Da wohnt ein Sehnen tief in mir…

Bis vor wenigen Tagen noch hätte er im Brustton der Überzeugung darauf bestanden, dass es die Liebe auf den ersten Blick nicht gibt, sie vielmehr eine romantische Erfindung und Verklärung sei. Überhaupt, der Liebe hätte er nicht sonderlich getraut, sondern vielmehr auf klare Abmachungen und Vereinbarungen auch in Beziehungsfragen gesetzt, damit es erst gar nicht zu Missverständnissen und Enttäuschungen kommen kann.
Aber dann gab es da diesen Abend bei Freunden, um einen festlich gedeckten Tisch, mit gutem Essen und sanfter Musik, vor allem aber mit interessanten und anregenden Gesprächen. Da hat er sie zum ersten Mal gesehen, konnte gleich die Augen nicht von ihr lassen , vor allem aber gab es kein Thema, über das sie nicht reden konnten und bei denen sie nicht auf gleicher Wellenlänge lagen.
Und als er am Abend zu Hause diesen Tag Revue passieren ließ, spürte er , dass mit ihm etwas passiert war, dass er nicht aufhören konnte, die Zeit bis zum verabredeten Wiedersehen herbeizusehnen und dass er sich mit dieser Frau alles vorstellen konnte, was er bisher immer nur belächelt hatte. Es zerriss ihm sein Inneres und er fand es wunderbar.
Er konnte nicht schlafen und genoss es.
Er lächelte über sich und war trunken vor Glück.
Er hatte nur noch Gedanken für sie…
Enttäuschte mögen jetzt denken: warte nur ab!,
Einsame, dass es das nur im Film oder in kitschigen Romanen gibt!
Andere mögen sich daran erinnern, dass es ihnen auch einmal so ging und es ruhig zulassen, dass ihnen jetzt vor lauter Erinnerung ganz warm ums Herz wird.
Ich erzähle ihnen davon, damit wir uns nicht gleich wieder in unseren negativen Gedanken und Gefühlen verlieren.
Begehren und Begierden (das bleibt vom Predigttext ja hängen) haben für uns etwas anrüchiges, leicht schmuddeliges und wer nur oberflächlich hinhört, wird ja vom Jakobusbrief auch gleich in seinen Vorurteilen bestätigt: „wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber , wenn sie vollendet hat, gebiert den Tod.“
Was für eine Trias mit was für einer Konsequenz: Begierde, Sünde und Tod.
Aber Hand auf Herz , was wäre das menschliche Leben ohne Begehren, ohne Sehnen,ohne Wünsche,ohne Verlangen und ohne Träume?
Es wäre ein Leben ohne Freude, ohne Ziele, ohne Ehrgeiz, ohne Leidenschaft, fad wie eine Mahlzeit ohne Salz und Gewürze, ein Leben ohne Antrieb und ohne Motivation, Totschlagen der kaum vergehenden Zeit, aber auch ohne Lebendigkeit. Ich las die wunderbare Definition: das Begehren ist die Heimat der Wahrnehmung alles Schönen, das Haus des Genießens und das Gewand der Lebenslust.
Ja, es gäbe keinen Blick für all das Schöne, das es trotz aller Trübsal und aller Unvollkommenheit gibt, es gäbe keinen Genuss , keine Freude und keine Lebenslust.
Wir täten der Passionszeit Unrecht, wenn wir sie missbräuchten, alle Lebensfreude auszutreiben, weil es sich nicht gehöre, Freude am Leben zu haben, solange auch das Leiden Teil der Wirklichkeit ist. Wir müssen nicht alles Unglück, alles Leid, alle denkbare Dunkelheit verinnerlichen und zum Grundgefühl des Lebens erheben, sie sind mächtig genug in unserem Alltag. Wir mauerten uns nur noch mehr ein und schlössen das Leben endgültig aus. Da kann man nur von Herzen bitten: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Öffne uns die Augen für all das Schöne, dass jeder Lebensweg zur rechten und zur Linken zu bieten hat.“
Sicher ist Leben oft nur schwer auszuhalten. Wir laufen nicht nur glückstrunken durch das Leben.
Kollegen hatten bei ihr die Veränderung schon vor geraumer Zeit wahrgenommen: morgens wirkte sie ein wenig fahrig, manchmal roch sie auch leicht nach Alkohol. Anfangs hatte sie die dezenten Hinweise noch unbeholfen lachend abgetan mit der Erklärung, sie wäre am Abend vorher zu einer kleinen Feier eingeladen gewesen, und es wäre doch später als geplant geworden, und vielleicht wäre es ja doch ein Glas Sekt zu viel gewesen gestern Abend.
