Glaubensbewährung, Goldmedaille und Goldene Konfirmation

Liebe Goldenen Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Schwestern und Brüder!
Es ist lange her, dass Sie hier den Segen zur Konfirmation empfangen haben. 50 Jahre, mehr als ein halbes Menschenleben ist es her, dass Sie damals am 8.März 1964 von Pfarrer Anders, der schon mal alles „anders“ machte und sie hier dann einsegnete und konfirmierte.

Die Zeiten damals waren auch anders.

Fein gemacht wie nie zuvor waren sie damals. Das war nicht so einfach wie heute. Im sog. beginnenden Wirtschaftswunder Anfang der 60er Jahre gab es zwar wieder al¬les, aber das Geld war in den meisten Familien immer noch knapp. Man musste mehr rechnen als heute und haushalten. Vieles war anders und manches war kleiner und beschei-dener: all die Gäste in die gute Stube kriegen, da kam man sich näher. Und die Geschenke waren gegen heute sehr bescheiden. Kaum Geld, jede Menge Handtücher, Schürzen, Bettwäsche, Hemden, Tortenheber und Sahnelöffel.
Für was brauchen Junges eigentlich Sahnelöffel?!
Das frage ich mich schon seit Jahrzehnten?!

Vor 50 Jahren, das waren andere Zeiten. Eine Schallplatte kostete 5 Mark und die Songs und Schlager des Jahres 64 hießen:
Rote Lippen soll man küssen, denn zum Küssen sind sie da.
• Cliff Richard: Rote Lippen soll man küssen (Lucky Lips)
• Bernd Spier / Johnny Tillotson: Das kannst du mir nicht verbieten / You Can Never Stop Me Loving You
• Siw Malmkvist: Liebeskummer lohnt sich nicht
• Ronny: Oh, My Darling Caroline
• Trini Lopez: If I Had a Hammer
• The Beatles: I Want To Hold Your Hand (Komm gib mir deine Hand)

Und natürlich der Evergreen von Drafi Deutscher:
Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht!

Ein halbes Jahrhundert liegt hinter Ihnen, seit Ihrer Konfirmation. Und vieles ist anders. Nicht nur diese Kirche hat sich verändert seit damals. Auch an ihnen hat die Zeit ihre Spuren hinterlassen, so manches graue Haar und manche Lachfalte sind hinzugekommen.
Was hat sich nicht alles verändert seit damals. Und was haben sie seitdem nicht alles erlebt?!
Damals war das für viele auch ein Stück erwach¬sen werden. Man kam sehr jung aus der Schule, viele er¬lernten einen Beruf.
Für viele folgten später Heirat, Kinder, Umbau und Aufbau auf allen Ebenen. Inzwischen dürften die Kinder erwachsen sein, haben vielleicht schon eigene Kinder. Ja, bei einigen von Ihnen sind schon Enkelkinder getauft oder gar konfirmiert.
In den vergangen 50 Jahren erlebten Sie Erfolge und Niederlagen, Enttäuschungen und freudige Überraschungen, Geburten und Todesfälle.
Sie haben sich verändert seit Sie damals hier gesegnet wurden. Nicht nur äußerlich.
Wir legen heute die vergangenen Jahre vor Gott. Ich möchte sie einladen, ein wenig Rückschau zu halten und auch den Blick in die Zukunft zu wa¬gen.
Als Konfirmanden haben sie alle viel auswendig gelernt. Eines lernen die Konfirmanden auch heute noch: Den Psalm 23. Nur wenn man ihn heute nach mehr als 50 Jahren betrachtet, ich denke man liest ihn anders als mit 14. Denn manches, von dem da die Rede ist, das haben sie inzwischen erlebt.
Vielleicht auch manches, was der heutige Predigttext vorgibt.

12 Glücklich zu preisen ist der, der standhaft bleibt, wenn sein Glaube auf die Probe gestellt wird. Denn nachdem er sich bewährt hat, wird er als Siegeskranz das ewige Leben erhalten, wie der Herr es denen zugesagt hat, die ihn lieben.

Ich denke, sie haben erfahren, dass sie zum Leben haben, was sie brauchen. Es hat kei¬nen Mangel an Essen und Trinken, Kleidung und Wohnraum. Selbst in schweren Zeiten sind sie über die Runden gekommen. Damals als sie Kind waren und auch später, wenn das Geld einmal knapp war.

