Prima Gefühl!

Liebe Gemeinde,

von allen Segnungen, die aus Amerika über die Welt kommen, sind die Computerprogramme von Microsoft, zu deutsch „Winzigweich“ besonders umstritten. Gates oder Gates nicht? höhnen die, die sich mit der Installation eines Programms schon mal die Nacht um die Ohren geschlagen haben im Hinblick auf den Gründer der Firma, Bill Gates. Dieser Bill Gates hat die Hälfte seines astronomischen Vermögens in eine Stiftung investiert, die Krankheiten, wie Malaria und Aids in der Dritten Welt den Kampf angesagt hat – unbürokratisch und ohne Rücksicht auf politische und wirtschaftliche Interessen. 24 Milliarden Dollar hat Herr Gates dafür zur Verfügung gestellt. 2010 startete er eine Initiative, mit der er inzwischen 92 Milliardäre davon überzeugt hat, die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu stiften. Im Übrigen sieht der großzügigste Spender aller Zeiten seine Wohltaten als guten Zweck in eigener Sache: Es sei einfach „ein prima Gefühl“, etwas Hilfreiches zu tun.

„Prima Gefühl“ ist ein zugegeben etwas modern und deshalb eben typisch sprachlos dahingesagtes Stichwort, das trotzdem zu unserem heutigen Predigttext passt. Denn ein prima Gefühl wäre das doch, wenn dein Licht hervorbrechen wird wie die Morgenröte, … und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Nicht weniger stellt der Prophet dem in Aussicht, der die Selbstbegrenzung seines Reichtums zugunsten der Bedürftigen nicht scheut.

Selbstbegrenzung ist ja ab dem kommenden Aschermittwoch wieder angesagt. Fasten meint nichts anderes. In der Fastenzeit den eigenen Konsum begrenzen und feststellen, was man so alles eigentlich gar nicht nötig hat, ist eine heilsame Übung in Sachen Freiheit. Fasten kann heil machen und wird als Heilfasten auch vielfältig angeboten. Das kann richtig gut und teuer werden. Alles kann man übertreiben, aber sich selbst etwas Gutes Tun durch Selbstbegrenzung ist eine löbliche und viel zu selten geübte Unternehmung. Auch der Rausch der Nüchternheit kann prima Gefühle wecken.

Nicht nur bei einem selbst, auch bei den Menschen, mit denen man lebt. Und damit kommen wir zum eigentlichen Sinn des Fastens, das nicht religiöser und medizinischer Selbstzweck ist. Wahres Fasten, wie es Gott gefällt, ist eine Selbstbeschränkung zugunsten eines anderen, der in unerträglicher Beschränkung leben muss, ob er will oder nicht. Wahres Fasten ist Selbstbeschränkung, die das Vermögen schenkt, die Beschränkungen anderer aufzuheben. Und deshalb gehört das in der Fastenzeit gesparte Bier-, Schokoladen- und Zigarettengeld nicht in die Urlaubskasse, sondern zum Beispiel in die Tüte für „Brot für die Welt“.

Ohne Selbstbegrenzung werden die Grenzen, die der Hunger, der Krieg, der Terror und das Leid unzähligen Menschen dieser Welt vor ein lebenswertes Leben setzt, nicht fallen. Ich erinnere mich nur zu gut an das wohlfeile Argument ehemaliger Entwicklungshilfeminister, die öffentlich die Ansicht vertraten, je reicher wir würden, desto größer würden auch die Möglichkeiten zur Entwicklungshilfe werden. Je mehr sich unsere Tische biegen, desto mehr fällt herunter für die Armen dieser Welt.

Heute sind wir am Ende dieser Lüge angekommen. 0,7 % sollte nach internationalen Verträgen der Anteil der Entwicklungshilfe am Bruttoinlandsprodukt in allen westlichen Ländern sein. Diesen Anteil hat Deutschland noch nie erreicht. Er liegt auch 2013 bei sage und schäme 0,38 %. Von eintausend Gummibärchen fallen 3,8 Stück von unseren Tischen für die Bedürftigen dieser Welt.

Was wir an staatlichen Einnahmen erwirtschaften, ist auch in Zeiten guter Konjunktur immer längst verteilt. Es war eine Lüge, dass wachsender Reichtum, wachsende Wohltaten abwirft. Ohne Selbstbegrenzung unserer Besitzstände zugunsten anderer Menschen und zugunsten unserer Mitwelt, werden wir schuldig bleiben, was wir schuldig sind. Hier helfen keine frommen Sprüche, keine Politikerrunden und keine Sonntagsreden. Hier ist jeder von uns selbst gefragt. Gefragt auch, ob wir denn schon am Ende unserer ganz privaten Lügen angekommen sind, von denen eine heißt: Ich muss erst so viel haben wie Bill Gates, damit ich was hergeben kann. Es ist leider eine Binsenweisheit, dass viel haben nicht das Gefühl nach sich zieht, auch viel übrig zu haben. Mit dem Reichtum wächst nicht das prima Gefühl, etwas Hilfreiches tun zu können, sondern die Angst, etwas zu verlieren.

