Frei zu Gutem und Bösem

‚Führe uns nicht in Versuchung‘ – so beten wir in jedem Gottesdienst und auch sonst gerne in christlichem Miteinander. Diese Bitte ist Teil des Vaterunser. Über den wir manchmal auch streiten können. Ist es wirklich Gott, der uns in Versuchung führt oder es unterlässt – und was ist überhaupt eine Versuchung? Und woher kommt sie?

Den Jakobusbrief hat Martin Luther einmal eine ‚stroherne Epistel‘ genannt, weil da so wenig über den Glauben drin steht und weil er ihn als trocken und wenig hilfreich empfand. Ich glaube der Reformator hat dem Brief da ein wenig Unrecht getan. Seine Worte über Anfechtung und Versuchung jedenfalls finde ich sehr lebendig und lebensnah:

[TEXT]

Dem Jakobus ist es wichtig, dass Versuchung nicht von Gott kommt, obwohl viele Bibeltexte das nahe legen. Versuchung kommt aus der finsteren Ecke und ist Teil unseres Lebens, den jeder kennt. Wir kennen das aus verharmlosenden Bildern von dem Stück Torte oder der Tafel Schokolade, die mich in Versuchung führen. Aber wer ehrlich ist, weiß auch von anderen Versuchungen zu berichten. Versuchung, das Falsche zu tun sind Teil meines Lebens, ebenso wie Anfechtungen, ob das, was ich glaube wirklich alles richtig ist. All diese Dinge gehören zu mir, das betont Jakobus deutlich, und es wäre das Dümmste, sie leugnen zu wollen. Dann würde ich mich selber nicht ernst nehmen. Und meinen Glauben auch nicht.

Unser menschliches Leben ist nicht so freiheitlich und selbstbestimmt, wie wir manchmal meinen. Vieles tun wir aus Neugier, Leichtsinn oder Habgier. Manches unterlassen wir aus Faulheit oder Angst. Und oft genug gehen wir irgendwann in uns und schämen uns, weil wir uns nicht so verhalten haben, wie wir das eigentlich von uns selbst erwartet hätten.

Jakobus beginnt mit einer Seligpreisung. Und er erwartet nicht zu viel. Selig ist, der die Anfechtung erduldet, sie aushält. Wir müssen keine Heldinnen oder Helden sein. Wir dürfen unser Leben leben und den täglichen Anforderungen mutig ins Auge schauen. Aber wir dürfen nicht immer anderen Menschen oder Mächten die Schuld geben, wenn wir selbst schwach sind.

Darum geht es Jakobus: Das, was Euch anfechtet, das, was Euch in Versuchung führt, das kommt aus Euch selbst heraus. Und es ist Eure Entscheidung und Eure Verantwortung, wie ihr damit umgeht.

Natürlich erleben wir schon im biblischen Zusammenhang, dass Versuchungen immer auch als Folge von Gottes Handeln dargestellt werden. Nur auch dann muss der Versuchte seine Position finden. Umso mehr, als dass wir seit Jakobus davon ausgehen dürfen, dass es nicht Gott ist, der uns versucht, aber Gott es ist, der uns helfen kann, dass wir in der Versuchung bestehen.

Es mag ja im menschlichen Miteinander und vor Gericht helfen, wenn ich Gründe finde, warum ich mich falsch verhalten habe. Aber es schadet mir selber, wenn ich immer nur Gründe außerhalb meiner Persönlichkeit finde. Dann höre ich nämlich auf, mich selber ernst zu nehmen. Ich muss bei selber anfangen, mich an die eigenen Nase fassen, um zu erkennen, wer ich wirklich bin. Nur dann kann ich damit anfangen, ein besserer Mensch zu werden.

Die Erkenntnis ist uralt. Die Fastenzeiten sollten ursprünglich dabei helfen. Der Verzicht kann mir dabei helfen, mich selbst deutlicher zu erkennen. Wahrzunehmen, dass mir doch Vieles nicht egal ist. Und dass ich doch nicht so gut in allem bin, wie ich manchmal meine. Nicht umsonst haben Fastenzeiten dann die seltsamsten Umgehungsformen gefunden, bis hin zum Bockbier, das helfen sollte, den Verzicht leichter zu machen. Die Menschen haben versucht, der Konfrontation mit sich selbst auszuweichen, sie wollten nicht wahrhaben, dass ihnen der Verzicht auf bestimmte Dinge doch nicht so leicht fällt.

Gott ist nicht wirklich zornig – das ist die Pointe um die es Jakobus geht. Menschen müssen sich nicht vor einem zornigen und eifernden Gott fürchten. Eher müssen sie sich vor sich selber fürchten und darum lernen, sich selbst zu erkennen. Sie müssen lernen, auch ihre Grenzten zu sehen und ihre Schwächen wahrzunehmen. Was ihnen dabei hilft? Dafür gibt es sicher mehrere Wege. Aber unangenehm und schmerzvoll sind sie alle. Aber sie sind letztendlich die Wege zum Leben, weil sie mir helfen, mein Leben so zu führen, dass ich mit Anstand in den Spiegel sehen kann.

Der Beginn der Passionszeit kann so ein Anlass sein, sich daran erinnern zu lassen, dass unser menschliches Leben umgeben ist von Mächten, die nach der Seele greifen. Früher hat man da oft sehr naiv vom Teufel gesprochen. Das Böse sollte eine Gestalt bekommen. Heute haben wir für eine solche Terminologie eher Kopfschütteln. Und für Bilder vom Gehörnten mit Pferdefuß und Schweif auch. Die Sache aber bleibt: Nicht alles, was wir tun ist richtig und gut. Es gibt Gefahren und Versuchungen und wir stehen immer neu vor der Herausforderung, unsere Antwort zu finden und mit Versuchungen umzugehen. Der Mensch muss immer wieder neu lernen, die Geister zu unterscheiden.

Jakobus mutet mir da einiges zu. Er will mich zu einem erwachsenen Menschen machen, der nicht von fremden Wesen in Versuchung geführt wird, sondern nur von sich selber. Da helfen dann keine Ausreden und kein: Die anderen haben aber …., Da hilft nur ehrliches erwachsenes Bekennen: ich selber habe gesündigt in Worten und Werken, wie es die Alten ausgedrückt haben. Ich bin frei zu Gutem und zu Bösem.

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