Patriarchenluft

Liebe Gemeinde,

„Die westliche Moderne, so der Philosoph Peter Sloterdijk, hat den ‚metaphysischen Thrill‘ verloren. War die Religion ein einst hochwirksames System ‚psychischer Operationen‘, die alle überlegenen Größen (Krankheit, Krieg und Missernten) zu einer höchsten Macht verdichteten, um dann ‚den erhabenen Feind nach innen zu ziehen und ihn als verbündeten Herrn zu zähmen‘, so sei in Christentum, Renaissance und Humanismus der ‚schreckliche und stressierende Gott durch den liebenden und beruhigenden überformt worden.‘

Anders als noch ‚Luther, der um den gnädigen Gott ringen musste, weil er den schrecklichen‘ voraussetzte, seien ‚wir gegen diese Sorgen gleichgültig geworden, weil uns von dem ehemaligen Herrn der Heerscharen weder die Gnade noch der Schrecken erreichen – auf uns fällt allenfalls der Schatten des höchsten Sozialarbeiters. Ich müsste schon zum Sozialfall werden, um noch ein Fall für diesen Gott zu sein.‘ Sloterdijk folgert: ‚Seit er ganz zum Beruhigungsmittel wurde, ist Gott tot . Nun sind es andere Größen, die imposant scheinen.‘“ (Jan-Dirk Döhling, GPM 1/2014, Heft 2, S. 175)

Dazu passt, dass nicht nur unter Evangelischen die Gottesbegegnung des Elia jenseits aller Predigt vorauseilende Begeisterung auslöst. Wie immer man das übersetzen mag: Das „stille sanfte Sausen“ (Martin Luther), das „Flüstern eines sanften Windhauchs“ (Die Züricher Bibel) oder die „Stimme verschwebenden Schweigens (Martin Buber) – das klingt nach „Poesie und Tanz“, nach spirituellem Wohlgefühl mit Gott auf Du und Du. Gott ist nicht nur der höchste Sozialarbeiter, sondern auch der höchste Wellnessguru, ein ganz Lieber halt, gegen den nur ganz Verbohrte etwas haben können. Seinem Christus hat man inzwischen auch dieses schreckliche Kreuz weggenommen aus Gründen der Menschlichkeit und des Jugendschutzes, die heute jeder einzusehen hat. Soll er damit woanders spielen, aber nicht in unseren Klassenzimmern und bei unseren Gemeindeabenden. Denn dort ist Inklusion, Harmonie, Achtsamkeit und Wertschätzung oberstes Gebot. Und wer sich nicht daran hält, kriegt Ärger.

Da hätte der Prophet Elia laut gelacht. Denn seine Geschichte ist von allem das Gegenteil. Sie atmet – um mit Goethe zu sprechen – „Patriarchenluft“. Elia ist als Prophet alles andere als eine angenehme Erscheinung, die mit sanfter Stimme den Zeigerfinger vorsichtig erhebt und peinlich genau darauf achtet, keinem weh zu tun. Elia ist ein Schlachter, der im Gotteseifer durch Blut watet. War das denn nötig, die Priester des Baal, die zur Frau des Königs Ahab, Isebel, gehörten, alle umzubringen? Da war doch der große Triumph des Gottes Israels über den Naturgott Baal längst perfekt. Elia feiert ihn im Blutrausch. Elia, der am Ende seiner Geschichte im feurigen Wagen mit feurigen Rossen nicht etwa zur Hölle fährt, sondern im Wetter direkt in den Himmel donnert. (2. Könige 2,11)

Aber jetzt folgt dem religiösen Rausch die totale Ernüchterung. Isebel ist außer sich und Elia muss um sein Leben laufen. Es ist ein Absturz ins Bodenlose. „Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.“ Auch der Kampf des Glaubens kann todmüde machen. Nein, die Angepassten und Opportunisten werden solche Geschichten nicht erzählen können. Das ist die Geschichte derer, die gegen den Strom schwimmen im Namen des Herrn. Denen von einem Moment zum andern die Kräfte restlos schwinden, wenn sie hinunterblicken in den Abgrund der Vergeblichkeit. Man hat sich bemüht, wie die Väter, aber was haben die denn erreicht? Kann man sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen? Ein Ausleger hat im Blick auf Elia an Heinrich Heine erinnert. „Nicht ohne List diktiert der totkranke Dichter am 7.2.1850 in seiner Matratzengruft einen Brief an seinen Schriftstellerfreund Heinrich Laube nach seiner späten Hinwendung zum Judentum: ‚Kennst Du jenes schauerliche, peinigende Gefühl, welches ich die Verzweiflung des Leibes nennen möchte? Daran laboriere ich eben heute. Gottlob, dass ich jetzt wieder einen Gott habe. Da kann ich mir doch im Übermaß des Schmerzes einige fluchende Gotteslästerungen erlauben. Dem Atheisten ist eine solche Labung nicht vergönnt.‘“ (Harald Hahne, GPM 1/1996, Heft 2, S. 169f.)

