Mr. Osterglaube, bitte ans Mikrophon

Liebe Gemeinde,

im Kinderzimmer entsteht Bauklötzchen um Bauklötzchen
ein staunenswertes Gebäude.
Das letzte Klötzchen wird gerade behutsam und stolz obenauf gelegt.
Kommt der Bruder herein und braucht ganz dringend ein Bauklötzchen,
nur ein einziges.
Okay, okay, soll er eben eins haben, „nimm!“
Der Bruder nimmt; genau eines.
Und welches pickt er? Natürlich eins aus der untersten Reihe!
Rums macht es, und aus ist die kurze Geschichte eines hohen Gebäudes.
(passiert nicht nur im Peanuts-Comic)

Seit es uns Menschen gibt, liebe Gemeinde,
basteln wir an unseren weltanschaulichen Gebäuden.
Wir fügen Gedanke zu Gedanke, bauen Kenntnis auf Kenntnis –
alles scheint bewiesen, schlüssig und stimmig.
Wenn da nur diese Störenfriede nicht kämen.
Sie nehmen ein fundamentales Teilchen weg,
z.B. das Teilchen „die Erde ist eine Scheibe“-
und rums liegt ein ganzes Vorstellungsgebäude am Boden.
Aber egal wie oft so etwas schon vorgekommen ist,
die Menschen können es nicht lassen, erklären immer wieder etwas
für unsinkbar, unfehlbar, Codes für unknackbar….
kommt ein kleiner Hacker daher,
und alle Geheimhaltungsbemühungen sind im Eimer,
eine Weltmacht nackt und bloß.

Paulus in Athen.
Was er mitbringt: die Botschaft vom auferstandenen Christus.
Das lässt die Hüter der philosophischen Weltgebäude aufhorchen.
Kommt da einer, der ihnen an die Fundamente will?
Oder lassen sich die neuen Ansichten des Paulus einbauen
in die bunte Athener Weltsicht?
Ist das Neue eine Gefahr?…. oder eine Bereicherung
im großen Schmelztiegel der Kulte?
Das muss genauer untersucht werden,
und zwar auf der höchsten Ebene der führenden Bildungsnation.
Paulus soll auf dem Areopag sprechen.

Areopag – das Wort elektrisiert uns heute noch, zwei Jahrtausende später.
Heute kann man nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob mit „Areopag“ damals
der Ort gemeint war auf einem hohen Felsen über Athen,
auf dem – noch früher – der oberste Rat Athens tagte,
oder ob eben dieses Ratsgremium gemeint war,
das ebenfalls „Areopag“ hieß, aber zwischenzeitlich anderswo zusammentrat.
Wie auch immer – Areopag hieß für Paulus:
Rede und Antwort stehen
vor politscher, gesellschaftlicher, wissenschaftlicher Elite und Öffentlichkeit.
Ob wir heute „Untersuchungsausschuss“ dabei denken sollen?
Beste Sendezeit jedenfalls wäre es heute,
Anwesenheit von Universitäts-Kapazitäten und massig Presse.
Und da gilt es für Paulus:
Begründe deinen Glauben!
Begründe v.a. was du gegen bestehende Auffassungen einzuwenden hast.
Bitte sehr, das Mikrophon ist freigeschaltet.

Mir würde als Paulus jetzt sicher das Adrenalin enorm ansteigen.
Auskunft geben, was ich genau, und warum genau glaube,
und warum ich finde, andere dürften gerne auch daran glauben –
Auskunft vor solcher Corona….!
Aber Paulus freut sich über die Chance,
es ist die Stunde seines Charismas, redegewandt ist er, belesen auch,
unerschrocken – ja, mit einer Portion Streitlust ausgestattet – ebenfalls,
vor allen Dingen aber brennt in seinem Herzen ein Feuer für Christus,
das er nirgends lieber leuchten lässt als auf dem Areopag.
Die Botschaft vom Auferstandenen muss sich nicht verstecken,
sondern bekannt gemacht werden.

