Enttäuschte Liebe

Liebe Gemeinde,

„ein Tanz um’s goldene Kalb“ – das sagen wir, wenn wir beobachten, dass ein allzu großer Zirkus um eine Sache oder eine Idee gemacht wird. Wenn irgendetwas stark übertrieben wird, wenn es auf unangemessene Weise hoch gehalten und verherrlicht wird, wirkt das unangenehm. Ein Tanz um’s goldene Kalb.

Goldene Kälber gibt es jede Menge: Welches Auto fahren Sie? Oder, noch direkter gefragt: Wie viel Geld verdienen Sie? Wohnen Sie noch zur Miete, oder leben Sie schon im eigenen Haus? Wenn um solche Dinge ein großer Bohei veranstaltet wird, wittern wir zu Recht so etwas wie eine Art Götzendienst. Ein goldenes Kalb. Einen unsinnigen Kult.

Die Ursprungs-Geschichte dazu haben wir heute als Lesung gehört und dabei erfahren, wie verzweifelt das Volk Israel in der Wüste war. Ohne ein vernünftiges Dach über dem Kopf – nur mit Zelten unterwegs. Ohne eine sichere Versorgung mit Essen und Trinken – nur von der Hand in den Mund ernährt. Und nun auch noch ohne Mose. Ohne den besonderen Menschen, der sie durch diese gefährliche Ödnis hindurch führen konnte. Seit vierzig Tagen war er nun schon fort.

Vierzig Tage: Das ist eine Grenze. Mehr kann ein Mensch nicht aushalten. Auch Jesus fastete vierzig Tage in der Wüste – länger nicht. Alles, was darüber hinausgeht, wird der menschlichen Natur zu viel.

„Wer weiß, was mit diesem Mose, der uns aus Ägypten herausgeholt hat, passiert ist“, sagen die Leute zu Aaron. Er ist verschollen, ihr Anführer, und sie halten ihn für tot, aber das wollen sie seinem Bruder nicht so direkt sagen. Eins ist klar: Länger wollen und können die Leute nun nicht mehr ausharren. Sie wollen wieder nach vorn schauen, neue Hoffnung schöpfen und ein Zeichen dafür bekommen, dass Gott trotz allem doch bei ihnen ist und sie nicht verlässt. Etwas Handfestes und Konkretes, etwas zum Sehen und Berühren. So etwas wie ein Unterpfand dafür, dass sie nicht von allen guten Geistern verlassen worden sind.

Dieses Symbol ist ihnen viel wert. Männer und Frauen trennen sich dafür von ihrem Goldschmuck. Dieser Schmuck war das, was ihren Reichtum anzeigte, das, was jedem Menschen – je nachdem, wie viel er davon trug – seinen Rang in der Gesellschaft auswies. Dieses Gold war auch das Einzige, das sich in Zeiten großer Not gut verkaufen und vertauschen, das sich schnell zu Geld machen ließ, wenn es darauf ankam, lebensnotwendige Dinge zu erwerben. Egal. Der Schmuck wird abgenommen und eingeschmolzen. Das, was die Leute mit so viel Stolz getragen hatten, wird hastig hingegeben, ohne jede Diskussion. Es soll ihnen „diesen Mose“ ersetzen, den eigentlich Unersetzlichen, der sie durch die Wüste hätte führen sollen.

Der umgestaltete Goldschmuck wird ein altes Bild von Gott ergeben, eins, das Stärke vermitteln und Trost spenden soll: Den Stier. Ein Symbol von Fruchtbarkeit und Kraft, eines, das mit allen Wassern gewaschen ist, mit allen Wettern zurechtkommt und zuverlässig die Gegenwart Gottes anzeigt. „Das ist dein Gott, Israel“, sagen sie, als sie es sehen. „Das ist deine Gottheit, die dich aus Ägypten heraufgeführt hat.“.

Verständlich. Wir Menschen fühlen und denken so, bis heute. In unwegsamem Gelände suchen wir nach Weisung, nach Wegweisung. Verständlich und doch gefährlich ist das, was die Israeliten hier tun. Denn ohne es zu merken, haben sie in ihrem Eifer nicht Mose ersetzt durch das Stierbild, sondern Gott. „Das ist deine Gottheit, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt hat.“. Aaron macht das Ganze noch perfekt, indem er das Stierbild auf einen Altar stellt und dafür sorgt, dass es richtig angebetet und verehrt wird, dass ihm Opfer gebracht werden und ein Festgottesdienst dafür veranstaltet werden kann.

Wenn etwas – egal was – auf einen Sockel gehievt und begeistert umschwärmt und verehrt wird, wenn es vergöttert wird, dann haben wir „den Tanz um’s goldene Kalb“. Abgötterei. Mit dem Herausführen aus der Sklaverei Ägyptens hat das nun wirklich nichts mehr zu tun. Der Tanz um’s Kalb macht Menschen unfrei.

