Es gibt keinen anderen Weg

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater uns unserem Herrn Jesus Christus,
„Jesus ist tot, wie sollte er noch fliehn“ haben wir gerade gesungen. Karfreitag ist der höchste evangelische Feiertag. Heute gedenken wir des Leidens und Sterbens Jesu. Aber viele von uns verbinden mit dem Tod Jesu mehr Fragen als Antworten. Warum musste Jesus sterben? Warum hat Gott die Qualen, die Jesus gelitten hat, nicht verhindert? War das alles Gottes Wille? Und was haben wir damit zu tun?
Sie haben als Lesung den im Neuen Testament meistzitierten Text des Alten Testaments gehört – Jesaja 53 das Gottesknechtslied. Dieser Text findet sich überall im Neuen Testament, wenn die verschiedenen Autoren der biblischen Schriften das Leiden und Sterben Jesu deuten.
Auch ich möchte versuchen mit Hilfe dieses Textes aus dem Alten Testament das Leiden und Sterben Jesu zu deuten.
Sterben am Kreuz das war das Schlimmste. Im Alten Testament steht auch: „Verflucht wer am Holz hängt.“ Für alle sieht es so aus als wäre Jesus endgültig gescheitert, als hätte sich Gott gegen ihn gestellt. Es sieht so aus als hätte er einfach unrecht gehabt. Alles, was er getan hat, alles was er gelehrt hat, ist mit diesem Ende in Frage gestellt. Ich zitiere Jesaja 53
„3Verachtet und von Menschen gemieden,
voller Schmerzen, vertraut mit Krankheit,
wie ein Mensch, vor dem man das Gesicht verhüllt,
so verschmäht war er, wir achteten diese Gestalt nicht.
Aber wir hielten ihn für geschlagen, von Gott getroffen und erniedrigt.“
Das dachten wir über Jesus. Aber wir haben uns getäuscht. In Wirklichkeit ist es ganz anders.
„5Doch er war durchbohrt um unserer *Verbrechen willen,
zerschlagen wegen unseres *Versagens.
Bestrafung lag auf ihm – uns zum Frieden,
durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Und die Zukunft sieht ganz anders aus als wir gedacht hatten. Wir hatten gedacht. Diese Person hat keine Zukunft. Mit Jesu Tod ist alles aus. Und er wird vergessen sein. Nein die Wirklichkeit ist ganz anders.
„10Aber Gott wollte ihn schlagen und machte ihn krank.
Wenn du sein Leben als Schuldopfer gibst,
wird er Nachkommen sehen und lange leben.
Was Gott will, wird durch seine Hand gelingen.
11Durch die Qual seines Lebens wird er sehen,
wird er sich sättigen an seiner Erkenntnis.
Wer so gerecht ist in meinem Dienst,
wird die Vielen gerecht machen
und ihre Verschuldungen tragen.
12Darum will ich dieser Person die Vielen zuteilen
und die Zahlreichen als Beute geben,
weil er sein*Leben in den Tod gegeben hat
und sich zu denen zählen ließ, die *Verbrechen begehen.
Doch er trug die *Verfehlung der Vielen
und trat für die ein, die Verbrechen begehen.“
Diese Deutung war für die Menschen damals eine große Herausforderung. Das hat sich bis heute nicht geändert. Diese Deutung widerspricht auch unserem Lebensgefühl. Dieser Gott ist gefährlich. Dieser Gott ist unberechenbar. Dieser Gott handelt ganz anders als wir uns das vorstellen und erst recht ganz anders als wir uns das wünschen. Ist es nicht die Aufgabe Gottes, die Guten zu belohnen und die Bösen zu bestrafen? Ist es nicht die Aufgabe Gottes uns zu segnen, wenn wir das Richtige tun? Gott hat doch die Macht. Gott könnte die Macht doch nutzen aus der Welt einen besseren Ort zu machen und Gerechtigkeit und Frieden durchsetzen. In so einer Welt mit so einem Gott wären wir sicher. Das denken wir doch – oder?
Die Atheisten haben recht. Diesen einfach gestrickten Gott gibt es nicht. Wir leben vielmehr in einer Welt, die völlig anders aussieht. Wir sind ganz anders als wir denken, und auch Gott sieht völlig anders aus.
Wir glauben nämlich plus minus, wir sind gute Menschen. Wir begehen keine Verbrechen, wir waren zu recht noch in keinem Gefängnis. Wir benehmen uns durchschnittlich höflich gegenüber unseren Mitmenschen. Wir arbeiten ordentlich und kommen ganz gut zurecht. Wir gehen in die Kirche und glauben an Gott. Es ist also alles in Ordnung.
Und das stimmt nicht.
