Beten macht Sinn!

Liebe Gemeinde,

also ich wäre ziemlich enttäuscht gewesen, wenn ich an Moses Stelle gewesen wäre. Da reißt man sich den Arsch auf, führt das Volk Israel aus der Sklaverei, sorgt für Essen und Trinken, und nichts als Gemotze kommt an.

„In Ägypten war es viel besser. Da sassen wir noch an den Fleischtöpfen!“
„Warum hast Du uns aus Ägypten geführt, wenn Du uns jetzt verdursten lässt?“ Oder:
„Wir können das ewige Manna und die ewigen Wachteln nicht mehr sehen!“

So jammert das Volk, und ich hätte schon bald davon die Nase voll gehabt. Sollen sie doch bleiben, wo der Pfeffer wächst!

Doch Mose ist da anders strukturiert als ich. Er geht immer wieder auf die Israeliten ein, verzeiht ihnen, und trägt ihre Wünsche Gott vor. Und während der Wanderung beginnt er, das Volk zu organisieren. Er setzt Oberste ein, die Teile des Volkes führen und über sie Recht sprechen. Dann wird er zu Gott berufen, um Satzungen aufzuschreiben. Es geht darum, aus dem Volk einen Staat zu formen: Mit Regelungen und Gesetzen, damit jeder weiß, wie er zu leben und was er zu tun hat.
Das Volk ist einverstanden; sie lagern inzwischen am Fuße des Berges, den Mose besteigt, und wollen dort auf ihn warten.
Doch wieder ist die Geduld des Volkes nicht groß. Mose bleibt ihnen zu lange weg. So beschließen sie, sich einen eigenen Gott zu machen. Ganz vornedran bei der Verschwörung gegen Gott steht Aaron, der Bruder von Moses, der selbst Priester Gottes ist.
Der neue Gott, den sie sich selbst machen, ist aus Gold und hat die Form eines Kalbes. Und Aaron sagt zu den Israeliten: „Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat!“ Und so feiern sie dieses Götzenbild.

Mose auf dem Berg weiß nichts davon. Er ist eifrig am Schreiben, was Gott ihm für das Volk Israel diktiert. Er schreibt die Satzungen nieder, die das Leben einfacher machen sollen. Unter anderem auch die 10 Gebote. Erinnern wir uns, sie fangen so an:
„Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland aus der Knechtschaft geführt hat. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ (Ex.20,2-3)
Noch während Mose schreibt, macht ihn Gott auf das Treiben am Fuße des Berges aufmerksam. Er ist nicht so geduldig wie Mose, er hat jetzt endgültig die Nase voll. So sagt er: „Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist. Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge!“

Ich kenne das: Irgendwann muss man einen Schlussstrich ziehen. Irgendwann ist Sense. So geht es nicht mehr weiter! Der andere hatte genug Chancen. Er hat sie nicht genutzt. Jetzt ist Schluss!
Wir Menschen kündigen in so einem Fall die Freundschaft auf, halten uns ferne von den Menschen, die uns immer wieder enttäuschen.
Und Gott? Der greift auch zur Radikallösung: Er will das Volk endgültig vernichten! Recht so, denke ich, denn dann ist das Problem ein für allemal gelöst.
An Stelle von Moses wäre ich sofort auf die Worte Gottes eingegangen, denn:
1. ist es Gott, der das ankündigt, und ich kann doch nicht gegen Gott argumentieren! Und
2. verspricht Gott dem Mose ja: „Dafür will ich dich zum großen Volk machen!“
Mose kann also nur gewinnen. Doch Mose wagt es, gegen Gott aufzumucken. Wie sein Vorfahr Abraham beginnt er mit Gott zu feilschen. Während Abraham noch für zwei Städte bittet – Sodom und Gomorrha – und Gottes Geduld strapaziert, indem er die Gerechten in dieser Städte von 50 auf 10 herunterschraubt, bittet Mose für ein ganzes Volk. Er redet nicht von Gerechten wie Abraham – da hätte man wohl im ganzen Volk keinen gefunden. Sondern er appelliert an Gottes Eitelkeit. „Wenn du das tatsächlich tust“, sagt er zu Gott, „dann lachen doch die Ägypter! Sie werden sagen: Befreit hat er sie, damit er sie umbrächte! Wären die Israeliten doch besser bei uns in der Sklaverei geblieben, da hätten sie es besser gehabt als bei ihrem Gott!“
Als Gott das hört, geht er tatsächlich auf die Worte von Moses ein. Er lässt das Volk Israel doch am Leben.

