Tag der Befreiung

Karfreitag – der gute Freitag, so heißt er im Englischen. Auch wenn wir ihn begehen als bösen Freitag. Das machen die Engländer nicht ganz anders. Aber sie machen sich bewusst, dass sich an diesem Tag Gott in ganz besonderer Weise den Menschen verbunden gezeigt hat.

Diese Verbundenheit feiern wir heute mit einem Prophetentext, der 500 Jahre vor Christus entstanden ist, aber bis heute gerne auf Christus hin gedeutet wird, weil er viel von dem aussagt, was Christus für uns ist: Geredet wird von einem Knecht Gottes, der Gottes Willen tut ohne Rücksicht auf die eigene Person. Aber hören Sie selbst:

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Wenn man die vielen Bilder hört, die der Prophet für den Knecht Gottes findet, dann sieht man auch die Parallelen zum Geschehen der Passion – das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, das sich nicht wehrt, der Knecht, der Gottes Willen ausführt, der sich zum Allergeringsten und Allerverachtesten macht.

Aber sofort kommen Fragen, auf die es keine Antworten gibt: Wen hat Deuterojesaja wirklich gemeint. Es gibt auch keine Klarheit, wer nun wirklich Gottes Knecht oder Magd ist. Das, was berichtet wird, ist ohne geschichtliche Analogie. Und ohne irgendeine Erklärung zum Woher oder zum Wohin. Und das ist für mich auch eine wichtige Parallele zum heutigen Karfreitag. Und seiner Botschaft.

Das, was Jesus getan hat ist einmalig und was es bedeutet und warum es so gekommen ist, werden wir vielleicht nie bis ins Letzte erkennen können.

Aber ihm nachspüren, das können wir. Was ist eigentlich geschehen damals und was hat es mit uns zu tun.

Da war einer, der bereit war in allem Gottes Willen zu tun. Er liebte die Menschen und war streng mit denen, die Gottes Willen missbrauchten um ihr eigenes Ding zu machen, denen Geschäfte oder Machtpositionen wichtig waren an der Religion, wichtiger vielleicht als das eigentliche.

Der blieb seiner Verkündigung treu, auch als die Menschen mit den Geschäften und die mit der Macht anfingen, mit der Besatzungsmacht zu kooperieren, um ihn loszuwerden. Er blieb auf seinem Wege, weil es der Weg war, den Willen Gottes zu leben, der Weg die Rechte der Armen und Unterdrückten hoch zu halten. Und er starb, weil die Mächtigen seine Ansagen nicht aushalten konnten und weil seine Getreuen ihre Solidarität nicht durchhalten konnten. Er starb an dem Willen der Macht oben zu bleiben und an der Schwäche von Menschen, treu zu bleiben, sich selbst und dem, was sie als wahr erkannt haben.

Der Tod Jesu, an den wir heute erinnern ist auch ein Tod an uns, an unserer Müdigkeit, an unserer Angst, an unserer Teilnahmslosigkeit.

Und trotzdem hat sich etwas verändert. Wir sind wie die Jünger, die versagt haben, Geladene eben am Tisch dieses Herrn, der an uns gelitten hat. Er lädt uns ein, dass wir das Leben haben. Er ist bereit, auch heute an uns zu leiden und trotzdem mit uns Gemeinschaft zu haben.

Das Leiden des Knechtes oder der Magd Gottes – das gibt es heute noch genauso.

Da gibt es Menschen, die heute leiden unter Mitmenschen oder um der Gerechtigkeit willen. Da sind Leute, die bereit sind, vieles zu ertragen um der Menschen Willen.

Das Leiden des Knechtes Gottes – das Leiden des Sohnes Gottes, es geht uns nahe und ist uns doch vertraut, wie es uns vertraut ist, dass es Intensivstationen und Pflegeheime gibt, und doch wollen wir uns nicht mit deren Existenz abfinden. Das Kreuz Christi, es ist nicht nur Schmuck an den Wänden und in den Kirchen und an den Wegmarken, es ist Mahnmal, dass wir all die Leidenden nicht vergessen dürfen weil der Leidende uns nicht vergessen hat, sondern an uns denkt und unsere Schmerzen und unser Versagen und trotzdem für uns seinen Tisch bereitet.

Karfreitag – kein Tag des Endes, Tag der Befreiung. Tag der Befreiung zu einem neuen Leben, das nicht immer mehr will, sondern das genug hat, die Liebe Gottes und die Menschen, die uns brauchen.

Jesu Leiden ist kein Vorbild. Er erwartet nicht unser Leiden in gleicher Weise.

Aber er baut darauf, dass wir uns seinen Einsatz für Frieden, für Liebe, für Gerechtigkeit zu Eigen machen. Dass gerade wir als mächtige und reiche Kirche, die nicht vergessen, die noch heute Kreuz und Leiden Verfolgung und Häme ertragen müssen.

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