Reden ist Gold – Schweigen ist wertlos

1. Wort und Antwort

Es war deutlich zu spüren. Je näher die Woche kam, umso unruhiger und nervöser wurden die Leute. Vorsichtig fragte ich nach, wer denn seine Aufgabe schon erledigt hätte? Überall Kopfschütteln. Noch niemand. „Muss das denn sein?“, fragte ein Mann gequält. „Ja, so ist die Vereinbarung“, antworte ich erbarmungslos.

Was ich ihnen, liebe Gemeinde, hier erzähle, sind Erinnerungen an den Glaubenskurs „Wort und Antwort“, den ich vor langer Zeit damals in Zirndorf durchgeführt hatte.

Dieser Glaubenskurs wurde in den Achtzigern von amerikanischen Lutheranern entwickelt. Denen war aufgefallen, dass im Vergleich zu anderen Konfessionen, die lutherischen Gemeindemitglieder am wenigsten sagen konnten, was sie und ihre Kirche glauben.

Die Grundidee des auf Kommunikation hin angelegten Kurses wird in dessen erster Lehreinheit deutlich. Sie kreist um eine einfache Frage: Meine und deine Geschichte mit der Bibel. Das war durchaus spannend zu hören, wie unterschiedlich diese Geschichten sind. Jeder hat letztlich ja seine ganz eigenen Erlebnisse, Fragen und Eindrücke von „Gottes Geschichte“, wenn wir die Bibel einmal so bezeichnen dürfen. Mein, deine und Gottes Geschichte. Darum geht es in diesem Kurs.

Und dann kam diese Aufgabe – die in der neuesten Auflage des Kurses leider nicht mehr enthalten ist: Jede/r Kursteilnehmer/in hatte die Aufgabe, in seinem Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz oder im Verein ein religiöses Gespräch zu führen. „Wie sollen wir das denn machen? Das ist doch wahnsinnig schwer“. Darin waren sich alle einig. Am Ende hatten wir uns darauf verständigt, dass man einfach nur von seiner Kursteilnahme erzählt. Familienmitglieder waren wegen zu großer Leichtigkeit des Gesprächs ausgeschlossen.

Von den zehn Teilnehmenden hatten es am Ende acht tatsächlich geschafft. Zwei Männer allerdings konnten sich nicht überwinden. Was haben die anderen erlebt? Ein Mann: „Ich hab mit einem eher fremden Kollegen darüber in der Kantine gesprochen. Der hat mir gleich erzählt, dass er daheim im Kirchenvorstand ist und auch Posaune spielt. Seitdem haben wir öfter zusammen gegessen.“ Eine Frau – sie war Fußpflegerin – hat sich eine Kundin ausgesucht. „Mein Gott, hab ich gestottert, bis ich es endlich heraus gebracht hatte. Und dann haben wir solange über Gott und Glaube gesprochen, bis die nächste Kundin uns wegen langer Wartezeit unwirsch unterbrach. Beim nächsten Termin haben wir sogar zusammen gebetet.“ Ein anderer bekam Spott zu hören: „Hast du eine Midlife-Crisis, dass du bei so was mitmachst?“ Midlife-Crisis war damals sehr modern.

2. Paulus auf dem Areopag

Das 17. Kapitel der Apostelgeschichte handelt vom Besuch des Paulus in Athen. Dort angekommen, so heißt es, „ergrimmte sein Geist, als er die Stadt voller Götzenbilder sah“. Und dann suchte er – wie meine Kursteilnehmer/innen – das Gespräch mit Juden und Philosophen. Nein, eigentlich stritt er mit ihnen. Schlussendlich brachten sie Paulus dazu, mit ihnen auf den „Areopag“ zu gehen und öffentlich zu reden. Der Areopag war ein Versammlungsort; so etwas wie der Stadtrat unter freiem Himmel. Hier trug Paulus seinen Glauben zu Markte.

