Die Kraft des Gebets

Ich glaube, die Geschichte vom Goldenen Kalb kennen Sie. Mose ist auf den Berg gestiegen, um die Gebote zu empfangen – und das dauerte.

Das Volk fühlte sich verlassen, allein gelassen – im Stich gelassen. Wer weiß, was da oben auf dem Berge sich abspielte. Die Wirklichkeit musste man ja hier unten in der Wüste in den Griff bekommen. Darum baute man dieses Standbild aus allem Schmuck, der zur Verfügung stand. Da hatte man wenigstens etwas Reelles, an dem man sich festhalten konnte, das man be-greifen konnte, das man anschauen konnte, wenn man betete.

Aber ob sie wirklich alles wissen? Unser heutiger Predigttext erzählt nur ein kleines Detail aus der Geschichte, das Sie vielleicht so nicht kennen. Vor allem aber erzählt er von der Kraft des Gebetes:

[TEXT]

Mose ist auf dem Berg und erhält die Tafeln, die Freiheit bedeuten. Die Gebote, die Gemeinschaft mit Gott und mit den Menschen regeln sollen. Und während er noch oben ist passiert es: Die Menschen halten es nicht mehr aus, diese Ferne von Gott, die Gottverlassenheit in der Wüste. Die Zusagen Gottes haben nur eine kurze Halbwertzeit. Sie bauen ein goldenes Kalb, ein Symbol, das man anbeten kann, vor dem man Opfergaben niederlegen kann.

Mose ist außer sich vor Wut. Gott auch – und er baut Mose eine Chance: Die mit dem Kalb kann ich vernichten und die Verheißung auf dich übertragen. Verlockende Aussichten. Und Mose diskutiert mit Gott. Er ringt und betet, weil er spürt: Das darf nicht die Lösung sein. Die Menschen mögen so verbohrt sein, wie sie wollen. Er hat sie liebgewonnen – und Gott soll gefälligst seinen Bund der Liebe halten.

Dieses Ringen mit Gott ist zu einem Vorbild für viele Gebete geworden, auch wenn die meisten Menschen diese Episode nicht kennen.

Moses hält Fürbitte für das murrende und unzufriedene Volk. Er sieht die Schuld, erkennt vielleicht auch sein eigenes Versagen. Er hat dieses Volk aus Ägypten und durch die Wüste geführt – mit Gottes Hilfe. Aber es ist ihm nicht gelungen, diesem Volk auch das Vertrauen in Gott nahezubringen, dass ihnen geholfen hätte auch diese Phase der Verlassenheit zu überstehen.

Mose geht es da wie manchen Eltern, die darunter leiden, dass es ihnen nicht gelungen ist, ihren Glauben auch auf ihre Kinder zu übertragen, bzw. ihnen weiter zu geben.

Aber Mose bleibt tapfer. Wie ein Terrier verbeißt er sich in Gottes starre Haltung. Mit allen Tricks und Argumenten kämpft er für sein Volk.

Er will nicht, dass alles auf null gestellt wird, ein Neuanfang nur mit ihm kommt da nicht in Frage. Diese Menschen, die mit ihm gezogen sind, auch mehrfach auf ihn geschimpft haben, sind ihm doch ans Herz gewachsen. Es ist das Volk, zu dem er gehört. Das brauchte Zeit, bis er das erkannt hat. Aber nun ist es klar. Er hat Führungsverantwortung übernommen und diese Führungsverantwortung hat auch etwas mit Liebe zu tun. Er liebt die Menschen, die Gott ihm anvertraut hat und darum muss er Gott aufs Heftigste widersprechen.

Wir dürfen das auch. Mit unserem Beten, mit unserem Denken: Gott aufs Heftigste widersprechen. Ihm in seinen Plänen widersprechen. Diese Verheißung haben wir: Mit Gott dürfen wir reden, verhandeln, ihn beschimpfen und argumentieren. Er hält das aus, weil er uns liebt. Und er hört auf uns, selbst dort, wo nicht alle unsere Wünsche erfüllt werden.

Mit Gott darf ich reden wie mit einem Freund? Ja, aber auch anders. Er erträgt das.
Mose redet mit Gott nicht wie mit einem Freund, sondern eher wie mit einem Chef, dem man Zugeständnisse abringen kann und abringen soll in dessen eigenem Sinne. Zwei mit Leidenschaft für das Ganze ringen hier um das Ganze: Neuanfang oder Durchstarten ist die Frage – und Mose ist der, der mit Liebe auf die Menschen schaut. So wie Einsicht, selbst bei Vorgesetzten, oft nur dadurch erzeugt wird, dass Menschen geduldig argumentieren, so tritt auch Mose auf, als der der geduldig mit Gott argumentiert und ihn bei seiner Ehre packt.

Ein gutes Gebet ist oft ein Gebet, das mit Gott ringt, auch wenn im Hintergrund die Bitte des Vaterunser mitschwingt: ‚Dein Wille geschehe‘!

Und manchmal bete ich auch für Menschen, auf die ich sauer bin. So wie Mose hier: er ist sauer auf das Volk, das nicht auf ihn und seine Rückkehr wartet und am liebsten möchte er dreinschlagen. Aber trotzdem gehört er doch zu ihnen und das verleiht seinem Gebet eine besondere Dynamik.

Beten braucht eine Richtung. Ich muss wissen, mit wem ich rede, und was ich will. Und doch darf ich mit ihm ungefiltert und unsortiert rede. Merkmal eines guten Gebetes ist weder Länge noch geschliffener Satzbau, sondern Vertrauen in Gottes Wirken und der Mut zu sagen: Dein Wille geschehe.

Mein Vorbild im Beten ist Jesus, der so beten konnte, wie ich vielleicht nie werde beten können. Ein anderes Vorbild ist Mose, der hier Fürbitte hält. Das Gebet ist ihm eine Chance, die Menschen zu retten, die mit ihm gegangen sind. Die sich falsch verhalten haben, aber deswegen noch lange nicht rettungslos verloren sind.

Rogate ist kein Befehl, es ist eine Einladung und ein Angebot. Ich darf mein Leben gestalten im Gebet.

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