Eine kleine Lehre von großer Hoffnung

„Paulus“, möchte ich antworten, „wie recht du doch hast, auch wenn du es mit Blick auf deine Zeitgenossen in Korinth ganz anders gemeint und gedacht hast. Mit unserer Hoffnung ist es schon in diesseitigen Angelegenheiten, oder wie du es nennst: in diesem Leben, nicht all zu weit her. Wir sind bescheiden geworden, wir wagen nicht mehr wirklich das Unmögliche und Undenkbare zu hoffen. Nüchterne Realisten scheinen das Leben und die Gegenwart aus uns gemacht zu haben. Wir richten uns in dem, was wir haben ein und verklären diese Nüchternheit auch nicht unbedingt. Da reicht ein Blick in meine Zeitung, mit der das Tagesgeschehen kommentiert wird. Was für ein Bild unserer Gefühlslage !“:
„Ein Funke Hoffnung und sehr viel Misstrauen“ bemerkte der Autor zu den Vereinbarungen der Außenminister der Ukraine, Russlands, der USA und der Außenbeauftragten der EU . Und der Zweifel scheint ihm Recht zu geben. Die Hoffnung, den kalten Krieg mit den Umbrüchen im Ostblock vor 25 Jahren überwunden zu haben und auf eine friedlichere Welt frei von gewalttätigen Auseinandersetzungen zuzusteuern, hat sich zerschlagen, ist wie eine Seifenblase geplatzt. Mittlerweile gehört nicht mehr allein der Balkankrieg in diese Zeit nach der Wende, sondern viele andere wie im Irak und in Afghanistan mit ihm.
Bestenfalls ein Funke Hoffnung und sehr viel Misstrauen – in diesem Leben, für diese Welt. Der Karfreitag als Konzentration auf das Leid von Menschen Hand gemacht oder von Menschen unbegreiflich erlitten liegt unserem Lebensgefühl einfach viel näher, scheint realistischer!
Aber auch wer gar nicht immer auf das große Weltgeschehen blicken will, das ja doch unser Lebensgefühl auch im Kleinen beeinflusst, wird sich vielleicht wiederfinden in der zweiten sinnbildlichen Überschrift:
„Angst, Wut und Trauer und ein Rest Hoffnung“ – die werden die Angehörigen der Opfer des Fährunglückes vor Südkorea mittlerweile wohl aufgegeben haben, ebenso wie die Angehörigen der Passagiere von Flug MH 370 heute bestenfalls noch hoffen, zu erfahren, was mit ihren Verwandten, Freunden oder Kollegen vor Wochen geschehen ist.
Ich will keinem die Osterfreude nehmen, es gibt auch Grund zur Hoffnung: Das Licht und die Wärme der letzten Wochen lassen unsere Stimmung buchstäblich aufhellen.
Unglaubliche Freude herrscht in den Familien, in denen junge oder jung gebliebene Paare guter Hoffnung sind. Das Geschenk des Lebens ist etwas großartiges und das Glück, Kinder aufwachsen zu sehen, sich mit Kindern zu freuen, ihre Augen leuchten zu sehen, ihre Neugierde kaum befriedigen zu können, entschädigt für so vieles.
Menschen bekommen ihr Leben dank des medizinischen Fortschritts noch einmal geschenkt, obwohl sie vor wenigen Jahren noch bestenfalls nach dem Motto gelebt hätten: die Hoffnung stirbt zuletzt.

Trotz allem wäre das allein eine sehr bescheidene Hoffnungslehre einer Zeit, der von Ostern vielleicht nicht viel mehr als ein Frühlingsfest mit bunten Ostereiern und Unmengen Süßigkeiten geblieben ist, weil mit Blick auf die letzten Dinge des Lebens immer weniger zu fragen, zu hoffen und zu glauben wagen.

Ja, es gibt ein deutliches „Mehr“ in diesem Leben als es früheren Generationen vergönnt war, egal ob mit oder ohne Christus. Und wohl dem, der das uneingeschränkt genießen und vielleicht seiner Dankbarkeit darüber Ausdruck verleihen kann.
Was aber, wenn Paulus mit seinem endgültigen Urteil recht hat, dass die Gefangenschaft der Hoffnung auf diese Welt, diese Zeit und dieses Leben uns zu armen und elenden Kreaturen macht und uns einer viel größeren Hoffnung und vielleicht sogar Utopie beraubt?

