Außen hui und innen pfui

Außen „hui“ und innen „pfui“.

Außen „hui“ und innen „pfui“,
dass ist Dir, das ist Ihnen gewiss doch auch schon mal begegnet.

Da ist man mit Menschen zusammen,
verbringt eine gute Zeit,
unterhält sich,
packt gemeinsam an,
schafft etwas,
freut sich am andern,
doch dann,
eines Tages passiert zum Beispiel das:

man unterhält sich über jemanden,
bei dem das Leben anders als bei einem selbst verläuft,
der zum Beispiel andere Ansichten hat,
und der, mit dem man da redet,
fängt an, vom Leder zu ziehen,
zu lästern
und zu schimpfen.

Das hättest Du nicht erwartet.

Hättest nicht erwartet,
dass der,
mit dem Du Dich doch sonst so gut verstehst,
so dermaßen über andere herziehen kann.

Du erschrickst.

Oder dieses:
Jemand, mit dem Du Dich gut verstehst,
findet eines Tages etwas,
was er an Dir auszusetzen hat,
irgendetwas,
das ihn stört,
womit er nicht einverstanden ist.

Doch anstatt mit Dir darüber ins Gespräch zu kommen,
fängt er an,
sich über Dich zu ärger
und mit anderen über Dich herzuziehen hinter vorgehaltener Hand.

Du erfährst es über einen Dritten,
einen Vierten.
Und bist?
Enttäuscht!

Oder so etwas:
Da gibt es einen Menschen,
den schätzt Du sehr,
weil er sich engagiert,
weil er zum Beispiel auch ganz klar sagt:
es ist wichtig,
sich für andere einzusetzen,
etwas zu bewegen.

Doch als Ihr mal auf das Thema geschäftliche Verbindungen oder Steuern kommt,
da wird Dir klar,
dass dieser Mensch,
den Du doch eigentlich so schätzt,
rausholt für sich
was nur irgendwie geht,
hier und da betrügt,
mogelt,
es nach bestem Wissen und Gewissen darauf anlegt,
sämtlich möglichen Grauzonen bis in die dunkelste Ecke auszuloten
und dort,
wo es geht,
auch darüber hinaus.

Du bist verunsichert.

Was sollst Du von diesem Menschen halten?

Was kannst Du ihm noch glauben?

Außen „hui“ und innen „pfui“.

Was macht man,
wenn einem so etwas passiert,
wenn einem so etwas begegnet?

Wenn man erschrocken ist darüber
wie ein anderer sich verhält?
Oder enttäuscht?
Oder verunsichert?

Schweigt man
und distanziert sich in der Folge?

Und falls dieses Verhalten dem andern seltsam vorkommt:
zieht nach sich weiter zurück,
frei nach dem Motto:
Musst schon selber merken,
was hier nicht stimmt!

Oder spricht man es an?

Spricht man an,
was hier quer steht,
weil einem an der Sache
und auch an dem anderen liegt?

Außen „hui“ und innen „pfui“.

Heute hören wir zur Predigt,
wie Gott im ausgehenden 6.,
beginnenden 5. Jahrhundert zu seinem Volk in Juda und Jerusalem spricht.

Zurückgekehrt war dieses Volk,
waren diese Menschen aus dem babylonischen Exil.

Der Neuaufbau hatte begonnen.
Doch alles ging nur schleppend voran.

Nichts war so einfach,
wie man es sich erträumt hatte.

Drum klagen die Menschen Gott ihr Schicksal,
fasteten,
weil sie meinten,
Gott damit in Geberlaune versetzen zu können,
forderten,
dass er ihnen gefälligst helfen solle.

Und Gott?

Er greift ein,
doch nicht so,
wie sie es vielleicht gehofft hatten.

Denn:
Er ändert nicht die äußere Situation,
sondern er hält ihnen einen Spiegel vor.

Doch nicht einen Spiegel,
der allein zeigt,
was außen zu sehen ist,
sondern vielmehr einen Spiegel,
der einen sehen lässt,
was innen,
im Menschen drin vorgeht.

Doch hört selbst.

Was Gott sagte,
sagte er durch seinen Propheten Jesaja.

Es steht geschrieben in seinem Buch,
im 58. Kapitel,
in den ersten neun Versen:

„Rufe getrost,
halte nicht an dich!

Erhebe deine Stimme wie eine Posaune
und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit
und dem Hause Jakob seine Sünden!

Sie suchen mich täglich
und begehren, meine Wege zu wissen,
als wären sie ein Volk,
das die Gerechtigkeit schon getan
und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte.

Sie fordern von mir Recht,
sie begehren,
dass Gott sich nahe.

