Ein zartes Hoffnungslied im Dunkel des Lebens

Eigentlich war sie immer ein zufriedener, ausgeglichener Mensch – obwohl sie es wirklich nicht leicht in ihrem langen Leben hatte.
In der Kriegszeit heiratete sie einen Jugoslawen, verlor ihre Staatsangehörigkeit und musste sich nach dem Krieg zusammen mit ihrem Mann ohne Lebensmittelkarte und ohne festen Arbeitsplatz als Staatenlose mit dem durchschlagen, was ihnen freundlich gesonnene Menschen vom eigenen Mangel noch abgaben. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass sie sich darüber einmal in ihren Erzählungen beklagt hätte.
Sie bauten sich allen Widrigkeiten zum Trotz eine Existenz auf und lebten ein zweisames, zufriedenes Leben, auch wenn der große, eigene Kinderwunsch unerfüllt blieb. Als ich sie kennenlernte war ihr Mann schon verstorben, aber sie suchte und fand den Kontakt zu anderen Menschen. Ihr größtes Glück war es, zusammen mit ihrem Hund, einem Dalmatiner, in der Natur unterwegs zu sein. Ihre Radtouren selbst im fortgeschrittenen Alter konnten sie schon einmal über mehrere Stunden in den Wald und in die Einsamkeit führen, ehe sie gestärkt und glücklich nach Hause zurückkehrte. Aber mit dem Herbst kam oft die Schwermut. Wurden die Tage kürzer, fürchtete sie sich vor dem Winter, vor der Kälte, die nach ihr griff, und vor der Dunkelheit, der sie nicht wirklich entfliehen konnte in eine Welt der wohligen Wohnzimmerwärme und des Kerzenscheins. Advent und Weihnachten waren in der Einsamkeit nur begrenzte, kleine schöne Momente und Lichtblicke. Manchmal wurde die Zeit ganz schön lang und sie fragte sich bange, ob es wenigstens noch einen weiteren geschenkten Frühling, einen weiteren warmen Sommer, ein neues Jahr der Zufriedenheit und Erfüllung für sie geben werde, ehe ihre Lebenszeit ans Ende kommt…
Ich glaube, auch von ihr habe ich gelernt, auf die ersten Boten des zuverlässig kommenden Frühlings in der Natur und im Tagesablauf zu achten, mich daran festzumachen, daraus Hoffnung zu schöpfen: ab Maria Lichtmess, so erzählte sei mir, da spürt man doch, dass die Tage länger werden.
Ja, das stimmt!
Und im März wärmt einen die Sonne schon, wenn man geschützt vom kühlen Wind das Gesicht in die Sonne halten kann und die ersten Frühblüher sich dem Licht entgegenrecken.
Nur eine kurze Zeit…
Nur eine Kurze Zeit und dann blüht das Leben, dann blühen wir auch wieder auf!
So war es immer und so soll es doch auch immer sein.
Das ewige Gleiche, das den Alltag so mühsam machen kann, weil es nichts neues, nicht aufregendes mehr mit sich bringt, hat hier etwas ungemein Tröstliches. Mag die Kälte und Dunkelheit uns noch so lange im Griff haben, die Tage, die Stunden sind gezählt, der Frühling, der Somme, Licht und Wärme kommen – mit Sicherheit, was für ein Glück, was für eine Gnade.
Dieses Wissen, diese Erfahrung lehrt mich unzweifelhaft an das Morgen zu glauben und daraus Kraft und Zuversicht zu schöpfen.
Das nimmt dem Winter nicht seine Dunkelheit und Kälte, das verhindert nicht, dass Schwermut und Traurigkeit in der dunklen Jahreszeit, wenn das Licht uns fehlt, ihre Fühler nach uns ausstrecken.
Das Vertrauen auf den morgigen Tag erspart mir nicht, dass dieser Tag auch Sorgen, Ängste, Enttäuschungen, ja Krankheit und Tod mit sich bringen kann und irgendwann auch mit sich bringen wird.
Das Recht auf Unversehrtheit, auf Glück und Sorglosigkeit, auf ewige Abwesenheit von Traurigkeit und Leid ist nirgends aufgeschrieben, festgehalten oder gar versprochen.
