Alles bestens

Wir sind am Aussortieren in diesen Tagen. Was braucht man noch im Ruhestand? Am schönsten wäre es natürlich, wenn ich für die neue Pastorin manche Bücher gleich im Amtszimmer stehen lassen kann.

Aber was braucht jemand, der neu in die erste Gemeinde kommt? Sind die vielen gelehrten Wälzer mit zig Fußnoten dann noch von Belang? Brauchen die Gemeinden überhaupt noch Pastoren, die sich auskennen in Bibel, Gesangbuch, Katechismus. In diversen Stellenanzeigen werden Bewerber gewünscht, die teamfähig sind, kooperativ und konfliktfähig, Humor haben, Organisationstalent, auf Menschen zugehen. Braucht man dazu Pastoren? Können das nicht Prädikanten machen oder andere in Crashkursen intensiv geschulte Quereinsteiger. Leute mich sicherem Auftreten, bei denen es nicht so wichtig ist, was sie können oder gelernt haben, sondern wie sie auftreten, wie sie rüber kommen?

Aber zum Glück gibt es noch die Bücher in der Bibel, bzw. die Kapitel in der Bibel, die schreien geradezu nach fachkundiger Erläuterung. Für Normalversteher, und seien sie noch so gutwillig und glaubensstark, sind sie einfach zu anspruchsvoll. Dazu gehörten schon immer die Prophetischen Bücher von Jesaja bis zur Johannesoffenbarung. Und von den Briefen an erster Stelle der Römerbrief.

Gerade in Kapitel 8 dieses Briefes werden in großer Dichte Schlagworte aufgezählt, um die Synoden und Konfessionen, Theologen aller Lager Jahrhunderte lang gerungen haben, bis sie eine Lösung gefunden haben, die alle oder wenigstens fast alle zufrieden stellte. Die den weitreichenden biblischen Befund auf eine Formel bringt.

Der Apostel Paulus hat wohl nicht geahnt, welche Fragestellungen und Auseinandersetzungen er losgetreten hat. Als er damals in diesem wichtigen Brief seine Glaubensüberzeugungen in Begriffe fasste, die bald klassisch werden sollten. Von göttlicher Vorherbestimmung ist da die Rede. Von Berufung. Von Gerechtsprechung. Von himmlischer Herrlichkeit. Von Christus, dem Erstgeborenen. Er benutzt das Wort heilig mal als Bezeichnung für die Christen, mal für den Geist Gottes.

Wie soll man das in einer Predigt ausschöpfen, anschaulich machen? So fragen wir Theologen. Die Gemeinde fragt so nicht. Die Gemeinde ist nicht verwirrt oder erschlagen von der Fülle der Aussagen im 8. Kapitel vom Römerbrief über Gottes Wirken an uns. Die Gemeinde freut sich über die dieses Kapitel und hat mehrere Aussagen davon zu Kernsätzen erhoben. Von denen haben Generationen von Christen gezehrt. Sie können sie auswendig bis heute.

In vielen Bibeln sind sie in Großbuchstaben oder Fettdruck hervor gehoben.

Sätze wie Römer 8,14: Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

Sätze wie Römer 8, Vers 38: Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur und scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“

Oder eben hier der Spitzensatz, der uns versichert, wie Gott alles zum besten wendet: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“

Das haben wir lange nicht gehört: So eine Anrede aus heiterem Himmel: Du bist auserwählt! Wir kannten es fast nur noch aus dem Kindergottesdienst. Wenn die Berufung von Abraham, von Mose, vom Propheten Jeremia erzählt wurde. In unserem Alltag kam das nicht vor.

Das änderte sich auf einmal mit dem Aufkommen von Wurfsendungen und Spam-Mails. „Herzlichen Glückwunsch! Sie haben gewonnen! Aus einer großen Anzahl von Zigtausenden hat es gerade Sie getroffen.! Lösen Sie noch heute ihren Gewinn ein!“ Wer von uns hat nicht schon eine solche Botschaft auf einem Briefumschlag aus der Post gezogen. Oder man wurde von einem aufpoppenden Fenster mit der Frohbotschaft im Internet begrüßt. Mit Namen natürlich. Dann muss das ja stimmen, wenn die schon meinen Namen kennen.

Wer immer erstmals so beglückt wurde und auch noch ganz überrascht war, wo man doch von keinem Preisausschreiben weiß, an dem man sich beteiligt hätte mit Hauptgewinn Kreuzfahrt oder Sportwagen. Wer immer darauf reagiert hat, ist inzwischen ernüchtert. Und hat erfahren: Er ist nur einer von zigtausenden, die in gleicher Weise geködert wurden.
Von wegen Du bist auserwählt! Alles nur ein listiger Trick. Aber bei Gott ist das anders. Wenn er uns für etwas aussucht, dann ist das wirklich einmalig. Dann lohnt es sich zu reagieren.

