Gebeugt, verfolgt und schuldbeladen – ist damit vom Leben schon alles gesagt ?

Das Alter und die Krankheit hatten sie gebeugt, aber nicht gebrochen.Sie hatte viel zu tragen gehabt im Leben: die Verantwortung für die jüngeren Geschwister, die Herausforderung als Frau ihren Mann in einer Männergesellschaft stehen zu müssen, alleinerziehend den Kindern Mutter und Vater zu sein und im letzten Lebensjahrzehnt der Kampf nicht nur mit den Gebrechen des Alters, sondern auch mit der todbringenden Krankheit, der es galt immer noch ein Stück Lebenszeit abzutrotzen. In den stillen, einsamen Augenblicken, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, umfasste sie das kleine silberne Kreuz, dass sie einst zu ihrer Konfirmation geschenkt bekommen und seitdem wie ihren kostbarsten Schatz behütet hat. Es gab ihr Trost und Kraft, das Gefühl Gott in der Nähe zu haben. Ihre Kinder wussten nicht immer, ob sie ihre Mutter ob ihres Glaubens belächeln oder bewundern und beneiden sollten. Selbst in den letzten Augenblicken auf dem Sterbebett hielt sie den Blick fest auf das Kreuz an der Wand geheftet. Sie starb getrost und ungebrochen, wenn auch am Ende ihrer Kräfte ! Sie war ausgezehrt, auf ein Minimum reduziert, ganz zerbrechlich, in ihrer Ohnmacht voller Würde und mit einem auch Hauch von Anmut aus einem bis zuletzt geliebten Leben.

„Fürwahr er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen…!"

Er gehörte zu einer Minderheit von Christen, die aber über Jahrhunderte, ja eigentlich Jahrtausende zu Hause war an den Geburtsstätten des Christentums. Sie hatten immer hier gelebt und gearbeitet, sich mit Land und Leuten verbunden gefühlt, und nie nach Abstammung oder Religion gefragt, auch wenn die Nachbarn ihres Viertels alle Christen waren. Heute aber waren sie nicht mehr sicher vor den Kollegen und Schulkameraden von einst. Es reichte aus, dass sie die Kirchen besuchten, dass sie die Sprache der Christen sprachen und deren Kleidung im Alltag. Das Kreuz, dass sie trugen, versteckten sie schon lange, weniger aus Angst vor dem Spott derer, denen das Kreuz kein heiliges Symbol war, als vielmehr aufgrund der realen Erfahrung von körperlicher Gewalt gegen Christen.
Manchmal fragte er sich, ob ihr Glaube das alles wert war, ja ob es überhaupt noch etwas mit der Suche nach der Wahrheit zu tun hatte, oder ob es nicht um Missgunst gegen sie ging, weil Christen bessere Bildungschancen hatten und lange zur Machtelite gehörten. Aber wenn sie dann zur Sonntagsmesse zusammenkamen, die alten Gesänge der Väter und Mütter sangen, in die alten Gebetshymnen einstimmten, wenn er seinem Sohn und den Töchtern, manchmal auch seinen Nichten und Neffen die Geschichten auch der großen Festtage zwischen Karfreitag und Ostern, von Kreuz und Auferstehung erzählte, das Kreuz auf seiner Haut spürte, dann wusste er wieder , wo er herkam und wo er hingehörte, und dass er diese Wurzeln nicht verleugnen konnte, ohne sich dabei zu verlieren. Noch hält er aus, noch will er seine Heimat nicht verlassen, noch hofft er auch auf die Völkergemeinschaft und die Verbundenheit der weltweiten Christenheit gerade, wo sie in Frieden und Freiheit leben.

„Wir hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre…!“

Wer es nicht erlebt hat, hat keine Vorstellung, wie das Leben sich von einem Augenblick zum anderen radikal verändern und die Verzweiflung darüber, nichts ungeschehen machen zu können, einen an den Rand des Wahnsinns bringen kann.
Es war nur ein kurzer Augenblick des Streites und des Zorns auf der Autofahrt, der sie beide ablenkte und keiner konnte mehr sagen, ob Fahrer oder Beifahrer den Anlass zum Streit gegeben hatten. Der kurze Augenblick der Unaufmerksamkeit reichte aus, um das Kind eben nicht rechtzeitig zu sehen und reagieren zu können, als es hinter dem Ball her auf die Straße gelaufen kam, wie Kinder es eben tun ohne nach links und nach rechts zu schauen. Wie gerne hätten sie diesen winzigen Augenblick ungeschehen gemacht. Jetzt mussten sie beide mit dem Gefühl und der Schuld leben, diesen Unfall verursacht zu haben. Eine Zeitlang haben sie sich noch gegenseitig zermürbt und krank gemacht mit Vorwürfen und Schuldzuweisungen, ehe sie begriffen, dass jeder seine Verantwortung trug, nichts das Kind wieder lebendig machen konnte, sie aber mit dieser Verantwortung und Schuld weiterleben mussten. Trotz aller Verzweiflung und allen Schmerzens haben die Eltern des Kindes sie aber nie verurteilt, sondern gemeinsam haben sie viel geredet, viel geweint, sind einander wichtig geworden, aneinander gewachsen und im Lauf der Zeit auch einander Stütze geworden. Sie haben Vergebung und Versöhnung gelebt. Die Eltern haben diesen Glauben ganz neu verstehen gelehrt.

„Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unsere Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf das wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt.“

Krankheit, Verfolgung, Schuld und Verantwortung sind nichts abstraktes oder theoretisches, sondern die Spuren, die Leben in uns und an uns hinterlässt, selbst, wenn diese Lebensgeschichten nicht in dieser Art unsere waren, sind oder, so Gott es schenken möge, auch nicht sein werden. Das Leben erzählt von Krankheiten, Lasten, Misstrauen, Verachtung und Versagen ganz genauso wie von Glück, Erfolg, Liebe und Frieden. Und manchmal erzählt es von Trost, Stärkung, Ermutigung,Vergebung und Versöhnung da, wo Menschen das Kreuz Jesu im Blick oder im Herzen behalten. Und dort, wo das geschieht, werden wir Zeugen eines wunderbaren und kostbaren Geschenkes, wie es vielleicht nur der Glauben erfahren kann!
Wir können uns wundern, staunen oder den Kopf schütteln, aber es ist mindestens auch, wenn nicht sogar zu aller erst Gottes Geschichte(!!), die sich dort am Kreuz und im Kreuz zuspitzt: egal was wir sagen und denken, wie es auf den ersten Augenblick in der Logik der Mächtigen und Starken auch scheinen mag: der gebrochene, zerschlagene, verspottete – bestenfalls mitleidig belächelte, aber eigentlich verachtete, dieser Jesus ist Gottes Antwort und Gottes Botschaft an uns in den drängendsten Lebensfragen und -zweifeln. Er, mit dem so viele Hoffnungen auf Weltveränderung und Umsturz der Verhältnisse verbunden waren, der so vielen Menschen durch seine Zuwendung das Gefühl gegeben hat, es kann tatsächlich alles anders sein und werden, der in dem Augenblick seines Todes alle Hoffnungen enttäuschte, beraubt uns auch aller Täuschung einer heilen Welt , als könnte alles so einfach gut und schön werden oder gar schon sein, er mutet sich um Gottes willen zu, die schlimmsten Abgründe zu erleben, grenzenlosesten Hass und Verachtung zu spüren, den bittersten Tod zu sterben, weil genau solches Menschen auch durch Menschen Hand auf eine Art und Weise erleiden, wie wir es uns überhaupt nicht vorstellen können.
Wenn die Spötter sagen: "Gott ist tot", dann ahnen sie nicht, wie recht sie haben!
Dort am Kreuz, am Galgen ist er mit all den Opfern gestorben , hat mit allen einen letzten Atemzug getan. Jeder noch so leise, verzweifelte Ruf, jeder noch so hilflose Blick, aber auch jedes noch so getröstete „es ist geschafft“ kommt wie aus seinem Herze und berührt sein Herz. Um uns zu erreichen, um zu uns zu kommen, um uns nahe zu sein und nahe zu bleiben, ist Gott keinen anderen Weg gegangen, als den in die Tiefe, in die Einsamkeit, in die Verlassenheit und in die Schuld. Und genau dort streckt er uns seine Hand entgegen.
Er will uns anrühren, um uns zu trösten, so wie einst die Arme und Hände der Mutter oder der Großmutter, der liebevoll Blick des Vaters und Großvaters getröstet haben.
Dort wo alle sich abwenden, will er uns spüren lassen, ich bleibe bei dir, du bist nicht allein, so wie Bruder und Schwester oder ein guter Freund bei dir bleiben, wenn du einsam bist.
Er streckt seine Hand zur Versöhnung aus, wo alles unversöhnlich scheint, weil Frieden auch heute 2014 immer noch nicht anders gewonnen werden kann – nicht durch Stärke, nicht durch Gewalt, nicht durch Demütigung des Unterlegenen und Schwächeren, sondern nur durch die ausgestreckte Hand der Versöhnung. Das Kreuz kann eine Brücke werden zwischen Menschen verschiedener Generationen, verschiedener Völker, verschiedener Geschichten!
Eine Brücke der Verständigung und Versöhnung, die Gott längst geschlagen hat, der wir nur oft viel zu wenig vertrauen. Gott ist den Weg doch längst gegangen:
„Fürwahr, für uns, auf das wir Frieden hätte; durch seine Wunden sind wir geheilt.“

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