Die Würde des Menschen ist antatstbar. Über den Umgang mit der Frage nach aktiver Sterbehilfe.

Auch „christliches Sterben ist gewiss kein angstloses, aber ein angst-bestehendes, angst-überwindendes Sterben […]“ So beschreibt die EKD-Denkschrift „Gott ist ein Freund des Lebens“ die Tatsache, dass menschliches Leben endlich ist und verschweigt dabei nicht, dass „würdig zu sterben Gnade“ ist. (Vgl.: Gott ist ein Freund des Lebens, Gütersloh 1989, S. 105)
Im Leben und erst recht im Sterben geht es demnach um die Würde des Menschen und um die Achtung des Lebens als Ganzes. Diese Würde zu erhalten ist sicherlich auch Triebfeder auf beiden Seiten der aktuellen Diskussion, die sich mit der Befürwortung der „Tötung auf Verlangen“ auseinandersetzt.

Daran schließt sich für mich die Frage an, wie wir mit der Endlichkeit unseres Lebens umgehen? Die moderne Medizin kann menschliches Leben verlängern und wohl auch menschliches Leid. Aber auch bei einem Sterbenden kann „alle Hilfe nur Lebenshilfe sein“ (Ebd.). Eine Hilfe zur Sterbehilfe gibt es auf diesem Hintergrund nicht. Kann es nach christlichem Verständnis gar nicht geben. Denn menschliches Leben ist begrenzt und so nehmen wir es aus Gottes Hand, als wertvolles Geschenk. „Deshalb wollen und dürfen wir über dieses Leben nicht willkürlich verfügen – weder an seinem Beginn noch an seinem Ende. Fürsprache und Fürsorge für das menschliche Leben sind Folge dieser Verheißung – und zwar von seinem Anfang an bis hin zum Eintreten für ein Sterben in Würde. Deshalb wenden wir uns auch jetzt gegen jede Vorstellung davon, dass die aktive Sterbehilfe, der bewusst herbeigeführte Tod ins Kalkül gezogen wird. Andere Wege sind nötig – und möglich.“ (Vgl.: W. Huber: Predigt zum Ostersonntag 2005, Berliner Dom/St. Matthäus).

Gesellschaftlich betrachtet gibt es andere Meinungen und auch in der Ärzteschaft mag sich in der Einschätzung der aktiven Sterbehilfe manches verändern – und ich möchte diese Veränderung nicht prinzipiell in Frage stellen – aber ich möchte vehement daran erinnern, nicht die ureigene Aufgabe des Arztes aus dem Blick zu verlieren, nämlich unabhängig von unterschiedlichen Strömungen in einer pluralistischen Gesellschaft, den Dienst am Menschen als Dienst am Leben zu verstehen. Der Erhalt der Würde des Menschen ist dabei selbstverständlich in den Vordergrund zu stellen.

Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, hatte sich schon früh vehement gegen die Möglichkeit organisierter Hilfe zu Selbsttötungen gewandt. "Die aktive Sterbehilfe verändert das Verständnis des Sterbens als Prozess und wirft ethische Fragestellungen auf, die man sich kaum traut auszusprechen".
Frau Käßmann warnt damit vor dem, was kommen kann, wenn diese erste Bastion, gemeint ist die Erlaubnis der aktiven Sterbehilfe, fällt: Wenn diese Möglichkeit gegeben wird, „dann könnten“, so die frühere Bischöfin, „unheilbar Kranke das Gefühl haben, ihre Umgebung zu sehr zu belasten. […] Eine kranke Mutter könne sich gedrängt fühlen, nun zu sterben, weil die Familie mit ihrer Kraft am Ende sei." Eine wirklich freie Entscheidung wäre das nicht mehr, denn im Hintergrund der Entscheidung sterben zu wollen, könnte das schlechte Gewissen der Frau stehen, ihre Familie zu sehr zu belasten. Aktive Sterbehilfe darf also nicht zum Ausweg werden, weil Sterben und die Begleitung von Sterbenden in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr haben und auf Unverständnis stoßen oder weil die Sterbehilfe günstiger ist als eine intensive palliative Betreuung.
Die Frage nach der Sterbehilfe ist somit letztlich auch eine Frage des Respekts gegenüber sterbenden und sterbewilligen Menschen. „Respekt“, so sagt es der Schweizer Ethiker Dr. Frank Mathwig, „meint die Anerkennung der Person, ihrer Lebenssituation, ihrer Meinungen, Überzeugungen und Wünsche. Dahinter steckt eine Haltung der Ernsthaftigkeit und Erwartung gegenüber der sterbenden und sterbewilligen Person. Respekt aber „beruht wesentlich auf Wechselseitigkeit. Wer die ‚Sterbehilfediskussion‘ auf den Streit um Rechtsansprüche einer bestimmten Gruppe reduziert, unterschlägt genau diese Gegenseitigkeit.“
Natürlich hat die Forderung nach „einem selbstbestimmten Sterben“ ihre Berechtigung, allerdings muss man dann darüber nachdenken, dass wer diese Forderung „absolut setzt, verkehrt die individuelle Freiheit aller Menschen in die Diktatur der jeweils mächtigeren Interessengruppe. Gilt der Wunsch, auf einem Parkplatz sein Leben beenden zu wollen, auch dann noch uneingeschränkt, wenn nebenan Kinder spielen? Wer tritt hier für den Schutz der Kinder ein? Wer sorgt für die Wahrung und den Schutz ihrer Interessen? Ein ‚Recht auf Selbstbestimmung‘ für eine Minderheit zu reservieren baut eine gesellschaftliche Einbahnstraße, in der nur noch die eine Verkehrsregel egoistischer Interessendurchsetzung gilt.“ (Vgl.: F. Mathwig: Pressekonferenz „Das Sterben leben“ – 22. November 2007, Bern)

Unsere Aufgabe ist es darum, sich solidarisch mit den Schwachen, den Kranken, mit denen, die ohne kräftige Lobby sind, zu zeigen. Genau diese Charakteristika stehen in der ganzen Sterbehilfediskussion auf dem Spiel, denn diese Debatte berührt selbstverständlich die Frage nach unserem Menschenbild. Weil wir Geschöpfe Gottes sind, müssen wir uns für das Leben und seinen Schutz stark machen. Und das gilt nicht nur für die Phase der aktiven und gesunden Lebenszeit, sondern erst recht in Krankheit, Schwachheit und dann natürlich im Sterben.

Wenn Menschen an Selbsttötung denken, dann hat das Gründe, „die in tiefe existentielle Dimensionen reichen. Das können akute Leiderfahrungen sein, wie sie mit einer schweren Krankheit verbunden sind. […] Oder es kann die Angst sein, einmal in eine Situation schweren Leidens zu geraten, für die ein Suizid als ein möglicher Ausweg erscheint.“ Gerade für Menschen, „die ein bewusstes und selbstbestimmtes Leben führen, ist die Vorstellung schwer erträglich, einmal in einen Zustand zu geraten, der mit dem Verlust jeglicher Selbstbestimmung und Selbstkontrolle verbunden ist und sie weitgehend oder vollständig von anderen abhängig macht.“ (Vgl.: Wenn Menschen sterben wollen – Eine Orientierungshilfe zum Problem der ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung. Ein Beitrag des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, EKD-Texte 97, 2008, S. 24)

Wer wollte darüber urteilen? Jede moralische Einmischung kann an dieser Stelle nur zu kurz greifen. Es kann demnach nicht darum gehen, sich in moralischen Bewertungen zu ergehen, ob der Suizid und die Suizidbeihilfe „als gut, schlecht, richtig, falsch, legitim oder verwerflich“ zu betrachten sind. Dies ist darum außerordentlich zu betonen, „weil es in der öffentlichen Debatte eine Tendenz gibt, den assistierten Suizid vor allem als ein moralisches Problem zu betrachten.“ Allerdings verkürzen derartige Urteile die individuelle Problematik der Betroffenen: „Wenn ein Mensch sein Leben beenden möchte und dafür andere um Hilfe bittet, dann ist dies für alle Beteiligten konfliktreich, spannungsvoll und belastend.“ In einer solchen Lage die moralische Karte zu spielen ist sicherlich wenig hilfreich. (Ebd.)

