Das unaussprechliche Warten

Begrüßung mit dem Wochenspruch für den Sonntag Exaudi. Der Wochenspruch ist wie ein Rückblick auf Himmelfahrt, Texte und Lesungen sind ein Vorausblick auf Pfingsten, auf das Kommen des Heiligen Geistes, des Trösters, der uns mit „unaussprechlichem Seufzen“ vor Gott vertritt. Am Sonntag Exaudi warten wir auf den Heiligen Geist.

Exaudi heißt: Höre, merke auf! Wir möchten mit Ihnen einige Momente besonderen Hörens teilen und haben darum einige Momente der Stille in diesen Gottesdienst eingebaut – und zwar an Stellen, wo sie die Gottesdienst-Ordnung nicht vorsieht. Mal sehen, was wir erleben: ob wir erschrecken oder uns schämen, hüsteln oder uns räuspern, mit den Büchern rascheln oder mit den Schuhen scharren, ob das Warten uns quält – oder ob vielleicht der Geist Gottes mit seinem Seufzen unter uns vernehmbar wird.
Wir feiern Gottesdienst im Namen Gottes: Er schuf das Jubeln der Amsel, das Heulen der Wölfe und das Klagen des Windes. Lasst uns feiern im Namen Jesu: Er öffnete den Tauben das Ohr und gebot dem Sturm zu schweigen. Lasst uns feiern im Namen des Heiligen Geistes, der (Stille) …..leis, ganz leis zwischen uns weht. Amen

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen.
Liebe Gemeinde, ich erinnere mich gut an den 28. Oktober des vergangenen Jahres – und Sie wahrscheinlich auch. Das war ein goldener Herbsttag, einer der letzten seiner Art, dachte ich noch, als ich mich morgens mit der Bahn auf den Weg nach Heide machte. Die Sonne hatte noch ein bisschen Kraft, und in den Bäumen leuchtete das welkende Laub und tanzte im Wind. Der wehte am Vormittag wohl selbstbewusst aber keineswegs bedrohlich durch die Stadt.
Am Nachmittag packte ich meinen Laptop – ich sollte mit dem Zug nach Hamburg zu einem Termin. Hatte alles schön geplant: Mit dem Zug um 2 Uhr müsste ich schön pünktlich da ankommen, hatte ich gedacht. Aber da war das da draußen schon ganz schön pustig geworden. Ich trug den Laptop im Arm, der Wind hätte ihn mir sonst aus der Hand geschlagen. Es war gar nicht so ganz einfach, sich auf dem Gehweg gerade zu halten, so sehr wehte es mit einmal.
Und dann die Nachricht: Der Zug fährt nicht. Ich konnte das gar nicht glauben. Wegen dem bisschen Wind? Nein, nicht dieser Zug und der nächste auch nicht. Und heute wohl gar keiner mehr. Bei Husum seien Bäume auf die Gleise gestürzt. Man könne noch nicht sagen, wann der Zugverkehr wieder in Gang käme. Im Moment versuche man, Lokführer aus Itzehoe aus ihrer Freizeit zum Dienst zu rufen. Hamburg konnte ich definitiv knicken, und ich ärgerte mich noch, dass ich kein Auto da hatte. Ich wäre ohne zu zögern losgefahren. Da hatte ich immer noch nicht verstanden.
Besuchst du halt das Wibe-Junge-Haus dachte ich. Aber da wurde es mir schon unheimlich. In den Böen drückte mich der Wind fast auf die Straße. Dachpfannen flogen. Sand und kleine Steinchen sausten um meinen Kopf. Und die alten Leutchen hatten sich verängstigt in ihre Zimmer zurückgezogen. Ich kämpfte mich zurück ins Büro, versuchte noch ein Foto vom Wind, der sich in der Neuen Anlage verfangen hatte und die Blätter im Kreis verwirbelte. Vom Fenster aus sah ich die Gewalt, der Sturm riss an unserem klapprigen Gemeindehaus und an meinen rotten Fenstern.
Draußen tobten die Wetter, ich lauschte seinem Brausen. Drin wartete ich – mehr ratlos als beunruhigt – auf die Stille nach dem Sturm.
Ich lese den Predigttext für den Sonntag Exaudi aus dem Brief des Paulus an die Römer im 8. Kapitel.

