Wer Recht bekommt, bestimmt Gott mit seiner Barmherzigkeit

Liebe Schwestern und Brüder!
In diesen Tagen geht es ja hoch her. Es sind die so genannten tollen Tage, also die Tage, an denen Fasching oder Fasenacht gefeiert wird.
Nach dem Rosenmontag und dem Faschingsdienstag folgt der Aschermittwoch mit dem Beginn der Fastenzeit.
Zur Zeit geht in den Karnevalshochborgen in Mainz und im Rheinland die Post ab, wie man so sagt. Das närrische Treiben hat seinen Höhepunkt fast erreicht.
"Wolle mern rei lasse!", Büttenreden und Umzüge sind die jährlichen krönende Höhepunkte des Karnevaltreibens.
Mich persönlich spricht das ganze Treiben nicht so sehr an und wahrscheinlich liegt das daran, dass ich protestantisch erzogen wurde und aufgesetzte Fröhlichkeit und künstlicher Trubel nicht meine Sache sind.
Im benachbarten katholischen Fuldaer Land sieht es schon anders aus.
Für uns Erwachsene hat das Faschingstreiben den Charakter einer großen Kinderbelustigung mit Kostümierung , Alkohol, Büttenreden und derben Späßen.
Allerdings bereitet dieser Trubel den Kindern große Freude.
Wie gesagt nichts gegen Jubel, Trubel, Heiterkeit, doch auf mich wirkt das von vielen ernsthaft betriebene Faschingsgeschäft etwas künstlich und aufgesetzt.
Vielleicht muss man dafür ein Mänzer oder gebürtiger Rheinländer sein.
Hingegen beklagt der Prophet Jesaja im heutigen Predigttext die lasche und oberflächliche Fastenpraxis seiner Zeit.
Da wird gefastet, um Gott zu beeindrucken und anschließend werden die Armen unterdrückt und ausgebeutet. Die Gerechtigkeit wird mit den Füßen getreten und das Recht wird korrumpiert.
Dass die Gerechtigkeit nach irdischen Maßstäben auch heute noch in weiten Teilen der Welt mit den Füßen getreten wird und Recht sich häufig in Unrecht verkehrt, gilt bis in heutige Zeit.
Manches hat sich Gott sei Dank seit der Zeit Jesaja zum Positiven entwickelt, aber auch hier und heute gibt es noch genug Ungerechtigkeit.
Und bei genauer Betrachtung ist es allerdings nicht so einfach Gerechtigkeit herzustellen. Das fängt schon damit an, dass niemand von uns vollends gerecht handeln kann. Auch wenn mancher meint, er sei gerecht, so werden seine Mitmenschen feststellen, dass nicht jeder gerecht sein kann.
Lehrer z.B. sind nicht immer gerecht, auch wenn sie gerecht in der Beurteilung ihrer Schüler sein sollten. Eltern versuchen zwar in der Regel ihre Kinder gleich und vielleicht gerecht zu erziehen, jedoch werden ihre Kinder das nicht immer bestätigen. Nicht erst bei der Erbschaft werden viele vermeintliche oder wirkliche Ungerechtigkeiten beklagt.
Und auch Lehrer sind nur Menschen und beurteilen häufig subjektiv nach Sympathie und Antipathie. Das ist ungerecht, aber menschlich.
Hinzu kommt noch, dass es ein menschlicher Zug ist, vielleicht besonders von uns Deutschen, Recht mit Gerechtigkeit zu verwechseln.
Denn auch ganz handfest und irdisch ist die Hoffnung auf Recht und Gerechtigkeit, die sich an uns ereignen soll.
Jeder wünscht sich Recht und gerechte Verhältnisse oder gerechtere Zustände, wobei man sich nicht des Eindrucks erwehren kann, dass mancher Zeitgenosse nur auf sein eigenes Recht pocht.
"Ich will mein Recht; ich will gerecht behandelt werden."
"Das ist mein gutes Recht." Die Sprache verrät uns.
Und die Versicherungen tun das Ihre, um uns bei der Suche nach dem eigenen Recht zu helfen, was uns selbstverständlich zusteht, und behilflich zu sein. Für Geld, versteht sich!
Lobbies aller Couleur und die unterschiedlichsten Interessenverbände setzen die Politiker unter Druck, um ihr Recht zu bekommen, was letztendlich nur heißt: unsere Privilegien und Rechte, unser Einfluss und unsere Macht müssen bleiben. Das Gemeinwohl leidet darunter, die Staatsfinanzen geraten immer mehr in den roten Bereich.
Schließlich muss recht bleiben, was recht ist.

