Unheimlich entlastend

Liebe Gemeinde,

ein Blick in die Zeitung verrät uns schon richtig früh am Morgen, dass der gest¬rige Tag nicht gut war und der neue Tag auch nicht viel Gutes für uns bereithält.

Eine Schreckensmeldung jagt die nächste und immer passiert noch eine Katastrophe auf dieser Welt, die noch schlimmer, noch furchtbarer, noch blutiger ist als die davor. Zum Glück schafft die Zeitung etwas Distanz zwischen uns und den Schreckensmeldungen des heutigen Morgens und vieles lässt sich so etwas leichter ertragen und der Kaffee schmeckt trotzdem.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir zu Paulus Zeiten einen Frühstückstisch vorstellen darf, wie man ihn bei uns gewohnt ist, mit Zeitung, Brötchen oder Croissants, Kaffee und Tee, Marmelade und Nutella. Mit Sicherheit war so ein Tisch ohne Zeitung, aber bestimmt hat man auch an den römischen Frühstückstischen über schreckliche Ereignisse gesprochen, die den Menschen – damals wie heute – widerfahren sind.

Der Apostel Paulus scheint auf diese Meldungen und Erlebnisse Bezug genommen zu haben als er in seinem Brief an die römische Gemeinde folgendes geschrieben hatte.
Ich lese aus dem Römerbrief, aus dem achten Kapitel die Verse 26-30.

[TEXT]

Hoffen und an das Gute glauben war damals wie heute nicht einfach ein Himmelsgeschenk, sondern schon mit Anstrengungen verbunden. Es ist manchmal einfach nicht leicht zu hoffen, denn so vieles steht der Hoffnung entgegen.

Das mag mit den so genannten kleinen Dingen anfangen, wie z.B. der Tatsache, dass manche Menschen den Sonntag nicht genießen können, weil sie wissen, dass der Montag mit unangenehmen Entscheidungen gnadenlos kommen wird. Oder weil sie sich kurz nach dem Frühstück wieder von ihren Lieben verabschieden müssen, weil es just an diesem tag in ihrer Stadt einen verkaufsoffenen Sonntag geben muss den niemand braucht!
Auch so ein Klassiker: Wenn ich an meine Schulzeit denke, da war es am Ende immer meine Hoffnung auf bessere Zeiten, also das Hoffen auf das Ende der Mathe-, Physik- und Chemiestunden, das mich durch diese teilweise furchtbaren Thematiken hindurch getragen hat, aber diese Hoffnung war auch stets bedroht. Von Nachsitzen und Hausaufgaben.

Stellt man aber die Frage nach der Hoffnung einmal auf die Weltbühne und sieht sich um in den Zuständen dieser Welt dann kann es einem auch anders werden: Es gibt Kriege, die jetzt schon seit Jahrzehnten dauern. Nachrichten von einer Lebensmittelverknappung machen immer häufiger die Runde und ein großer Discounter verkauft frische Vollmilch für ein paar Cent. Einige erzählen einem auch, man könne sein Brot per Knopfdruck im Laden selber backen. Wer glaubt sowas?

Es passiert auf dieser Welt so viel, es passiert zu viel, dass einem schlicht die Träume zerschlägt. Dabei ist es egal, um welchen Traum es sich handelt. Ob es der ist vom Weltfrieden oder der vom Zusammenleben in Einverständnis und Eintracht. Aber: Einmal die Tagesschau eingeschaltet und man ist zurück auf dem Boden der Tatsachen. Die Welt ist viel zu oft kein guter Ort für Träume.

Gerade für die römische Gemeinde trifft dieser Satz zu. Die Gemeinde in Rom ist leidlich geduldet, aber nicht geliebt und schon gar nicht gewollt. Man wirft der Gemeinde vor, sie sei aufrührerisch und stifte die Gesellschaft zum zivilen Ungehorsam an. Kurz um, die Gemeinde in Rom ist bedroht und in einer Situation, in der man ständig unter Spannung und Beobachtung steht. Was kann und wie soll man in solchen Zeit hoffen? Oder mit den Worten der römischen Gemeinde, wir wissen nicht was wir beten sollen.

