Neue Menschen werden? Franckesche Anstalten und Wicherns Rauhes Haus

Der 29-jährige Pfarrer August Hermann Francke war erschüttert, als er von Erfurt an den Stadtrand von Halle zog. In den Kneipen betranken sich die Männer fürchterlich, verwahrloste Kinder drückten sich in den Gassen herum.Der junge Pfarrer stellte in seinem Studierzimmer eine Spendenbüchse auf und schrieb daran einen Vers aus der Bibel: „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“ Eines Tages öffnete er sie und fand 4 Taler und 16 Groschen darin – eine riesige Summe damals!! So eine große Spende bekomme ich nie wieder, dachte er: Ich will sie nicht für Kleinigkeiten ausgeben. Ich eröffne eine Schule! Mit dem Geld stellte er Studenten als Nachhilfelehrer an. Tatsächlich: die Kinder kamen gerne und lernten eifrig. Aber viele hatten überhaupt keine Eltern mehr, nichts anzuziehen und immer Hunger. Sie waren Waisen. Francke beschloß, ein Waisenhaus zu gründen. Dort wollte er sie besser unterrichten.
Der preußische König spendete Geld, Dachziegel und Steine. Als 1698 Einweihungsfest gefeiert wurde, staunten alle. So ein modernes und großes Waisenhaus hatte noch niemand gebaut: Schlafsaal für Jungen, Schlafsaal für Mädchen, Klassenzimmer, Speiseraum, Betsaal, Krankenzimmer, sogar Toiletten – Francke hatte an alles gedacht. Hier lebten die Kinder, sie bekamen Essen und lernten vormittags und nachmittags. In Gärten wurde Gemüse und Obst angebaut, im Keller Bücher gedruckt und die Medizin aus der Waisenhausapotheke war sogar in Übersee begehrt. Davon bezahlte Francke die Lehrer.
Bald schickten Eltern von weither ihre Kinder zur Schule oder zur Ausbildung. Nach und nach entstand eine richtige kleine Schulstadt. Als Francke 1727 starb, lernten in „Franckens Stiftungen“ 1725 jüngere Kinder und 482 in weiterführenden Schulen.
Auf Wunder hat Francke oft gehofft, vor allem bei der Finanzierung. Über dem Haupteingang setzte er in einen Bibelspruch. »Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler« (Jesaja 40, 31)
Das war sein Wahlspruch. Für die Menschen damals kam es tatsächlich einem Wunder gleich, wie eine solche moderne Schulstadt vor den Toren ihrer Stadt emporwuchs. Und nach der Friedlichen Revolution kam es wieder einem Wunder gleich, daß Franckens Stiftungen, in der DDR halbverfallen, mit Taubenzecken in den Dächern, wieder herausgeputzt wurden.

Eine Erfolgsgeschichte? Die Schatten werden schnell vergessen. Francke war ein streitbarer Mann. Er nutzte seine Position beim preußischen König aus, den berühmten Aufklärer Christian Wolff aus Halle zu vertreiben. Der renommierte Professor verlor 1723 nicht nur seinen Lehrstuhl, sondern mußte per königlichem Order das Königreich binnen 48 Stunden verlassen.

„Findlinge“ und uneheliche Kinder werden im Waisenhaus bald nicht mehr aufgenommen. Die Kinder bekommen nicht die gleiche Bildung, sondern es ist eine sorgfältig geteilte Schulstadt: Die meisten Kinder gingen in die deutsche Schulen / Volksschule für den Bauern- und Handwerkerstand. Bessere Bildung gab es auf der Bürgerschule / Lateinschule für zukünftige Pfarrer, Juristen, Mediziner, Kaufleute. Den Realienunterricht, naturkundlichen Unterricht, in dem die Kinder Anschauliches betrachten konnten, gab es nur im Pädagogium regium. Nur ein Bruchteil der Kinder lernte hier. Es war dem zukünftigen Regierstand bestimmt, Offiziere, höhere Staatsbeamte, vorbehalten.

Die Stiftungen hatten wirtschaftliche Vorteile gegenüber Gewerbetreibenden, Privilegien, über die andere nur träumen konnten. Hier wurde Nachwuchs für den preußischen Staat herausgebildet. Gehorsam, Fleiß, die Zeit nutzen, das wurde hier gelehrt.

