Die Sache mit dem Fleisch

Wann hat Sie das letzte Mal etwas begeistert? Wann haben Sie das letzte Mal von einem Ereignis, einem Menschen oder eine Sache so geschwärmt, dass andere ihnen die Begeisterung angemerkt haben?
– War es die Begegnung mit einem besonders sympathischen Menschen, vielleicht sogar der Beginn einer Liebe?
– War es die Entdeckung einer ungeahnten Fähigkeit, das plötzliche Gefühl "ich kann es ja doch!" ?
– War es eine besonders schöne Aufführung, ein tolles Buch oder ein sportliches Highlight, das Sie in Begeisterung versetzt hat: "So etwas habe ich vorher noch nie erlebt!"?
– War es ein Urlaubsziel, das sich unauslöschlich in Ihnen eingeprägt hat und das Sie zum Schönsten zählen, das Sie jemals gesehen haben?
– Oder war es gar eine Bibelstelle, die Sie so sehr angesprochen hat, dass Sie genau wussten "Das gilt mir und ist für mich gesagt“?
Begeisterung überzeugt nicht alle. Gerade in unserer nüchternen protestantischen Tradition steht der Begeisterte unter dem Verdacht, ein Schwärmer zu sein, ein Mensch, der im Gefühlsüberschwang die Bodenhaftung verliert, ausflippt. So ein Überfrommer.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es war, als mir Jesus und Gott und Glaube wichtig und lebendig wurden, wie es mich drängte, meine Familie und meine Freunde daran teilhaben zu lassen, sie auch mit meiner Begeisterung anzustecken.
Die häufigste Reaktion war: „Und was soll des jetzt?“ – Eine kalte Dusche.
Begeisterung kommt bei uns nicht gut an.
Das ist doch eher was für Südländer, oder für Schwarze.
Auch an Pfingsten, dem Fest des Heiligen Geistes, geht es bei uns doch eher ruhig und gefasst zu.
Begeisterung hat den Ruf des Strohfeuers, das zwar kurzzeitig große Hitze verbreitet, dann aber schnell verglüht ist.
Da bleiben wir doch lieber auf kleiner Flamme und achten darauf, dass diese nicht ausgeht.
Mit allzu kleiner Flamme aber entsteht keine Wärme und wird keine Ausstrahlung erreicht.

Die Apostelgeschichte will mit ihrer Erzählung des Pfingstereignisses durchaus etwas von jener Begeisterung vermitteln, die die Menschen damals ergriffen hat. Die heute exotisch klingenden Namen der Völkerschaften, die vielen Menschen, die zuhörten, die dreitausend, die getauft wurden… die Erzählung lässt uns heute noch ahnen, welche Begeisterung in Jerusalem herrschte. Schon früh aber scheint auch die andere, nüchterne Seite unseres Glaubens angelegt. Zumindest braucht es einen klaren, nüchternen Kopf, um den folgenden Gedanken des Paulus folgen zu können:

Röm 8,1-11
So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.
Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.
Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch, damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist.
Wer nur seinen fleischlichen Wünschen und Trieben folgt, der bleibt seiner sündigen Natur ausgeliefert. Wenn aber Gottes Geist in uns wohnt, wird auch unser Leben von seinem Geist bestimmt.
Was uns die fleischliche Natur einbringt, sind Verzweiflung und Tod. Gottes Geist aber schenkt uns Frieden und Leben.
Von unserem fleischlichen Wesen her lehnen wir Menschen uns gegen Gott auf, weil wir seine Gebote nicht erfüllen und auch gar nicht erfüllen können
Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen.
Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt.
Wer den Geist Christi nicht hat, der gehört auch nicht zu ihm.
Wenn Christus in euch lebt, dann ist zwar euer Leib wegen eurer Sünde noch dem Tod ausgeliefert. Doch Gottes Geist schenkt euch ein neues Leben, weil Gott euch als seine Kinder angenommen hat.
Ist der Geist Gottes in euch, so wird Gott, der Jesus von den Toten auferweckte, auch euren sterblichen Leib durch seinen Geist der in euch wohnt wieder lebendig machen.

Alles klar, oder? Ich gebe zu: Beim ersten Lesen habe ich auch nur Bahnhof verstanden.
Was will er denn die ganze Zeit mit seinem „Fleisch“ und „fleischlich“.
Und auch diese Gegenüberstellung von Geist und Fleisch, das klingt sehr verwirrend.

Einen strengen Gegensatz zwischen den einen, die noch im Fleisch sind und den anderen, die bereits im Geist leben, baut Paulus auf. Er benutzt dazu eine Bilderwelt, die leicht missverstanden werden kann.

Fleisch, fleischliche Gesinnung: Da denke ich an McDonalds, an Steaks, ich denke an Sex.

Fleisch wird leicht mit dem Körper oder noch enger mit der Sexualität gleich gesetzt.
Die böse "Fleischeslust" steht dann einer am Geistigen orientierten Lebensweise entgegen.
Die böse „Fleischeslust“ heißt konkret: Alles, was Spaß macht, ist verboten, ist sündig, ist schlecht.
Wer „geistlich“ lebt, hält sich aus dieser Welt möglichst raus.
Raucht nicht, trinkt nicht, tanzt nicht, lacht nicht.

