Berühmt – aber keiner weiß es mehr außer Gott

1. Berühmt und keiner weiß es
Es gibt Menschen, die sind weltberühmt und hatten zur ihrer Zeit davon nicht die geringste Ahnung, dass es einmal so kommen sollte. Den Namen Lydia kennen wir. Wissen Sie, wer Lydia war?
Bibelleser/innen sind jetzt natürlich im Vorteil.

Lydia und ihre Hausgemeinschaft waren die ersten Christen auf europäischem Boden. In ihrem Haus fand Paulus auf einer Missionsreise Heimat auf Zeit.

Lydia gibt es heute als Vorname. Aber eigentlich ist es keiner. Lydia bedeutet: Frau aus Lydien. Das wäre so, als würden wir sagen: Die Kulmbacherin.

Die Lydia lebte in Philippi, im Nordosten Griechenlands gelegen, eine Stadt, die es heute noch gibt in der damals „Mazedonien“ genannten Landschaft, die nicht identisch ist mit dem heutigen Staat Mazedonien.
Lydia handelte mit Purpur, dem aus Schnecken gewonnen, teuersten Farbstoff der Welt. Purpur (in etwa Scharlachrot-Lila) war zu Lydias Zeit denen vorbehalten, die ihrem Selbstverständnis nach Geschichte schrieben, nämlich der Toga der römischen Senatoren bzw. deren Schärpe (oder Stola).

An Lydia erinnert das heute zu bedenkende Bibelzitat aus der Apostelgeschichte, Kapitel 16.

(Text)

2. Menschen, die uns weiter helfen
Walter Benjamin, ein deutscher Philosoph, sagte: „Jede Sekunde (unser Zeit) stellt die kleine Pforte dar, durch die der Messias treten könne".

Manchmal gerät unser Lebensweg in eine Sackgasse. Wir sehen den Ausweg nicht mehr. Umkehren geht nicht, da wir die Zeit niemals zurückdrehen können:

Prüfung nicht bestanden. Klassenziel nicht erreicht. Arbeitsstelle verloren. Freundschaft zerbrochen. Ach, man kann an so vieles denken.

Manchmal führt uns der Lebensweg an ein schier unüberwindliches Gebirge. Es geht nicht weiter. Die Ideen fehlen. Die eigene Kraft reicht nicht mehr hin, das „Gebirge“ zu bewältigen.

Die Zeit verstreicht. Ein Tag reiht sich an den anderen. Aber es geht nichts voran. Wollte man sein Leben aufschreiben, könnte man nur Fakten notieren. Aber wozu? Es steckt kein Sinn mehr darin. Besser, die Blätter blieben leer.

Paulus erlebt so etwas auf seiner Missionsreise. Großes hat er sich vorgenommen. Das Evangelium will er verkünden. Diese Vision ruft ihn, treibt ihn an.

Silas, sein Begleiter fragt: Was wollen wir hier? Wir kennen niemanden. Uns hört doch keiner zu. Das Geld reicht nicht mehr lange. Lass uns lieber umkehren und heimfahren.

Und dann auf einmal ist diese Lydia da. Sie hört den Fremden zu. Ist begeistert von dem, was sie erzählen. Kommt mit in mein Haus, sagt sie.
Unser Bibelzitat aus der Apostelgeschichte verstehe ich als Einladung dazu, an die Menschen zu denken, die uns voran gebracht haben. Menschen, ohne deren Hilfe unser Leben, unsere Idee, unsere Aufgabe, ganz anders verlaufen, gar erstorben wären. Menschen, die unserem Leben eine gute Wendung gaben.

Ich denke, wir könnten wohl alle von solchen guten Wendungen im Leben erzählen. Oft sind es die Eltern gewesen: Die Mutter mit ihrer hartnäckigen, damals so gehassten Forderung: „Du machst die Ausbildung!“ Oder der Vater mit seiner damals so grausamen Strenge: „Setzt dich hin, lerne endlich, mach das Abitur.“ Gesegnet sind wir, wenn Menschen an unserer Seite sind, die an uns geglaubt haben, obgleich wir allen Glauben verloren hatten.

Im Rückblick erst, in der Erinnerung erkennen wir, wie wichtig diese Menschen für uns waren (oder immer noch sind). Es können gute Freunde, Kollegen, Geschäftspartner und manchmal uns ganz fremde Menschen gewesen sein, deren Bücher uns neue Orientierung gaben.
„Jede Sekunde (unserer Zeit) stellt die kleine Pforte dar, durch die der Messias treten könne". Und manchmal dürfen wir das erleben. Ja, an diese Menschen denken wir heute. An diejenigen, die einem Messias gleich zur rechten Sekunde in unserem Leben erschienen sind.

Die aber aus der Hölle zu uns kamen, erwähnen wir gleich.

