Anfechtung

Liebe Gemeinde,

das scheint auf den ersten Blick alles andere als ein evangelischer, ein froh machender Text zu sein, den wir heute zu bedenken haben. Versuchung zum Bösen, Sünde, die den Tod gebiert, Mensch und Menschheit ein Kreißsaal des Unheils, unzeitige Todgeburt im Zeichen finstrer Sterne. Wer mag das erdulden oder sich in einer solch finsteren Geschichte bewähren? Und was soll das für ein Trost sein, im Angesicht des kaum entrinnbaren Verhängnisses, dass jedenfalls Gott nichts damit zu tun hat, weil er nun mal kein Makler von Bösem, sondern von Gutem ist? Der Mensch sitzt böse drin und Gott bleibt fein raus?

Das wäre in der Tat eine alles andere als tröstliche Botschaft. Und wenn wir sie auf den ersten Blick aus unserem Text herauslesen, dann liegt das vielleicht daran, dass uns so falsch schon gepredigt worden ist. Wer den eigenen Widerstand des Menschen gegen das Böse, in welchem Umfang auch immer, zur Voraussetzung für seine Rettung macht, der hat das Evangelium nicht begriffen, wenn er‘s denn nicht wissentlich verfälscht. Und er wird hoffentlich merken, dass er so von beidem nicht recht reden kann: Von der Verlorenheit des Menschen nicht und von dem Gott, der durch Jesus Christus den verlorenen Menschen rettet auch nicht.

Das Evangelium gibt Antwort auf die Frage, was der Mensch von sich selbst erwarten kann und was er von Gott erwarten darf, wie es um des Menschen Welt bestellt ist, was auf ihr gespielt wird und was er von Gott trotzdem erhoffen darf. Das Evangelium klärt auf.

Unser Predigttext hat das vernommen und verstanden. Und so sind die dunklen Verse denn auch eingerahmt vom Loblied des Glaubens. Selig ist der, der die Anfechtung erduldet. So kann nicht allgemein geredet werden. So kann nur der Glaube reden. Der Glaube, der erfahren hat, dass Gott uns neu geboren hat durch das Wort der Wahrheit, damit wir gleichsam Erstlinge seiner Kreaturen, seiner Schöpfung wären. So kann nur der Glaube reden, der vernommen und erfahren hat, dass mit dem Evangelium vom Leiden und Sterben Jesu Christi eine ganz neue Geschichte begonnen hat, in die wir längst schon verwickelt sind. Eine Geschichte, in der wir aufhören unzeitige Geburten im Zeichen finsterer Sterne zu sein, sondern von Gott noch einmal hineingeboren werden in seine gute Geschichte, als Kinder des Vaters, den unser Predigttext „Vater der Lichter“, besser übersetzt, „Vater der Sterne“ nennt. Ein einmaliger Vergleich im Neuen Testament.

Es kommt also alles darauf an, dass auch wir das zuerst einmal hören. Wir dürfen Kinder des Vaters der Sterne sein. Nicht weil wir unserem Unheil widerstanden hätten, nicht weil wir stark waren, sondern weil es Gottes Wille war, uns zu retten und uns in seinen guten Willen hineinzunehmen. Und weil Gott es ist, von dem in dieser Frage alles abhängt, so könnte allein Gott uns aus seinem Licht wieder in Finsternis fallen lassen. Hört selbst, wie unser Predigttext vom Vater der Sterne sagt, dass bei ihm keine Veränderung noch Wechsel des Lichts und der Finsternis ist. Der heilsame Wille Gottes für uns bleibt unwandelbar. Darauf dürfen wir uns im Glauben verlassen und bei Gott auf immer geborgen sein.

So wie unser Herr Jesus Christus das getan hat, bis zu seinem Schrei am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Das – und nicht als er durch den Satan versucht wurde – ist die Stunde seiner Anfechtung. Angefochten kann nur der werden, der sich seines Glaubens gewiss ist. „Anfechtung … ist eine Kategorie der Glaubensgewissheit.“ (Eberhard Jüngel, Anfechtung und Gewissheit des Glaubens, München, 1976, S. 15) Sie ist etwas anderes als der Zweifel oder die Versuchung, die sich der Glaubensgewissheit in den Weg stellt oder uns vom Vertrauen auf Gott weglocken will. Anfechtung ist auch etwas anderes als die Larmoyanz, mit der wir beklagen, dass unsere Wünsche in Sachen Glück auch in der Kirche nicht in Erfüllung gehen und mit der wir ganz mit uns selbst beschäftigt bleiben. Der Glaube ist ganz an Gott interessiert und ganz mit ihm beschäftigt und kann dabei die abgründige Erfahrung machen, von Gott im Stich gelassen zu werden. Der über alles und innig Geliebte wird als der Abwesende erfahren.