Der wahre Gott, der für uns stets unverfügbar bleibt, die große Gottheit, die sich in ihrer Freiheit mal zeigt und dann auch wieder verbirgt, die liebende Kraft, die uns geschaffen und in diese Welt gestellt hat – sie ist dagegen nur schwer zu ertragen. Leichter ist es für uns Menschen, selbst ein Gottesbild zu schaffen – nicht Geschöpf zu sein, sondern schöpfend. Nicht darauf warten zu müssen, was von Gott kommt und dabei nur Eins zu wissen: Es ist das Unerwartete – sondern sagen zu können: Dies ist dein Gott! Ja, so ist er, genau so sieht er aus, und eben das will er von uns haben. Der von uns Menschen selbst erschaffene Gott will immer Eines von uns haben: Opfer. Erst sollen wir unser Gold für ihn hergeben und dann unser Leben. So funktioniert das. Er prägen wir „Gott mit uns“ auf die Koppelschlösser der Soldatengürtel, und nachher steht ein frommer Spruch auf dem Denkmal, das an die in eben diesen Gürteln Gefallenen erinnert. „Sei getreu bis in den Tod“, steht dann da zum Beispiel. Da wird der Krieg verehrt. Das ist Götzendienst.

Götzen wollen Opfer. Am Anfang vielleicht Geld und Gold. Am Ende ist das Opfer, das sie erwarten, immer der Mensch selbst. Erst kommt Knechtschaft, dann der Tod. Der Gott auf dem hohen Sockel bringt Menschen in Angst und Abhängigkeit. Er macht sie unfrei, unmündig, manipulierbar.

Ausgerechnet das Volk, das doch gerade von Gott aus der Sklaverei Ägyptens befreit worden war, fällt auf so einen menschenfressenden Abgott herein und ist schnell dabei, sich selbst in Unfreiheit zu bringen. Das ist bitter. Für uns ist es allerdings kein Grund, nun hämisch grinsend die Hände zu reiben. Wenn ausgerechnet die Israeliten einem Götzen in die Falle laufen, sobald ihr Mose länger fortbleibt, dann heißt das für uns, dass wir gut achtgeben sollten. Wir sind nicht weniger gefährdet als sie. Vielmehr sind wir aufgerufen, die Ohren zu spitzen und unsere Herzen wach zu halten, sehr gut aufzupassen, wenn da einer ankommt und uns erklären will: So und nicht anders ist Gott. Genau dies und jenes will er von dir. Gib ihm dein Wertvollstes. „Das ist dein Gott, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt hat.“ – was für ein Hohn! Wo so etwas verkündet wird, ist stets das glatte Gegenteil der Fall. Ein von Menschen gemachter Gott führt immer geradewegs in die Knechtschaft.

Gott, der in dieser Geschichte eben mit Mose spricht, als das alles passiert, oben auf dem Berg, bekommt schnell Wind von der üblen Aktion, die sich unten im Tal abspielt. Er unterbricht das Gespräch mit seinem Freund und schickt ihn stante pede hinunter zu seinen Leuten: „Geh schnell hinunter, dein Volk, das du aus Ägypten heraufgebracht hast, ist dabei, Unheil anzurichten.“ DEIN Volk, sagt er. Wie eine Mutter, die mit ihrem Kind unzufrieden ist, wohl mal zum Vater sagt: „DEINE Tochter. Das hat sie nun angestellt…“ Natürlich liebt die Mutter ihr Kind, egal, was es tut. „Deine Tochter“ – das sagt sie bloß im Zorn. In einem Zorn, den nur eine haben kann, die liebt. Die unglaublich stark liebt. In einem solchen Zorn sagt Gott hier schließlich zu Mose: „Nun halte du dich bitte heraus: Ich will meiner Wut auf sie freien Lauf lassen und sie vernichten. Dich aber mache ich zu einem großen Volk.“ Mit diesem Volk aber will ich nichts mehr zu tun haben.

Enttäuschte Liebe. Sie tut weh. Wenn eine Person, die wir lieben, sich plötzlich ganz anders zeigt, als wir sie gekannt hatten. Wenn sie anders ist, als wir gedacht hatten, gehofft hatten. Das ist schlimm. Mindestens genauso schlimm ist es, wenn sie uns ganz anders sieht, als wir es doch sind. Anders, als wir gesehen werden wollen. Sie macht sich einfach ein Bild von uns, ihr eigenes, ein goldenes und glänzendes womöglich – aber ein durchweg falsches. Dann stellt sie es auf einen Sockel und tanzt darum herum. Das tut weh.

Und nun hat Israel sich ein Bild von Gott gemacht. Ein goldenes. Eins, das falsch ist und falsch sein muss.

