Das große Lob der Davongekommenen

(Predigt in Berlin-Hellersdorf, Predigtlied EG 272)

Liebe Gemeinde,

vermutlich haben Sie alle einen Fernseher zu Hause, größer oder kleiner, und sicher sehen Sie nicht nur die Nachrichten, sondern auch den einen oder anderen Film. Gehen Sie aber gelegentlich auch noch ins Kino? – Ich schon, zwar nicht so oft, wie ich gern möchte, aber immer wieder einmal, und das nicht nur wegen des Inhalts der Filme, sondern auch wegen der Bilder. Manchmal sind diese Film-Bilder einfach überwältigend, nicht nur wegen der Größe der Leinwand. Solche Bilder reißen einen mit, sie eröffnen neben den gesprochenen Worten noch ganz andere Dimensionen des Verstehens.

Bilder sind es auch, die die Offenbarung des Johannes prägen. Der da zu uns spricht, ist in erster Linie ein Seher. Seine Worte deuten, was er schaut. Es sind die Bilder einer Welt, in der die verfolgte Gemeinde zur Ruhe kommen wird. Es sind schließlich die Bilder einer neuen Welt, die Leid und Tränen nicht mehr kennt. Und es entsteht vor unseren Augen das Bild eines Gottes, der selber die Tränen der Menschen abwischt. Dabei entstehen diese Bilder nicht etwa aus dem Nichts, sie knüpfen vielmehr an die Überlieferungen der schon vorhandenen jüdischen und christlichen Schriften an.

So tauchen wir nun also ein in die Bildwelt des Johannes, des Sehers von Pathmos:

(Text)

Ein Meer entfaltet sich vor unseren Augen, ein Meer oben im Himmel vor dem Thron Gottes, kristallklar und von Blitzen durchzuckt. Es ist nicht das finstere Urmeer vom Anfang der Schöpfung, das von Gott in seine Schranken gewiesen wird. Es ist auch nicht das Schilfmeer, durch welches Gott die Israeliten hindurchziehen und worin er die Ägypter umkommen lässt. Es ist kein todbringendes Meer, in dem sich der Prophet Jona abstrampelt, ehe er von dem riesigen Fisch verschluckt wird, der ihn dann zurück an Land und zu seinem Auftrag bringt. Ganz anders ist dieses Meer, und doch kann man es nicht sehen, ohne zugleich an die anderen Meere zu denken, deren Gefahren nun überwunden scheinen. Nur Blitze leuchten hier auf, die auf die Gegenwart Gottes und seiner Engel verweisen, deren Gestalten zuweilen wie die eines Blitzes beschrieben werden.

Und während das Meer in seiner früheren Form so oft „wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen“ (Ps.46), ertönt hier ein ganz ruhiges, geradezu zartes himmlisches Harfenspiel. Die da die Harfen erklingen lassen, sind keine Engel, es sind Menschen, Menschen allerdings, die hier erst ihre Ruhe gefunden haben, nachdem sie zuvor in einer großen Zahl von Bedrängnissen bestehen mussten. Das Tier und sein Bild und seine Zahl – alles Übel dieser Welt – , sie haben ihnen zugesetzt, haben sie in Atem gehalten bei Tag und Nacht. Nun aber haben sie Ruhe gefunden. Sie kommen Ruhe wie einstmals der König Saul sie fand, als David vor ihm auf der Harfe spielte.

Und sie singen. Sie singen das Lied des Mose. Sie loben Gott wir Mirjam und Mose, nachdem Israel durch das Meer gezogen war und Rettung vor dem heranstürmenden Heer der Ägypter gefunden hatte. Davor aber lag die Angst. Davor lag auch die Unsicherheit, als das Meer sich vor ihnen teilte und es hieß: Da müsst ihr nun durch. Es sind die Davongekommenen, die das Lied des Mose singen.

Und sie singen auch das Lied des Lammes. Schon Mose hatte seine Leute ein Lamm schlachten lassen. Sein Fleisch sollte Leib und Seele stärken, sein Blut aber, an die Türpfosten gestrichen, sollte den Würger, den Tod, abhalten. Nun aber gibt es ein neues Lamm, ein Lamm, das „würdig ist, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob“(5,12), denn dieses Lamm – Christus – hat den Tod überwunden.

Die da stehen mit ihren Harfen und singen, mussten wie Israel durchs Meer. Sie mussten sterben, aber der Tod, die ewige Gottesferne, hat keine Macht mehr über sie. Schon in der Taufe sind sie durchs Wasser gegangen, sind sie gestorben, damit sie mit Christus leben werden. Und auch alles andere, was sie je im Leben bedrängen wollte, hatte nun keine Macht mehr über sie. Wohl mussten sie durch vieles hindurch, aber sie drangen auch hindurch zum Leben mit Gott. Und nun stehen sie da und singen: „Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott!“

Es will uns zuweilen schwer fallen, dieses Lied mitzusingen. Zu schrecklich ist die Wirklichkeit unserer Welt. Ob wir nach Syrien blicken oder in die Ukraine oder nach Afrika – himmelschreiendes Elend und Unrecht begegnen uns dort und auch noch an vielen anderen Orten unseres Planeten. Da steckt uns dann oft ein dicker Kloß im Hals, so dass kein Ton herauskommen will, schon gar kein Gesang. Aber da geht es uns nicht anders als den Christen, für die der Seher Johannes seine Visionen aufschreibt. Auch denen drohte wohl angesichts der Verfolgungen im Römischen Reich, das Lob Gottes im Halse stecken zu bleiben.

Doch wer sagt denn, dass wir den Lauf dieser Welt bejubeln sollen! Gott gilt das Lied des Mose. Und das Lied des Lammes singen die, die sich von ihm hindurch tragen lassen wollen, weil sie’s alleine ja doch nicht schaffen, mit den kleinen und erst recht nicht mit den großen Problemen des Lebens und unserer Welt fertig zu werden.

Aber haben wir das nicht auch immer wieder erlebt, dass wir „durchgekommen“ sind, oft besser als anfangs gedacht. Und weil wir nun wissen, dass wir dieses Durchkommen nicht unserer Klugheit oder Kraft und auch nicht einer anonymen Schicksalsmacht verdanken, sondern dem Gott, den wir aus der Bibel kennen und der uns in Jesus begegnet, deshalb singen wir mit beim Lied des Mose und dem Lied des Lammes. Wir singen mit, weil wir die Hoffnung nicht aufgeben – die Hoffnung, dass Gott uns hindurch gelangen lässt und dass er auch unsere Welt nicht aufgibt, im Kleinen nicht und auch nicht im Großen! Amen.

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