Häufig wird dabei nicht einmal bedacht, dass Recht und Gerechtigkeit – diese großen philosophischen und theologischen Begriffe- heutzutage nicht einfach nur eine Frage der Distribution und sozialen Notwendigkeit , d.h. der Verteilung und des Austausches sind, d.h. der Verteilung und Austausches von offensichtlichen Privilegien zugunsten Benachteiligter und sozial Schwacher.
Der Egoismus des eigenen Recht -Haben -Wollen und gefälligst Recht -Bekommen scheint sich in einem immer egozentrischeren Teufelskreis der eigen Rücksichtslosigkeit und menschlichen Kälte zu drehen, zu erstarren und schließlich abzusterben.

Manchmal wäre Gerechtigkeit gefordert und jemand bekommt sein Recht oder auch nicht
Des einen Recht wird zum Unrecht für den andern.
Es ist schwer Gerechtigkeit im Leben für alle Menschen zu erzielen. Das wusste auch Jesaja. Für ihn konnte nur Gott in letzter Konsequenz Gerechtigkeit verwirklichen.

Liebe Schwestern und Brüder!
Was geschieht eigentlich, wenn sich Gottes Gerechtigkeit in unserem Leben ereignet?
Nach der Meinung des Jesaja ereignet sich Gerechtigkeit, wenn man folgendes tut:
„7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen, und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
Die Aussage ist eindeutig:
Teilen, mit den Hungrigen das Brot brechen, den Nackten kleiden. Kurz gesagt: wirkliche Nächstenliebe üben und die Gerechtigkeit ereignet sich.
Wie kann das aussehen?
1. Wir sind wichtig! Man braucht uns Menschen. Denn unsere Hände sollen Fesseln lösen und Brot brechen. Unser Glaube soll Werke zeitigen. Wir sind keine Nummern im Universum. Wir sind da und wir können helfen. Unser Stolz kann sein: Deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen.
2. Wir werden gehört werden, denn wenn wir den Namen des Herrn rufen, dann wird uns der Herr antworten. Unsere Gebete, unser Rufen, unsere Klage sind keine echolose Abgründe. Unser Lebenssinn ist hell wie die Morgenröte. Hell wie die Morgenröte!
3. Wir haben einen Namen, bei dem uns Gott ruft und anspricht. Wir wissen, wer wir sind uns was wir auf dieser Welt sollen. Nicht für Macht und Ungerechtigkeit sind wir zuständig, sondern für Barmherzigkeit und Liebe.

Oder anders ausgedrückt: Wer der Botschaft von Jesus Christus lauscht, wer sie eindringen lässt und aufnimmt in Herz und Verstand, wer sich die Muße und Besinnung nimmt im Gottesdienst mit Gott zu sprechen durch Gebet und Lied, wer sich bemüht, das Wort Gottes durch kontinuierliches Hören an sich herankommen zulassen, der wird nicht dauerhaft in Not leben. Er wird immer das Nötige hören, um in der Nachfolge und im Glauben an den, der von sich gesagt hat: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" das Nötige für das Leben zu finden.

Und wer sein Augenmerk und sein Gehör immer wieder auf das Eine richtet sozusagen ausrichtet, was nötig ist, wer sich nach Jesus Christus orientiert, der wird durch seinen aus dem Hören resultierenden Glauben die nötige Kraft, Ausdauer; Geduld und Liebe schöpfen und geben können. Eine Liebe, die dann auch erkennt, was nötig ist, als Tat, Hilfe; Dienst am Nächsten, Auftrag und Nachfolge im Glauben.
Und dann passiert folgendes:
Gottes Gerechtigkeit ereignet sich!
Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.
Amen.

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