Wer bin ich? Dein bin ich, o Herr!

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich trete aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

So fragt Dietrich Bonhoeffer aus dem Gefängnis heraus 1944, schon im Todesschatten sitzend, um am Ende zu entdecken: meine Leichtigkeit, meine Gelassenheit, meine Entschiedenheit und meine Lebendigkeit haben einen Grund: „Dein bin ich, o Gott!“

Tobias, Gestalt in dem Roman „Ich bin Tobias“, ist ein junger Mann Anfang zwanzig, mitten in einer schweren Identitätskrise.
Er ist im Leben, frei und ungebunden, er ist aber auch umgetrieben von der Frage, wer ist er?
Ist er der, den die anderen in ihm sehen?
Ist er wirklich das Kind seiner Eltern, mal fröhlich, mal traurig, mit Begabungen und Grenzen, der die Hoffnungen seiner Eltern erfüllt oder auch mal enttäuscht?
Oder kann er auch etwas ganz anderes sein oder werden?
War er von Anfang an jemand ganz anderes ? Tobias ist beseelt von dem Gedanken, dass sein Vater nicht sein leiblicher Vater sei und so sucht er – er sucht im Bekanntenkreis seiner Mutter nach der Gestalt, deren Sohn er gerne wäre.

Manchmal, so meine ich mich zu erinnern, der ich diesen Roman in eben diesem Alter gelesen habe, als wäre er für mich geschrieben worden, manchmal wünschte er sich, er wäre gar nicht mehr, es gäbe ihn nicht, er wäre nicht geboren und der Tod würde ihn von all diesen drängenden Fragen und Zweifeln, dem hilflosen Suche und Irren befreien.
Junge heranwachsende Menschen haben Todesphantasien, wenn sie dabei sind, sich zu entdecken, wenn sie ihre Persönlichkeit entwickeln. Nur, wenn diese Phase krankhafte Züge entwickelt, dann droht Gefahr, Suizidgefahr, den Tod als Ausweg zu suchen.
Aber es gibt in verschiedenen Phasen Todesneugierde und Todessehnsucht. Kinder wollen die Welt entdecken und verstehen, sie fragen daher nicht nur, wo ein Mensch herkommt, sondern auch, wo er hingeht, wenn er stirbt. Und sie wollen ehrliche Antworten ,mit denen auch Eltern leben können.
Jugendliche möchten manchmal raus aus ihrer Haut, in der sie sich buchstäblich nicht mehr wohlfühlen, weil sich alles gerade in und an ihnen verändert Ich kann mich gut an eine Phase erinnern, in der ich lange überlegt und lange gerungen habe, wessen Platz ich denn gerne einnehmen würde, um ein anderes Leben führen zu dürfen.
Ich habe diese Phase unbeschadet überlebt, ich habe dabei gelernt, der zu sein, der ich bin, egal woher ich komme und egal wohin mein Weg mich führt, wenn es denn Gottes Weg mit mir und für mich ist und ich hoffe, dass mich dieses Vertrauen auch ein Leben lang nicht verlässt, auch wenn es dafür keine Garantie gibt.
Aber in dieser Such- und Findungsphase hat der Tod durchaus etwas sehnsuchts- und verheißungsvolles, weil er mir Ruhe verspricht und vermeintlich Freiheit.
Todessehnsucht, aber auch Todesbereitschaft nimmt im Laufe eines Lebens unterschiedliche Formen an.
Ich erinnere mich an Äußerungen altgewordener Jubilare, dass Gott sie wohl vergessen habe – als ob noch irgendeiner das Leben am Ende wirklich überlebt hätte.
Es gibt Menschen, die sind in der Mitte des Lebens vom Tod durch Krankheit bedroht, kämpfen lange Zeit verzweifelt, ehe sie sich in ihr Schicksal fügen und ihren Frieden finden, ehe sie sterben.
Es gibt Menschen, die anfangen, diese verbliebene, kleine Zeit auszukosten und in den letzten Wochen und Monaten intensiver leben als in den Jahrzehnten zuvor.
Es gibt Menschen, die Leben ein Leben lang, als hätten sie immer noch alle Zeit der Welt und als gäbe es immer noch eine weitere Chance, bis sie merken, dass es auch ein zu spät geben kann.