„Warum fasten wir,
und du siehst es nicht an?
Warum kasteien wir unseren Leib,
und du willst´s nicht wissen?“ –

Siehe, an dem Tag, da ihr fastet,
geht ihr doch euren Geschäften nach
und bedrückt alle eure Arbeiter.

Siehe, wenn ihr fastet,
hadert und zankt ihr
und schlagt mit gottloser Faust drein.

Ihr sollt nicht so fasten,
wie ihr jetzt tut,
wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.

Soll das ein Fasten sein,
an dem ich Gefallen habe,
ein Tag,
an dem man sich kasteit,
wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf
und in Sack und Asche sich bettet?

Wollt ihr das ein Fasten nennen
und ein Tag,
an dem der Herr Wohlgefallen hat?

Das aber ist ein Fasten,
an dem ich Gefallen habe:
Lass los,
die du mit Unrecht gebunden hast,
lass ledig,
auf die du das Joch gelegt hast!
Gib frei,
die du bedrückst,
reiß jedes Joch weg!

Brich dem Hungrigen dein Brot,
und die in Elend und ohne Obdach sind,
führe ins Haus!

Wenn du einen nackt siehst,
so kleide ihn,
und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte,
und deine Heilung wird schnell voranschreiten,
und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen,
und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen.

Dann wirst du rufen,
und der Herr wird dir antworten.“

Außen „hui“ und innen „pfui“.

Da waren Menschen,
die taten nach außen so gerecht und richtig,
taten Gott gegenüber so,
als wären sie die Allervorbildlichsten,
denn sie wussten es scheinbar nicht besser:

Hier, schau mich an,
was ich alles tue,
um dir zu gefallen:
ich faste,
beschränke mich,
treue Asche auf mein Haupt.

Und Gott?
Er –
der in das Herz der Menschen schauen kann –
er weiß ganz genau:
hier ist mehr Schein als Sein,
hier ist´s außen hui und innen pfui.

Doch anstatt sich zu distanzieren von diesen Menschen,
die in all ihrer Verdrehtheit nach ihm suchen,
anstatt beleidigt zu schweigen,
nach dem Motto:
Da musst Du selber drauf kommen,
was hier zwischen uns falsch läuft,
meldet sich Gott zu Wort
und hält denen,
die da meinen, alles richtig zu machen,
einen Spiegel vor.

Denn was würde es bringen,
die Dinge totzuschweigen
oder zu verdrängen?

Wäre irgendjemandem damit geholfen?

Gott sagt:
Wie kann mir das Gefallen,
wenn ihr Menschen fleißig eure religiösen Bräuche pflegt und hegt,
aber nicht danach lebt und handelt,
was gut ist für euch und diese Welt?

Auch bei uns beginnt in diesen Tagen die Fastenzeit vor dem Osterfest.

Und viele Menschen nehmen sich wieder allerhand vor:
keinen Alkohol trinken,
kein Fleisch essen,
nicht rauchen,
weniger Schokolade –
das sind nur die Klassiker.

Doch was nützt all das,
um Gottes Worte ins Heute zu sprechen,
was nützt das,
wenn es bei diesen Äußerlichkeiten bleibt?

Wem soll das nützen,
wer soll sich dran freuen,
wenn sich die innerliche Einstellung zu den Dingen nicht ändert?

Wenn Alkohol außerhalb der Fastenzeit doch wieder zum Alltag gehört,
nicht nur zu den Fest-, den Hochzeiten?

Was und wem nützt es,
wenn ich 7 Wochen auf Fleisch verzichte,
aber nicht generell über meinen Fleischkonsum ins Nachdenken komme
und darüber,
wer alles darunter leidet,
dass 6 Tage die Woche Fleisch auf den Tisch kommt.

Was macht es für einen Sinn,
gut vierzig Tage keine blauen Wölkchen in den Himmel zu schicken,
wenn ich nach diesen Tagen dann doch wieder meinen mir von Gott geschenkten Körper von innen teere?

Oder wenn ich nicht einmal ins Grübeln darüber komme,
unter welchen Voraussetzungen ich mir außerhalb dieser Fastenzeit 100 Gramm Schokolade zu Gemüte führe,
welche Kinder dafür auf welchen Kakaoplantagen schufften müssen.

Soll Gott sich freuen,
dass wir uns im Verzicht üben –
7 Wochen lang?

Soll er uns auf die Schulter klopfen
und sagen:
bist ein braver Christ?
Wenn doch nichts gewonnen ist allein durch die Pflege religiöser Bräuche und Traditionen?

Oder sind wir sogar schon manchmal einen Schritt weiter weg als die Menschen damals in Juda?
Machen wir solche asketischen Verrenkungen nur um unser selbst willen,
nicht einmal mehr,
weil Gott uns diese Wegstreckte als Hilfe anbietet,
um klarer über manches zu werden?