Gott trifft seine Wahl früh. Sehr früh. Dem Propheten Jeremia sagt er: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete.“ Man könnte das so verstehen, als sei alles Schicksal. Alles vorherbestimmt. Vom ersten bis zu letzten Tag. Und du kannst gar nichts dagegen machen.

Im Islam und im Hinduismus ist diese Sicht gängig. Inch Allah sagen die Moslems. Das hilft vielen mit der Gefahr umzugehen, wenn sie in Bagdad oder Kabul etwas zu besorgen haben. Und sie müssen dazu auf den Markt oder andere belebte Plätze. Ob sie Opfer einer Bombe werden oder heil nach Hause kommen, führen sie nicht zurück auf eigene Vorsicht oder gut Glück, sondern auf die Vorsehung Allahs. In der Karma-Vorstellung Indiens reicht diese Vorsehung noch weiter zurück auf die Generationen vorher.

Je nachdem, ob die Vorfahren gottesfürchtig oder liederlich gelebt haben, wird davon das Schicksal der nächsten Generation bestimmt.
Ganz abgesehen von der Kastenzugehörigkeit, die bestimmend ist für die nächste Wiedergeburt. So wird der Sohn eines Brahmanen wieder ein Brah-mane, also ein Priester. Ein Paria muss weiter Müll sammeln.

Auch die Bibel spricht von der Vorherbestimmung. Aber es ist immer in Freiheit. Gott fragt den Menschen, Gott ruft ihn. Und so wurde Jeremia als Jugendlicher berufen, Abraham als Rentner. Elisa als er gerade beim Pflügen war. Saul als er entlaufene Esel einfangen wollte, Paulus auf einer Razzia gegen Ketzer.

Es traf sie alle ohne Vorwarnung.
Gott kommt plötzlich. Er pirscht sich nicht leise ran und fragt vorsichtig: „Entschuldige bitte, wie lange bist du schon in deinem Amt? Ist es vielleicht zumutbar, wenn ich einen Berufswechsel bei dir in Gang bringe, ein gewisses Maß an Veränderung?“ Er sagt auch nicht: „Ich werde nun zum nächsten Ersten dein Leben ändern.“ Sondern er sagt: „Es ist schon längst passiert. Ich habe dich erkannt. Ich habe dich ausgesucht. Fang gleich an. Es ist alles vorbereitet. Das ist schon vor langer Zeit geschehen. Jetzt erst teile ich es dir mit.“

Manche von uns haben bis heute nicht ja gesagt zu Gottes Ruf. Gründe gibt es genug, triftige, natürlich. Unsere Ausreden sind immer stichhaltig. Die einen wehren sich mit dem Hinweis, ich bin jung und unerfahren. Andere mit der Begründung, ich bin zu alt, so viel hab ich erlebt, was sich nicht vereinen lässt mit dem Glauben an einen lieben Gott, wie ich ihn mir vorstelle, nein danke, jetzt nicht mehr. Andere verweigern sich Gott mit dem Hinweis, ich kann nicht, ich bin zu unruhig. Andere finden sich viel zu phlegmatisch. Der eine fühlt sich zu ungebildet, ein anderer hält viel auf seine Bildung, der Glaube ist ihm nicht logisch genug, kann nicht bestehen vor seinen klugen Vorbehalten. Der eine ist sowas von einsam und ganz damit beschäftigt, einen Gefährten fürs Leben zu finden: Entschuldige Gott, das nimmt mich total in Beschlag. Der andere ist endlich nicht mehr einsam und muss sich natürlich um seine Liebste, um seine Familie kümmern: Entschuldige Gott das nimmt mich total in Beschlag.

Wir finden immer einen Grund, und es sind wahre und triftige Gründe. Aber wer dann trotzdem ja sagt, der erlebt die Kraft Gottes. Der erlebt, wie diese Kraft ein Leben verändert. So sehr verändert, dass die Mitmenschen, erst recht die Nachwelt gesagt hat: Dieses Leben hat so gewonnen durch die Einflussnahme Gottes. Das soll uns ein Vorbild sein.
Eine Frau, die so etwas erlebt hat, war Elisabeth von Thüringen. Sie war eine Prinzessin, sie starb sehr früh, mit gerade 24 Jahren. Als sie berufen wurde, war sie 4.