Das Leben kommt mir immer wieder wie eine Achterbahnfahrt vor, auf der es in ungeahnte Höhen hinauf geht, ich einen unbeschreiblichen Ausblick erlebe, gerne nicht nur für einen kurzen Moment verharren, sondern ein Leben lang dort am liebsten verweilen möchte, ehe es mich mit einem Mal wieder in die Tiefe zieht, es mir den Atem verschlägt und die Brust einschnürt, wie schnell und wie tief man nach unten gelangen kann…
Ich kann der glücklichste Mensch der Welt sein, ich kann aber auch am Boden zerstört, allen Mut verlieren.
Und beide Male, wenn ich spüre, was sich in mir positiv und negativ regt, wenn ich meinen Gefühle freien Lauf lasse, macht sich eins unbestreitbar bemerkbar: ich lebe, ich bin lebendig in meinem Lachen und in meinem Weinen. Und oft genug spüre ich das eine wie das andere in seiner Intensität erst durch den Wechsel, durch das Auf und Ab.
Unterwegs mag ich manchmal denken: mit Gott müsste es doch immer nur zu neuen, ungeahnten Höhen gehen, müsste ich wirklich buchstäblich nicht nur Mauern überspringen können, sondern alle Hindernisse müssten von sich aus weichen, sich auflösen, ihre Wirklichkeit und ihre Macht über mein Leben verlieren.
Und dann finde ich mich mit einem mal in den Niederungen des Lebens, in der Traurigkeit, Einsamkeit und Hilflosigkeit wieder, ohnmächtig und auf den ersten Blick nur auf mich gestellt.
Hat sich mein Gottvertrauen, mein Glaube als Einbildung, als Trugschluss erwiesen – oder habe ich mir ein falsches Bild von Gott gemacht?
Das ist die wohl älteste Frage der Menschheit, nach einem gnädigen Gott in den Alltagsbrutalitäten des Lebens – als ob das eine das andere ausschließt!
Die Kinder Israels im Exil, in der Verbannung, in der Gefangenschaft fragten sich, ob ihr Gott stark genug sei, um sie zu bewahren und zu befreien…
Wir fragen uns, ob das Leben oder der Mensch oder gar die ganze Welt nicht der Gegenbeweis eines Schöpfers und Weltenlenkers seien, eines gütigen und gnädigen Vaters, der weiß, was wir brauchen, ehe wir darum bitten.
Mitten im Winter fange ich an zweifeln, ob der Frühling auch in diesem Jahr wieder kommen möge, bis dann das zarte Hoffnungslied anfängt den Raum zu füllen – leise, zaghaft, noch zweifelnd im Ton, dann aber mit zunehmender Sicherheit und Gewissheit, bis es mein ganzes Herz und meine ganze Seele erfüllt und ich trotzig dem Leben meinen Gott entgegenhalten kann:
Hören sie schon das Lied in sich?
Spüren sie doch heute in dem Lied aus des Propheten Mund – wie zum ersten Mal -in sich die Kraft zum Leben, zum Überleben, zum Hoffen und zum Glauben, die langsam wiederkehren möchte, egal, wo sie gerade stehen zwischen Höhen und Tiefen, zwischen Leben und Tod, Hoffen und Bangen, zwischen Kreuz und Auferstehung:
»Für eine kleine Weile habe ich dich verlassen, aber weil ich dich von Herzen liebe, hole ich dich wieder heim.
Als der Zorn in mir aufstieg, habe ich mich für einen Augenblick von dir abgewandt. Aber nun will ich dir für immer gut sein. Das sage ich, der HERR, der dich befreit.
Zur Zeit Noachs schwor ich: ‚Nie mehr soll das Wasser die Erde überfluten!‘ So schwöre ich jetzt: ‚Nie mehr werde ich zornig auf dich sein und nie mehr dir drohen!
Berge mögen von ihrer Stelle weichen und Hügel wanken, aber meine Liebe zu dir kann durch nichts erschüttert werden und meine Friedenszusage wird niemals hinfällig.‘ Das sage ich, der HERR, der dich liebt.« (Gute Nachricht) !!!

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