Schrecken des Unerwarteten. Aus dem behutsamen frischen, aber warmen Wind war ein starker Zug geworden und ließ die Türen ins Schloss fallen.
Manche halten deswegen gerne Türen geschlossen, gar nicht so sehr aus Angst vor ungebetenen, auch tierischen Gästen, als vielmehr vor der Angst plötzlich im Zug zu sitzen und einen steifen Nacken oder gar schlimmeres zu bekommen.
Andere möchten dagegen gerne den Mief vertreiben und ihnen kann es gar nicht genug Durchzug geben, sie reißen alle Fenster und Türen so weit wie möglich und noch weiter auf!
Unsere Kirchen stehen ja im Ruf grundsätzlich verschlossen zu sein. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, verschlossene Kirchen wären eine protestantische Eigenheit und nur der Katholizismus würde Gläubigen und Ungläubigen gleichermaßen seine Kirche zur Einkehr, zur Stille, zum Gebet oder einfach zum genussvollen Betrachte öffne.
Das ist nun wirklich nur ein Gerücht und nicht alles, was erzählt wird, muss deswegen ja schon wahr sein. Es hätte nicht erst die Aktion Nacht der offenen Kirchen gebraucht, um dies zu unterstreichen, der Brandenburgische Dorfkirchensommer und die einladenden Tafeln am Wegesrand „offene Kirchen“ tun dies schon lange in der halbwegs warmen Jahreszeit. Aber die Aktion der Kirchennächte mag dies ja noch einmal unterstreichen.
Offene Türen symbolisieren eine nicht zu übersehende und überhörende Einladung: Kommt, seht, betrachtet, entdeckt und erzählt davon, damit beim nächsten Mal noch mehr kommen.
Was einmal an vielen Orten mit Tagen der offenen Tür begann, kennt inzwischen die Nacht der Museen, die Nacht der Wissenschaft, die Nacht der Schlösser und Gärten, die Nacht der Industriedenkmäler und nicht nur Nachteulen sind dann unterwegs, sondern auch Menschen, die eigentlich nicht die Nacht zum Tage machen, um etwas zu erleben.
Pfingsten ist wie gemacht dafür:
da wird von einem Wind erzählt, der alles durcheinanderbringt, so dass Menschen sich und andere nicht mehr wiedererkennen, sondern Seiten zeigen, die keiner ihnen zugetraut hätte, die manche nur als Rausch deuten könnten, weil ihnen zu mehr die Phantasie fehlt,
da wird ein Feuer entfacht, das viele in Brand setzt, Feuer und Flamme sein lässt, da werden Brücken zwischen Menschen gebaut, die sich bisher nicht verstanden, weil sie nicht dieselbe Sprachen sprachen, obwohl sie von den gleichen Sehnsüchten, Hoffnungen und Ängsten umgetrieben, da verzehren sich Menschen für Gott, der in der Begeisterung der Menge mit Händen zu greifen scheint,die Begeisterung ist ansteckend, Glaube ist mit einem Mal nichts für nur wenige und schon gar nicht privat und versteckt, sondern offen und öffentlich.
Der Anfang einer großen, manchmal großartigen, manchmal aber ernüchternden Geschichte, aus deren Glut aber immer wieder neues Feuer aufgeflammt ist und aufflammen wird.
Hier ist Geschichte nicht einfach nur Erinnerung an längst vergangene und unwiderruflich verlorene Tage, sondern immer zugleich auch Verheißung einer Zukunft, die nicht wir in den Händen haben, sondern die allein Gottes Sache ist.
Hier ist Geschichte und Verkündigung Stein geworden und immer noch nicht verstummt. Allerdings wollen und müssen Augen und Ohren üben, um zu sehen und zu hören. Deswegen sind die Türen nicht nur, aber gerade Pfingsten weit geöffnet und der Wunsch bleibt lebendig, dass ein frischer Wind von einer alten und zeitlosen Botschaft, allerdings mit Ewigkeitsanspruch, wehen möge auch in alten Gemäuern. Vielstimmiges höre ich an diesem Abend und zu diesen Tagen. Das erfordert Konzentration,um die einzelnen Stimmen herauszuhören aus dem, was nur vordergründig wie Stimmengewirr erscheint. Wer aber genau hinhört kann die einzelnen Sprecher, Sänger, Boten und ihre Stimmen unterscheiden.