Das war in den Adelshäusern des Mittelalters nichts ungewöhnliches. Der Landgraf von Thüringen hatte diese Wahl getroffen. Vordergründig ist es oft so, dass Menschen agieren, aber Gott steht dahinter.
Wenn die Vikare unserer Landeskirche den verschlossenen Umschlag kriegen mit der Adresse der Kirchengemeinde wo sie hin sollen, dann haben Menschen die Wahl getroffen. Aus oft undurchsichtigen Gründen.
Aber Gott lenkt die Dinge.

Der Thüringer Landgraf war damals wichtiger Verbündeter der Staufer, die den Kaiser stellten. Er verhandelte mit dem Haus Andechs-Meran in Ungarn. Die dortige Königstochter Elisabeth sollte einen seiner Söhne heiraten. Die waren zu dem Zeitpunkt alle Kinder. Mit 4 Jahren wird Elisabeth nach wochenlangem Ritt auf die Wartburg gebracht. Dort in Thüringen, später Hessen, ohne jegliche Verwandte, bleibt sie ihr kurzes Leben lang. Die junge Elisabeth war alles andere als glücklich über ihre Lage.

Hinzu kamen die enormen Erwartungen der Deutschen an sie, an das Bündnis. Sie war eine Schachfigur im Spiel der Fürsten. Der Thüringer Landgraf war Gefolgsmann von Kaiser Friedrich Barbarossa. Das Bündnis mit Ungarn sollte die Macht sichern.

In dem Musical „Elisabeth von Thüringen“ wird das so besungen:
„Du bist auserwählt. Man hat dich auserkoren. Als ein Zeichen deiner Zeit wurdest du geboren. Gebannt schaut alle Welt auf dich. Das ist ein schweres Los. Man hat auf dich gewartet. Und Erwartungen sind groß.
Du bist auserwählt. Du hattest keine Wahl. Dein gottberufenes Leben wird für dich zur Qual. Denn keiner wird sich fragen, was sich tief in dir verbirgt. Man wird von dir erwarten, dass dein Leben Wunder wirkt.“

Die Erwählung Elisabeths war vordergründig das Werk von Menschen. Und wie das so ist mit Menschenwerk, es ist unvollkommen. Es kalkuliert nicht ein, was dazwischen kommen kann. Elisabeth verlebt ihre Kindheit auf der Wartburg. Bald stirbt der Landgraf, also ihr Schwiegervater in spe. Wenig später stirbt der für Elisabeth ausgesuchte Sohn. Sein Bruder Ludwig, der älteste, besteigt mit 17 den Thron. Die Karten im Machtpoker werden neu gemischt, Elisabeth ist jetzt nicht wichtig. Man überlegt, sie zurück zu schicken. Aber Ludwig hat sich in sie verliebt. Er verlobt sich mit ihr gegen den Willen der Familie. Als sie heiraten, ist er 20, Elisabeth 13.
Und man erkennt: Gott setzt seine Absichten durch, trotz alledem was Menschen planen und vermurksen. Er stellt sich zu Elisabeth. Schon als Kind hat sie seinen Ruf vernommen. Sie hält sich lieber in der Kapelle als bei den Festen in der Burg auf. Sie nimmt die ungeliebte Rolle als künftige Landgräfin an. Und mit dieser Autorität wird sie einige wenige Jahre im christlichen Sinn das Land regieren.

Energisch ergreift sie Maßnahmen gegen die Hungersnöte. Dabei wartet sie nicht auf die Zustimmung der Adligen um sie herum. Sie verteilt Brot. Sie gründet ein Haus für Kranke und sozial Schwache in Eisenach am Fuß der Wartburg. Das erste christliche Krankenhaus. Später kommt ein weiteres in Marburg dazu. Sie war überhaupt nicht ausgebildet in diesen Dingen. Heute müsste sie sagen, ich hab kein Schwesternexamen. Damals hätte sie sagen können: Ich hab so ein kurzes Leben vor mir, da will ich die wenigen Jahre genießen.

Nein. Sie stellte ihre Gaben, ihre Kraft Gott zur Verfügung.
Wie ist das mit uns? Wir können sagen: Jeremia, David, Paulus, Elisabeth, das sind Ausnahmen. Die haben Geschichte geschrieben. Gott, such dir solche Leute.

Aber seit Jesus gekommen ist, sieht die Lage anders aus. Seit Jesus gekommen ist, ist jeder auserwählt. Der Apostel Paulus schreibt in einem seiner Briefe: In Jesus hat Gott uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war. In seiner Liebe hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein. In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind.