Ja, auch die kleinste Hoffnung ist noch Hoffnung! Aber ich sehne mich auch nach mehr.
Ich sehne mich immer noch nach einer Welt, in der alle, die das Licht der Welt erblicken, erfahren können, was es heißt, geliebt zu werden, einen Platz zum Leben zu finden und seine Begabungen und Möglichkeiten entfalten zu können.
Ich wünsche mir eine Welt, in der Verschiedenheit nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung erfahren wird.
Ich sehne mich nach einer Zeit, in der Menschen verlernt haben werden, sich zu verfolgen, sich zu hassen, Kriege zu führen und zu töten.
Ich wünsche mir ein Leben, aus dem Menschen am Ende – biblisch gesprochen -alt und lebenssatt gehen können und wissen, dass ihre Zeit und ihr Leben nicht umsonst und vergeblich waren.
Ich wünsche mir Gelegenheiten, dass Unausgesprochenes, das krank und einsam macht, nicht nur gedacht und vor sich hergetragen, sondern durch Versöhnung entmachtet wird.
Ich möchte erleben, dass Menschen in der Verantwortung für die Schöpfung Probleme nicht nur beschreiben, sondern ernst machen mit einem anderen Umgang mit dieser, unserer zerbrechlichen Welt.
Ich sehne mich also nach dem Reich Gottes, um das zu jeder Zeit an so vielen Orten rund um die Welt mit dem Gebet Jesu gebetet wird.
Ich wünsche mir, dass Menschen, die noch hoffen, nicht müde und mitleidig belächelt, sondern eher neugierig befragt werden nach dem Grund ihrer Hoffnung und nach der Nahrung ihrer Utopien.
Die Hoffnung des Ostermorgens sprengt alle herkömmlichen Vorstellungen:
Durch den Menschen, nichts anderes bedeutet sein Name ADAM, durch seine Zweifel, seine Überheblichkeit, seine Grenzen- und Maßlosigkeit ist der Tod eine brutale, unberechenbare Wirklichkeit geworden.
Durch den einen, den Menschen- und den Gottessohn, ist Leben aber offensichtlich Gottes ausdrücklicher Wille und sein wunderbares Angebot im Angesicht aller Todeserfahrung. Er mag uns schrecken, weil wie ihn nicht wirklich kennen, auch wenn wir ihn ein Leben lang erfahren, aber er ist längst verspottet: „Tod, wo ist dein Sieg, Tod, wo ist dein Stachel“ wird Paulus noch triumphierend ausrufen.
Ostern will Menschen befreien aus der Selbstgenügsamkeit mit den bestehenden Verhältnissen in dieser Zeit und dieser Welt.
Nichts muss so sein, wie es ist. Nichts muss so bleiben wie es ist.
Am Karfreitag und nach am Abend vor dem Ostermorgen, selbst noch auf dem Weg zum Grab sah alles so aus, als gäbe es nur die Macht und Wirklichkeit des Todes.
Die Botschaft des Engels und dieses Tages aber lautet: Fürchtet euch nicht. Die Macht des Todes ist gebrochen, weil sie nicht größer als die Herrschaft Gottes und des Auferweckten sein kann. Der Tod hat ihn nicht halten, nicht klein kriegen, nicht zum Verstummen bringen können. Und ihr – ihr begegnet dem Tod, aber habt Vertrauen, er muss dem Leben weichen.
Gottes Verheißung seines Reiches, meine Sehnsucht und meine Hoffnung haben einen realen Grund: Christus ist auferstanden von den Toten.
Wir fangen immer noch an zu begreifen, zu buchstabieren, was das heißt, das alle Herrschaft, Macht und Gewalt vernichtet und besiegt werden.
All die Kräfte, die unsere Hoffnung hier klein halten: aller Hass, alle Gewalt, aller Streit, alle Ungerechtigkeit, alle Unzufriedenheit, aber auch alle Krankheit und aller Tod haben nicht mehr das letzte Wort, sind entlarvt und entzaubert. Gott ist und bleibt alles in allem und das schon in diesem Leben und noch viel mehr in seiner Welt, auf die wir hoffen dürfen, ohne dieser unserer Welt dabei zu entfliehen.
Eine Botschaft mit Sprengkraft in allen Lebensbereichen, im Kleinen wie im Großen, im Privaten wie im Politischen.
„Ja, Paulus, du hast Recht! Wir hoffen nicht nur für dieses Leben auf Christus. Wir sind angesteckt von der Hoffnung auf sein Reich und sehen seine Spuren schon mitten unter uns. Denn der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja!“

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