Auf der Suche nach Antworten

„Ich bin 34 und fühle mich – was Gott angeht – wie eine Fünfjährige. Ich glaube an Gott und vertraue ihm sogar. Manchmal. Nur was mir fehlt ist jemand, der mir erklärt, wie das System Gott funktioniert. Ich spüre, dass es ihn geben muss, auch wenn ich vieles nicht verstehe. Ich bin wie viele auf der Suche nach Antworten, aber jeder, den ich frage, gibt mir seine individuelle Antwort und jeder hat eine andere. Und keine erscheint mir logisch.“
Solche und ähnliche Sätze, liebe Gemeinde, kann man auf der Internetseite www.ohne-gott.de lesen. Auf dieser Plattform erzählen Menschen etwas von ihrem Leben ohne Gott, von ihrer Geschichte, ihren Erfahrungen und Gedanken. Satzanfänge wie: „Gott ist mir nicht begegnet…“, „Gott existiert für mich nicht…“ „Ich habe Gott verloren…“, „Gott fehlt mir…“ sollten helfen, ihre Erfahrungen, ihre Geschichte und ihre Gedanken mitzuteilen. Viele Menschen machen davon Gebrauch. Die Betreiber der Website antworten, soweit möglich, auf alle Kommentare und treten so in einen Dialog ein.

Manchen Menschen aus der Zeit des Propheten Jesaja mag es auch so gegangen sein. Zwar gab es damals noch keine Internetforen auf denen man sich hätte austausche können, aber aus dem heutigen Predigttext kann man lesen, dass die Menschen damals ähnliches bewegt haben muss, wie die, die das Angebot des Kölner Bistums nutzen.

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Heute, liebe Gemeinde, feiern wir „Lätare“, das „kleine Ostern“. Ein klein wenig ist das wie eine Generalprobe vor einem großen Fest. Es geht, wie es der Name des heutigen Sonntags schon sagt, um die Freude. „Freue dich!“ Den Blick auf Ostern gerichtet sollte es leicht sein, dieser Aufforderung nachzukommen.
Erst recht, wenn man gesagt bekommt, dass der Herr seinen Bund nicht brechen will, auch wenn Hügel und Berge weichen. Tröstliches das fröhlich stimmt. Freue dich! Gottes Bund mit den Menschen ist unerschütterlich. Unerschütterlich – also unkaputtbar wie eine Mineralwasserflasche aus Plastik oder unabsteigbar wie der VfL Bochum. Allerdings kann wohl bei gezielter Anwendung von Gewalt eine Plastikflasche zerbrechen und an den VfL Bochum denken wir heute in Wehmut und hoffen, das er nicht auch noch in die dritte Liga absteigt.
Kurzum: Wenn Gott also sagt, sein Bund sei unerschütterlich, dann hat diese Zusage erstmal eine andere Qualität als alles, was von uns Menschen mit dem gleichen Prädikat ausgezeichnet wird. Wiederum ein Grund zu sagen: Freue dich!
Einem unbeschwerten Leben im Glauben stünde heute also nichts im Wege, denn schließlich spricht der Predigttext und das darin zugesagte „Freue dich!“ für sich und ermutigt die willige Hörerschar den Worten Gottes zu vertrauen. Vielleicht fällt ein „Freue dich!“ heute auch deshalb leichter, weil es einfacher ist, sympathische Worte wie Gnade, Bund und Barmherzigkeit zu hören, als sich um die anderen, die dunklen Seiten, dieser Beziehungswörter zu kümmern. Erst recht an so einem Tag.

