Langzeitwirkung

(Im Gottesdienst wirkte ein Chor des Musical-Projekts Adonia mit. Lieder aus der Tournee 2014 "Johannes der Täufer" wurden gesungen. Näheres dazu unter "www.adonia.de"
Ein wiederkehrender Part des Stückes ist der Auftritt von zwei Palmen, die das Geschehen kommentieren.
Darauf fußt der Einstieg, in dem zwei Jugendliche als Palmen auftreten.
Fotos dazu ebenfalls auf adonia.de)

Palma: Wie siehst du denn aus?
Palmi: Kennst du mich nicht mehr? Wir stehen doch seit Jahren Baum an Baum.
Palma: Aber so kahl wie heute hab ich dich noch nie gesehen. Du siehst ja aus wie Matthias Sammer.
Palmi: Wer ist das denn?
Palma: Ein Fußballer, als Stürmer mit wilden roten Haaren, und jetzt als Sportdirektor trägt er 9mm oder Glatze. So ohne Ultra HD kann ich das nicht unterscheiden.
Palmi: Na hör mal, die Blätter, die ich noch habe, sind aber wesentlich länger.
Palma: Die paar Blätter! Wo ist denn der Rest?
Palmi: Die hat mir der Mob abgerissen. Am Palmsonntag. Zur dir ist ja keiner raufgestiegen, dein Stamm ist zu glatt.
Palma: Du siehst wirklich bemitleidenswert aus. Aber tröste dich: Du hast Jesus Ehre gemacht. Die Leute haben wie wild gewunken mit deinen Zweigen. Das war noch mal ein ganz besonderer Höhepunkt in deinem Palmendasein.
Palmi: Stimmt. Aber nun seh ich aus wie ein gerupftes Huhn.
Palma: Schönheit ist vergänglich. Und Ruhm auch. Heute jubeln sie alle dem Messias zu. Bald werden sie nicht mehr Hosianna rufen, sondern Kreuzige. Das wird eine Woche werden, die es in sich hat. Du wirst schon sehen…

Pastor: Die Palmen dürfen jetzt wieder von der Kanzel herab steigen. Ich gehe mal ein Stück mit, zum Ostergarten. An ihm möchte ich die Stationen der Karwoche abschreiten…

Die Stationen der Karwoche sind hier im Ostergarten dargestellt. Wer die Einzelheiten jetzt aus den hinteren Bänken schlecht sieht, kann das nachher beim Kirchkaffee aus der Nähe betrachten.
Noch ist nicht alles aufgebaut. In den nächsten Tagen kommen weitere Details hinzu. Die Lage entwickelt sich, verändert sich. Der Auftakt ist heute, Palmsonntag. Jesus zieht in die Stadt Jerusalem ein. Das Volk hat große Erwartungen und jubelt ihm zu. Aber bald später sind sie ernüchtert und sehen die Dinge anders.

Vom Stadttor, wo Begeisterung ist und leichte Stimmung, wandert der Focus auf das Gotteshaus, wo die Hüter der Tradition sitzen. Sie fürchten um ihre Macht. Der Inquisitor bereitet den Ketzerprozess vor. Aus dem innersten Zirkel um Jesus hat ein Maulwurf bereits Insiderwissen geliefert. Im Kirchenparlament muss noch Überzeugungsarbeit geleistet werden. Das Gremium ist gespalten. So gibt die Geistlichkeit ein armseliges Bild ab. Aber auch die Jünger werden sich nicht mit Ruhm bekleckern. Hier, im Garten, werden sie sich nach dem Abendmahl am Gründonnerstag treffen. Jesus will mit ihnen beten. Aber ihnen fallen die Augen zu. Also dort zeigt sich die Kirche machthungrig, hier verschlafen. So ist unsere Wirklichkeit. Jesus weiß das. Aber er stellt sich weiter zu den Seinen.

Der Focus geht weiter auf den Hügel vor der Stadt. Dort wird bald ein Kreuz stehen, wo Jesus sein Leben lassen wird. Aus Liebe. Und dann, an Ostern, geht alle Aufmerksamkeit auf das Felsengrab. Das ist am Ostermorgen plötzlich leer. Und von dort wird der Freudenruf in alle Welt gehen: „Der Herr ist auferstanden“

