Die Machtfrage ist geklärt

Mit seinen 10 Jahren kannte er eigentlich nur einen einzigen großen Wunsch und Traum: er wollte wie sein älterer Bruder Domspatz werden. Dafür hat er in den letzten Monaten alles gegeben, obwohl er auch auf dem Sportplatz mit Freunden hätte genauso gut dem Ball hinterjagen können. Aber dafür war dann ja auch später im Internat der Domschule Zeit, denn das Leben dort spielt sich zwischen Unterricht, Musik und auch Fußball in der knapp bemessenen Freizeit der Jungs und jungen Männer ab.
Ob er nicht Angst vor Heimweh hätte, wurde er gefragt und obwohl er diese Frage durchaus bejahte konnte, überwog doch die Faszination und die Leidenschaft,mit der er sein Ziel verfolgte, die Angst vor der Trennung von zu Hause bei weitem.
Da ging es seiner Mutter ganz anders: dann wäre auch der zweite und letzte ihrer Söhne bald aus dem Haus, aber nicht weil sie erwachsen auf eigenen Beinen stehen wollten, sondern weil sie beide sich in ihrem Leben früh für die Musik entschieden haben. Die Mutter vermisste bei allem Stolz ihre Jungs jetzt schon über alles.
So ist das mit dem Abschied je nach der Perspektive, aus dem ich ihn erlebe.
Am Flughafen vor dem Auslandsjahr sind die Töchter und Söhne etwas unsicher und auch ängstlich, was diese große Reise in eine anderes Land und in eine andere Familie wohl bringen wird, aber immer mit mehr Neugierde als Ängstlichkeit, während Eltern vor Abschiedsschmerz jetzt schon vergehen (können). Sie müssen ihre Kinder loslassen, fremden Leuten anvertrauen und sind weit weg, wenn sie gebraucht werden, wenn sie trösten oder einfach nur miterleben wollen, was das Leben ihrer Kinder jetzt gerade ausmacht. Es kommt also auf den Blickwinkel an. Abschied ist nicht gleich Abschied. Er ist mal mehr Trennung und mal eher Neuanfang und Aufbruch.
Christi Himmelfahrt ist der „ein Fest gewordener“, vermeintlich endgültige Abschied, den ich aber ebenso aus verschiedenen Perspektiven wahrnehmen kann.
Für die Jünger und Freunde Jesu bedeutete er Trennung vom vertrauten Lehrer und Meister, dem sie mit Haut und Haaren nachgefolgt sind, für den sie alles haben stehen und liegen lassen. Er war ihr Leben. Was der Verlust bedeuten kann, hatten sie schon an den Tagen nach seinem Tod verspürt. Dieses Glück, ihn wieder geschenkt zu bekommen, hätten sie gerne festgehalten. Es hat eine Weile gedauert, bis sie sich vor allem mit der lebendigen Erinnerung an ihn eingerichtet hatten und so wie wir lebten. Wer von uns lebt denn wirklich noch in der himmelwärts gerichteten Erwartung, dass er bald so kommen wird, wie ihn seine Jünger haben gehen sehen? Es ist ein immer wieder gesprochener Satz aus dem Glaubensbekenntnis, aber verschoben auf den (St.Nimmerleins-)Tag am Ende der Zeit für das Ende der Zeit und der Welt!
Für die Jünger war dieser Abschied also zunächst nur Abschiedsschmerz. Und für Jesus? Vielleicht war es wie vor der Heimkehr nach langer Abwesenheit und einer lebenslangen Reise in eine spannende, aufregende, aber eigentlich nicht heimatliche Welt, weil seine Wurzeln ja wo anders liegen. Der Traurigkeit über den Abschied steht die Vorfreude über die Heimkehr gegenüber, das Wiedersehen mit dem Vater, mit dem er eins war und eins ist und eins sein wird. Und er lässt mit seinen Worten und Taten ja etwas von sich zurück. Die Jünger und die Kirche sind ja nicht orientierungslos und auch nicht hoffnungslos. Es bleibt die geteilte Zeit, die Erinnerung, die Kraft und Wegweisung der gemeinsamen Erfahrungen, es bleibt ein Brennen im Herzen und es bleibt Leidenschaft, Jesu Geist im Leben seiner Jünger und seiner Kirche. Himmelfahrt und Pfingsten gehören ganz eng zusammen. Himmelfahrt ist wahrhaftig sein Heimgang – und es ist kein Zufall, dass selbst wir manchmal den Ausgang des Lebens, den Tod, noch als Heimgang bezeichnen, weil wir eigentlich doch Himmelskinder sind, deren Heimat am Ende der Lebensreise die Geborgenheit bei Gott ist.
