Das Wunder des Karfreitags

Liebe Trauergemeinde,

das Schriftstück, dass ich Ihnen gerade gelesen habe, ist aus unerfindlichen Gründen in den vergangenen Tagen zu mir gekommen und ich dachte, ich kann es uns heute nicht vorenthalten; heute, wo wir von Jesus von Nazareth für immer Abschied nehmen. Es handelt sich, wie ja auch angegeben, um das vierte Gottesknechtslied aus dem Buch des Propheten Jesaja.

Wir alle spüren, dass diese Worte sehr wohl zu dem passen, was wir in den vergangenen Tagen erleben mussten. Mit eigenen Augen draußen auf dem Hügel von Golgatha und mit eigenen Augen draußen vor den Bildschirmen. Die Privaten waren sich ja wieder einmal nicht zu schade, besonders die allerbrutalsten Szenen zusammenzuschneiden und das Ganze zwischen dem „Quatsch-Commedy-Club“ und „Deutschland sucht den Superstar“ zu senden. Die Einschaltquoten waren gering. Mit Nägeln durchbohrte Hände und aufgestochene Rippenbögen, das läuft heute unter „Pleiten, Pech und Pannen“. Da gibt es doch Besseres. Stirb langsam, Teil 25. Es folgt die Werbung.

Es ist leider kein Wunder, dass es heute nur noch wenige gibt, die angesichts solcher Bilder verwirrt und betroffen, ja erschüttert sitzen bleiben, sitzen bleiben müssen, während Millionen zwischendurch Pinkeln oder Bier holen gehen. „Eine zivilisierte Gesellschaft ist die, in der körperlicher Schmerz und körperliches Vergnügen nicht die einzigen Argumente sind.“ hat Dávila geschrieben. Wir nennen uns zivilisiert und aufgeklärt und zitieren inzwischen alles – nein nicht vor das Licht des Geistes oder der Vernunft – sondern vor den lächerlichen Gerichtshof dessen, was uns irgendwie Spaß macht. Im 2. Weltkrieg hat es deutschen Familienvätern Spaß gemacht, fremden Frauen und Kindern ins Genick zu schießen.

Natürlich haben sich die Kirchen von dieser Art der Berichterstattung distanziert und vom gekreuzigten Jesus von Nazareth gleich dazu. Man stehe für das Gute, Wahre und Schöne. Kreuzigungen und andere Brutalitäten seien nicht mehr zeitgemäß und wenn man sie schon aus den virtuellen Wirklichkeiten nicht verbannen könne, dann wenigstens aus der Religion. In Zukunft sollten die Kirchensteuermittel vor allem dafür verwendet werden, Leuchttürme für das Gute, Wahre und Schöne im Land zu errichten. Man stehe für Werte. Natürlich hat dabei auch die Kirche die Hoffnung, dass sie in Zukunft wieder mehr Menschen irgendwie Spaß macht, wenn sie ihre kirchlichen Angebote von der Taufe bis zur kirchlichen Bestattung schön bunt auf die öffentlichen Grabbeltische legt.

Ach, ihr Lieben, unser Freund Jesus von Nazareth, war zum Star nicht geboren. Weder seine Gestalt, noch seine Gedanken waren zeitgemäß. Was die, die ihn kannten, über ihn aufgeschrieben haben, kann nun neben die Tagebücher ins Regal gestellt werden. Und wir hatten die traurige Pflicht, seine sterblichen Überreste vom Kreuz zu nehmen. Ich konnte dir, lieber Joseph von Arimathäa, nicht verdenken, dass du gar nicht so recht hinschauen mochtest, als du ihn vom Holz losmachtest. Von dem, was von diesem Menschen nach all den Qualen noch übrig war, haben deine Hände genug gesehen. Ich danke dir auch, dass du das Felsengrab für ihn zur Verfügung gestellt hast, so dass sich wenigsten diese Prophezeiung nicht erfüllt und er sein Grab nicht bei den Gottlosen und Übeltätern finden muss.

Ich kann euch in dieser Stunde einen zweiten Brief nicht ersparen, der mich heute morgen per E-Mail erreichte, von einem Freund aus der Ferne. Er hat alles im Fernsehen gesehen, und noch spät in der Nacht, als er die Kraft fand, schrieb er: „Versagen also, Versagen! Das ist der Stempel, den uns die Welt aufdrückt. Wir überschütten sie mit unseren Fehlern, unseren Untaten, unseren verpassten Gelegenheiten, mit all den Denkmälern unseres Zurückbleibens hinter unserer Berufung. Und mit was für einem verdammenden Nachdruck löscht sie uns dann aus. … Alle natürlichen Güter verfallen, Reichtümer sind flüchtig; Ruhm ist ein Hauch, Liebe ein Betrug; Jugend und Gesundheit und Vergnügen vergehen. … Hinter allem steht das große Gespenst des universalen Todes, die allumfassende Schwärze.“ (William James, zitiert nach Birgit Weyel, GPM, 1/2008, Heft 2, S. 186)

Ich denke, er spricht vielen von uns aus der Seele. Und wir alle haben sie gesehen: Die Schwärze, die sich kurz vor Jesu Tod über das Land legte. Ich habe damit gerechnet, dass sie nie mehr aufhört. Ich konnte schon sehen, wie sie sich aufbaut; wie die Welle eines Tsunami, in der alle Opfer menschlicher Untaten schreiend aus ihren Gräbern fahren und sich vereinen zu einer Sintflut, gegen die die Sintflut des Noah gar nichts war. Eine schwarze Flut, in der alles, was zum Himmel stinkt und zum Himmel schreit sich ballt zu einer kosmischen Faust, die endgültig dreinschlägt und uns alle zermalmt.

Aber die Schwärze löste sich auf, als er schreiend gestorben war und nur <i>ein</i> wirklich Zerschlagener blieb zurück. Als hätte er, der Gekreuzigte, sich diesem schwarzen Tsunami in den Weg gestellt. Als hätte er diese grässliche Welle des Todes gebrochen. Ich sehe dich, Joseph, nicken. Du musst auch an die Worte des Propheten denken, der schreibt: Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Schaut mich nicht so an. Geheilt ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber ich habe doch wahrgenommen, wie ihr alle den Atem angehalten habt, draußen auf Golgatha. Dass wir jetzt noch schnaufen, ist vielleicht nur dem zu danken, der auf Golgatha den letzten Atemzug getan hat. Dass wir jetzt und heute noch atmen, ist für mich das Wunder des Karfreitags.

Wir können deshalb nur hoffen, dass auch das für unseren Bruder und Freund in Erfüllung ging, was der Prophet schreibt: Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Bei seinem himmlischen Vater, den er immer so geliebt hat und von dem er in wunderbaren und tröstlichen Bildern zu reden wusste.

Trostlos werden wir bleiben im Gedenken an ihn und daran, wie die große Schwärze schließlich auch ihn verschlungen hat. Wir aber leben – noch. Was bleibt, ist das Zuendeerzählen einer unbedeutend gewordenen Welt. So ruhe er nun in Frieden.

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