Ihnen, den Menschen, die rettend, helfend, inspirierend, liebevoll in unser Leben traten, verdanken wir, dass wir unser Leben als Weg, als Geschichte, als guten Weg, als gute Geschichte erzählen können.
Unser Bibelzitat aus der Apostelgeschichte verstehe ich als Einladung dazu, darüber nachzudenken, wie Gott in der Geschichte wirkt. Falls wir daran glauben. Davon handelt unser nächstes Kapitel.

3. Leben in zwei Reichen
Mit Lydia und ihrem Haus nahm das Christentum auf europäischem Boden seinen Anfang.

400 Jahre später aber jammern die Christen gewordenen Menschen in Italien. Am 24. August 410 nach Christus durchlitten die Bürger Roms eine drei Tage lang andauernde, gewalttätige Plünderung ihrer Stadt durch die Goten.

So schrien die Menschen den Priestern entgegen: Warum hat Gott uns nicht geschützt? Ihr sagt uns, wir im Leben Reich Gottes. Doch nun erkennen wir: Das stimmt nicht. Wo ist Gott? Wo ist sein Reich, sein Schutz für uns? Und man munkelt: Die von uns verlassenen, alten Götter nehmen bittere Rache an uns. Sie haben uns diese grausamen Barbaren in die Stadt geschickt als Strafe.

Die Glaubenserschütterung war so nachhaltig, so kräftig, dass sich der junge christliche Theologe Augustinus damit beschäftigen musste. Am Ende hatte er eine 22 Kapitel und über 1000 Seiten umfassende Schrift fertig mit dem Titel „Civitas Dei – Vom Staat Gottes“.

Wir leben in zwei Staaten, sagt Augustinus. Wir leben im irdischen Staat und in Gottes Staat zugleich. Der Begriff „Gottesstaat“ klingt für uns heute eher bedrohlich. Gemeint aber ist das „Reich Gottes“, das Jesus verkündet hat.

Irdische Reiche, so Augustinus, sind oft wie große Räuberbanden, die andere ausbeuten und unterdrücken. Einen Piraten nennen wir einen Dieb, schrieb Augustinus, den großen Alexander aber, der nichts anders tat, wie die Piraten, verehren wir als großen Feldherrn. Diese Reiche kommen und gehen. Der irdische Staat ist oftmals auf Eigenliebe, auf Habsucht und auf Gewalt gegründet.

Den irdischen Reichen kommt- und hier liegt ihre positive Seite – die Aufgabe zu, für ein ordentliches Zusammenleben zu sorgen. Sie bleiben aber trotz allem in einer unaufhebbaren Differenz zum Gottesstaat.
Der Gottesstaat, das Reich Gottes manifestiert sich in den einzelnen nach den religiösen Geboten lebender Christen selbst. Er gründet darin, dass wir füreinander denken, leben und handeln.

Das Reich Gottes gründet in der Nächstenliebe. Irdische Staaten sind sichtbar und nicht selten stellen sie sich in Prachtbauten dar. Vom Reich Gottes kann man nicht sagen, so der Evangelist Lukas: Siehe, hier ist es! oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch (Lk 17,21).

Der verborgene Kampf zwischen Irdischem Staat und Gottesstaat ist für Augustinus der Sinn der Geschichte. Gott setzt sich im Verborgenen durch und am Jüngsten Tag wird offenbar werden, dass Gott Herr der Geschichte war und ist.

Später hat es freilich genug Versuche gegeben, beide „Staaten“ in eins zu sehen. Karl der Große hat damit angefangen und noch am Vorabend unserer Zeit gab es einen deutschen Kaiser von Gottes Gnaden, der Herr sein wollte über beides, das irdische Reich und Gottes Staat. Und auch die Kirche und ihre Repräsentanten unterliegen bisweilen der Versuchung, das „Reich Gottes“ sichtbar zu machen durch Protz, durch arrogant demonstrierte Frömmigkeit.

Man sagt, Augustinus sei so etwas wie der Erfinder der Geschichtsphilosophie. Gäbe es die Idee von „civitas Dei“ nicht, dann würde sich Geschichte in einen letztlich sinnlosen Zirkel immer wiederkehrender Ereignisse auflösen. So hat man Geschichte vor Augustinus, so wird Geschichte auch von der zeitgenössischen Philosophie interpretiert: Das reihen sich Fakten aneinander letztlich ohne Sinn.

Der Glaube an das kommende Reich Gottes macht es überhaupt erst möglich, in der Geschichte, auch in unserer Lebensgeschichte Sinn zu erfassen. Denn Sinn wohnt nur dem Guten inne.

4. Leben in Gottes Reich
Heute erinnert uns die Bibel an Lydia, die Purpur-Händlerin in Philippi. Sie steht stellvertretend für all die Menschen, die uns in unserem Leben „die messianische Sekunde“ wahr werden ließen.