Vielleicht hat Sie das Leben auch auf die Probe gestellt oder ihnen Versuchungen unter die Nase gehalten oder ihnen Wege zugemutet, die sie lieber nicht gegangen wären.
Krankheit, Versuchung, Gewissensbisse, Sorgen, Ängste, Verzweiflung, Ohnmacht, Wut, Frustration und Tiefschläge.
Das Leben ist nicht immer fair und schon gar nicht ein Ponyhof.

Man könnte jetzt Gott für unser Unglück und unsere Sorge verantwortlich machen. Der Verfasser des Jakobusbriefs kennt aber unsere menschliche Natur und schreibt weiter über das Wesen der Versuchung und Bewährung:
14 Nein, wenn jemand in Versuchung gerät, ist es seine eigene Begierde, die ihn reizt und in die Falle lockt.

Wir modernen Menschen neigen im Laufe des Lebens und wir Menschen des 21.Jahrhunderts besonders dazu, alles der Monstranz Gesundheit oder dem Abgott ewigen Lebens und ewiger Jugend zu unterwerfen und unserer unbändigen Sucht nach Wellness- Leben alles unterzuordnen. Schönheit und Jugend bis ins Alter. Krankheit und Seelenschmerz passen da nicht zu.
Sucht und Gier nach Leben werden zum höchsten und heiligen Gut stilisiert. Und wenn man dann z.B. ernsthaft oder chronisch krank wird, dann sind die schwierigen Lebensumstände, der ehemalige Arbeitgeber, die schreckliche Familie oder nicht liebe Gott dafür verantwortlich.
Doch zum Prozess des Erwachsenenwerdens eines Menschen gehört auch Verantwortung für eigene Fehler und Taten zu übernehmen.
Selten hört man, dass man aufgrund seines ungesunden Lebenswandels chronisch krank wurde.
Und jeder der Verantwortung für das übernahm, was ihn versuchte im Leben oder sich von dieser Versuchung löste, der weiß, dass wir alle von der Vergebung unseres persönlichen Umfeldes leben, aber auch auf dem falschen Weg kehrt machen können, wenn wir diesen schon einmal falsch einschlugen.
Zur Freiheit des evangelischen Glaubens gehört es zu wissen und gelernt zu haben, was richtig und falsch ist.
Unsere Norminstanz ist das innere Gewissen, sowohl das gute wie auch das schlechte. Zehn Gebote und Doppelgebot der Liebe sind dafür Orientierung und Halt.
Zur Freiheit eins Christenmenschen gehört es zu wissen, dass wir allesamt Sünder sind und Gott nicht gnädig stimmen können durch billige gute Werke, aber auch zu wissen, durch Jesus Christus und den Glauben an ihn die innere Gewissheit zu besitzen von Gott gnädig und barmherzig behandelt zu werden, wenn wir bereuen und uns abwenden vom schlechten Weg ins Leben.
Und auch das Wissen über unsere Endlichkeit gehört dazu.

Ich weiß nicht wie Sie heute persönlich nach 50 Jahren Konfirmationssegen, Schutz, Bewahrung und Gnade und Segen von Gott ihr persönliches Verhältnis zu Gott pflegen.

Man kann es wie in der Tragödie Faust von Goethe halten, wo Mephistopheles sagt:

Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,
Und hüte mich, mit ihm zu brechen.
Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.

Man kann alles im Leben als selbstgerechter Mensch aus sich selber entwerfen. Das ist unsere größte Versuchung: Mein Haus, mein Boot, mein Einkommen!
Seht her, was ich für ein Kerl bin. Meine Lebens-und Leistungsbilanz ist groß!

Doch als religiöser Mensch mit der nicht unbescheidenen Erfahrung von 50 Jahren religiöser Begleitung; Bewahrung und Segen von Gott –und davon reden wir heute- kann man auch zum zentralen Vers des Predigttextes kommen, der besagt:

12 Glücklich zu preisen ist der, der standhaft bleibt, wenn sein Glaube auf die Probe gestellt wird. Denn nachdem er sich bewährt hat, wird er als Siegeskranz das ewige Leben erhalten, wie der Herr es denen zugesagt hat, die ihn lieben.