Und es gibt Menschen, die sind bereit sich preiszugeben, nicht aus Verzweiflung, nicht aus Traurigkeit, nicht weil sie lebensmüde sind, sondern weil sie keinen anderen Weg sehen um des Lebens, um der Menschen, um der Sache willen.
Wozu sind Eltern alles bereits, wenn es um das Leben ihrer Kinder geht?
Es gibt vieler solcher Geschichten und wir könnten sie ohne weiteres erzählen und sollten es durchaus immer wieder tun!
Was aber können wir von Jesus in diesen wenigen Tagen zwischen Palmsonntag, Karfreitag und dem Ostermorgen erzählen?
Er ließ sich nicht blenden von der Begeisterung der Menge und auch nicht in den Machtspielen instrumentalisieren, auch wenn ihm dies die Begeisterung und Liebe der Massen für längere Zeit gesichert hätte.
Er hatte keine Todessehnsucht, aber eine Todesahnung. Deshalb hat er gerungen und gekämpft, gebetet und gefleht, dass ihm dieser Weg buchstäblich um Gottes Willen erspart bleiben möge.
Er ist ihn aber am Ende gegangen gegen den Widerstand auch seiner Freunde, auch gegen alle guten Ratschläge, den Kopf doch noch aus der Schlinge zu ziehen.
Er hat noch einmal ganz grundsätzlich Gottvertrauen gelernt, dass sich ja nicht so sehr bewähren muss, wenn es einem gut geht, sondern dann, wenn alle Macht gegen Gott und nur noch von der eigenen Ohnmacht spricht.
Er hat mutig gewagt, sich ganz in Gottes Hände zu legen in der Hoffnung und Gewissheit, dass diese ihn nicht loslassen, sondern durch alle Anfechtung und alle Bedrohung hindurchführen. Und dieser Trost muss so konkret gewesen sein, wie die Hände, die uns im Leben gereicht werden, uns berühren, uns halten, uns ein Stück Weg führen, ehe sie uns wieder los lassen, die uns manchmal vorsichtig, zärtlich und behutsam berühren und gerade darin so unglaublich viel Kraft vermitteln können.
Er hat sich den Weg zeigen lassen und dabei gelernt, wer er wirklich ist und warum er wirklich ist.
So erzählt ist diese Geschichte erst einmal nicht mehr und nicht weniger als eine Mutmachgeschichte, es mit dem Leben und mit dem Tod aufzunehmen und Vertrauen auf Gott zu wagen. Mit dem Hebräerbrief gesprochen: gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.
Damit habe ich das Kreuz vielleicht immer noch nicht verstanden, wie denn auch, wenn es der Vernunft eine Torheit und vor allem dem Glaubensmutigen und vertrauensvollen eine Gotteskraft ist, die mich lehrt, Gott auch in den Tiefen, in den Zweifeln, in den Fragen, in den Ängsten und in der Todesverlassenheit zu erhoffen und zu erwarten.
Paul Gerhardt lässt uns von diesem Glaubenstrost und dieser Kraft etwas ahnen, wenn er dichtet und betet :

Wenn ich einmal soll scheiden
so scheide nicht von mir
wenn ich den Tod soll leiden
so tritt du dann herfür
wenn mir am allerbängsten
wird um das Herze sein
so reiß mich aus den Ängsten
kraft deiner Angst und Pein

Erscheine mir zum Schilde
zum Trost in meinem Tod
und laß mich sehn dein Bilde
in deiner Kreuzesnot
Da will ich nach dir blicken
da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken
Wer so stirbt, der stirbt wohl!

Auch wenn dann die die Geschichte ja noch weitergeht mit Nachricht von der Auferstehung am Ostermorgen, tut es unglaublich gut, hier einen Moment zu verweilen und dem Trost nachzuspüren, der in dieser Entdeckung liegt, dass sich da Gott uns bis zum letzten Atemzug und bis in den dunkelsten Winkel des Leben hinein gleichgemacht hat. Darin liegt wohl das Geheimnis der überraschenden, befreienden wie nichts anderes tröstenden Erkenntnis:

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich,
Dein bin ich, o Gott.

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