Tags zuvor hatte Paulus in Athen den kleinen Altar entdeckt, der dem „unbekannten Gott“ (eigentlich „Den unbekannten Göttern“) gewidmet war. Das war so etwas wie eine religiöse Rückversicherung der Athener, um ja keine Gottheit zu beleidigen.

Sinngemäß sagte Paulus: Dieser euch noch unbekannte Gott ist der wahre Gott, der Schöpfergott. Der aber wohnt nicht in Tempeln. Paulus geht gleich in die Offensive. Er erklärt den Glauben der Athener, der sich in prächtigen Tempeln darstellt, für falsch. Er fordert zur Buße auf: Lasst ab vom Götzendienst. Erkennt den wahren Schöpfergott, den Herren der Zeit. Gott ist in einem jeden unter uns. Ihr erkennt es nur nicht. Ihr fühlt es vielleicht nur. Jetzt aber ist der wahre Gott offenbar und er wird „durch einen Mann, den er von den Toten auferweckt hat“, den Erdkreis richten. Die Zeit der Unwissenheit ist vorbei.

Und dann erlebte Paulus in etwa das, was meine Kursteilnehmer auch erlebt hatten. Die einen spotteten: „Auferstehung der Toten. So ein Quatsch“. Andere meinten, man könne die Diskussion durchaus fortsetzen. Und einige wenige wurden gläubig.

In der theologischen Literatur wird Paulus für seine Rede hochgelobt. Allerdings wird auch darüber gestritten, ob Paulus – der in seiner Rede weder den Namen Christi nennt noch sich auf die Bibel beruft – mit einer Art natürlicher Gotteserkenntnis gerechnet hat.

3. Tabuisierung von Religion in der Öffentlichkeit als Friedensmaßnahme

Im Fortgang will ich mit ihnen, liebe Gemeinde, darüber nachdenken, wie wir heute über unsern Glauben reden können. Denn das – so unterstelle ich einmal – fällt sehr vielen Christen/innen sehr schwer. Das mag daran liegen, dass wir kaum in Worte fassen können, was wir tatsächlich glauben. Zudem hat das religiöse, öffentliche Gespräch außerhalb der Kirchenmauern keinen Platz in unserer Gesellschaft. Das hat m.E. einen historischen Grund. Das 17. Jahrhundert hatte in Deutschland tiefe Gräben zwischen Kirchen und Konfessionen verursacht. Aus Bamberg flüchteten die Evangelischen. Aus Kulmbach vertrieb man die katholischen Mönche. Auch in den neuen evangelischen Kirchen war man uneins. Calvinisten, Lutheraner, Reformierte. Keiner wollte mit dem anderen zusammen beten, glauben und wohnen. Religion, unser christlicher Glaube, war zum Ort der Trennung geworden. Diese schroffe, konfessionelle Ablehnung ist heute Gott sei Dank nur noch selten anzutreffen.

Gleichwohl schweigt man in der Öffentlichkeit über Fragen des Glaubens und der Religion. Jeder nach seiner Facon. Religion ist ganz ins Private, höchst Persönliche zurückgedrängt worden. Missionierung anderer wird allgemeinhin abgelehnt.

Um den Kurs „Wort und Antwort“ nicht in Verruf zu bringen, hat man die vorhin erwähnte Aufgabe gestrichen. Sie stieß ohnehin überall auf mehr oder weniger starke Ablehnung.

Nur Sätze wie „Wir glauben doch alle an den gleichen Gott“ sind öffentlich akzeptiert. Den Glauben andere zu kritisieren gilt als „political incorrect“. Das tut man nicht. Die Tabuisierung von Religion in der Öffentlichkeit war und ist eine Friedensmaßnahme. Damit sollen Streit und das Aufreißen neuer Gräben verhindern.

4. Gibt es akzeptable Formen der religiösen Kommunikation?

Als Christen müssen wir es uns nicht gefallen lassen, dass man uns den Mund verbietet. Allerdings kommt es sehr darauf an, wie man anders Denkenden und anders Glaubenden begegnet. Der Spott über das, was andere Glauben, verbietet sich. Die Kritik, die Nachfrage aber muss erlaubt sein.