Paulus holt zuerst ein wenig aus.
So wie er bisher auf seiner Reise für Juden jüdisch argumentiert
und aus den hebräischen Schriften zitiert hat,
um zu zeigen, warum Jesus der verheißene Messias ist,
so hören wir jetzt, wie er für Griechen ganz griechisch ansetzt,
und Auffassungen griechischer Philosophen zitiert,
mit denen er einig gehen kann,
und wie er – davon ausgehend – dann die Kurve nimmt
und zu noch weit Größerem hinführt,
als sich bisher im Griechentum denken lies.
Die enorme religiöse Pluralität, die er in Athen angetroffen hat,
streift und honoriert er nur kurz; er weiß genau,
dass wenn man mit Griechen über Gottheit kommunizieren will,
die Philosophie weit mehr wiegt als Religion.
Der Vernunft wurde mehr zugetraut als dem Kultischen und Magischen.
Und Paulus selbst weiß sich auch in der Tat der Philosophie weit näher
als all den Kulten, Altären und Tempeln –
für ihn als ausgemachten Monotheisten ist das nur Brimborium, grauslich.
Sagen tut er das so natürlich nicht, will er doch niemandes Gefühle verletzen.
Nein, er steuert ein Philosophen-Zitat an, das ihm und allen Anwesenden
aus dem Herzen gesprochen sein musste,
und von dem aus er, so gewinnend und horizontweitend wie möglich,
zu sprechen suchte.
Das Zitat lautet: „Wir (Menschen) sind göttlichen Geschlechts“,
Paulus wendet das schöpfungstheologisch an:
wir sind lebendig, in uns pulsiert etwas, da ist Leben drin,
viel lebendiger und wunderbarer, als wir es je selbst herstellen könnten;
das kommt von woher, das hat göttlichen Ursprung.
Und wenn eure Philosophen schon so Großes vom Menschen halten,
dann braucht man doch keine Götter konstruieren und fabrizieren,
die unter diesem Niveau liegen.
Von Gott kann man gar nicht groß, lebendig und umfassend genug denken.
Gott ist nicht so gartenzwergig,
dass er in Tempeln und Kapellchen auf Altärchen gestellt werden könnte.
Betet nicht Eure Machwerke an,
sondern betet den an, der Euch gemacht hat – höchst lebendig gemacht hat.
Paulus kontrastiert Lebendiges mit Totem – den Unterschied
muss doch jeder spüren.
Fabriziert der Mensch einen Gott,
so nimmt er irdisches Material, und wie auch immer er es formt,
es bleibt leblose Materie.
Umgekehrt wird ein Schuh draus:
fabriziert der lebendige Gott Menschen, ist auch sein Rohmaterial Erde,
er vermag ihr jedoch seinen lebendigen Odem einzuhauchen,
und siehe da, ein lebendiger Mensch ist da.
Gott schafft Leben, einen wundervollen Kosmos, ein Universum,
der Mensch darf drin leben, weben und sein,
darf drin wohnen, drin lieben und forschen,
drin gestalten und walten, was auch immer – ein großartiges Geschenk!
Ein Geschenk, dessen Sinn und Zweck allerdings
gar nicht so einfach herauszufinden ist.

Und dann sagt Paulus etwas sehr Interessantes,
was denn der Sinn dieser ganzen Veranstaltung sein soll,
dass Menschen auf der Welt herumspazieren.
„Gott, der jedermann Leben und Odem und alles gibt… und das ganze
Menschengeschlecht gemacht hat… damit sie auf dem Erdboden wohnen
sollen (usw. und jetzt kommt’s!) …damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn
wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem
jeden unter uns.“
Den unbekannten Gott suchen
ist offenbar die den Menschen gestellte Lebensaufgabe.
Das Leben, in das wir eingewoben sind, es flüstert von einem Mehr,
es flüstert von Gottes Leben.
Finden aber muss man’s. Suchen muss man’s.
Und wer Ohren hat, vermag es womöglich auch zu hören,
wer Augen hat vermag es zu entdecken,
wer wache Sinne und eine erweckte Seele hat, kann es erahnen.

Ein Gedicht von Michael Ende über den „Mumpf“
spielt dieses Thema sehr feinsinnig durch.

„Am Grunde eines Teichs im Sumpf,
zwischen Algen und Wassergrün,
da saß vor seinem Haus ein Mumpf
und mumpfte vor sich hin.

Eine Mümpf, die ihres Weges kroch,
blieb atemlos bei ihm stehn
und keuchte:

„Ach, Mumpf, so denk Dir doch,
ich habe einen Menschen gesehen!
Einen richtigen Menschen mit Arm und Bein
und einem schönen Gesicht!“

Da knurrte der Mumpf: „Lass die Kindereien!
Denn Menschen gibt es doch nicht.
`s ist längst bewiesen, dass außer dem Teich
ein Leben nicht möglich wär.
Und Menschen sind – entschuldige nur gleich! –
doch bloß eine Kindermär.