Aber wenn Glauben heißt, mit Widersprüchen zu leben, dann gilt das auch und gerade zum kleinen Osterfest. Denn ohne das Eine gibt es das Andere nicht. Das Eine, das sind die Freude, das Erbarmen, die Gnade, der Bund. Das Andere, das ist das Verlassen sein, der Zorn, die dunkle Seite. Also all das, was schlichtweg nicht so gerne mit Gott in Verbindung gebracht.
Gerade „in interreligiösen Gesprächen pflegen Buddhisten häufig ihr Unverständnis zum Ausdruck zu bringen, wenn die Rede auf einzelne Aktivitäten Jesu kommt. Zu unbeherrscht, ja teilweise auch zu gewalttätig, auf jeden Fall aber zu unausgeglichen erscheint ihnen der Messias, der auch Friedefürst genannt wird.“ (Vgl. M. Viertel, Christus, Stuttgart 2005, S. 34).
Aber „vom Zorn Gottes werden auch wir zu reden haben!“ Aber nicht so, wie wir Menschen den Zorn verstehen. „Wir kennen den Zorn der Rachsucht, der mit seinem Gegner fertig ist, ihn wegwerfen und vernichten will und darin in der Tat seine Befriedigung sucht. […] Gottes Zorn muss vielmehr von seinem Lieben her verstanden werden und wenn Gott die Liebe ist, dann muss sich sein Zorn gegen den Verrat des Menschen an der Liebe richten. (Vgl. W. Joest, Die Wirklichkeit Gottes, Göttingen 1995, S. 254ff.).
Nicht allzu oft wird es jedoch gelingen, in Gottes Zorn nichts anderes als seine Liebe zu sehen, ganz so, wie es der Theologe Karl Barth gesagt hat. Was nützt mir Gottes Barmherzigkeit, wenn man nicht sehen kann, dass es „keinen Zorn Gottes“ gibt, „der etwas Anderes wäre als das heilsame Brennen seiner Liebe, die ja eben darin ihr abschließendes und eigentliches Werk getan hat, dass er um unserer, der in Sünde und Schuld gefallenen Menschen willen, seines eigenen Sohnes nicht verschont hat.“ (Vgl. K. Barth: Kirchliche Dogmatik, 4. Bd. Teil 1, Zollikon 1953, S. 545–546.)

Man kann sich ohne Probleme vorstellen, wie sehr die Rede von der Gnade und dem Trost und der Liebe die Herzen der Hörer eher erreicht, als die Rede vom Zorn Gottes. Man sei also besser auf der Hut, damit man nicht den Boden unter den Füßen verliert und dann hart auf dem Boden der Realität aufschlägt. Denn das ist doch „der Normalzustand unserer Existenz: dass Gottes Angesicht in dem doppelten Sinn für uns verborgen ist, dass wir weder ihn sehen, noch von seinem Blick getroffen werden. […] Und wenn auch im Augenblick die Wasser der Sintflut nicht über uns zusammenschlagen, so fühlen wir uns doch keineswegs in einer rettenden Arche sicher geborgen“ ist doch die „Friedlosigkeit ein nicht mehr heilbarer Dauerzustands der Welt“. (Vgl. W. Stählin, Predigthilfen III, Kassel 1959, S. 205).
Nichts anderes beschreibt der heutige Predigttext und dann predigt da noch einer „in schier auswegloser Situation; aber er lässt die Hoffnung nicht fahren.“ (Vgl. W. Huber: Predigt am letzten Sonntag nach Epiphanias im Dom zu Brandenburg 2007, Jesaja 54,7-10).

Zurück in die Realität. Allzu oft trifft man sie, „Blinde, Taube, Lahme oder Stumme […]. Vielleicht nicht in der altorientalischen Form, aber als Bedenkenträger, als Entmutigte, als stumpf oder müde Gewordene. Man trifft „auf Kleingläubige und Zweifelnde […], viele leiden unter Mutlosigkeit oder überholten Strukturen, – und häufig genug wird das unsere eigene Erfahrung sein.“
Aber wir haben etwas dagegenzusetzen. Die Hoffnung! Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser. Ich betrachte es als Teil meines Auftrags, Menschen genau davon zu berichten und so vielleicht müde Hände zu stärken und wankende Knie fest zu machen und verzagten Herzen neu sagen: „Gott ist da – sein Bund mit uns Menschen hat Bestand.“
Im selben Augenblich erkenne ich aber auch: „Mehr haben wir nicht, keine Tricks, keine Geheimwaffen, keine Autorität, keine Magie, weder menschliche noch göttliche. Nur diesen Auftrag und die gute Nachricht: Gott ist da – er wird helfen. Damit dürfen wir loslegen.“ (Vgl. H.-H. Pompe: Predigt über Jesaja 35: 1-7a, Einführungsgottesdienst für das Team des Zentrums Mission in der Region, 27.11.2009, St. Petri Dortmund).

