Russischer Trost

Liebe Gemeinde!

Das ist die Lösung! Ich hab´s schnell herausgefunden. Im „Turm der Sinne“, einem kleinen Museum in einem Turm der Nürnberger Stadtmauer lernt man viel über menschliche Wahrnehmung. Im Erdgeschoss geht es um optische Täuschungen. Es ist verblüffend, was unsere Sinne uns vorspielen. Wie sie uns Bewegungen zeigen, wo keine sind. Ein Stockwerk höher geht es um akustische Wahrnehmung. Der gleiche Effekt: Man hört, was gar nicht da ist. Es sind unsere Erwartungen, die uns etwas vernehmen lassen.
Und dann dieser Apparat. „Suchen sie die richtige Tastenkombination, mit der sie die rechts liegende Lampe anschalten können.“

Vier Tasten. Das ist doch einfach. Tatsächlich. Nach nur knapp einer Minute hatte ich die Lösung gefunden. Taste eins, Taste vier, Taste zwei, Taste drei. Das ist die Lösung. „Ich hab´s“, teilte ich den Freunden mit. Eins. Vier. Zwei. Drei. „Falsch“, bekam ich zur Antwort. „Schau, so geht´s“. Und mein Freund drückte 3,4,2,1. Die Lampe rechts blinkte auf.

Ach so. Es gibt verschiedene Lösungen. Das hatte ich anders erwartet. Ich dachte, nur meine Lösung bringt Licht. Die Tafel neben dem Apparat klärt auf: Es gibt über 200 verschiedene Lösungsmöglichkeiten.

Elia
Für Elia aber gab es nur eine, eine Möglichkeit. Sein Glaube war unerschütterlich. Seine Religion bestand aus klaren Weisungen. Und er war bereit, alles für seinen Glauben zu tun.

Das Buch Könige berichtet von einem Glaubenswettstreit, den Elia mit den Priestern Baals führte.
Israel litt zur damaligen Zeit unter einer großen Trockenheit. Im Glaubenswettstreit nun ging es darum, welche Priester und damit welcher Gott sich als mächtig erweisen würden. Das sollte der sein, der Regen bringt.

Die Baals-Priester durften anfangen und sie vollzogen ihre archaischen Rituale. Erfolglos. Keine Wolke am Himmel.

Dann war Elia an der Reihe. Schlichte Holz auf. Das entzündete sich. Das Opfer Elias stieg im Rauch zum Himmel auf. Und dann kam der Regen.

Und dann kam das Gemetzel. Elia ließ die unterlegenen Priester ermorden, wobei er selbst Hand anlegte. Es gibt nur eine Lösung. Nur eine richtige „Tastenkombination“. Nur einen Gott. Und für den darf man auch töten. Das Alte Testament ist voll solcher grausamen Religionsgeschichten.
Elia gilt im Alten Testament als der Glaubensheld schlechthin. Kompromisslos. Unnachgiebig. Eifrig.
Und wir fragen uns: Bestand tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Elias Opfer und dem aufkommenden Regen?

Im neutestamentlichen Proseminar
„Ich habe den härtesten Job an der ganzen Fakultät.“ Wer da so geklagt hat, damals? Das war der junge Assistent, der die Aufgabe hatte, die Studienanfänger der Theologie mit der wissenschaftlichen Erforschung der Bibel vertraut zu machen. Sein Thema war die historisch-kritische Erforschung der Bibel. Seine Aufgabe war es, uns mit den Methoden vertraut zu machen, die Bibel als historisches Dokument zu verstehen. Texte und Quellen lehrte er zu unterscheiden. Wie bitte, er zweifelt daran, dass Jesus ständig von den vier Evangelisten begleitet wurde, die alles notiert haben. Halt etwas unterschiedlich, weil sie mal näher, mal ferner saßen. Wie bitte, die haben voneinander abgeschrieben?
Glaubenszerstörer nannte man ihn. Bei denen, die aus frommen Kreisen heraus zum Studium gekommen waren, war er, der arme, junge Assistent besonders verhasst. Denn er lehrte z.B. die Moses-Bücher auf dem Hintergrund verschiedener Quellen zu interpretieren und war so frech, zu behaupten, diese fünf Bücher hätte Moses nicht selbst geschrieben. Und Jona war nicht real im Bauch des Walfisches, weil es sich bei diesem Text um eine Art lehrreicher Satire handelt. Was, in der Bibel stehen erfundene Geschichten?
Schlimm, wenn unsere eigenen, religiösen „Tastenkombinationen“, die wir für einzig richtig halten, in Frage gestellt werden.