In den Altenheimen, Krankenhäusern und auf Palliativstationen wird man auf Menschen in besonderen Situationen treffen, die genau das unterstreichen: „Man wird nicht die Augen verschließen dürfen davor, dass es verzweifelte Situationen und Lebenslagen gibt, die ein Außenstehender nicht ermessen kann. Auch wenn der unbedingt nötige Ausbau der Palliativmedizin vorangetrieben wird, können solche verzweifelten Lebenssituationen, in denen ein Mensch nur noch seinem Leben ein Ende machen möchte, nicht ausgeschlossen werden. Ein Urteil darüber steht niemandem zu.“ (Ebd.) Gewiss liegt es nicht an uns Christen, darüber ein Urteil zu fällen. Allerdings kann ein Einzelfall niemals Grundlage allgemeingültiger Entscheidungen sein. Wie gesagt, es gibt Lebensschicksale, die einen anrühren, die einen an Grenzen bringen, aber solche Fälle, so eindrucksvoll sie sind, stehen immer in der Gefahr durch eine Verabsolutierung instrumentalisiert zu werden.

Christen bekennen sich zur Auferstehung Jesu von den Toten und wissen, dass wir trotz aller medizinischen Fortschritte, nicht Herr über den Tod sind. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg, den Tod als Teil eines menschlichen Lebens zu integrieren und auch zu akzeptieren ist die Möglichkeit, eine Patientenverfügung auszufüllen. „Wenn das Sterben an der Zeit ist, dann gilt es, den Tod zuzulassen und seinem Kommen nichts mehr entgegenzusetzen. Wenn Menschen im Vorhinein beschreiben, wann für sie diese Zeit gekommen sein wird, dann ist dies zu respektieren. Denn diese Erkenntnis kann niemand stellvertretend für einen Anderen haben.“ (Vgl. W. Huber: A.a.O.)

Am Ende bleibt die Frage nach einer aktiven Sterbebegleitung die Frage nach dem gesellschaftlichen Umgang mit dem Sterben und den Sterbenden. Auf den Punkt gebracht bedeutet das: „Sterbende haben ein Recht auf ihr Sterben in der Gesellschaft. Ein solches Recht fordert weit mehr als nur die Verkürzung des Sterbens oder gar seine Beseitigung durch den schnellen, vorgezogenen Tod. Ein Recht auf Sterben verlangt vor allem die gesellschaftliche Bereitschaft zur Anteilnahme, zum Zulassen und Ernstnehmen von Schmerzen, Leiden und Verzweiflung.“ (Vgl.: F. Mathwig, a.a.O.)

Darum ist es aus christlich-kirchlicher Perspektive so wichtig, dass sich eine Gesellschaft nicht unempfindlich macht gegenüber der Wirklichkeit des Sterbens. Menschliches Leben ist zerbrechlich und stets gefährdetes Leben. Dieser Seite des Lebens muss Raum gegebene werden. Darum ist es wichtig, „für eine Gesellschaft einzutreten, in der ein Leben bis zum Schluss möglich ist und gewünscht wird, in der auch Leiden, Schmerzen, Zweifel und Verzweiflung ihren selbstverständlichen Platz haben.“ (A.a.O.)

„Man wird nicht die Augen verschließen dürfen davor, dass es verzweifelte Situationen und Lebenslagen gibt, die ein Außenstehender nicht ermessen kann.“ (Vgl.: Wenn Menschen sterben wollen – Eine Orientierungshilfe zum Problem der ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung. Ein Beitrag des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, EKD-Texte 97, 2008, S. 24)
Und genau diese Haltung schließt auch die Anerkennung des Wunsches nach einem selbstgewählten Tod mit ein.

Aber: „Kein Sterbewunsch kann eine Gesellschaft kalt lassen.“ Und darum muss sich eine Gesellschaft fragen, „was haben wir dazu beigetragen, dass dieser Wunsch entstand? Was haben wir unterlassen, dass dieser Wunsch übermächtig wurde? Hier geht es nicht um moralische Fragen, sondern um ganz praktische Fragen konkreter Lebensgestaltung: Sind Kranke, Sterbende, Leidende und Verzweifelte uns noch willkommen? Wo haben sie ihren Platz? Wie geben wir ihnen Raum? Und was ist es uns wert, dass sie neben und mit uns ihr Leben und Sterben bis zum Schluss leben, erleben und auch aushalten und ertragen können?“ (Vgl.: F. Mathwig, a.a.O.)

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