Später wurde nur noch hinter vorgehaltener Hand darüber geredet und ihr Absturz mit Schulterzucken zur Kenntnis genommen.
Dann war sie für viele Wochen von der Bildfläche verschwunden: Sie machte einen Entzug und eine Entwöhnung. Die ersten Wochen im geschützten Umfeld der Klinik hat sie gut überstanden. Viele andere wie sie, aus allen möglichen sozialen Schichten und Berufen, hatten die gleiche Herausforderung: ein Leben ohne Alkohol – nicht nur sieben Wochen, sondern ein Leben lang.
Hier ging das, aber draußen? Wenn das Leben auch mit seinen Schattenseiten wieder Alltag wird?
Sie lernte eine Selbsthilfgruppe kennen, in der andere erzählten, wie sie anfangs jede freie Minute nur in Meetings verbracht haben, um nicht zu Hause der Versuchung und dem Griff nach der erleichternden, benebelnden Droge zu erliegen. Sie lernte ihre Krankheit verstehen und sie lernte eine wunderbare Regel für den Umgang mit ihrer Krankheit und Sucht kennen: jeden Tag nur das erste Glas stehen lassen. Nicht in den Kategorien „für immer“, sondern nur „für heute“ denken.
Das Verlangen, der Druck, die „Sucht in der Sehnsucht“ war immer noch da, aber sie lernte damit umzugehen. Hier stimmte es und das wusste sie: Begierde, Sünde ( zumindest an und gegen sich) bedeutet am Ende…Tod!
Das war die die Konsequenz und brutale Wirklichkeit.
Und das ist grundsätzlich was anderes als die zugegeben schwierige Übung, in den nächsten Wochen die Schokolade im Naschfach zu lassen oder vielleicht auf die Nutzung der sozialem Medien zu verzichten und wieder in der Realwelt den Kontakt mit realen Menschen und Freunden zu suchen.
Das was die Bibel Begierde nennt, Begehren, hat eine wunderbare, lichte und schöne Seite und eine bedrohlich, dunkle, todbringende.
Sie hat Einfluss und Macht über uns und ohne sie wären wir schon mitten im Leben wie tot.
Auf die Unterscheidung kommt es an, also darauf, wahrzunehmen und zu spüren, was mit uns passiert.
Wer unterscheidet , kann auch entscheiden, kann sich für oder gegen etwas aussprechen, kann das eine tun und das andere lassen.
Vor allem aber, er muss nicht mehr andere für alles verantwortlich machen.
Das ist manchmal nämlich zu einfach. Natürlich sind wir alle so geworden, wie wir sind. Und vieles und viele hatten Einfluss auf uns. Aber die Konsequenz kann nicht lauten, dass deswegen auch nur die Umstände oder andere schuld an allem sind, was mir in meinem Leben widerfährt. Auch Gott ist nicht für alles verantwortlich, was ich tue oder lasse. Die Freiheit der Entscheidung will ich mir auch nicht nehmen lassen. Ich bin nicht fremdbestimmt. Übrigens malt der Jakobusbrief hier auch nicht den Teufel als den Versucher an die Wand, er zeichnet nüchtern ein reales Bild vom Menschen als einem verführbarem Wesen.
Ja ich bete zu Gott, dass er mich nicht in Versuchung führe, aber ich will damit nicht die Verantwortung auf ihn abschieben, sondern hoffe, dass er mir täglich die Augen und das Herz öffne: für die Fallstricke und die Gefahren, die überall ein Leben lang auf mich warten und in die ich manchmal aus Versehen, aber manchmal auch sehenden Auges hineintappe, aber ebenso auch für die wunderbaren Kleinigkeiten des Lebens: die kleinen Gesten, eine Berührung, ein Lächeln, ein Blick, eine Landschaft, ein beruflicher Erfolg, ein Lied, das mir aus dem Herzen spricht oder mein Herz anrührt, und wonach wir uns noch alles sehnen. Wer seine Sehnsucht spürt, spürt seine Lebendigkeit mit jedem Atemzug und bis zum letzten Atemzug.
Es macht viel mehr Sinn, Gott dafür zu danken, als ihm ein Leben vorzuhalten, was ich mir vorenthalten wurde oder was ich mir zeit meines Lebens nicht gegönnt haben.
In dem Sinne dürfen wir heute die Mauern, die wir ums herum errichtet haben, um uns vor dem Leben zu schützen, einreißen , um Gottes willen.
Es gilt das Leben zu entdecken zu dem uns bestimmt hat, das er uns geschenkt hat, für das wir die Verantwortung tragen und das vor allem wir uns vorenthalten können.
Es gilt: alle gute Gabe kommt von oben herab.

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