Walter Benjamin hat 1940 angesichts des Kriegs, den die selbsternannten „Herren der Welt“ miteinander führten, daran erinnert, wer tatsächlich Geschichte schreibt: Die Menschen des Friedens. Unsere Geschichtsbücher kennen oft nur die Geschichte der Sieger und reihen deren Taten aneinander. Das aber sind bloße Abfolgen von Ereignissen, aber nicht die Wahrheit der Geschichte.

Was wir privat erleben, erleben durften gilt ja auch in größeren Zusammenhängen. Das Leben befördert haben die Menschen des Friedens. Manchmal waren es die jeweiligen Herren. Aber oft sind das die Menschen gewesen, deren Namen wir gar nicht mehr kennen, weil wir sie nicht notiert haben. Das sind Menschen, deren Namen in Gottes Erinnerung bleiben.

Nur Gelegentlich blitzt von der verborgenen Arbeit in Gottes Reich etwas auf. Man denke an den Film „Schindlers Liste“, die Erinnerung an einen Unternehmer, der sich der Mordmaschinerie des III. Reiches widersetze und vielen Menschen jüdischen Glaubens das Überleben rettete. Heute ist man dankbar für diese Menschen, weil ihn ihrem Leben und Tun auch der Keim für Versöhnung liegt.

Im biblischen Zitat, in der Erzählung von Lydia heißt es nirgends: Gott hat das gemacht. Hier bleibt die Bibel demütig im Glauben. Gottes Handeln ist nicht aufweisbar und doch ist es da in all jenen Menschen, die dem Leben, den Menschen und deren Frieden und Zukunft dienen
Uns ist wie jedem anderen Geschlecht, das vor uns war, eine schwache messianische Kraft mitgegeben, sagt Benjamin. Darauf sollten wir uns besinnen in unseren Tagen. Nicht nur in der Kirche.

5. Gottes Reich ist größer als unsere Kirche
Ich will das, was an Gutem getan wird, auch keineswegs nur auf den kirchlichen Bereich eingrenzen, etwa auf Diakonie, Krankenpflege oder Altenheime. Das wäre überheblich! Gottes Reich ist größer, als unsere Kirche.

Das will ich an einem – wirklich sehr zufällig ausgewähltem – Beispiel deutlich machen in Erinnerung an einen Mann, dem wir alle auf gewisse Weise sehr viel verdanken.

Zum Schluss erwähne ich einen Namen, den wir kennen – wie Lydia -, von dem wir aber wahrscheinlich ebenso wenig wissen: Johann Peter Apollonius Weltrich. 1781 in Kulmbach geboren; 1850 hier verstorben. Freilich, als Kulmbacher kennt man die Weltrich-Straße. Aber wer war das? Weltrich war der Erste in Kulmbach, dem man die Ehrenbürgerwürde verlieh. Er führt die 22 Personen umfassende Liste an.

Diese Würde bekam er verliehen, weil er sich 1846 – als Leiter des damaligen Finanzamts – sehr vehement und am Ende erfolgreich dafür eingesetzt hat, dass die Eisenbahnstrecke von Hof bis Lindau auch an Kulmbach vorbeigeführt wird. Die Bayreuther trachteten nämlich danach, genau dies zu verhindern.

Heute ist es uns selbstverständlich, dass wir einen Bahnhof haben. Diese Verkehrsverbindung hat den Grundstein für die spätere, industrielle Entwicklung unserer Heimatstadt gelegt. Freilich, ein Bahnhof ist kein Ort im Reich Gottes. Wohl aber hat ein Mensch alleine durch rechte Entscheidung unsere Zukunft mit beeinflusst. Hin zum Guten: Zum Erwerb und damit zum Leben.

Die kleine Story von der Lydia erinnert uns an all die Menschen, die uns Gutes getan haben im rechten Augenblick. In ihnen leuchtete die „messianische Sekunde“ auf. Darauf kommt es an in der Geschichte Gottes. Alles andere sind Fakten und oft kaum mehr als Schilderungen von Krieg und Habgier.

Diejenigen, die Purpur tragen finden reichlich Erwähnung in unseren Geschichtsbüchern. Sie haben „Geschichte geschrieben“, sagt man. Gottes Geschichte aber ist nur selten von denen voran gebracht worden. Gott bedient sich derer, die wir heute kaum noch oder überhaupt nicht mehr kennen. Aber er behält die Namen. Und manchmal denken auch wir erinnernd zurück.

In Lydias Geschichte blitzt dem Glaubenden Gottes Wirken auf in aller Verborgenheit. Darauf dürfen wir trauen: Gott führt unsere Geschichte zu einem guten Ende. Wenn wir ihn denn ließen. Und wenn wir denn bereit wären, auf sein Reich hin mitzuarbeiten.

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