"Fleisch" und "Geist" haben bei Paulus aber eine ganz andere, viel weiter reichende Bedeutung. Fleisch ist der ganze Mensch in seiner Vergänglichkeit, seinem Egoismus, seiner Überheblichkeit.
"Fleischlich" ist der Versuch des Menschen, seinen Lebenssinn zu erarbeiten und sich selbst als höchstem Ziel zu dienen.
Fleischlich ist die Orientierung an Macht und Prestige, aber auch die Leere und Sinnlosigkeit, die sich im Leben vieler Menschen ausbreiten.
Fleischlich lebt, wer nichts von seinem Ursprung und Ziel wissen will.
Fleischlich ist ein Leben der Ichbezogenheit und der Selbstgefälligkeit.
Fleischlich lebt, wer im Teufelskreis von Schuld und Versagen immer noch meint, selbst zurecht zu kommen.

Wir leben in einer Welt, die fleischlich ist, und die beherrscht wird vom Gesetz der Sünde und des Todes. Und das spüren wir an allen Ecken und Enden.
Dieses Gesetz herrscht, wenn einer seinen Wut und seinen Zorn in Mordlust entlädt.
Dieses Gesetz herrscht, wenn sich Terror und Terrorbekämpfung gegenseitig hochschaukeln.
Dieses Gesetz herrscht, wenn sich Israelis und Palästinenser beschießen und in die Luft sprengen und dann ihre Toten wieder rächen.
Dieses Gesetz herrscht aber auch, wenn mich mein Kollege reinlegt und ich mir denke:
Dem zahl ich’s aber heim.
Das Gesetz der Sünde und des Todes herrscht überall da, wo wir denken:
Ich lass mir doch nichts gefallen! Ich bin doch nicht blöd!
Überall da, wo dieser fleischlicher Geist herrscht, da herrscht Verzweiflung und Tod.
Da zerbricht Vertrauen, da zerbrechen Beziehungen.

Und Paulus sagt: Wir können da ausbrechen!
Wir sind nicht dazu verdammt, in diesem Teufelskreis zu leben.
Wenn Christus in euch lebt, dann ist zwar euer Leib wegen eurer Sünde noch dem Tod ausgeliefert. Doch Gottes Geist schenkt euch ein neues Leben, weil Gott euch als seine Kinder angenommen hat
Wenn Christus in euch lebt: Das tut er, wenn wir ihn dazu einladen, ihm Raum geben, uns ihm anvertrauen, auf ihn hören.
Und dann schenkt uns sein Geist neues Leben.

Ja, auch wir werden einmal sterben müssen, aber wir wissen seit Ostern: Mit dem Tod fängt das Leben erst richtig an!
Und darum können wir leben befreit von der Furcht: Ich komme zu kurz!
Befreit von der Sorge: Ich muss schauen, wo ich bleibe!

Fleischliches Leben macht einzelne Bedürfnisse zu den Leitmotiven des Lebens. Ich lebe mein Machtbedürfnis, ich lebe für meine Karriere, ich lebe für meine Besitzwünsche, ich lebe für meine Lust, ich lebe, ich, ich, ich…

Das Leben aus dem Geist setzt diesem Ich Grenzen.
Es geht von einer ganz anderen Macht aus, die in meinem Leben entscheidend ist.
Sie begrenzt mein Ego, aber sie erweitert zugleich seinen Horizont.

Alles, was ich selbst ausrichten kann, findet spätestens im Tod seine Grenze.
Was mir der Geist Gottes schenkt, bedeutet Leben weit über den Tod hinaus.

Krankheiten und Schicksalsschläge verlieren nicht ihre Schrecken, aber ihre letzte Gültigkeit in unserem Leben.
Mein Leben kann durch solche Dinge nicht zerstört werden, denn es bekommt seine Kraft aus einer ganz anderen Quelle.
Ja, Leid und Unglück, Angst und Hass, Krankheit und Tod gehören zu dieser Welt.
Seit Pfingsten aber auch der Geist, der Jesus von den Toten auferweckt hat.
Und wenn für uns der Tod seine Macht verloren hat, dann muss man uns das spüren können!
Das wirkt sich für uns ganz praktisch aus:

Wo Menschen verzweifeln, können Christen immer noch hoffen;
Wo andere sich verschließen und abschotten, spricht der Heilige Geist eine Sprache, die von allen verstanden wird;
Wo andere sich bekämpfen oder miesmachen, macht es der Geist von Pfingsten möglich, dass sich unterschiedlichste Menschen lieben und verstehen.
Wo andere sagen: "Zwecklos, das war immer so", da hoffen wir immer noch auf eine Wende zum Besseren und setzten uns dafür ein.
Wo andere sagen: "So viel Leid auf einmal halte ich nicht aus!", da sind wir gerufen, auszuhalten und mitzutragen.
Wo andere sagen: "Mit denen da kann man nicht Frieden halten", da haben wir die Freiheit, unseren Anteil an der Friedlosigkeit selbstkritisch zu beleuchten. –
Wo andere sagen: „Der ist für mich gestorben“, da haben wir die Freiheit, neu aufeinander zuzugehen und Versöhnung zu leben.

Denn der Geist Gottes macht lebendig.

Amen

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