Und somit ist die Lebens- und Leistungsbilanz des religiösen Menschen vielmehr an Gott orientiert und ausgerichtet. Und von Gott wird alles im Leben dankbar empfangen. Und nach fünfzig Jahren Segenszuspruch können sie sagen:

Gott hatte und hat dabei auch bei mir den Geist und die Seele im Blick. Essen und Trinken hält zwar be¬kanntlich, Leib und Seele zusammen, aber schließlich lebt der Mensch nicht nur vom Brot allein. Auch die Seele braucht Stärkung und Er-mutigung. Auch die Seele braucht Ruhe und Trost. Auch dafür will Gott sorgen. Der Mensch braucht eben mehr als Speis und Trank, jeder Mensch braucht auch Liebe und Zuneigung. Men¬schen, die zu ihm halten und für ihn da sind. Auch so begegnet uns Gott und sorgt für uns, eben indem er uns Menschen an die Seite stellt, die mit Rat und Tat zu uns stehen.

Ich denke, das haben sie alle auf die eine oder andere Art erfahren in ihrem Leben. Sie waren nicht allein, es haben sich immer wieder Men¬schen gefunden, die sie unterstützt haben, die sie ermutigt haben oder ihnen Freundschaft und Liebe geschenkt haben.

Das Bild des Lorbeerkranzes und Siegeskranzes steht von je her dafür, dass Gott sich für uns Menschen einsetzt, dass er uns beschützt und für uns sorgt. Und uns bei aller Prüfung, Versuchung, Bewährung vor allem auch Bewahrung und Segen schenkt. Gott ist der, der am Leben hält und sicher führt, wohin der Weg auch geht. Und in jedem Leben gibt es Umwege und Irrwege. Unser Leben verläuft nicht immer so wie geplant. Unvorhergesehenes bringt Zu¬kunftspläne durcheinander. In dem Moment, wo unser Leben anders verläuft als gedacht, der Beruf ein anderer wird, die Stelle gewechselt werden muss oder oder …, da trifft uns das hart. Erst im Rückblick gewinnt manches an Sinn, erweist sich erst Jahre später als richtig. Da führt und lenkt Gott uns auf seine Weise.
In jedem Leben gibt es Irrwege, Enttäuschungen, Fehlentscheidungen, ja Fehler. Das ist kein verfehltes Leben, sondern Teil des Lebens. Manchmal lernt man aus einem Fehler oder einem Irrtum mehr als aus tausend guten Ratschlägen. Menschen sind nicht perfekt. Menschen wachsen und reifen mit ihren Erfahrungen. Gott bewahrt uns nicht vor Fehlern, er würde uns hindern zu wachsen und zu reifen. Gott will uns aber hel¬fen, auch unsere Schattenseiten anzunehmen. Gott verzeiht uns auch, wenn wir ihn darum bitten. Er geht den Weg mit und führt auch immer wieder in die richtige Richtung. Als guter Hirte oder als barmherziger Vater geht Gott auch denen nach, die sich verlaufen haben. Er gibt niemanden auf. Und war jemand noch solange fern von Gott, er darf immer wieder zurückkehren zu Gott.
Das ist die Dankbarkeit für den Segen und die Gewissheit von Gott im Glauben mit dem Kranz des Lebens, eigentlich des ewigen Leben bedacht zu werden.
Und heute erhalten Sie die Goldmedaille.

Sie haben viel erlebt in den Jahren seit Ihrer Konfirmation. Viel Gutes und Barmherzigkeit sind Ihnen begegnet. Sie haben manches Fest an schön und reich gedecktem Tisch gefeiert. Sie haben Beistand erfahren, wenn andere gegen sie waren. Gott hat ihr Leben begleitet und manchmal auch getragen. Sie haben vieles er¬reicht und aufgebaut. Und nun sehen sie auch Früchte ihres Lebens reifen. Ihr Leben wird sich weiterhin verändern. Und was die Zukunft Ihnen bringt, das wissen wir nicht. Aber eines gilt: Gott will sie auch in Zukunft begleiten mit seinem Segen. Er will Schutz und Schirm sein vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten. So dass sie voll Vertrauen einstimmen dürfen in die Worte des Jakobustextes, die voller Verheißung sind:

12 Glücklich zu preisen ist der, der standhaft bleibt, wenn sein Glaube auf die Probe gestellt wird. Denn nachdem er sich bewährt hat, wird er als Siegeskranz das ewige Leben erhalten, wie der Herr es denen zugesagt hat, die ihn lieben.

Halten Sie fest an diesem Glück und bleiben sie treu und standhaft, der Siegeskranz, die Goldmedaille des ewigen Lebens winkt, weil Gott sie liebt.

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