So verschieden also kann man einen Abschied erleben, als Trennung und Verlust voller Schmerz und Hoffnungslosigkeit, die erst überwunden werden wollen, oder als Aufbruch und Rückkehr zu den Wurzeln.
Mit dem nötigen Abstand sieht man das vielleicht klarer.
Der Epheserbrief hat diesen nötigen Abstand, er schreibt nicht aus dem ganz frischen Trennungsschmerz heraus mit dem Gefühl, dass dieser wohl nie wieder aufhören wird, sondern begreift nüchtern aus der notwendigen (also der Not wendenden) Entfernung heraus die ganze Tragweite dieses Augenblickes: Jetzt ist es offenbar. Die Machtfrage ist geklärt. So wie das Matthäusevangelium mit der Verheißung des Auferstandenen endet: „mir ist gegeben ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ und „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ so bekennt der Epheserbrief fast hymnisch, singend und triumphierend:
Seid gewiss, nicht der Tod hat die Macht, auch wenn wir ihn ohnmächtig und hilflos im Leben so erfahren und wir nicht wissen, an welches Ziel uns diese letzte Reise führt. Er tut nur so, als ginge nichts ohne ihn und als wäre er die einzig wahre und endgültige Wirklichkeit.
Gott hat Jesus Christus von den Toten auferweckt und ihn zu seiner Rechten gesetzt. Er ist Herr über Leben und Tod. Und mit dieser Hoffnung und Gewissheit im Herzen kann ich Zurückbleibender anders leben und hoffentlich auch anders sterben, wenn es denn an der Zeit ist, in diesem Glauben wird mir der Tod hoffentlich auch ein Heimgang und nicht ein Verschwinden im Nichts. Nichts ist also nur so wie es auf den ersten Blick scheint. Die letzte und endgültige Wahrheit und Wirklichkeit ist die Herrschaft Gottes.
Ebenso nur Vordergründig regieren Gewalt und Krieg: ich kann Himmelfahrt nicht feiern ohne unruhig zu werden über die Gewalt in der Ukraine, die gnadenlose Brutalität in Nigeria oder die Hilflosigkeit in Syrien. Es braucht die Unruhe über die Gewalt in den Köpfen und Herzen so vieler Menschen überall. Gewalttätige Konflikte sind ja nicht nur etwas für die Meldungen der Nachrichten ganz weit weg von uns, sondern ebenso auf den Bahnhöfen unserer Städte oder in der Rücksichtlosigkeit auf unseren Straßen zu Hause. Manchmal trügt eben einfach die Himmelfahrtsidylle in den reizvollen Landschaften unserer Regionen und kennt stattdessen genügend Beispiele für Gewalt und Rücksichtslosigkeit.
Und dennoch: Gott hat ihn eingesetzt über alle Reiche, Gewalt, Macht , Herrschaft und alles,was sonst einen Namen hat. Deswegen gilt ja der Widerspruch gegen alle und alles, was diesen Anspruch gegen Gott erhebt. Himmelfahrt ist ein widerständiges Fest, weil dieses Bekenntnis vielen eben nicht passt: Jesus Christus herrscht als König. Seine Macht gegen unsere Ohnmacht.
Alle irdische Macht ist bestenfalls geborgte, abgeleitete, auf Zeit anvertraute Herrschaft, die mehr Verantwortung als Macht ist, die in unserer Gesellschaft vom Volke ausgehen soll und sich vor Gott und Jesus Christus wird verantworten müssen.
Vordergründig regiert Geld die Welt: Ohne Moos nichts los, sagt der Volksmund. Welche Macht bei der Finanzwirtschaft liegt, hat die Bankenkrise nachhaltig gezeigt und die Welt an finanzielle Abgründe geführt. Aber alle Rettungspakete können doch nicht wirklich umfassend retten, weil Geld im Leben zwar vieles (be-) zahlt, aber materielles nicht wirklich zählt. Zufriedenheit, Glück, Freundschaft, Erfüllung, eine Aufgabe, eine Herausforderung, die mich bis an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit führt und die Hoffnung der Ewigkeit kann ich mit allem Reichtum der Welt nicht kaufen und auch den Ärmsten nicht nehmen. Und für Gerechtigkeit sorgt die Herrschaft der Finanzmärkte und des Kapitals schon gar nicht. Wohl aber die lebendige Erinnerung an die Worte und Taten Jesu und der Glaube an seine letztgültige und alles verändernde Herrschaft.
Himmelfahrt lehrt uns also schon das Leben ohne diesen Mann aus Nazareth zum Anfassen und Angucken, dieses Menschenkind und Gottessohn, aber nur weil er seinen Platz an Gottes Seite eingenommen hat: seit dem bekennen wir und lassen uns davon nicht abbringen. Jesus Christus Herrschaft als König – alles ist ihm untertänig !

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