Man muss und darf den Islam fragen, warum sich nur so wenige Geistliche gegen Gewalt, Terror und Krieg im Namen des islamischen Glaubens wehren. Ich wette, 99% der hier Anwesenden denken jetzt das Wort „Kreuzzug“. Leider hat auch unsere Religion einen langen Weg gebraucht, Krieg und Gewalt abzulehnen. Das können und müssen wir nicht leugnen. Aber deswegen müssen nicht beschämt schweigen. In seriösen Kreisen unserer Kirche und Theologie gibt es schon längst keine religiöse Rechtfertigung eines Krieges mehr. Das darf man doch sagen. Ohne Überheblichkeit aber doch im Bewusstsein, etwas Wahres zu sagen.

Paulus ist darin ein Vorbild. Er verdammt nicht mit erhobener Faust den antiken Glauben. Er kritisiert mit Vernunft. Dabei sucht er den Weg der Verständigung. Er argumentiert, soweit man das heute an der sicherlich nur skizzenhaft berichteten Rede erkennen kann. Er bedient sich des Verstandes. Er begründet das, was er sagt.

Ich will Ihnen das, was ich sagen will, an einem Beispiel deutlich machen.
Vor ein paar Tagen ist mir eine in Kulmbach zum Mitnehmen aufliegende Zeitschrift in die Hände geraten. „Prisma – for happy People“. Das ganze Heft ist voller religiöser Angebote.

Auf der Innenseite des Umschlags z.B. bietet eine Dame aus Rosenheim die Erstellung einer „Persönlichen Engelsgruppe an“. Denn, so ihre Überzeugung, jeder Mensch hat sieben Engel um sich. Und sie könnte einem die persönlichen Namen nennen. Sie „channelt“ ihren Kunden die Namen ihrer persönlichen Engel. Das kostet 40 Euro. Dadurch würde demjenigen, der seine Engel beim richtigen Namen ruft, mehr Energie zuwachsen. So die Verheißung.

Mancher mag darüber spotten und das als albernes Zeug und als pure Geschäftemacherei abtun. Wer aber nur spottet, nimmt dem anderen Menschen seine Würde und erklärt ihn für dumm. Aus dieser Haltung der Überheblichkeit heraus sind damals die tiefen Gräben entstanden.
Man könnte sich – das wäre eine zweite Möglichkeit – tolerant geben und sagen: „Wer daran glaubt soll´s halt tun. Mich stört das nicht.“

Wenn es einem aber um Wahrheit geht, ist auch das ein unbefriedigender Weg. Man kann doch nachfragen: Woher stammt das Wissen, man habe sieben Engel mit sich? Geleitet wird die Engelgruppe stets von Jesus Christus, so wird es auf der Homepage erklärt. Und nun gibt es tatsächlich in der Bibel Spekulationen über das Verhältnis zwischen Jesus und Engeln. Und es gibt eine klare Aussage: Wenn wir beten, dann beten wir im Namen Jesu. Phil 2,9: Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist. Es bedarf keiner Engel, um zu Christus zu beten. Das kann man doch sagen; so kann man argumentieren. Indem man das Gespräch sucht, erweist man dem, der anders denkt und glaubt, Respekt.

Paulus mag uns hier als Vorbild dienen. Das heißt nun nicht, dass wir alle auf den Marktplatz laufen und feurige Reden halten sollen.
Eines stört mich am biblischen Bericht. Das will ich nicht versweigen. Es heiß dort zu Beginn:„ Paulus ergrimmte, als er die vielen Götzenbilder sah“. Dem halte ich entgegen: Man muss nicht „ergrimmen“, wenn man auf fremde Glaubens- Lebens- und Denkungsart stößt. Wer sich seiner Sache gewiss ist, darf gelassen bleiben. Wie Paulus es ja selber sagt: Und wenn ich alle Erkenntnis und allen Glauben hätte und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Wer ohne Liebe, d.h. ohne Respekt, ohne den Willen zur Verständigung spricht, ist eine „klingende Schelle“.