Für die Kinder war es kein Zuckerschlecken.
Der Tag begann mit der Betstunde von 5 bis 6 Uhr, danach gab es Frühstück. Es gab viele Verbote. Im Speisesaal durften sich die Kinder nicht unterhalten und auch auf dem Lindenhof sollten sie nur „still umhergehen“. Kartenspielen, Tanzen oder Kegeln waren verboten.
Die Kinder mußten mitarbeiten, z.B. im Stall, auf dem Acker oder in der Papiermühle. Schon Kinder sollten die Zeit nützlich verbringen. Beim Spazierengehen wurden Pflanzen erklärt oder gesungen. Toben war völlig ausgeschlossen.

Heute ist der Sonntag „Quasimodogeniti“ – wie die neugeborenen Kinder. Neue Menschen sollten in seinen Stiftungen heranwachsen. Der Unterricht zielte darauf ab, den alten Menschen zu zerbrechen. Der Wille der Kinder gehörte zum Alten und Bösen. Er sollte gebrochen werden, mit Prügel, mit Einsperren und Isolation. Und Weglaufen wurde streng bestraft.
Tatsächlich entstanden keine neue Menschen, sondern fleißige und fügsame Staatsdiener.

Wie anders ging ein reichliches Jahrhundert später Johann Hinrich Wichern in seinem Rettungshaus mit schwierigen, verwahrlosten, verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen um, dem Rauhen Haus in Hamburg!
Als erstes riß er die Mauern ab. Die Kinder, die schon zuhause und manchmal auch in anderen Anstalten gescheitert waren, sollten sich nicht eingesperrt fühlen. Siesollten freiwillig da sein.

Wichern schreibt: »Von wem anders sollten wir diesen guten Geist erwarten, als von dem Gott, der in Christo die Menschheit wiederum begrüßet, sie erlöset und beseligt hat? Mit diesem Geist und mit der eben so freundlichen als ernsten, Rettung verheißenden Liebe will die Anstalt jedem einzelnen Kinde sogleich entgegentreten; und wie vermöchte sie dies kräftiger, als mit dem freudig und frei machenden Worte:
„Mein Kind, dir ist alles vergeben! Sieh um dich her, in was für ein Haus du aufgenommen bist! hier ist keine Mauer, kein Graben, kein Riegel; nur mit einer schweren Kette binden wir dich hier, du magst wollen oder nicht; du magst sie zerreißen, wenn du kannst; diese heißt Liebe und ihr Maß ist Geduld. – Das bieten wir dir, und was wir fordern, ist zugleich das, wozu wir dir verhelfen wollen, nämlich, dass du deinen Sinn änderst und fortan dankbare Liebe übest gegen Gott und Menschen!“
Von dem Geiste solcher Liebe soll in dem Rettungsdorfe alles zeugen, was dem Kinde irgendwie entgegenkommt, so dass ihm unwillkürlich bewusst werden muß: hier bin ich in einer neuen Welt, die ich geahnet und bisher nicht gefunden habe! «

Die Kinder sollten in Gemeinschaft und Geborgenheit aufwachsen, wie in einer Familie, und nicht in Erziehungskasernen. Zehn bis zwölf Kinder lebten zusammen mit einem Betreuer, dem sogenannten „Bruder“, in jeweils einem der Häuser, die auf dem Grundstück nach und nach entstanden. Die Kinder sollten die Mitarbeiter wie einen großen Bruder erleben, nicht wie einen Zuchtmeister. Er durfte sie nicht schlagen.
Er hat ihnen auch bei der Arbeit geholfen, denn auch im Rauhen Haus wurde fast alles selbst gemacht: Gemüse und Obst angebaut, Möbel gebaut, Flachs und Wolle gesponnen, genäht und geflickt, Holzpantoffeln geschnitzt, saubergemacht und gekocht.

Im Rauen Haus sollten Kinder innerlich gesund werden. Anders als in den Franckeschen Anstalten durften und sollten sie spielen. Statt ihre Seelen zu zerbrechen, sollten sie heilen. Wichern machte sich Gedanken um jedes einzelne Kind. Er beobachtete sie, spürte ihren Stärken nach, und wenn ein Kind nicht spielte, war das für ihn ein Alarmsignal.
»Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler.« Dieser Bibelspruch hätte auch für Wichern gelten können. Sein pädagogischen Leitsatz war, dass jedes Kind einzigartig sei und ihm mit Liebe und Geduld begegnet werden müsse. Quasimodogeniti – wie die neugeborenen Kinder – das haben die Kinder bei ihm erfahren.

Heute arbeiten deutschlandweit in mehr als 27.000 Einrichtungen der Diakonie heute zirka 435.000 Menschen, Wir wünschen, daß auch sie etwas davon erleben und beflügelt werden: Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler.

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