Gegen diese Angst redet Gott durch den Mund seines Propheten leidenschaftlich an. Wie Gott es mit jeder unserer Ängste gerne aufnehmen will, so auch mit dieser. Ach, hier geht es doch nicht darum, ob wir uns die Zuwendung Gottes mit guten Taten verdienen könnten oder nicht. Hier geht es darum, dass auch die Angst vor dem Teilen, die Angst vor der Selbstbegrenzung, uns wie jede Angst von der Zuwendung Gottes abschneiden kann. Wer sich an das Eigene klammert, hat die Hände nicht frei, zu nehmen und zu empfangen, was Gott uns schenken will. Wer lernt, sich selbst zu begrenzen zugunsten eines anderen, wer auf einen Teil seines Wohlstandes verzichtet, damit es einem anderen wohl geht, der wird nicht stiften gehen, wenn er etwas stiftet, sondern wird entdecken, wie Gott ihm lächelnd über die Schulter sieht.

Der wird sich im Tun Gottes wiederfinden, der sich selbst begrenzte, als er die Welt erschuf und etwas neben sich sein ließ. Der sich selbst begrenzte in Jesus, dem Christus, der sein Leben gab zur Erlösung für viele. Der wird sich im „prima Gefühl“ Gottes wiederfinden, der sich mehr freut über einen Sünder, der nach Hause findet, als über 99 Gerechte; dem es Spaß macht, etwas Hilfreiches zu tun, statt im Himmel in seiner Herrlichkeit zu sitzen. Gegen diesen Gott ist Herr Gates ein armer Schlucker wie wir.

Und wie die arme Witwe, auf die Jesus seine Jünger im Markusevangelium aufmerksam macht (Markus 12/41-44), als sie etwas in die Büchse am Tempel wirft. Viele Reiche legen viel ein und diese ihr Scherflein, alles, was sie eigentlich zum Leben braucht. Aber was braucht sie eigentlich mehr, als dass der Christus ihr bei solchem Tun freundlich und zugewandt über die Schulter sieht und solches Tun in seinem Tun wiederfindet und umgekehrt? Was kann ihr dann noch passieren? Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Sympathisch sind diese leisen und kleinen Geschichten, die erzählen, wie der unendlich freigiebige Gott auch die kleine Freigiebigkeit und Selbstbegrenzung zugunsten anderen Lebens nicht übersieht und all denen, die sie üben, seine Zuwendung verheißt. Aber manchmal kann man nicht leise sein. Manchmal könnten wir schreien, wie der Prophet Jesaja. Sicher hätte er es leicht, die Betroffenheitskultur in unserer Gesellschaft und die um sich greifende Volkspädagogik und Gängelung zum angeblichen Wohle und zur Sicherheit aller zu zerpflücken und die handfesten wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen dahinter sichtbar zu machen.

Und wir alle würden ihm tosenden Applaus spenden – und zur eigenen Tagesordnung übergehen. Aber vielleicht hilft uns gegen solche Krankheit eine Selbstbegrenzung der ganz besonderen Art. Wenden wir uns in der Fastenzeit einmal von Gott ab. Drehen wir ihm und dem Glanz seiner Herrlichkeit in der Passionszeit einmal den Rücken zu. Damit wir einmal – vielleicht erschreckt – unseren eigenen Schatten sehen – und all die, die vom Licht Gottes angestrahlt werden: Die, denen Unrecht geschieht, die Elenden, die Hungrigen, die Verzweifelten, die Asylsuchenden. Alle die, die in dem sich zum Kreuz schleppenden Christus wiederzuerkennen sind. Mancher ist ja so innig mit seinem persönlichen Herrgott, dass er stocktaub und stockblind wird. Scheinbar erleuchtete Seelen – schwarz wie die Nacht! Und ich höre Jesaja schreien: Jawohl!

Lassen wir in der Fastenzeit Gott einmal Gott sein und wenden wir uns denen zu, die wir im Licht Gottes wahrnehmen und die unsere Zuwendung brauchen. So wie Jesus das tut auf dem Weg nach Jerusalem. Dieser Weg endet scheinbar in der Gottesferne, aber an Ostern scheint um ihn die Herrlichkeit Gottes. Prima Gefühl? – warum nicht! Gehen wir mit Jesus hinauf nach Jerusalem und finden wir Gott, wo wir ihn gar nicht vermuten und seine Herrlichkeit dazu.

drucken