„Geh schnell hinunter“, sagt Gott zu Mose. Aber der bleibt. Wenn jemand außer sich ist, wie soll man ihm helfen? Am besten, indem man ihn wieder zu sich selbst zurückbringt. Mose erinnert Gott an sich selbst, zunächst an seinen Stolz. Du hast dieses Volk doch eigenhändig aus Ägypten geführt. Sollte das umsonst gewesen sein? Und noch ein Argument, das Gottes Ehre berührt, setzt Mose nach: Sollen die Ägypterinnen und Ägypter sagen: Nur, damit sie im Gebirge umkommen, hast du sie herausgeführt? Das sitzt. Aber die Kränkung des falschen Bildes sitzt auch. Sie sitzt tiefer. Noch lässt Gott sich nicht erweichen. Mose setzt noch einmal nach: Willst unglaubwürdig werden? Du hast den Familien von Abraham, Isaak und Jakob doch versprochen, ihre Nachkommen zu beschützen und ihnen das verheißene Land zu geben. Gilt das nun nicht mehr? Hast du also gelogen damals? Das sind alles gute Argumente.

Mittendrin in seiner kleinen Rede aber berührt Mose Gottes Herz. Er erinnert ihn an Israel, seine große Liebe, und sagt: Lass ab von deinem glühenden Zorn. Bereue! Bereue, dass du deinem Volk (ja, es ist und bleibt Gottes Volk!) eine solche Katastrophe schicken willst.

Und Gott kehrt um. Er bereut, lässt ab von seinem Zorn und ändert seine Pläne. Keine Katastrophe. Von einem Menschen hat er sich abhalten lassen. Von seinem Freund hat er sich daran erinnern lassen, dass er sein Volk liebt. Von diesem Mose. Gott sei Dank.
Ja, wie gut, dass Gott und Mensch einander so nah kommen können! Dass Gott sich nicht scheut, auf einen Menschen zu hören.

Da fragen wir uns jetzt womöglich: Warum hört er nicht auf uns? Wie oft und wie innig haben wir nicht schon gebetet, und er hat uns nicht erhört?

Ich denke: Von der Art, wie Mose mit Gott spricht, können wir viel lernen. Es ist eine besondere Art des Gesprächs mit Gott, die wir in dieser Geschichte kennenlernen. Er betet hier nämlich nicht für sich, sondern für andere. Für seine Leute, die Fehler gemacht haben, das ist klar, und zu denen er trotzdem hält, das ist auch klar. Mose will nichts für sich selbst. Das Angebot, viele Nachkommen zu erhalten und so zum „großen Volk“ gemacht zu werden, anstelle von Israel – er schlägt es aus und bittet für die anderen. Das kommt anscheinend gut an.

Mose erinnert Gott auch an seine eigenen Worte, seine Verheißungen, seine Versprechungen. Er nimmt ihn beim Wort. Und Gott lässt sich beim Wort nehmen. Er lässt sich an das gemahnen, was er selbst gesagt hat, und sich an sein Treuegelübde erinnern. Gott mit seinem Wort anzusprechen, ihm die Geschichten aus der Bibel wieder zu erzählen, so, wie sie uns erscheinen, aus unserer Sicht – das kommt auch an.
Und Mose kann still sein in Gottes Gegenwart. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die beiden da vierzig Tage und vierzig Nächte lang miteinander geredet hätten, unentwegt. Nein. Die meiste Zeit haben sie miteinander geschwiegen. Wer intensiv mit Gott spricht, kann irgendwann anfangen zu horchen und hört womöglich die große, wunderbare Stille, in die die Gott sich hüllt, mit der er sich umgibt. Diese Stille klingt auf wunderbare Weise in unseren Herzen wider. Wir nehmen sie womöglich wahr, wenn wir lange mit Gott gesprochen und gerungen haben. Wenn wir dann einfach da sitzen, in seiner heiligen Gegenwart, kann es passieren, dass Gott uns mit Freude erfüllt. Mit einer so großen Freude, dass wir womöglich gar nicht mehr drauf kommen, noch etwas für uns selbst erbitten zu wollen. Denn in diesem Raum, in der Nähe Gottes, da haben wir alles, was wir brauchen.

Ich will Ihnen das jetzt nicht vorstellen wie ein Rezept, nach dem Motto: Beten Sie so, und Sie werden erhört, es funktioniert garantiert! Alle, die beten, entwickeln ja mit der Zeit eine eigene Art des Gesprächs mit Gott. Reden, hören und schweigen gehört immer dazu, aber vielleicht auch Zorn und Klage, oder Lob und Dank, Gesang und Tanz – je nach Lebenslage oder Temperament. Aber alle, die innig beten, bemerken irgendwann mit großer Erleichterung: Gott sitzt nicht oben auf einem Podest. Er steht auf keinem hohen Sockel. Vielmehr ist er an unserer Seite, auf gleicher Augenhöhe, ganz nah. Ganz warm. Ganz schön. Führt uns raus aus aller Enge und lässt uns atmen im Geist seiner Freiheit.

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