Und dann geschehen manchmal diese kleinen Dinge, die uns hoffen lassen. Man verliebt sich oder die Mathearbeit ist wider Erwarten gut ausgefallen. Man hat sich vielleicht einen ganzen Tag lang nicht mit seinen Eltern, seinen Geschwistern, dem Nachbarn, den Kollegen, dem Chef, seiner Frau, seinem Mann, egal mit wem, gestritten und der Mensch, der sonst nie grüßt hat heute Morgen doch tatsächlich mal zu mir rüber gelächelt.
Diese Ereignisse auf den ersten Blick, so klein und unscheinbar, aber zugleich so unverzichtbar, wie nur weniges in unseren Leben.
Die Schwachheit die in unseren Leben mitunter vorkommt und sich viel zu oft so viel Platz nimmt, ist mit einem Mal in ihre Schranken gewiesen.

An solchen Tagen, wenn nur eine dieser Sachen geschieht bekommt die Welt ein ganz anderes Gesicht. Plötzlich sieht es so aus als sei doch so vieles möglich, so einfach. Die ganzen Sorgen sehen plötzlich so aus, als könne man ihrer habhaft werden. Dieses Gefühl wird erst recht befeuert durch die Hoffnung.
Für Paulus ist das ganz klar der Geist Gottes, der uns in diesen Momenten hilft. Der steckt dahinter! Ein Gebet, ein Stoßseufzer oder einfach der Glaube an die Gute Kraft Gottes ist für ihn das, was uns die Kraft zur Hoffnung gibt. Und mit den Worten Pauli sagt uns Gott, dass es sich lohnt zu hoffen, dass es sich lohnt, dran zu bleiben. Denn: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.
Wie schwer ist es manchmal entgegen aller Umstände das zu glauben, zu hoffen? Wie schwer ist es manchmal ein Gebet zu formulieren? Selbst für die, die es naturgemäß besser können sollten? Ich bin doch Christ, aber es gibt Situationen, in denen will mir kein Gebet über die Lippen kommen. Ich höre schon die, die jetzt denken, ich kann immer beten. Muss ich doch auch. Ihnen sage ich – von Herzen: Freuen Sie sich, wenn dem so ist!

Für alle anderen gilt: Der heutige Predigttext wirkt in diesen Situationen unheimlich entlastend.
Gott weiß natürlich um die sogenannte Schwachheit, vielleicht sollte man besser sagen, er weiß um die Hoffnungslosigkeit, die sich mitunter breit macht und wie ein ungebetener Gast nicht mehr ausziehen will.

Gott weiß, wie schwer es ist zu hoffen, egal ob in Rom zur Zeit des Briefes oder knapp 2014 Jahre später. Gott weiß das und darum schickt er uns seinen Geist, der uns dabei helfen will weiter zu hoffen, wieder zu hoffen.

Ich stelle mir diesen Heiligen Geist übrigens immer wieder mal als eine praktische Gehhilfe vor, als einen Stock oder als einen Rollator. Wenn man matt und müde und schwach ist, hilft er sich an ihm wieder aufzurichten. So gestützt kann man schließlich auch wieder neue Schritte wagen. Man geht wieder ein Stück Weg – dank der Hoffnung, dank der Kraft, die Gott uns gibt.
Und da der Geist Gottes bei vielen Menschen so wirkt, weil es vielen Menschen mitunter so geht wie einem selbst, führt er uns zusammen. Egal ob nun hier in der Kirche oder bei einem kurzen Gespräch vor der Haustür. Gemeinsam kann man sich einfach besser ermutigen. Gemeinsam kann man sich einfach besser und effektiver stärken als im einsamen Zimmer alleine. Gemeinsam ist man eben weniger allein.
Kurzum: Der Geist Gottes führt uns zusammen und gemeinsam hofft es sich leichter. AMEN.

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