Elia am Horeb
Genau das mutet Gott unserem Elia zu.
Nach dem Mord an den Baals-Priestern flüchtet Elia in die Wüste. Er ahnt etwas. Zweifel plagen ihn. Er bricht auf zu einer Wallfahrt. Zurück an den Ursprung: Beerscheba war damals der Ausgangspunkt für Wallfahrten zum heiligen Berg Horeb. Er ahnt, dass seine Zeit zu Ende geht. Ihn überkommt eine große Lebensmüdigkeit. Er will sterben. Legt sich unter einen Wacholderstrauch und klagt: So nimm nun Herr, meine Seele. Dann schläft er ein. Wieder erwacht, entdeckt er ein Brot und einen Krug Wassern am Kopfende seiner Lagerstatt.

Meine Tastenkombination bekommt Konkurrenz
Genau das mutet Gott auch uns zu. Unsere Überzeugungen geraten ins Wanken. Die Welt läuft nicht mehr so, wie wir es uns vorstellen. Da drückt jemand andere Tastenkombinationen und siehe, es leuchtet. Aber es ist nicht meine Kombination, die das Licht hervorbringt. Das darf doch nicht sein! Es gibt doch nur eine Lösung. Gerade älteren Menschen bekommen dann oft den Eindruck, es wird alles immer nur schlimmer, wenn ihre Kinder die Tasten ihres eigenen Lebens anders drücken.

Die Kinder wollen nicht heiraten. Wie empörend. Bedenkt man aber, dass nahezu 50% die Scheidung ihrer Eltern erlebt, kommt man eventuell ins Grübeln, warum junge Erwachsene der Ehe misstrauen. Frauen weigern sich schon lange, das Leben in der Küche als höchstes Glück zu empfinden. Männer und Frauen bekennen sich offen zur ihren Homosexualität.

Manche Staaten reagieren sehr hart gegen diese Freiheit. All diese Staaten haben etwas gemeinsam: Eine meist diktatorische oder von wenigen Ausbeutern geprägte Regierung, eine strenge Hierarchie, die starke Betonung von Gehorsam, von oben und unten. Und die Angst vor Freiheit.
In Frankreich vereinen sich sogar muslimische und streng konservative, christliche Gruppierungen zum Kampf gegen eine liberale Gesellschaft.
Nun dürfen Menschen, denen ein klares Oben und Unten wichtig ist, ja auch gerne so leben. Gefährlich wird es, wenn sie diese Art zu leben anderen mit Gewalt aufzwingen wollen.

Geht die Welt unter, wenn Freiheit herrscht?

Es ist ja wirklich nicht alles gut, was erleben. Aber ist alles deswegen schlecht, weil es anders ist?
Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Das sind selten gute Zeiten. Die einen sehen nur kommenden Weltuntergang. Und wir Christen? Was sehen wir?

Elia muss lernen
Elia bricht auf und sucht den Ort auf, wo er Gott weiß, den Berg Horeb. Er geht zurück an die Quelle. Dort muss er lernen:

11 Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben.
12 Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.
13 Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.

Da sieht Elia all das, was seinen Vätern als Gotteserscheinung galt: Der Sturm, der das Rote Meer teilte. Das Erdbeben, von dem Jeremia und Hesekiel als Ausdruck des göttlichen Zorns sprachen. Das Feuer, das als Säule vor dem Volk Gottes herzog. Wie im „Turm der Sinne“. Man sieht und sieht doch nicht. Man hört und hört doch nicht.

Aber alles wird in Frage gestellt, wie damals im neutestamentlichen Seminar: Gott ist nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer.
Gott ist anders. Anders, als deine Väter es lehrten. Anders, als die alten Legenden erzählen.
Und am Ende ist Elias Kopf lehr. Nur Stille. Sanftes Sausen. Nichts mehr.