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt. Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.

Im 8. Kapitel des Römerbriefs geht es um den Heiligen Geist. Es ist ein theologisches Lehrstück, das Paulus hier vor nunmehr fast 2000 Jahren verfasst Der Geist erst – so Paulus – macht uns zu Kindern Gottes und zu Erben des Reichs. Der Heilige Geist – so der Apostel – ist eine Art Vorgeschmack, ein Künder dessen, was da kommt, ein Vorbote der Erlösung. Derselbe Geist, so steht es in unserem Predigttext, tritt an unserer Statt vor Gott und vertritt uns, wenn wir nicht wissen wie wir beten sollen, mit unaussprechlichem Seufzen.

Ein Trost in großer Ratlosigkeit, so könnte man diesen Text überschreiben. Ein Wort für die, denen es die Sprache verschlagen hat. Ein Zuspruch für die, denen die Hoffnung verloren ging: Denen, die Gott lieben, werden alle Dinge zum Besten dienen. Selbst das Schlimmste, so Paulus, wird sich zum Guten wenden für die, die auf Gott vertrauen.

Wir hören diesen Text am Sonntag Exaudi, dem Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Jesus ist in den Himmel aufgefahren, wir können ihn hier auf Erden nicht mehr sehen und anfassen, er ist aus den Augen, aber noch lange nicht aus dem Sinn. Denn er hat seinen Geist, den Tröster versprochen. Das dauert aber. Wir warten. Warten auf Pfingsten. Und hören. Wir lauschen dem Raunen Gottes in diesem schönen Kirchraum. Und dieses Warten, das Aufmerken, das Lauschen ist die eigentliche, liturgische Aufgabe des Sonntags Exaudi.

Darum haben Sie vorhin warten lassen. Den Satz bei der Lesung einfach mittendrin unterbrochen. Den Fluss der Gedanken gestört. Den Ablauf behindert. Haben Sie das auch gespürt? Das sollte kein meditatives In-sich-Hineinhorchen werden, sondern ich wollte Sie damit in innere Wartestellung bringen, Sie aufmerken lassen, aus dem liturgischen Trott reißen.
Ich nehme an, dass dieses Warten unangenehm war, die Stille war angespannt. Ich kenn das aus anderen Kirchen mit anderen Organisten: Manche ziehen zwischen den Strophen in aller Ruhe ihre Register. Dann sitzt die Gemeinde da und hält den Atem an. Will singen und darf nicht, sondern wartet auf das Signal der Orgel. Das ist so unangenehm wie unausweichlich. Es gibt ein Warten, das schwer auszuhalten ist, das sich selbst beenden möchte, das keine andere Antwort kennt als ein unaussprechliches Seufzen.

Es ist ein ganz anderes Warten als das der Kinder auf den Heiligen Abend: Das ist ein Warten, das freut sich an sich selbst, es ist gefüllt mit Hoffnung und unaussprechlicher Freude. Es ist ein ganz anderes warten als das am Sterbebett eines geliebten Menschen: Voll Trauer und Schmerz, voll Sehnsucht nach endlicher Erlösung. Voll Angst vor dem Moment der Stille, wenn es keinen allerletzten Atemzug mehr gibt. Dieses Warten gleicht eher dem Warten auf Gott mit einem Herz voller Fragen, mit bangen Vorwürfen, und die Stille brodelt vor forderndem Verlangen, dass Gott sich doch zeigen möge. Das Warten auf Gott ist schwer auszuhalten. Es ist ein Warten, dass sich selbst beenden möchte.

„Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf“, heißt es bei Paulus. „Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen.“ Geht es mir allein so? Ich glaube, am allerschwächsten bin ich, wenn ich warten muss. Wer mich warten lässt, erlebt mich mit vor Zorn zusammengebissenen Zähnen und mühsam um Fassung ringend. Nachher schäme ich mich dann, wenn ich den anderen meine Ungeduld habe spüren lassen. Es ist mir schier unerträglich, das Warten, besonders, wenn ich nicht damit rechne: Wenn der Zug sich verspätet, wenn beim Einkaufen die Schlange schier unendlich und dann noch jemand die Cents einzeln in die offene Hand der Kassiererin zählt, wenn eine Nachricht oder eine Mail ausbleibt, die ich brauche, um weiterarbeiten zu können. Ich werde hibbelig, bin ungeduldig. Unkonzentriert. Schwierig.

In der Tat: Wenn ich warten muss, versuche ich oft zu beten. Und es ist dann kein vernünftiges Wort in meiner Seele, auch nicht eins. Ich versuche, mich auf mein Atmen zu konzentrieren, schließe manchmal die Augen mitten im Getümmel, sage mir vor, dass das bisschen Warten nicht schlimm ist und gleich ein Ende haben wird und dass es auf die paar Minuten nun wirklich nicht ankommt. Und dann kann ich nicht anders: Ich hole tief Luft und seufze aus der Mitte meines Herzens. Der Geist hilft unserer Schwachheit auf, wenn wir nicht wissen, was wir beten sollen. Das Seufzen ist das Gebet des Wartenden.

So auch an jenem Montag im Oktober. Zwei Stunden saß ich in meinem Büro fest und konnte nicht recht was Vernünftiges tun. Ich daddelte im Internet, erledigte freudlos, was zu erledigen war und knurrte innerlich über meinen sturmdurchwirbelten Zeitplan. Endlich ging ich raus aus der Bude, trat vor die Tür, sah mich um in der Stadt – und alles war anders als sonst. Es waren kaum Menschen unterwegs. Die Geschäfte hatten geschlossen. Auf dem Jahrmarkt begannen die Männer mit dem Abbau ihres zerstörten Fahrgeschäfts. Es fuhren nur wenig Autos. Die dominierenden Geräusche waren der Wind, der im Rückzug begriffen nicht von uns lassen wollte, und das Martinshorn, mit dem Feuerwehr und THW zur Hilfe eilten. Da war eine Stille über der Stadt, die war anders als alle Stille, die ich bisher gekannt hatte. Und ganz langsam begriff ich das Ausmaß der Zerstörung, das Christian – was für ein unpassender Name – über die Westküste gebracht hat. Noch heute stehe ich sprachlos vor vernichteten Waldabschnitten, den Baumwurzeln, die in den Himmel ragen, den Bergen von totem Holz, das Arbeiter so nach und nach an den Rändern auftürmen.

Exaudi ist der Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Es ist genau genommen der Sonntag der Gottverlassenheit: Jesus ist weg, der Geist noch nicht da. Es ist der Sonntag des Vakuums, des Wartens. Aber es ist auch der Sonntag, des Versprechens: Mein Geist, der Tröster, wird kommen, sagt Jesus im Evangelium. Mit ihm an eurer Seite werdet ihr keine Gottverlassenheit mehr kennen. Er wird in und um euch sein, bei allem, was ihr tut.

Und diesen Gedanken greift Paulus auf: In aller Gottverlassenheit, so sagt er, in aller Gottverlassenheit, bist du niemals allein. Wenn du nicht weißt, wie du beten sollst, spricht der Geist für dich mit unaussprechlichem Seufzen. Wenn du dich verlierst im Warten auf bessere Zeiten, wenn du dich selbst nicht mehr wiedererkennst, in den dunkelsten Zeiten deines Lebens, begleitet dich Gottes stille Gegenwart wie ein Hauch oder ein leises Raunen. Und wenn alles um dich herum bricht, wird er in dir und um dich sein und dir zuflüstern: Sorge dich nicht, mein Kind, mein Geliebtes. Es werden dir alle Dinge zum Besten dienen, selbst das, was dir gerade widerfährt. Es wird alles gut werden, weil ich es so will.
Amen

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