Dem todmüde eingeschlafenen Elia wird andere Labung zuteil. Und was für welche! Gleich zweimal stärkt ihn der Engel des Herrn, von dem die Bibel immer dann redet, wenn das, was da geschieht mit weltlichen Zuständen nicht zu erklären ist. Und dann steht Elia auf und läuft und läuft und läuft – zusammengezählt 2400 Kilometer weit. Da hat die Geschichte längst alles dem gesunden Menschenverstand Vorstellbare gesprengt und hört damit immer noch nicht auf.

Denn der zu Tode betrübte Elia, der sich nach langem Marsch in eine Höhle verkrochen hat, wie ein Kind in seiner Mutter Leib, ist zwar gestärkt, aber noch lange nicht getröstet. Wirklich trösten kann nur Gott allein. „Und der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen.“ Aber Elia geht nicht raus. Er bleibt drin und hört Gott kommen. Wer weiß, bis zuletzt könnte es auch der Naturgott Baal sein. Auch falsche Götter geben nicht so schnell auf. Wind, Erbeben, Feuer, das ganze Brimborium, dessen Schäden heute die Versicherung bezahlt, beeindruckt einen Elia nicht. Dann ist es still. „Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.“ Absatz! Stille! Da nimmt Gott Elia den Elia weg.

„Da stand ich auf und suchte ringsum und lief durch Weite und Enge. Da fanden mich die Wächter – das waren die Engel – und ich fragte sie, ob sie den nicht gesehen hätten, den meine Seele liebte? Und sie schwiegen.“ Lakonisch erklärt (Meister) Eckhart (in seiner Predigt 37): Vielleicht vermochten sie ihn nicht zu benennen.“ Warum wohl? Gott ist ja namenlos! Als ich dann ein wenig weiterging, da fand ich, den ich suchte.“ (Claus Henneberg, Johannes Taig u.a., Meister Eckhart – Ein Lesebuch, Hof, 2014, S. 171) Gott kann nur namenlos genannt, bildlos geschaut, lautlos ausgesprochen werden. Alles andere ist der Vorhof des Tempels.

Hier endet die Geschichte des Elia – leider nicht. Die Gottesbegegnung am Horeb hätte ein Wendpunkt sein können, aber das Schlachten geht weiter nach dem Motto: Bringt die Ungläubigen um, dann bleiben die Gläubigen übrig. Bringt die Bösen um, dann bleiben die Guten übrig. Wir brauchen die Terror- und Kriegsschauplätze der heutigen Welt nicht aufzuzählen, um Aktualität herzustellen.

Deshalb möchte ich den Blick auf eine andere Geschichte lenken. Auf einen, der auch vierzig Tage durch die Wüste irrte. Der im Garten Gethsemane zu Tode betrübt mit seinem himmlischen Vater rang, bis ein Engel kam und ihn stärkte. Es ist der Christus, der dem Petrus, der das Schwert zieht, um wie Elia für seinen Gott zu kämpfen, die Waffe verbietet. Der lieber selbst hineinmarschiert in den Abgrund des gottfernen Todes. Der mit einem Schrei zur Hölle fährt, um sie leer zu räumen. Der dem Tod verwaiste Gräber hinterlässt. Beim Anblick des Auferstandenen wäre wohl auch einem Elia die Spucke weggeblieben. Denn das ist nicht die banale Geschichte unserer Welt, die jedem von Generation zu Generation bis zum Überdruss und bis zur Erschöpfung bekannt ist. Es ist die Herzensgeschichte Gottes. Beugen wir uns in Ehrfurcht vor dieser Geschichte, wie Elia, der aus seiner Höhle tritt. Und bitten wir Gott, dass auch wir darin vorkommen.

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