(Pastor kehrt auf die Kanzel zurück) Der Empfang am Palmsonntag zeigt uns Jesus sozusagen im Zenit seines Ruhms. Die Kirche dagegen sieht den Gipfel seiner Laufbahn gerade am Karfreitag erreicht, oder am Ostersonntag, eigentlich an beiden in Beziehung zueinander. Für die Welt war der Gipfel der Palmsonntag. Da war Jesus der Star, für einen Tag. Selbst seine Gegner sind von dem Eindruck überwältigt, sie sehen ihre Felle schon davon schwimmen. Alle Welt läuft ihm nach, klagen sie.
Aber die Sorge war voreilig. Der Ruhm war ohne Nachhaltigkeit. War auf dem „Gefällt mir“ – Niveau, das von Millionen angeklickt wird. Von Followern, denen man nichts abverlangen kann. Jesus – find ich gut, rufen sie. Immerhin haben sie ihm einen wirklich herzlichen Empfang bereitet. Auf die Schnelle. Trotz des Fehlens irgendwelcher Vorbereitungen sollte es doch ein würdiger Empfang werden.
Denn die Stadtväter hatten den für sie gefährlichen Gast tapfer ignoriert. Hatten keine Delegation zum Stadttor gesandt. Auch ein Empfang im Rathaus war nicht vorgesehen. Aber das Volk weiß sich zu helfen. Die spontane Begeisterung findet Mittel und Wege. Neukleidersammlung für einen improvisierten roten Teppich. Palmenzweige statt Fähnchen. Da ließ sich ein Kahlschlag in der Botanik leider nicht vermeiden.
Nur einer hatte lange vorher Vorbereitungen getroffen. Das war Johannes der Täufer. Er hat den maßgeblichen Anteil am großen Auflauf. Denn er hat das Volk auf den Messias vorbereitet. Und so werden viele auf Jesus aufmerksam. Jung und Alt. Reiche und Arme. Soldaten und Zivilisten. Griechen wie Juden. Intellektuelle und Analphabeten.
Auch euer Einsatz als Adonia Chor, Musiker, Begleitpersonal dient diesem Zweck. Ihr seid Wegbereiter. Jesus soll zu den Leuten kommen. Leute, die außerhalb der Kirche stehen oder in ihr, aber ohne klare Stellung zu Jesus.

Ohne Gewissheit im Glauben. Sie kommen in eure Konzerte. Sie stellen ihr Haus für ein Quartier zur Verfügung. Oder eine Halle im Ort für die Aufführung.
Ihr habt euch angemeldet für die aktuelle Tournee. Ich vermute mal letztes Jahr. Die Motive werden vielschichtig sein. Hier ist es Freude am Singen. Dort sind welche, bei denen Chormitglieder zu Gast waren und sie möchten nun das gleiche erleben. Dort sind welche aus Gemeinden, wo schon immer Adonia Konzerte stattgefunden haben oder wo die Jugendgruppe dahin gefahren ist. Ihr habt euch mit dem neuen Musical vertraut gemacht, mit Texten und Melodien. Ihr möchtet, dass es auch an eurem Heimatort aufgeführt wird.

All diese Motive sind okay. Aber das beste Motiv ist das, was Johannes den Täufer angetrieben hat: Wegbereiter sein für Jesus.
Die Verantwortlichen hinter Adonia sind getragen von genau diesem Motiv. Zuerst möchten sie, dass Jesus in euren Herzen, also in den Herzen aller, die da von ihm singen, einen ganz festen Platz bekommt und behält. Deshalb gibt es flankierend zu den Auftritten die Bibelarbeiten, Gruppengespräche, geistlichen Impulse.

Auch den Details des Liedvortrags liegt dieser innere Zweck zugrunde. Wenn es darum geht, dass ihr euch die Texte aneignet, um sie dann frei zu präsentieren. Ohne Liederheft. Dann ist der eigentliche Zweck nicht so sehr, dass eurer Blick statt in die Noten zum Dirigenten geht. Damit er die wichtigen Passagen ohne Umwege steuern kann, eines jeden Aufmerksamkeit hat. So sehr das sicher der Wunsch oder der Traum jedes Chorleiters geht. Aller Augen auf sich gerichtet zu haben.
Der eigentliche Zweck ist ein anderer. Dadurch, dass ihr die Texte auswendig beherrscht, könnt ihr sie verinnerlichen. Euch aneignen. Sie glaubwürdiger präsentieren. Und damit den Weg dieser Aussagen zu den Hörern bereiten. Die Töne, die Worte sollen sie ohne Umwege erreichen. Direkt ins Ohr. Direkt ins Herz.

So war auch Johannes der Täufer ein Wegbereiter. Herodes hat ihn zwar beiseite geschafft. Hat ihn zum Schweigen gebracht. Aber sein Werk setzte sich fort. Es setzt sich sogar fort in denen, die damals am Palmsonntag ohne tiefe geistliche Einsicht sich haben mitreißen lassen von der allgemeinen Begeisterung.

Sie bereiten Jesus den Weg auf die unterschiedlichste Weise. Da sind die mit den Palmzweigen. Es ist interessant, dass sie nicht etwa brav auf dem Balkon stehen und aus sicherer Entfernung winken. Nein, der Bericht notiert: „Sie nahmen Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen.“

Sie verlassen also ihre Häuser. Sie werden sichtbar. Und sie warten nicht ab, bis der Zug bei ihnen vorbei kommt. Sie können nicht schnell genug bei Jesus sein. Und sie drücken ihm ihre Dankbarkeit aus.
Andere breiten ihre Kleider auf den Weg. Die guten Stücke werden Flecken kriegen. Macht ihnen das nichts aus? Aber vielleicht ist es auch Aberglaube. Dann können sie nach Jahren noch ihren Enkeln erzählen: „Seht ihr die Eselsspur hier auf meinem alten Mantel? Da ist Jesus drüber geritten. Und ich war dabei!“

Dieser ganze Aufwand, die Herzlichkeit, die ungeteilte Freude bei diesem begeisternden Empfang ist richtig anrührend. Jesus hat es wirklich verdient. Genießt er es? Oder nimmt er es kaum wahr, weil er den Ausgang der Ereignisse vor Augen hat?