Da ist zum Beispiel als eine Stimme heute der Apostel Paulus, der vor Damaskus seine ganz eigene Gottes- und Christuserfahrung gemacht hat und ein Lied von dem Sturm singen kann, den Gott in Menschen mitunter entfacht.
Paulus fragt, welcher Geist uns denn beherrscht und beseelt, was uns antreibt und bestimmt: eigensüchtige Wünsche, Egoismen, Oberflächliches, Rücksichtlosigkeit und Gedankenlosigkeit, die ohne an die Folgen zu denken, tut, was auf den ersten Blick Spaß und Genuss verspricht, aber letztlich Verlorenheit, Unzufriedenheit und Einsamkeit produziert, weil nie der Mitmensch und schon gar nicht Gott eine Rolle spielt? „Iss und trink, lass es dir gut gehen, denn morgen kannst schon tot sein“ flüstert es mir recht einleuchtend ins Ohr und ich werde taub für die andere Stimme, die mich mahnend fragt, ob dass denn wirklich schon alles gewesen sein kann, ob mein Leben seinen Sinn nicht vielmehr erst in der Begegnung mit einem anderen oder in der Antwort auf Gottes Liebe, seine Zuwendung und seine Verheißung findet und einen Ewigkeitswert erfährt, der stärker ist alle Todesmächte?
Wenn Gottes Geist uns treibt, entdecken wir als seine Kinder und werden zu Empfängern und Boten seiner Gerechtigkeit:
Was für ein Geschenk, zu leben mit der Überzeugung und Erfahrung in der eigenen Unverwechselbarkeit, aber auch Unvollkommenheit ein guter Gedanke Gottes zu sein und Spuren in dieser Welt hinterlassen zu dürfen. Ich muss meinen Wert nicht erst erarbeiten, verdienen und unter Beweis stellen. Nein, weil Gott mich liebevoll vom ersten Augenblick anschaut, hat jeder Mensch in der unzählige Menge aller Menschen einen unverwechselbaren, einmaligen und eindeutigen Wert, hat ein Ansehen vor Gott und allen Menschen. „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“
Und hier darf ich das hören, erfahren, zulassen und mir neu zusprechen lassen: Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur,/ ganz egal, ob du dein Lebenslied in Moll singst oder Dur./ Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu / Du bist Du!
Ich möchte das immer wieder so gerne glauben.
Ich möchte andere zu diesem Lebensgefühl gerne einladen.
Ich möchte weitersagen, wie mir mein Gottvertrauen Selbstvertrauen geschenkt hat.
Ich möchte dieses tragende Lebensgefühl immer wieder neu in mir spüren.
Ich möchte, dass es wie ein sanfter Sommerhauch alle berührt und bewegt – aufeinander zu und am Ende himmelwärts.
Ich möchte, dass dieser Geist zwischen uns und in unseren Häusern spürbar ist und unser Leben beseelt.
Ich möchte, dass Menschen offene Ohren und offene Herzen geschenkt bekommen für das Werben und Flüstern, für die Einladung, für den Trost und für die richtungsweisenden Worte Gottes .
Ich möchte, dass unser Reden, unser Singen und unser Beten nicht leeres Gerede werden, sondern den Geist und die Kraft und die Lebendigkeit Gottes atmen.
Ich möchte, dass nicht nur unsere Kirchen offene Häuser sind und bleiben, sondern wir ebenso offene Menschen werden, die sich Freude und Leid anderer zu Herzen nehmen und Gott ans Herz legen können.
Ich wünsche mir ein Pfingstfest wie in Jerusalem unter uns, hier und heute und morgen und immer wieder.
Meine Wünsche sind unausgesprochen schon Gebet: Auch diese Stimme ist Pfingsten vom geübten Ohr herauszuhören: der Geist aber hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich´s gebührt. Aber der Geist Gottes vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. So hört Gott, ehe ich rede und sieht mein Sehnen und mein Wünschen und antwortet, wo ich nicht nur bei mir bleibe . Er verbindet uns unter seinem Dach zu einem Wir als seine Kinder. Das ist Pfingsten. Was für eine Botschaft und was für ein Fest, das Gott uns allen bereiten möge in seinem Haus der offenen Türen.

drucken