Also Jesus kennt uns. Und er will uns haben in seinem Dienst. Du denkst vielleicht: Gott will bestimmt die Perfekten, die außerordentlich Begabten, die mit einem brennenden Glauben. Mit all dem, was mir fehlt. Aber er will gerade dich. Obwohl er dich kennt mit deinen Schwächen, deinem Kleinglauben, deinem geringen Durchhaltevermögen.

Wie ging es weiter mit Elisabeth? Tragisch. Ihr Mann starb, als sie 20 war und mit dem 3. Kind schwanger. Jetzt saß sie zwischen allen Stühlen. Der Bruder ihres Mannes riß die Herrschaft an sich. Elisabeth störte. Sie wurde von der Burg weggemobbt. Auserwähltsein von Gott, das ist keine Erfolgsgarantie. Anders als bei den Glückslosen, die den großen Preis versprechen, ist von Gott auserwählt Sein kein Versprechen auf eine problemlose Zukunft. Sich auf Gott einlassen, bringt ganz besondere Anforderungen und Schwierigkeiten, da kann man verstehen, dass mancher zurück schreckt. Aber es lohnt sich total.

Bei den Castingshows für Popsternchen muss sich keiner rausreden, ich bin zu jung. Da bringt Jugend Quote. Aber anders als bei den dort per Handyvo-ting gekürten trällernden Einjahrsfliegen, kennt das Auserwähltsein von Gott kein Verfallsdatum. Bei Gott heißt es: Einmal erwählt, immer erwählt. Denn er will uns mehr schenken als ein paar schöne Jahre. Er will uns in den Himmel bringen.

Aber er zwingt uns nicht. Erst hat er uns ausgesucht. Dann ruft er uns. Und wartet auf unser ja. Insofern gibt es schon eine Parallele zu der Glücksmittei-lung im Internet oder aus dem Briefkasten. Der Auserwählte muss sich melden oder der Gewinn verfällt.

Wenn wir dann merken: Gott ruft mich, ich bin gemeint, dann ist es an der Zeit zu antworten. Wir dürfen ihm sagen: Herr, ich habs verstanden. Ich könnte mich verweigern. Aber ich will es mit dir wagen. Auf deine Verantwortung. Du kennst mich ja. Bau mich ein in das, was du vorhast. Du hast mich gewählt, und ich wähle dich jetzt auch.

In dem erwähnten Musical findet Elisabeth vorsichtig zu diesem Jahr mit diesen Worten: „Bin ich ein Teil deines großen Plans, mit dem du mich vorbereitest?
Tief in mir fühle ich, dass du mich in deiner Wahrheit leitest.
Ich bin bereit, auf mich zu verzichten
Ich vertraue ganz und gar auf dich.
Ich will mich lassen, dass du in mir wirkst.
Wo ich nichts will, willst du für mich.“
Mit dem Aussortieren im Bücherregal bin ich noch zugange. Die Liederbücher nehmen wir mit. Aus einem davon stammt das Lied, das wir gleich singen: Herr du hast uns gerufen.

Martin Gresing hat es geschrieben. Ich studierte damals Deutsch und Englisch fürs Lehramt und machte ein Praktikum in seiner Gemeinde. Er hatte damals schon einen Namen, als Sprecher von Rundfunkandachten und Songwriter, wie man heute sagt. Die wenigen Jahre, die er in dem kleinen Ort tätig war, hatten Nachwirkungen in viele Richtungen.
Jetzt ist er als Ruheständler wieder dort. Vieles von dem, was zu seiner Zeit blühte, ist verblüht, eingegangen, die Nachfolger haben ganz andere Schwerpunkte. Es ist so viel weg gebrochen.

Oft bleibt verhüllt, was Gottes Berufung bewirken will oder schon bewirkt hat, hat. Oder der Teufel redet uns ein, dein Tun war umsonst.

Gerade wenn wir es nicht sehen, müssen wir glauben, was hier versprochen wird: Alle Dinge dienen zum Besten. Alle. Auch wenn wir unsere Berufung ergreifen und die Probleme werden augenscheinlich nicht weniger, sondern mehr. Aber dir steht eine Kraft zur Verfügung, auf die immer Verlass ist: "Desgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf."

Das bevorstehende Pfingstfest erinnert an diese Kraft. Sie ist unerschöpflich. Nicht die eigene Kraft, die nimmt sowieso ab im Lauf des Lebens. Sondern die Kraft Gottes, die dein Leben erfüllen möchte. Sie wird dafür sorgen, dass du deine Bestimmung erreichen kannst und daran froh wirst.

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