Wie ist mein Verhältnis zu Gott heute,
am 2. März 2014, am Sonntag Estomihi,
dem letzten Sonntag vor der Fastenzeit,
in der ich innerlich den Weg nachgehen darf,
den Jesus gegangen ist?
Den Weg,
der kein leichter ist,
sondern leidvoll.

Erwarte ich von Gott,
dass er mir heute
und in dieser kommenden Fastenzeit nahe kommt?

Will ich mit ihm über mein Leben ins Gespräch kommen?

Erwarte ich,
erhoffe ich Hilfe von ihm?

Kann ich mir den Spiegel vorhalten lassen?

Den Spiegel,
der mir zeigt,
wie es in mir aussieht?

Welches die Stellen sind,
die außen so hui
und innen doch so pfui sind?

Wo binde ich mit Unrecht?
In welchen Abhängigkeiten stecke ich
und wo lasse ich andere nicht los?

Wo kann mein Nächster nicht frei atmen,
weil ich ihm verbiete,
so oder so zu sein?

Wo unterjoche ich?
Lasse nicht zu,
dass Menschen ehrlich sagen,
was sie meinen und denken,
lasse nicht zu,
dass sie darüber miteinander ins Gespräch kommen,
dass sie sich auf die Suche nach der Wahrheit machen?

Wo bedrücke ich?
Wo verhalte ich mich so,
dass andere unter meinem Tun und Lassen,
Denken und Reden leiden?

Wem verweigere ich Brot?
Das,
was er zum Leben braucht?
Liebe,
Schutz,
Geborgenheit?

Wem gebe ich keinen Platz in meinem Haus?
Wo bin ich intolerant,
ignorant?
Wann mache ich dicht
und lass gar nicht zu,
dass andere Gedanken in meinem Kopf Raum einnehmen?

Wo stelle ich jemanden bloß mit dem,
was ich tue,
mit dem,
was ich sage
oder auch nicht tue oder sage?

Wo entziehe ich mich meinem Fleisch und Blut?
Stehle mich aus der familiären Verantwortung?

Wenn ich an diesen Fragen arbeite,
daraufhin mein Leben,
mein Verhalten und Denken abklopfe,
dann kann sich etwas ändern.

Vielleicht nicht sofort,
so als ob man in einem dunklen Raum auf den Lichtschalter drückt.

Aber es wird sich ändern,
langsam,
als breche die Morgenröte hevor,
als würde es Tag werden.

Wenn ich mir den Spiegel solche Fragen vorhalten lasse,
dann kann es hell werden in meinem Leben,
da das Innere nach außen gekehrt wird,
sich anschauen lässt
und sich zum Guten wendet.

Und dann wird auch die Heilung voranschreiten,
wie es Gott durch Jesaja sagt,
dann wird heilen können,
was faul ist.

Wenn ich all das,
was in meiner Hand liegt,
anpacke,
dann wird der Herr hören,
wenn ich nach ihm rufe.
Dann ist der Boden,
auf den sein Wort fällt,
nämlich fruchtbar.

Wir müssen nicht denken,
dass wir erst in Vorleistung treten müssten.
Dass wir irgendetwas vor Gott leisten müssten,
damit er sich uns zuwendet.

Weder allein religiöse Bräuche sind da möglich,
noch,
dass ich allein für mich bei mir klar Schiff mache mit dem,
was im Argen liegt.

Das erste bliebe leer.
Das zweite kann ich gar nicht allein.

Gott lässt mich ja auch nicht allein:
Laut wie eine Posaune sagt er mir,
worauf ich achten kann und soll.

Er hilft mir,
indem er mir den Spiegel vorhält,
in den ich schauen kann.

Er hilft mir mit gutem Rat,
was ich bedenken und ändern sollte
und kann.

Sei es mit Worten wie die des Propheten Jesaja
oder mit den Worten des Apostel Paulus,
die wir vorhin gehört haben.

Worten,
die mir zeigen,
wo und wie Liebe wächst.

Oder sei es,
indem er sich mit mir gemeinsam auf den Weg macht,
sich solidarisiert,
weil er weiß,
dass dieser Weg,
der ans Licht,
der zum guten Ziel führt,
leidvoll sein kann,
und weil er weiß,
dass es mir gar nichts nützt,
würde ich alles gewinnen,
wäre das Äußerliche noch so beeindruckend,
blendend toll,
so hui,
und würde an der Seele doch Schaden nehmen.

Gott ist es nicht egal,
wie es um mich steht
und er lässt sich nicht blenden von Äußerlichkeiten.

Und wenn er sieht,
wo es „pfui“ ist,
distanziert er sich nicht,
sondern spricht es an,
weil ihm an mir
und an der Sache liegt.

Und doch:
Es liegt an mir,
ob ich mich ansprechen lasse,
ob hineinschaue in diesen Spiegel.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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