Missverständnisse

Es gibt Festtage im Jahr, mit denen sehr sehr viele Menschen nur noch sehr sehr wenig anfangen können. Der heutige Tag ist so einer. Himmelfahrt! Vielerorts ist er zum Vatertag degradiert und auch innerkirchlich ist nicht immer jedem Beteiligten zu vermitteln, dass man an diesem Tag die Wanderung zur alten Dorflinde eben nicht um 10.00 Uhr ansetzt. Dieser Tag hat es wirklich schwer, seinen Sinngehalt zu vermitteln. Eine sehr schöne Anekdote verdeutlicht hier unsere gefühlte Verlegenheit:
"Kurz nach Juri Gagarins erstem Raumflug wurde ein Empfang zu seine Ehren gegeben, bei dem auch der Pope der Russisch-Orthodoxen Kirche, Alexis I., anwesend war: ‚Haben sie Gott gesehen, als Sie im All waren?’ Juri verneinte. ‚Mein Sohn’, sagte Alexis daraufhin, ‚bitte behalten sie das für sich.’
Kurz darauf stellte Nikita Chruschtschow Juri dieselbe Frage. Aus Respekt vor Alexis I. erwiderte Juri, er habe Gott gesehen. ‚Lieber Juri’, bat Chruschtschow ihn dringend, ‚bitte verraten sie das niemandem.’" (Gefunden bei: K. Oxen; Setze Flug fort, Predigt zu Christi Himmelfahrt, Apostelgeschichte 1,8-11).

Na klar! Gott sitzt im Himmel! Und Jesus ab heute zu seiner Rechten. Wo auch sonst! Das ist natürlich ein Missverständnis! Also nicht, dass der Gottessohn zur rechten Gottes sitzt. Wohl aber die Annahme, er wohne ab jetzt im Himmel. Und darum bin ich auch nicht glücklich mit dem heutigen Predigttext. Denn der kommt für diesen Tag aus dem Epheserbrief und klingt sehr erwachsen. Mein Gott, kann man das nicht anders sagen? Ich verstehe schon, der Schreiber des Epheserbriefes will es richtig machen, richtig gut und richtig schön und vor allen Dingen will er es korrekt sagen. Das Ergebnis allerdings ist dann nicht mehr berauschend, sondern ernüchternd. Das ist doch schade! An so einem Tag! Wir heute draußen, über uns der bestirnte (und endlich sonnige) Himmel. Und dann so ein Text:

[TEXT]

Alles richtig!, denke ich mir beim Lesen und leider auch sehr, sehr unbestimmt! Jeder Rhetoriklehrer würde sich bei derart langen Sätzen die Haare raufen. Eben alles ein bisschen zu vorsichtig, was der Schreiber hier abliefert. Kurzum: Es fehlt der der Schwung. Gott und Jesus sitzen im Himmel und wir hier unten. So spröde kann das Reden über Christus sein. Schöner wäre es doch leicht und fröhlich, wie wir Kinder Gottes ja eigentlich sein sollten, über Jesus zu sprechen. Nicht kindisch, aber ruhig ein wenig beschwingter im Auftreten. Der Epheserbrief jedenfalls ist blutleer. Und das an so einem Tag.

Denn dieser Tag hat es schwer zumindest aus christlicher Sicht zu bestehen. Gerade in der Wahrnehmung nach außen. Es ist einfach hart und ungerecht zwischen der Vatertags-Tour, dem kühlen Bierchen, dem gegrillten Steak und dem Dasein als Teil der berühmten Brückentage seinen Platz zu behaupten.
„Irrelevanz“ heißt das Gespenst, das diesen christlichen Tag schon lange bedroht und es lauert auch schon wieder hinter der nächsten Ecke. Dabei ist das Schade! Denn das heutige Fest ist ein wichtiges Fest. Es soll ja eben gerade nicht darum gehen, dass Jesus auffährt und damit den Worten von „aus den Augen, aus dem Sinn“ entspricht. Ganz im Gegenteil! So verstanden, säßen wir einem großen Missverständnis auf! Leider wird aber allzu oft genau dieser Aspekt betont. „Aufgefahren in den Himmel“ und damit ist Jesus günstig entsorgt. Mindestens bis Weihnachten, dann muss er wieder als Kindlein in die Krippe. Aber jetzt, jetzt ist er erst mal weg.

Liebe Gemeinde! „Aufgefahren in den Himmel“ ist aber nicht so gemeint, dass Jesus weg ist. Aber Missverständnisse solcher Art gibt es immer wieder. Z.B. jeden Abend in der Tagesschau, im heute journal, auf RTL, in den Nachrichten von Sat1 und was weiß ich wo sonst noch geht es jedes Mal darum, dass der Aktienkurs gestiegen ist oder eben nicht.
Warum muss ich das sehen? Diese Frage stelle ich mir angesichts dieser fragwürdigen Informationen immer. Angeblich besitzen höchstens 5% der Deutschen Aktien! Warum in aller Welt aber glauben die Fernsehmacher, das würde mehr als eben diese besagten 5% interessieren? Mir scheint, hier liegt auch ein Missverständnis vor. Ganz so wie im Blick auf unseren Festtag.

