Fasten ist mehr als Verzicht üben …

Liebe Gemeinde.


In Deutschland fasten offensichtlich jedes Jahr Millionen Menschen regelmäßig. Ein bis zweimal im Jahr verzichten sie eine Woche auf feste Nahrung und erleben dadurch angeblich tiefe Zufriedenheit, unbeschwerte Leichtigkeit und neue Energie… – so jedenfalls war es kürzlich in einer großen Frauenzeitschrift zu lesen.
Ich selber hab das noch nie ausprobiert (ich kann mir das nicht vorstellen, dass mir das gut tun soll…), aber die, die es durchhalten sind davon ganz begeistert. Nach etwa 3 Tagen fasten, so war in der Zeitschrift zu lesen, steigt nämlich die Ausschüttung des Glückshormons Serotonin im Körper an und man fühlt sich zufriedener, verbunden mit sich selbst, gelassener und offener.

Fasten ist seit alters her eigentlich eine religiöse Angelegenheit. Gefastet wurde, wenn man die Nähe Gottes besonders gesucht oder gebraucht hat, zum Beispiel an den Übergängen von Leben und Tod, beim Trauern oder in Lebensgefahr, im Kampf gegen böse Mächte oder um die Gottheit zu besänftigen, um Buße zu tun oder vor großen Herausforderungen oder wichtigen Entscheidungen. 
Ganz wichtig war es dabei, Gott zu zeigen, wie ernst es einem ist. Schließlich sollte Gott das Fasten gefallen, damit er dem Fastenden dann auch gnädig war.

Und so fastet auch das Volk Israel fleißig. Aber irgendetwas stimmt da nicht. Gott scheint gar nicht zu sehen, was die Menschen da auf sich nehmen. Sie fragen – und wir lesen im Buch des Propheten Jesaja im 58. Kapitel: [3] »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?«.

Da schickt Gott den Propheten Jesaja, damit er den Menschen erklärt, was an ihm an ihrer Fastenpraxis nicht gefällt: [1] Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! [2] Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe.

Gott will sich nicht nahen. Dass die Israeliten fasten, ist ja schon in Ordnung, aber das wie ist überhaupt nicht in Gottes Sinne. 
Und so hat der Prophet Jesaja einiges zu kritisieren an der Fastenpraxis des Volkes Israel. Er findet klare Worte: Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. [4] Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. [5] Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?

Fasten Sie eigentlich auch, liebe Gemeinde? Am Mittwoch ist ja Aschermittwoch und damit der Beginn der traditionellen Fastenzeit vor Ostern. 
Jesus selbst hatte sich nach seiner Taufe 40 Tage lang in die Wüste zurückgezogen, um zu fasten. Nach seinem Vorbild begannen auch die ersten Christen, zu fasten. Viele Jahrhunderte war das Leben eines Christen geprägt vom Rhythmus der Fastenzeiten.

Im Lauf der Zeit wurde das Fasten immer strenger vorgeschrieben. Genuss von gutem Essen und Musik, der Spaß am Spiel, Tanz und am Feiern war nur nach Fristen und Geboten erlaubt. Mehr und mehr ging es dabei darum, beim Fasten nur nichts falsch zu machen bzw. mit regelmäßiger Askese Gott zu gefallen – oder dem Pfarrer oder dem Nachbarn. Enthaltsamkeit schien vor allem im Mittelalter ein probates Mittel, um den Himmel milde zu stimmen. Das wiederum kritisierten die Reformatoren: Das Fasten sei doch nur noch eine äußerliche Angelegenheit, durch die das Wohlwollen Gottes nicht erlangt werden könne. Ulrich Zwinglis Reformation in der Schweiz begann mit einem demonstrativen Wurstessen während der Fastenzeit.
Und Martin Luther hat zwar auch gefastet, das Fasten aber zugleich als „gutes Werk“ abgelehnt: Der Mensch werde „nicht durch das Fasten angenehm bei Gott, sondern allein durch die Gnade, allein durch den Glauben“. So war „Fasten“ lange Zeit eine katholische Angelegenheit – bzw. eine esoterische oder medizinische.

Bis vor rund 30 Jahren eine Gruppe von Journalisten und Theologen nach einer fröhlichen Kneipenrunde beschloss, sieben Wochen lang zu fasten. Dabei sollte es allerdings nicht nur um Konsumverzicht gehen, sondern auch darum, einen persönlichen, spirituellen Mehrwert zu erreichen.