Drum wende dich lieber der Wirklichkeit zu:
Unserm nahrhaften Schlick und Schleim.
Und vor allem sag mir, wie findest du
Mein neues, prächtiges Heim?“

Da lachte die Mümpf ihn einfach aus:
„Ach, Mumpf, lass Dein dummes Geschniefel!
Worin Du da wohnst, dein neues Haus
Ist ein alter Kinderstiefel!“

Manche sagen nach diesem Gedicht:
„Ach was, einen Mumpf – den gibt es doch nicht!““

Liebe Gemeinde,
die meisten Athener mögen dem Paulus so weit gefolgt sein.
Sie nicken, richtig, der Mensch muss suchen.
Denn er findet sich in einem Welt-teich vor, den er deuten muss.
Die Athener nicken weiter: sich nur mit dem nahrhaften Schlick zu befassen,
kann in der Tat kaum die volle Lebensausbeute sein.
Sie nicken sogar noch, als Paulus monotheistisch wird:
ein lebendiger Schöpfergott lässt sich hinter allem Lebendigen
und in allem Lebendigen ahnen.
Der eine ahnt mehr, die andere weniger,
aber es liegt im möglichen, nachvollziehbaren Bereich.

Das Kopfschütteln in Athen beginnt,
als Paulus von der Auferstehung zu sprechen beginnt.
Klar, denn bei einer Totenauferstehung,
da ist nicht nur die Grenze des religiös-magischen Kultes,
sondern auch die Grenze der Philosophie erreicht.
Mit gedanklicher Vernunft kann man keine Auferstehung herleiten.
Die Erfahrungen mit dem auferstandenen Christus
liegen nicht im Bereich der Verstandesbeweise,
sondern im Bereich der Bezeugungen.
Bezeugungen, die aber durchaus auch weiter bringen können.
Der Mensch ist ja außer mit Vernunft noch mit anderen
„Wahrnehmungsorganen“ ausgestattet, um Wahrheit auszuloten.
Der Mensch will gedanklich verstehen, sicher.
Aber der Mensch will auch angesprochen werden
in seiner persönlichen Existenz.
Und Angesprochen werden vom auferstandenen Christus,
und darin Gottes Anruf zu hören –
das ist etwas sehr Großes, was Paulus da bezeugt.

Aber an diesem Punkt, da scheiden sich die Geister.
Die einen schütteln die Köpfe, die andern…. staunen Bauklötzchen.
Die einen spotten. Andere aber sagen: davon wollen wir mehr hören.

Was hat die Anhörung auf dem Areopag in Athen gebracht?
Zwei, drei, vier, fünf Leute oder so zeigen Interesse.
Das ist kein „Rums“ des Athener Denkgebäudes.
Aber für einige hat es Risse bekommen. Es beginnt etwas zu bröckeln.
Und es ist sehr spannend wie später im Laufe der Geschichte die Klötzchen
neu kombiniert wurden,
die des Paulus und die der griechischen Philosophie –
bleibende Puzzleteile der europäischen Geistesgeschichte
sind es allemal geworden.

Eine Handvoll Menschen sind es zunächst,
bei denen die Botschaft des Paulus zündet.
Und sie sind drangeblieben.
Sie bildeten alsbald das Herz einer neuen Gemeindepflanzung .
Zwei gehen namentlich in die Gemeindegeschichte ein:
Dionysius, ein Ratsmitglied des Areopag, und eine Frau namens Damaris.

Das ist ganz typisch für den christlichen Glauben: es kommt ein Punkt,
da wird nicht mehr länger ein Gedankengebäude referiert,
das dann zu glauben wäre.
Sondern es geht auf einmal um Namen, um Leute, um Menschen
mit ihren persönlichen Erfahrungen und Vernetzungen, um ihre Berichte.
Es zählt ihre Glaubwürdigkeit.
Es zählen ihre Entdeckungen, ihr Jubel, ihre Tränen.
Es wird etwas Lebendiges weitergeben.
Es geht darum, dass der als lebendig erfahrene und geglaubte Herr
denen bezeugt und erfahrbar wird, die neu hinzustoßen.
Osterfreude wird persönlich weitergegeben.

Und sie umfasst – bis heute – so unerschöpflich Vieles,
so dass nie die Zeit reicht, sondern man jedes Mal wieder sagen muss:
wir wollen darüber ein andermal weiter hören.
Amen.

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