Ich habe noch nie jemanden kennengelernt mit dem alles in Ordnung gewesen wäre und der wirklich gut zurecht kommt. Wir haben neben einer schönen Oberfläche alle eine dunkle Rückseite. Niemand ist ohne Verletzungen durch seine Kindheit und Jugend gekommen. Und da ist Hass zurück geblieben, das Gefühl benachteiligt worden zu sein, Angst, nicht zu genügen, und die Furcht nicht liebenswert zu sein. Wut auf Eltern und Lehrer und Mitschüler. Und manchmal so ein Überlegenheitsgefühl. Man denkt, dass man sowieso besser ist als alle anderen, nur die anderen das ungerechterweise nicht merken. In uns leben Streitlust und Ärger. Es fehlt uns oft Mitgefühl für unsere Nachbarn und Familienmitglieder. Das tiefe Loch im Selbstwertgefühl versuchen wir zu stopfen mit Alkohol oder Essen oder Einkaufen oder Zocken. Die überwältigende Sehnsucht nach Liebe versuchen wir nicht wahrzunehmen. Und stattdessen werten wir andere ab, um uns selbst aufzuwerten. Es ist nicht alles in Ordnung, nicht in uns und nicht um uns herum. Diese Welt ist grundlegend in Unordnung geraten und wir sind es mehr oder weniger auch.
In diese Welt hat Gott seinen Sohn geschickt. In diese Welt voller Hass und Zerstörung ist Jesus Christus gekommen. Denn Gott ist uns nahe und leidet mit uns. Und Gott hat gesehen, dass von außen und von oben nichts zu machen ist. Diese Welt kann nur von innen in Ordnung gebracht werden. Und deshalb wurde Gott Mensch und wohnte unter uns und teilte unser Schicksal. Er trug unsere Schuld. Er ertrug die Feindschaft der Priester, die ihn hassten, weil er uns einen Gott voller Mitgefühl und Vergebungsbereitschaft gezeigt hat. Er ertrug die Feindschaft derer, die sich an das Gesetz hielten, und die ihn hassten, weil er ihre Heuchelei enttarnt hat. Er ertrug die Feindschaft von Pontius Pilatus, dem römischen Statthalter, der ihn hasste, weil er ein Reich angefangen hat, in dem Gewalt nicht gewinnt und Macht und Geld nicht zählen. Jesu litt unter dieser verkehrten Welt und ist an ihr gestorben. Und das war tatsächlich notwendig. Denn weder in uns noch in der Welt wird sich etwas ändern, wenn wir uns weiter weigern unsere tödliche Rückseite zu sehen und was sie in unserer Umgebung und in der Welt anrichtet. Wir müssen lernen unsere Fehler zu sehen. Es geht nicht anders. Aber in Jesu Leiden können wir noch etwas anders Sehen. In Jesu Leiden und Sterben erkennen wir unseren tief verborgenen Schmerz. In Jesu Leiden erkennen wir unser tiefes Leid. Und wir erkennen Gott neben uns in diesem Leid und in diesem Schmerz. Nur so kann es besser werden durch das Leid und durch den Schmerz hindurch. Es gibt keinen Weg drum herum. Auch für Gott nicht, auch für Jesus Christus nicht.
Gott ist anders als wir denken. Gott lässt uns unsere Fehler machen – auch die zerstörerischen und die selbstzerstörerischen. Und Gott ist bei uns und leidet mit uns an diesen Fehlern und den Fehlern der Menschen, die an uns schuldig werden. Und er zeigt uns den einzigen Weg da heraus, den es gibt. Vergebung! Gott vergibt uns und verlangt von uns denen zu vergeben, die an uns schuldig geworden sind. Gottes Weg heißt: Bedingungsloser Respekt vor der Freiheit, der Freiheit der anderen und meiner eigenen Freiheit und dann in Mitgefühl und Liebe hindurchgehen durch das Leid. In Jesus Christus ging Gott durch Leid und Tod. Und hier zeigt sich, Gott geht mit unserem Versagen und unseren Fehlern völlig anders um als wir es erwarten. Er geht übrigens mit den Fehlern und dem Versagen unserer Mitmenschen auch völlig anders um, als wir es erwarten. Und deshalb gibt es eine Zukunft für diese Welt. Auch diese Zukunft beschreibt unser Predigttext.
„Was Gott will, wird durch seine Hand gelingen.
11Durch die Qual seines Lebens wird er sehen,
wird er sich sättigen an seiner Erkenntnis.
Wer so gerecht ist in meinem Dienst,
wird die Vielen gerecht machen
und ihre Verschuldungen tragen.
12Darum will ich dieser Person die Vielen zuteilen
und die Zahlreichen als Beute geben.“
Jesus Christus bleibt nicht einfach nur das Opfer der Ungerechtigkeit. Jesus Christus wird die Welt gewinnen. Durch die Qual seines Leidens hindurch sieht er eine Zukunft, in der die Gerechtigkeit herrschen wird. Mit ihm hat die Zeit begonnen, in der die Welt anders wird. Von innen heraus anders. Das ist der Weg Gottes durch Leid und Schuld hindurch an der Seite Jesu Christi. Es gibt keinen anderen Weg. Denn nur der Weg durch den Schmerz hindurch verändert uns wirklich. Nur wenn wir unsere Schuld sehen, können wir verändert werden. Nur wenn wir die anderen liebevoll ansehen, wird sich die Welt ändern. Nur durch Mitgefühl wird die Welt besser. Das hat Jesus uns gezeigt. Und er wird gewinnen, sagt Jesaja. Das will ich hoffen.
Und der Friede Gottes …

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