Also legen wir los und bekennen, Glauben heißt, mit Widersprüchen zu leben. Tagtäglich begegnen wir diesen Widersprüchen. Und Glauben zu leben heißt konsequenterweise auch, diese Widersprüche nicht zu leugnen, sondern zuzulassen. Alles andere als ein solches Zulassen, alles andere als ein solches Verhalten mag zu folgender Beobachtung führen:
„Im November 2011 gab es auf der EKD-Synode in Magdeburg zum Thema »Was hindert’s, dass ich Christ werde?« ein Statement des deutschen Wikipedia-Geschäftsführers. Pavel Richter begann so: »Gott wurde im November 2.372-mal aufgerufen. Das […] ist nicht schlecht, was die Zahl angeht. Es ist aber auch beileibe nicht gut. Um Ihnen einen Vergleich zu geben: der Artikel über den Popstar Justin Bieber wurde im gleichen Zeitraum 17.089-mal aufgerufen. Erschreckender noch (…) ist folgende Statistik: der Artikel zum Kirchenaustritt, der sehr genau erklärt, was ich tun muss, wenn ich nicht mehr Mitglied einer Kirche sein möchte, wurde im November 1.269-mal aufgerufen, der gleiche Artikel zum Kircheneintritt, der mir erklärt, wie ich Mitglied einer Kirche werden kann, wurde 37-mal aufgerufen.“ Zusammengefasst heißt das: „Wir existieren als Kirche in einem Kontext, wo zumindest Wikipedia-Nutzer sich mehr für Popstars als für Gott interessieren, wo das Verlassen der Kirche gefragter ist als das Dazukommen.“ (Vgl. H.-H. Pompe: Grußwort zur Tagung: Das Evangelium, die Unerreichten und die Region – Dokumentation der Tagung des EKD-Zentrums für Mission in der Region, Augustiner-Kloster Erfurt, 5. – 6. November 2013, S. 6).

Solches Desinteresse kann auch daraus resultieren, dass Menschen sich nicht ernst genommen fühlen, weil ihre Sehnsucht nach Trost und Halt nicht ernst genommen und so ihre Fragen bagatellisiert werden. Es ist ja auch viel einfacher den Widersprüchen aus dem Weg zu gehen, als diese aufzunehmen. Es scheint, die Christenheit hält gerne an einer romantisierenden Vorstellung der Geburt des kleinen Jesu fest – ohne die Konsequenz des Kreuzes mit zu bedenken. Warum aber richten wir den Blick lieber auf die heimelige Krippe als das wir uns, dem Wortsinn nach, gen Osten, nach Jerusalem, nach Golgatha orientieren? Es gibt das Eine nicht ohne das Andere! Und gerade in diesen Widersprüchen gilt:
„Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“
In diesen Trostworten steckt das Wissen, dass es im Lebem anders kommen kann, aber in diesen Worten steckt eben auch die Gewissheit, die mir zum Lebensmotiv geworden ist, ich kann nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand.
Aber neben dieser Gewissheit gibt es auch die, die das anders empfinden, die diese Worte nicht als tröstlich empfinden, sondern als Herausforderung hören, die diese Worte nicht ohne weiteres wiederholen können, weil sie in ihrem Leben bittere Enttäuschungen erlebt haben. Die eher sagen würden: „Zu vieles gibt es, woran Gottes Erbarmen gerade nicht zu erkennen ist. Wie soll ich daran glauben, da Gott sich doch verbirgt?“ Diesen Menschen möchte ich gerne sagen: Die Zusage der Gnade Gottes und seines Bundes mit den Menschen ist eine Zusage auch an dich! „Nicht, weil sie am Gang unseres Lebens einfach aufzuweisen wäre; die Ratlosigkeiten werden nicht weggewischt. Auch nicht, weil wir sie dem Volk Israel wegnehmen könnten, dem sie ursprünglich zugesprochen wurde. Wir halten uns an diese Zusage, weil Jesus uns in sie hinein nimmt. Der Jude Jesus öffnet uns den Zugang zu dieser Verheißung. Auch wir haben teil an der liebevollen Zusage Gottes, die alle Angst vertreibt.“ (Vgl. W. Huber: Predigt am Sonntag Laetare in der St. Marienkirche zu Berlin, Jesaja 54, 7-10, 02. März 2008).

Und diese liebevolle Zusage Gottes lautet: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“
Kurzum: Wenn Gott sagt, sein Bund sei unerschütterlich, dann hat diese Zusage in ihrer Ganzheit eine Qualität, die mich mutig macht! Wiederum ein Grund zu sagen: Freue dich! AMEN!

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