Nur wer ablegt, kann gewinnen

Heute erinnern wir: Konfirmation vor 50, 60 oder mehr Jahren. Was war damals? Was ist seitdem geschehen? Was bedeutet das, wozu wir damals Ja gesagt haben, heute für uns und unser Leben? Natürlich ist man nie zu alt, um über die eigene Zukunft nachzudenken. Was will ich anfangen mit meinem Leben, meinem Glauben, meiner Tradition? Wie will ich mein Leben heute und in Zukunft gestalten? Dazu passt ein Text aus dem Brief an die Hebräer.

[TEXT]

Der Brief an die Hebräer hat keinen Absender und keinen Empfänger. Er ist allgemein an Gemeinden geschrieben, kann darum auch überall gut ankommen. Wir wissen, er wurde um das Jahr Hundert geschrieben, damit er in Gemeinden vorgelesen wird. Aber wir dürfen ihn hören, als sei er an uns geschrieben.

Der Verfasser macht sich Sorgen um die Gemeinde. Die hat bereits Einiges überstanden, Kränkung und Verfolgung. Aber nun kommen die inneren Bedrohungen. Nun kommen die strukturellen Gefahren, die man so gerne übersieht. Der Alltag beginnt. Und mit dem Alltag kommen auch alte Gewohnheiten wieder in Gebrauch. Der Einbruch der Sünde in die Gemeinschaft der Heiligen. So könnte es unser Brief formulieren. Was das bedeutet kennen wir aus unseren Gemeinschaften und unserer Kirche. Da schleichen sich einfach urmenschliche Neigungen, wie Habgier, Klatschsucht, Machtstreben ein und der Kampf Jeder gegen Jeden beginnt aufs Neue.

Darum erinnert der Brief an die gemeinsame Basis und richtet den Blick auf die gemeinsame ‚Wolke der Zeugen’. Die Erinnerung an diese Wolke kann Freiheit schaffen. Dies ist eine ‚Cloud‘, die wirklich Segen schafft.

Er erinnert die Gemeinde daran, dass sie Botinnen und Boten hat, die vom Glauben erzählen und was dieser Glaube bei ihnen bewirkt hat. Er meint damit nicht irgendwelche Heldenfiguren der Vergangenheit. Er meint die Menschen, die im Bewusstsein der Glaubenden seiner Zeit verankert sind. Die Menschen, die wegen ihres Glaubens leiden mussten genauso wie die Menschen, die sich um ihres Glaubens willen von viel Besitz getrennt haben, um den Armen zu helfen. Er meint prinzipiell alle, die ihren Glauben glaubwürdig leben. Damit ist er auch bei uns und lädt uns ein, in unserem Welt zu suchen nach dieser ‚Wolke von Zeuginnen und Zeugen‘ nach Menschen, die uns im Glauben Mut machen können und uns stärken können.

Was hat uns im Laufe unserer Geschichte Kraft und Stärke gegeben. Wer hat uns Botschaften des Glaubens vorgelebt, dass wir davon etwas gewonnen haben? Vielleicht erinnern wir uns an die Menschen, die versucht haben uns Glauben vorzuleben, mit uns Glauben zu leben. Vielleicht erinnern wir uns auch an Menschen, die uns den Glauben verleidet haben, uns Gott selber vergiftet haben. Manchmal waren es die Frömmsten mit den besten Absichten. Manchmal auch schlimme Erlebnisse und schlimme Erfahrungen. Und trotzdem bleibt die Entdeckung, dass es Menschen, deren Leben auch nicht immer einfach ist, gelungen ist, sich ihren Glauben, ihre Liebe und ihre Hoffnung zu bewahren.

Der Schreiber unserer Zeilen erinnert an eine Zeit, in der es gefährlich war seinen Glauben zu bekennen. Unsere Eltern haben solche Zeiten erlebt im Dritten Reich – und unser Schwestern und Brüder in der damaligen DDR. Heute erleben es Menschen in manchen muslimischen Ländern, manche auch in China.

Wir erleben heute eher diese unterschwellige gesellschaftliche Verachtung. Kirche hat sich für viele selbst erledigt. Skandale um Geld, Sex und alte Männer. Andere begreifen, dass hinter dieser Kirche eine Kirche des Glaubens steht, eine Kirche voll Zeuginnen und Zeugen, in denen der Heilige Geist Wunder wirkt. Kirche sind immer vor Allem Einzelpersonen – Menschen die leben vom Heiligen Geist erfüllt, die Schwesterlichkeit und Brüderlichkeit erfahrbar machen, von denen Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ausgehen.

Die wesentliche Botschaft aber lautet: Die Botschaft sind wir. Wir leben Kirche und wir entscheiden, wie Kirche wirkt. Jeder Einzelne von uns. Da ist es auch egal, ob er inzwischen in der Freikirche ist oder ausgetreten ist. Wie Menschen leben und wie sie sich zu Fragen ihres Lebensstils und des Glaubens verhalten das wirkt oder es wirkt eben nicht. Nie kann das Verhalten von PfarrerInnen, von Bischöfen oder Kirchenpolitikern Maßgebliches bewirken. Sie können helfen, Kirche zu leben oder behindern. Aber leben tun die vielen Getauften. Die ihren Glauben leben oder vergessen.

Dis sich immer wieder neu in ihrer Situation fragen: Wo liegt heute unser Zielgebiet, den christlichen Glauben zu leben? Ist nicht vor lauter Liebe und Friedensapellen der Mut zu kämpfen verloren gegangen? Haben wir vielleicht als Kirche nur noch das eine drauf: Uns zurückziehen und hoffen, dass alles so bleibt und nichts anders wird?

Machen wir uns überhaupt noch Sorgen um Kirche und Gemeinde (über die Finanzen hinaus)? Machen wir uns vor allem Sorgen um Glaubensgemeinschaften? Oder suchen wir nach Wegen, dass der Laden weiterläuft?

Die im Hebräerbrief berufene ‚Wolke von Zeugen‘ – das sind alle, die mit ihrem Leben vom Glauben erzählen. Das können wir sein. Wir müssen nur losgehen. Natürlich werden wir im Laufe des Weges erleben, dass es nötig ist, Ballast abzuwerfen. Aber vielleicht erinnern wir uns auch, welchen Ballast wir im Leben schon abwerfen mussten, damit es ein gutes Leben wird. Die Jubilare wissen, welchen Ballast sie bei ihrer Konfirmation im Gepäck hatten, was sie bei jeder Entscheidung (Berufswahl, Wohnort, Familie etc.) hinter sich gelassen haben, zum Teil mit blutendem Herzen. Aber da gab es eben auch Dinge, die waren es wert, Anderes aufzugeben.

Nur wer ablegt, kann gewinnen. Man muss nur das richtige Ziel vor Augen haben, um auch das Richtige ablegen zu können.

Das Bekenntnis des Hebräerbriefes: Da sind jede Menge ZeugInnen in der Gemeinde, wie eine weiche Wolke, die uns einhüllt, die uns umgibt, die uns tröstet. Das kann uns helfen, alle Zweifel wegzutun, Kraft zu gewinnen für einen Weg mit Jesus Christus, für einen Weg, der Sünde hinter sich lässt, auch wenn sie allgegenwärtig ist. So kann man lernen in dem Lebenskampf mit allem zu leben. Das kann uns helfen, das Leben neu zu wagen, als Mensch in Gemeinschaft, als Mensch geborgen in der Hand Gottes, berufen, Glauben zu leben.

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