Ich finde es beachtlich, dass Mose in dieser Situation noch für das Volk bittet und zu Gott betet. Denn wer unter uns schafft es, für die, die uns ununterbrochen enttäuschen, noch zu beten? Hat das überhaupt Sinn?
Das ist die Frage, die wir uns manchmal stellen. Sie stellen wir auch, wenn scheinbar nichts passiert. „Ich habe zu Gott gebet, dass er mir hilft, aber er hat mich nicht gehört“, hat einmal eine Frau zu mir gesagt. Und sie stellt die Frage, die auch viele Jugendliche an mich stellen: „Hat Beten überhaupt Sinn? Nutzt Beten irgendetwas? Hört Gott meine Gebete überhaupt?“
An der Geschichte von Mose sehen wir, dass Beten wohl Sinn macht. Nur ist das gleichzeitig das Problem. Wenn Gott direkt antwortet, wenn das Ganze wie ein Gespräch abläuft, dann macht es Sinn. Aber wer unter uns hat schon einmal Gottes Antwort gehört? Zumindest keiner in dem Sinn, dass eine Stimme vom Himmel gesagt hätte: „Ich habe dein Beten gehört und ich werde so und so darauf eingehen.“
Nein, so eine Stimme haben wir nicht gehört. Und weil wir nichts hören, bezweifeln wir manchmal die Wirksamkeit von Gebeten. Zumal unsere Wünsche auch nicht immer eintreffen. Doch ich glaube, dass wir darin unrecht tun. Schließlich hat Gott mehrere Möglichkeiten, mit unseren Gebeten umzugehen.

Die erste: Er erfüllt das, worum wir bitten. Ganz toll. Doch wir Menschen reagieren dann oft so, dass wir sagen: „Das wäre ja sowieso so gekommen!“ Wir verneinen also die Wirksamkeit des Gebets, obwohl es erfüllt wurde.
Die zweite Möglichkeit: Gott sagt „Nein!“ Blöd gelaufen für uns. Oft verstehen wir nicht, warum unsere Bitten nicht erfüllt werden. Warum habe ich gestern nicht im Lotto gewonnen? Ich habe doch ganz fest darum gebetet! Dann glauben wir, dass Gott uns gar nicht gehört hat, weil er eben nicht auf uns eingegangen ist.
Die dritte Möglichkeit besteht darin, dass Gott zwar nicht sofort auf unser Gebet eingeht, sondern erst später. Da erinnern wir uns schon gar nicht mehr daran, dass wir Gott um etwas gebeten haben.
Und als viertes: Gott sagt „Vielleicht!“ Manche Bitten bleiben in der Schwebe, und auch hier müssen wir geduldig ausharren, wie es denn ausgeht.

Zu Mose sagt Gott: „Ja, ich erfülle deinen Wunsch!“ Und er tut das, obwohl er doch ganz anderer Meinung war. Ob die Argumentation von Mose ausschlaggebend war, wage ich zu bezweifeln. Ich glaube, dass Gott erfreut über die Bitte von Moses war und gerne darauf eingegangen ist. Und dass ihm, was die Ägypter denken – mit Verlaub gesagt – ziemlich egal war.
Ich an Moses Stelle wäre ziemlich enttäusch gewesen. Doch lerne ich aus dieser Geschichte, dass ich andere Menschen nicht aufgeben soll. Und zugleich begreife ich, welche Macht das Gebet hat. So will ich weiterbeten, auch wenn nicht all meine Wünsche und Gedanken in Erfüllung gehen werden.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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