Richtig fasten!?

(Predigt in Berlin-Johannisthal)

Dieser Predigttext handelt von Leuten, denen blühende Landschaften versprochen waren und die sich in Ruinen wiederfanden.
Er handelt von Leuten, die ihren Frust überwinden wollten und das Schicksal selber in die Hand nahmen. „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, war ihre Devise.
Sie wollten „es“ packen. „Es“ – das war das Schicksal, das war die wirtschaftliche Situation und es war ein vernünftiges Verhältnis zur Religion, denn was sein muss, muss sein.
In diesem Text begegnen uns Leute, die ihre Zeit verstanden hatten, die wussten, dass der Markt regiert, und die entsprechend handelten.
Dieser Text ist weit über 2000 Jahre alt, und doch begegnen uns darin Leute wie wir oder doch fast wie wir. Aber langsam und der Reihe nach.

Uns allen ist die babylonische Gefangenschaft des Volkes Israel sicher ein Begriff. 587 v.Chr. hatte der babylonische König Nebukadnezar Jerusalem erobert und gründlich zerstört. Danach ließ er große Teile des Volkes nach Babel verschleppen. Für die Judäer war das eine Katastrophe sondersgleichen, denn ihnen brach alles weg, was bisher Halt gegeben hatte: Das von Gott gegebene Land, der von Gott gesegnete König – alles weg. Und vor allem der Tempel als Ort der Begegnung mit Gott – völlig zerstört und entweiht. Die Menschen waren orientierungslos. Es waren dann wieder sie Propheten, die erst vergangene Fehler brandmarkten und zur Umkehr aufriefen, die dann später auch wieder Hoffnung aufzeigten. Und womit anfangs keiner gerechnet hatte, der Perserkönig Kyros gestattete den Juden, dass sie in ihr Land zurückkehrten und den Tempel wieder aufbauten. Groß waren die Hoffnungen, übergroß sogar. Das kann doch alles nur wie ein Kinderspiel sein oder leicht wie ein Spaziergang, was da Wiederaufbau des Landes heißt! Das Gegenteil war dann der Fall, wie auch anders.

Unter den Juden stritt man sich, wer die größeren Kompetenzen für die weitere Entwicklung des Landes und den richtigen Glauben hätte, die Rückkehrer mit ihrer Babel-Erfahrung oder die im Lande gebliebenen mit ihrem Wissen um die örtlichen Gegebenheiten. Und beide stritten sie sich mit den Samaritanern, die zwar denselben Gott verehrten wie die Juden, nur eben etwas anders. Und sie stritten sich nicht nur, sie gönnten sich auch gegenseitig nichts. Sie hatten so sehr mit sich selber zu tun, dass es mit dem hehren Vorhaben des Tempelwiederaufbaus erst einmal nichts wurde und dann auch nur schleppend voran ging. Da kamen dann manche auf den Gedanken, dass man da doch religiös etwas nachhelfen müsste mit fasten und beten. Aber offensichtlich hatte das auch keine Sofortwirkung. Genau darauf aber war man aus, auf den schnellen Segen von Gott, möglichst auch in Form eines schnellen und reichlichen Schekels, wie man damals den Euro oder den Dollar oder, was auch immer unser Geld ist, nannte. Das Ergebnis sind Vorwürfe gegen Gott. Wir machen doch so schöne Gottesdienste und so viele fromme Übungen. Wir fasten sogar ganz intensiv. Aber du, Gott, kommst mit nichts ‚rüber und lässt uns weiter im Elend sitzen.

Und genau da setzt der Prophet, von dem unser Predigttext stammt, an und sagt: Leute, das kann nicht klappen. Euer religiöser Eifer bringt gar nichts, solange ihr meint, dass die Gesetze des Marktes es verlangen, dass ihre eure Mitbürger hemmungslos ausbeutet, und ihr diesen vermeintlichen Gesetzen auch folgt. Ihr drescht religiöse Phrasen statt Gottesdienste zu feiern, wenn ihr nicht eure ewigen Streitereien überwindet. Oder mit dem Text gesprochen: „Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein.“

Heute ist der Sonntag Estomihi. Morgen ist Rosenmontag, danach Fastnacht. Der Karneval, wo er denn gefeiert wird, ist auf seinem Höhepunkt angelangt. Dann ist schon wieder Aschermittwoch, und die vorösterliche Fastenzeit beginnt. Beim Fasching wird so manches auf den Kopf gestellt. Das darf ja auch mal sein. Die folgende Fastenzeit bietet dann reichlich Gelegenheit, das eine oder andere wieder richtig auf seine Füße zu stellen. So einiges könnte man sich ja auch vornehmen, es in Ordnung zu bringen oder künftig besser zu machen oder so ähnlich. Die Verheißung, die darauf liegt, ist groß: „Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.“

Nur sollte die große Verheißung uns nicht verführen, dass wir uns zu viel vornehmen. Das geht sicher schief und wir sind im Grunde nicht besser als jene Juden zur Zeit des unbekannten Propheten, dessen Worte sich heute mit im Jesajabuch finden und die wir jetzt ein wenig bedacht haben. Die Worte des folgenden Liedes geben so allerhand Anregungen, Gutes zu tun. Tun wir’s doch wenigstens teilweise! Amen.

(Auf die Predigt folgt Lied EG 420,1-5 – Brich mit den Hungrigen dein Brot…)

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