Vielleicht haben Sie ja auch schon einmal mitgemacht, bei „7-Wochen-ohne“. Haben vielleicht verzichtet auf Süßigkeiten, Kaffee, Alkohol oder Fernsehen… Einer meiner Kollegen verzichtet immer auf Fastfood – ist also 7 Wochen lang nicht bei MacDonalds und Co. Ein anderer ißt nicht nur keine Schokolade sondern verzichtet auf jeglichen Zucker. Und wieder andere sind sehr erfinderisch, was die Ausnahmen angeht: ein Kollege verzichtet aufs Fernsehen, zählt dazu aber weder die Tages- noch die Sportschau. ;- ) 
Aber es soll bei „7 Wochen ohne“ ja nicht darum gehen, besonders hart oder asketisch gegen sich selbst vorzugehen, sondern in diesen „7 Wochen ohne“ sollte Raum sein, etwas in Bewegung zu bringen. 
Und da kann es schon viel verändern, wenn sich über selbstverständliche Gesten des Alltags Gedanken macht, wenn man gewohnte Ordnungen ein bisschen durcheinander bringt. 
Wenn man mal fragt: „Was wäre, wenn?“ Und auch Gott gegenüber eine andere Haltung einzunehmen und zu sehen, was passiert.

Es scheint, als wäre der Prophet Jesaja einer der Mitinitiatoren der Aktion „7 Woche ohne“. Genau das war auch sein Anliegen: Dass zum Fasten mehr gehört, als nur der Verzicht auf bestimmte oder alle Lebensmittel. Sondern, dass es vor allem um eine andere Lebenshaltung, eine andere Einstellung geht: 
Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! [7] Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Bei „7 Wochen ohne“ gibt es jedes Jahr ein Motto. In diesem Jahr heißt es: „Selber denken! 7 Wochen ohne falsche Gewissheiten“. „Selber Denker“ wünscht sich Gott: Menschen, die nicht einfach nachplappern, was andere sagen, sondern die selber überlegen, was richtig oder falsch ist. 
Und das ist vielleicht gar nicht so kompliziert, wie wir Erwachsenen uns das oft vorstellen. Meine beiden Neffen, die sind erst 4 und 6, aber im „Selber denken“ auf jeden Fall vorbildlich. Die Antworten von Eltern und Großeltern werden immer wieder neu mit „Warum?“ hinterfragt. Und ohne schlechtes Gewissen wird auf manche Anweisung und manchen Vorschlag mit „Nein, will ich aber nicht“ reagiert. Gott wünscht sich Selber Denker, die sich nicht für was Besseres halten als andere, sondern jeden zu seinem Recht verhelfen. Die niemanden unterdrücken und bedrücken, sondern Freiheit ermöglichen. Selber Denker sind für mich zum Beispiel auch die vielen Menschen, die in Metzingen im neu gegründeten Arbeitskreis Asyl mitmachen. Jede Menge Diskussionen gab es da, weil eine neue Unterkunft für Flüchtlinge aus Syrien eröffnet werden sollte und viele sich gegen eine solche Einrichtung in ihrer direkten Nachbarschaft gewehrt haben. Da sind kurzerhand Menschen aktiv geworden, denen es wichtig war, dass sich die Flüchtlinge hier willkommen fühlen – nach all dem Schrecklichen, was sie im Bürgerkrieg in ihrer Heimat erlebt haben. Sicher waren manche skeptisch: Wer soll denn da mitmachen? Andere vielleicht ängstlich: Und was, wenn es nicht klappt? Aber dann kamen schon zum ersten Treffen über 30 Personen, die sich für diese Menschen einsetzen wollten, die in ihrer Heimat alles verloren hatten.

Das ist ein Fasten, an dem ich Wohlgefallen habe – so lässt Gott durch den Propheten mitteilen. Wenn wir nicht aus Pflichtgefühl auf irgendwelche Nahrungsmittel verzichten, sondern selber denken – die gewohnte Ordnung hinterfragen und dadurch einen neuen Blick gewinnen für die Menschen um uns herum. Und für uns selbst. Und für Gott. 
Wer es mal ausprobiert, wird merken: durchs Fasten fühlt man sich zufriedener, glücklicher, gelassener und offener. 
[8] Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. [9a] Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Amen.

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