Allerdings fällt mir sehr schnell eine Antwort ein, wenn ich darüber nachdenke warum alle Sender uns lückenlos berichten wollen, dass der DAX wieder mal ein Rekordhoch erreicht hat, die Gewinne also sprudeln, aber der Mindestlohn nicht machbar ist. Nun, es geht an diesem Tag mehr denn je um die Frage der Macht, es geht um die Frage nach Einfluss und es geht um die Frage nach der Herrschaft.
So sind einfach die Verhältnisse. Dabei liegt die Sorge um den DAX für mich gefühlt so weit weg wie für viele die Bedeutung dieses Tages. Und daran ändert leider auch der Schreiber des Epheserbriefes nicht viel,wenn er Jesus ziemlich ungelenk erstmal in weite himmlische Fernen rückt. Den irdischen Jesus kann man, angesichts der hochtheologischen heute vorgetragenen Bandwurmsätze, getrost vergessen. Wieder schade, denn der Jesus aus Nazareth ist doch immer noch relevant, auch nachdem er in den Himmel aufgefahren ist. Sollte er zumindest sein. Zumindest relevanter als die Frage, ob der Kurs des DAX gestiegen ist oder nicht – was ja am Ende nur 5% der Deutschen interessieren kann.

Besser wäre es, der Schreiber des Epheserbrief würde mehr Kraft darauf verwenden, zu erzählen warum dieser Tag so wichtig ist, als nur erwachsen und abgeklärt darüber zu schreiben. Warum also nicht in aller Deutlichkeit sagen, was genau heute für uns mit der Himmelfahrt Christi passiert? Also fragen wie ist das denn mit der Gewalt, der Macht und der Herrschaft? Was hat es auf sich mit dem in den Himmel aufgefahrenen Jesus Christus? Aus den Augen aus dem Sinn?
Eben nicht. Ein Blick zu unseren jüdischen Glaubensgeschwistern hilft weiter: Im Judentum kann Gott mit dem Begriff Ha-Maqom, der Ort, bezeichnet werden. Gott, der Ort! Genauso! Die Bezeichnung „der Ort“ widerspricht nämlich gerade der oft angenommenen Gottesferne nach der Himmelfahrt! Damit steht diese Bezeichnung präzise gegen das Denken, Gott sei ferne, irgendwie apathisch oder gar teilnahmslos gegenüber seinen Menschen hier auf der Erde! Gerhard Ebeling hat Recht, wenn er sagt: „Nicht wo der Himmel ist, ist Gott, sondern wo Gott ist, ist der Himmel.“ Es ist also ein Missverständnis zu denken, dass mit diesem Tag Gott ganz weit weg ist. Ganz im Gegenteil: Er weitet seinen Machtbereich aus! Eben „weil Jesus uns verlassen hat, kann er immer bei uns sein.“ (Vgl.: K. Oxen; Setze Flug fort, Predigt zu Christi Himmelfahrt, Apostelgeschichte 1,8-11).

Unsere Aufgabe, liebe Gemeinde, kann es demnach an so einem Tag nur sein, den Menschen genau davon zu erzählen. Denn die Rede vom aufgefahrenen Christus ist absolut relevant für uns hier auf der Erde. Und das natürlich für jede und jeden von uns und nicht nur für vielleicht 5% der Bevölkerung! Die Botschaft, dass Jesus der "Herr über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat“ ist bedeutet immerhin, dass diese Welt jetzt einen Herrscher hat, der so ganz anders ist, als alle anderen Herrscher sonst auf dieser Welt.
„Als im Jüngerkreis einmal ein Rangstreit ausbrach, hat Jesus erklärt, wie seine Herrschaft aussieht. Wir lesen es im Markusevangelium, Kapitel 10: ‚Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.

Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.‘ Das hat Jesus selber vorgelebt. Und wir haben bis heute alle Mühe, das zu begreifen und nachzuleben.“ (Vgl.: Friedrich Teubner: Tag der Himmelfahrt Christi, in: Lesepredigten, Textreihe VI, Bd. 1, Leipzig 2014; S. 222).

Das heißt: Die Karten sind ab heute neu gemischt. Die Machtverhältnisse werden mit dem heutigen Fest auf ganz neue Weise klargestellt. Ab heute gilt etwas Neues. „Nicht das laute Wort setzt sich durch, sondern das helfende Wort. Auch der mächtigsten menschlichen Macht sind Grenzen gesetzt. Gottes Macht und die Liebe, die von Christus ausgeht, sind grenzenlos. Sie prägen die Welt und sie geben Hoffnung. Damit sind die Machtverhältnisse geklärt. Ein für alle Mal. Auch wenn das vielen nicht passt, die gern mehr Macht möchten.“ (Vgl.: A.a.O.)

Mit dem heutigen Tag sind alle irdischen Machtverhältnisse geklärt und das ist gut für uns! Zwar werden wir auch nach dem heutigen Festtag immer wieder hier und da in unserem Leben spüren „mit unserer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren“, aber dann lasst uns zuversichtlich singen: „Gott sitzt im Regimente und machet alles wohl.“ (Vgl.: A.a.O.; S. 224).
AMEN!

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