Das ist mehr als Versuchung, lieber Jakobus. Die hängt wohl ihre vielen Werbetafeln an unseren Weg, auf denen so allerlei angeboten wird, was letztes Glück, letzte Befriedigung und letzte Erfüllung verspricht. Ja, schon wahr: Wer den Dingen dieser Welt und den eigenen Bedürfnissen atemlos hinterherrennt, wird sich irgendwann totrennen. Aber schon Meister Eckhart wusste, dass die Versuchung bei dem verspielt hat, der Gott einmal geschmeckt hat. Gott schmeckt nämlich am besten. Wer das Beste geschmeckt hat, wird sich durch das Zweit- oder Drittbeste nicht mehr von Gott weglocken lassen. Deshalb gilt hier wie sonst auch: Die beste Medizin gegen die Versuchung ist Gott selbst und damit alles, was uns in seine Nähe bringt.

Wir können uns deshalb vorstellen, was passiert, wenn sich Gott dem, der nach seiner Nähe verlangt, entzieht. In der Gewissheit der Gottesnähe tut sich der Abgrund der Gottesferne auf. „In Anfechtung gerät man …, wie wenn man unter die Räuber fällt.“ (Jüngel, aaO, S. 14) „Und wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet.“, klagt Jeremia in seinen Klageliedern (3,18). So schreit der Prophet mit dem gekreuzigten Christus aus tiefster Anfechtung.

Und doch gilt zugleich: Wer mit dem gekreuzigten Christus aus tiefster Anfechtung heraus schreit, ist alles andere als ein hoffnungsloser Fall. Denn gerade der aus tiefster Gottverlassenheit schreiende Christus wird zum tiefsten Grund der Glaubensgewissheit, weil sich an ihm erweist, dass Gott als der abwesende sehr wohl anwesend ist. „Wo ist Gott? Eine Antwort kann die christliche Kirche nur von dem erwarten, der aus tiefster Gottverlassenheit nach Gott schrie. Und das würde bedeuten, die Osterbotschaft so zu hören, dass der Schrei des sterbenden Jesus (…) zum Hinweis auf die Anwesenheit Gottes mitten in der Gottverlassenheit wird.“ (Jüngel, aaO, S. 30) Wir sehen, in welche Tiefen uns die Beschäftigung mit der Passion Jesu führen kann. Es lohnt sich ihr nachzudenken. Heute wollen wir festhalten, dass der, der in Anfechtung gerät, es nicht mit irgendwem und irgendwas zu tun hat, sondern mit Gott selbst.

Deshalb müssen wir genau lesen, was Jakobus schreibt. Er schreibt nicht: Von Gott kommt nur Gutes. Er schreibt: Alles Gute kommt von Gott. Ein kleiner aber entscheidender Unterschied. Er besagt: Was schlecht oder gut genannt zu werden verdient, bestimmt sich allein von Gott her. Es ist nicht so, dass jenseits von Gott und sozusagen „gottlos“ feststünde, was gut oder böse, heilsam oder unheilvoll ist. Das entscheidet sich allein an Gott. Es entscheidet sich aber allein an dem Gott, dessen guter Wille mit uns kein Auf und Ab kennt. Deshalb können wir mit Paulus wissen, „dass denen die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ (Römer 8,28) Und dass nichts zwischen Himmel und Erde, Leben und Tod „uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8,39)

Wer den Gekreuzigten und aus der Gottverlassenheit schreienden Christus am Christentum nicht mag, wird sich um das Beste bringen, was es zu verkündigen hat: Dass der, der mit seinem himmlischen Vater eins war und von seiner Liebe lebte in die tausend Wüsten stumm und kalt (Nietzsche), in die Gottesferne und die tiefste Anfechtung stürzte und diesen Konflikt im Herzen Gottes uns zugute ausgetragen hat.

Ach Jakobus, sagen wir deshalb lieber: Selig der Mann und die Frau, denen die Anfechtung erspart bleibt. Wenn aber jemand die Gottesfinsternis ereilt, dann lasst uns ihn in unserer Mitte nehmen und von dem Christus predigen und erzählen, der hinaufging nach Jerusalem. Von dem lasst uns hören und hören und hören.

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