Denn was bald kommen wird, hat er damals schon Johannes dem Täufer mitteilen lassen. Als der aus dem Gefängnis heraus eine klare Auskunft erbeten hatte, ob in Jesus der Messias erschienen ist. Er lässt ihm mitteilen: „Lahme gehen, Blinde sehen, Armen wird das Evangelium verkündigt und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“
Genau das geschieht dann. Anfangs die Wunder. Aber dann das große Ärgern und Nichtverstehen. Und es ist nicht nur die schnell umschlagende Stimmung der Menge. Die Freunde Jesu ziehen sich ja auch zurück. Was bleibt dann noch?

Den Ernst dieser Frage erfassen wir gar nicht mehr richtig. Weil wir die Wende vom Ostermorgen im Blick haben. Aber davor war für die Jünger, also für die Kirche eigentlich, alles fraglich. Unsere ganzen Aktionen, das wofür wir angetreten sind, was hat es am Ende überhaupt bewirkt?
Also die gleiche Frage, die den Täufer da im dunklen Loch in der Festung Machärus quält. So viele habe ich getauft. Hat es überhaupt was bewirkt?
Diese Frage muss sich die Kirche auch stellen. Wir machen doch das gleiche. Jedes Jahr zig Taufen. Was bewirkt es bei den einzelnen?
Diese Frage hat den Täufer gequält. Es gibt dann so bequeme Antworten. Eine solche lautete damals: Mit der Taufe von Jesus ist der Auftrag erfüllt, der Staffelstab wird weiter gereicht, Johannes kann abtreten.

Die bequeme Antwort für die Kirche heute wäre: Wir können den Leuten nicht ins Herz gucken. Wir können es nicht sichern, wie Eltern und Paten den Weg der getauften Kinder begleiten. Gott muss es richten.
Die Ungewissheit bleibt also. Ob wir Erwachsene taufen, wie es Johannes tat, ob wir Kinder taufen wie in der Volkskirche.
Aber hin und wieder schenkt Gott es dann doch, dass wir Zeichen bekommen, mutmachende Zeichen, wie er die Sache weiter geführt hat, die seine Leute angefangen haben.

Ein oft übersehener Bericht aus der Apostelgeschichte ist ein solches mutmachendes, unerwartetes Zeichen. Es wird ja immer gesagt, das Christentum kam erstmals durch den Apostel Paulus nach Europa. Er kam nach Philippi und die Purpurhändlerin Lydia wurde dort die erste Christin. Das stimmt nur halb. Lydia hat sich wohl bekehrt und wurde getauft. Aber wesentliche Grundlagen vom Christentum kamen schon vor Paulus nach Europa. In Apostelgeschichte 19 wird berichtet (Apg 19,1-7 lesen)
Dieses Ereignis geschah etwa 24 Jahre nach dem Tod von Johannes dem Täufer. Die Taufe des Johannes hatte also Kreise gezogen. Bis nach Europa. Menschen sind bewegt worden von dem, was ihnen der Täufer mitgegeben hat. Sein Dienst hatte Langzeitwirkung.

Liebe Musical-Aktive! In einer Stunde steigt ihr bei den Eltern ins Auto. Eine Woche Ferien, dann hat euch nach Ostern der Alltag wieder. Manche von euch sind beim nächsten Stück erneut dabei, andere nicht mehr, und auch für die Wiederholer ist mit 19 Schluss. Was werdet ihr nach Jahren bewirkt haben mit euren Einsätzen?

Vielleicht nimmt in ferner Zukunft, du bist dem Adonia Shirt längst entwachsen, jemand im Zug, im Flieger neben dir Platz. Ihr stellt euch vor, und dein Nachbar sagt:

In Sulingen war ich auch mal. Anno 14 im Stadttheater bei einem Konzert. Mit Christsein hatte ich nichts im Sinn. Aber ich musste ein paar Jugendliche abholen. Die waren bei uns im Haus zur Übernachtung angemeldet. Also musste ich mir die Aufführung angucken, um sie abzupassen. Das Stück hat mich total gepackt. Ich hab gemerkt, Gott spricht mich an und ich muss eine Entscheidung treffen. Seitdem bin ich mit Jesus unterwegs.

So kann Gottes Wort wirken an uns und in der Welt. Nicht wie ein Palmsonntags-Strohfeuer, hell lodernd, rasch verglühend. Sondern nachhaltig. Selbst bis ins Leid hinein. Das Licht, von dem Johannes gesprochen hat. Das Licht, von dem ihr gesungen habt:

„Licht der Welt erhellt die Zeit. Aus der Ewigkeit strahlt himmelweit da Licht der Welt. Ob ich es klar vor Augen sehe oder im Alltagsnebel lebe. Ob ich das Licht im Herzen spüre oder verlorn mein Dasein führe: Dein Licht scheint!“

drucken