Ich will sie, liebe Gemeinde, dazu ermutigen, wenn sie in Gesprächen mit Freunden oder Bekannten auf andere religiöse Vorstellungen treffen, diese nicht einfach abzutun. Ich will aber auch Mut machen, dazu nicht einfach bloß zu schweigen.

Ich will sie vor allem dazu ermutigen, im Gespräch ihren Glauben nicht zu verstecken.

Wir Christen sind da oft so wortlos und hilflos zugleich. Aus Angst, jemand anderen zu verletzen, schweigen wir lieber.

Vielleicht ist unsere christliche, kirchliche Schweigsamkeit mit einem Grund dafür, dass es eben ein ganzes Heft voller Angebote gibt, Menschen einen Weg zur religiösen Dimension des Lebens zu bahnen. Es wäre falsch, dass nur als Geschäftemacherei abzutun.

Ich sehe darin eine Sehnsucht, Gott zu begegnen. Und wir müssen uns fragen lassen, was wir zu bieten haben?

Gibt es akzeptable Formen der religiösen Kommunikation über Religions- und Glaubensgrenzen hinweg? So direkt gefragt, wir man kein festes, „Ja, die gibt es“ sagen können.

Allzu oft sind wir immer noch in den Denkfiguren des Konfessionalismus verwurzelt, der nur Ablehnung und Verdammung anderer Denk- und Glaubenswege kannte.

Den Weg zum fröhlichen Dialog, von Respekt getragen und der ernsthaften Suche nach Wahrheit angetrieben, müssen wir erst noch finden. Das ist, wenn man so will, auch eine europäische Aufgabe um eine Zusammenleben über Glaubensgrenzen hinaus zu ermöglichen.

In dieser Suche nach Wahrheit müssen wir Christen nicht schweigen. Wir dürfen davon überzeugt sein, dem zu folgen, der von sich sagt „Ich bin der Weg und die Wahrheit“. Dieser Glaube aber darf uns nicht überheblich werden lassen. Er darf uns nicht dazu bringen, anderen Menschen jedwede Teilhabe an der Wahrheit von vorherein abzusprechen.

Zum Schluss erinnere ich an Lessings „Ringparabel“ aus dem Stück „Nathan, der Weise“.

Ein reicher Mann im Osten besaß einen Ring, der die geheimnisvolle Auswirkung hatte, ‚vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer ihn mit Zuversicht trug‘. Er hatte drei Söhne und vererbte jedem von ihnen einen Ring, der dem echten völlig gleich war, so dass keiner der Söhne wusste, wer den echten Ring besaß. Alle drei wurden von einem weisen Richter schließlich belehrt, jeder sollte so handeln, als wäre der echte Ring sein eigen: ‚Es eifre jeder seiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nach!‘

Lessing deutet allerdings auch an, es könnte ja sein, dass keiner der Söhne „vor Gott angenehm“ wäre. Das hieße dann, dass der Ring der Wahrheit verloren wäre.

Lessings Parabel ist ein Grundbild der Toleranz. Es taugt nach wir vor dazu, einander mit Respekt zu begegnen. Was diesem Bild jedoch fehlt ist der Dialog, der Wettstreit um die Wahrheit. Seine Parabel stellt die Religionen letztlich stumm nebeneinander wie Wettläufer auf einem Tausendmeter-Lauf.

„Wir glauben doch all an den gleichen Gott“, so fasst man Lessings Pointe gerne zusammen. Ich sehe das anders: Gemeinsam ist den Religionen das Thema. Wie sie Gott aber vernehmen, verkünden und entsprechend leben ist dennoch voller Unterschiede. Darüber muss man nicht schweigen. Darüber kann man sprechen. Mit Respekt und mit dem Willen, einander zu verstehen und sich selbst verständlich zu machen. Reden ist Gold. Schweigen ist wertlos.

Wir brauchen ein Bild des Dialogs. Dahin sind wir unterwegs.
Wie das gehen könnte, hat Paulus auf dem Areopag gezeigt.

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