Das „stille, sanfte Sausen“ interpretiert man gerne als den sich leise offenbarenden Gott der Liebe und Barmherzigkeit. Hätte der Erzähler damals schon Telefone gekannt, hätte er wahrscheinlich geschrieben: Und Elia hielt das Telefon ans Ohr und hörte nur das Freizeichen. Aber es hob niemand ab.
„Das sanfte Sausen ist lediglich das Signal, aus der Höhle der eigenen Vorstellungen zu treten und sich der wahren Begegnung mit Gott zu stellen.“ (Tiki Küstenmacher)

Russischer Trost
„Wenn dir der Gedanke kommt, dass alles, was du über Gott gedacht hast, verkehrt ist, und dass es keinen Gott gibt, so gerate darüber nicht in Bestürzung. Es geht vielen so. Glaube aber nicht, dass dein Unglaube daher rühre, dass es keinen Gott gibt.
Wenn du nicht mehr an den Gott glauben kannst, an den du früher geglaubt hast, so rührt das daher, dass in deinem Glauben etwas verkehrt war, und du musst dich besser bemühen, zu begreifen, was du Gott nennst.
Wenn ein Wilder an seinen hölzernen Gott zu glauben aufhört, heißt das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass der wahre Gott nicht aus Holz ist.“ (Leo Tolstoi)
Besser kann man die Lehrstunde Elias nicht zusammenfassen.

Jesus verweigert sich den Bildern
„Was denken die Menschen über mich?“, fragt Jesus seine Jünger. „Elia sieht man in dir“, sagen seine Jünger. Das Bild ist so klar und deutlich zu sehen und doch ist es eine Täuschung. Jesus erschlägt keine Priester anderen Glaubens. Er ist nicht Elia.

Später bereitet er seine Jünger auf den Weg zum Kreuz vor. Petrus aber weigert sich, dies anzunehmen. Eine Gottessohn der leidet und stirbt, das geht nicht in seinen Kopf.
Das ist doch so klar wie nur irgendetwas: Gott siegt und herrscht. Das war doch immer so. Das Bild scheint so klar und ist doch eine Täuschung. Gott stirbt in Christus am Kreuz.

„Du denkst so menschlich“, weist Jesus ihn zurecht, „was göttlich ist, verstehst du nicht.“

Zum König wollten sie Jesus krönen, berichtet Johannes (Joh 6,15). Jesus aber floh ins Gebirge.

Lass uns an deiner Herrschaft anteilhaben, baten Johannes und Jakobus. So ist das doch: Wenn man gute Beziehungen hat, steigt man mit auf. Das ist doch überall so.
Aber Jesu weist die Sehnsucht nach Herrschaft zurück: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun.
So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener.
Jesus verweigert sich den Bildern, die Menschen, die wir von Religion so haben.
Am deutlichsten zeigt uns das die Versuchung Jesu am Anfang seiner Mission:
Jesus verweigert sich der Herrschaft im herkömmlichen Sinn. Jesus verweigert sich dem religiösen Mirakel. Jesus weigert sich, die Welt anzubeten.

Gott neu suchen
Man geht amüsiert und doch nachdenklich aus dem „Turm der Sinne“ wieder heraus. Und eines bleibt als Mahnung: Prüfe, das was du siehst. Eine gute, religiöse Mahnung: Prüfe ob du Gott sieht oder nur deine Vorstellungen von der Welt und wie sie für dich sein muss. Es kann ja sein, dass du einer Täuschung unterliegst.
Die EKD unterhält in Wittenberg ein Predigt-Institut. Dies hat in einer Info-Mail Prediger und Predigerinnen dazu aufgerufen, in der Fastenzeit „Sieben Woche ohne große Worte“ zu predigen. Ich zitiere:
Kaum eine Predigt kommt ohne Große Worte aus: Barmherzigkeit, Hoffnung, Kreuz … Manchmal funktionieren sie wie Platzhalter, aus denen die Inhalte längst ausgewandert sind. Die Predigtsprache gerinnt in Substantiven. Wie kann sie wieder lebendig, anschaulich und konkret werden?
Wir haben uns von dem französischen Soziologen Bruno Latour zu einer Fastenaktion inspirieren lassen. Er schlägt vor, in der religiösen Rede auf diese großen Worte für eine bestimmte Zeit zu verzichten – „nicht weil die Worte an sich schlecht wären, sondern weil uns ihr Sinn abhanden gekommen ist“.
Ja, auch uns mutet Gott zu, wie Elia, neu zu hören. Stille und Antwortlosigkeit auszuhalten.
Wir sind die Kirche der Reformation, des Wandels. Wir sind nicht die Kirche Restauration. Wir gehen mit Gott, wir sitzen nicht in der ersten Reihe und verteidigen unsere Plätze. Als Glaubende müssen wir keine Denkmalschützer sein.
Was hören wir Christen? Hören wir den Untergang der Welt heraufkommen, weil sich vieles verändert? Hören wir lieber Gottes Zuspruch: Ich bin bei euch, alle Tage.
Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. So wird Raum für Gott ins uns. Sagt Paulus.

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